Die Zukunft der „Seute Deern“: Wiederaufbau oder Abwracken – Faktenbasierte Bewertung

Einführung

Die „Seute Deern“ war nicht nur ein ikonisches Museumsschiff in Bremerhaven, sondern auch ein Symbol der regionalen Seefahrtskultur. Nachdem das Schiff am 31. August 2019 im Alten Hafen auf den Grund sank, entstand eine kontroverse Debatte über deren weitere Nutzung. Ein schiffsbautechnisches Gutachten bescheinigte dem Segler einen „konstruktiven Totalschaden“, was einen Abwrackprozess nahelegte. Doch im November 2019 gab es eine unerwartete Wende: Der Bund stimmte der Rekonstruktion des Schiffes mit einer Finanzierung von 46 Millionen Euro zu, wodurch ein Wiederaufbau möglich wurde. In diesem Artikel wird der aktuelle Stand des Projekts detailliert beleuchtet, mit Fokus auf die technischen, finanziellen und rechtlichen Aspekte des Wiederaufbaus sowie der Rückbaumaßnahmen. Die Entscheidung, die „Seute Deern“ zu rekonstruieren oder doch abzuwracken, war ein komplexes Prozess, der sowohl aus konservatorischer als auch aus finanzieller Sicht betrachtet werden muss. Dieser Artikel bietet eine objektive Übersicht der Fakten, die in den Berechtigungsprozess einfließen.

Die Havarie der „Seute Deern“ und die Folgen

Ursachen der Havarie

Am 31. August 2019 sank die „Seute Deern“ im Alten Hafen von Bremerhaven, nachdem ein massiver Wassereinbruch die Pumpen, die das eingedrungene Wasser bis dahin rund um die Uhr aus dem Schiff förderten, lahmgelegt hatte. Die Folge war ein katastrophaler Untergang, bei dem das Schiff auf den Grund sank und nicht mehr über Wasser gehalten werden konnte. Die Ursachen des Wassereintritts konnten durch ein Gutachten nicht eindeutig geklärt werden. Der Stiftungsrat des Deutschen Schifffahrtsmuseums (DSM) betonte, dass die Havarie nicht vorhergesehen werden konnte, wodurch der Zustand des Schiffes nicht als vorsätzlich oder fahrlässig eingestuft wurde. Dennoch war die Situation kritisch genug, um eine sofortige Entscheidung über den Umgang mit dem Wrack zu erfordern.

Gutachten und Bewertung des Schadens

Ein Gutachten, das 2020 veröffentlicht wurde, stellte fest, dass die „Seute Deern“ einen „konstruktiven Totalschaden“ aufwies. Konkret bedeutete dies, dass die Außenhaut, der Kiel und der Unterraum des Schiffes zu 100 % zerstört waren. Spanten und Decksbalken wiesen einen Schaden von 82,5 % auf, während der Ruderraum und der Betriebsgang zu 75 % beschädigt waren. Diese Erkenntnisse führten zu der Empfehlung, das Schiff nicht mehr zu restaurieren, sondern sach- und fachgerecht zurückzubauen. Der Stiftungsrat des DSM sprach sich aufgrund der Gefahr „im Verzug“ für den Rückbau aus und forderte das Direktorium dazu auf, alle notwendigen Schritte zur Sicherung der erhaltungswürdigen Bestandteile einzuleiten.

Die Entscheidung zum Wiederaufbau

Finanzierung durch den Bund

Im November 2019 gab es eine überraschende Wende: Der Haushaltsausschuss des Bundestages bewilligte 46 Millionen Euro für den Wiederaufbau der „Seute Deern“. Dies war ein bedeutender Schritt, da der Stiftungsrat des DSM ursprünglich einen Abwrackprozess vorgeschlagen hatte. Die Finanzierung erfolgte ohne zusätzliche Beiträge aus kommunaler oder landespolitischer Seite, was eine breite Unterstützung des Projekts signalisierte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Uwe Schmidt und Johannes Kahrs aus Hamburg spielten eine entscheidende Rolle bei der Beschaffung der Mittel. Nach Angaben der „Nordsee-Zeitung“ hatte sich bereits ein Jahr zuvor eine Einigung auf 17 Millionen Euro für die Sanierung ergeben, die im November 2019 um 29 Millionen Euro aufgestockt wurde. Die Mittel ermöglichen nicht nur den Wiederaufbau der „Seute Deern“, sondern auch die Erstellung eines Trockendocks, die Neugestaltung des Freiraums und die Sanierung weiterer Exponate im Museumshafen. Zudem stellte der Bund 1,1 Millionen Euro zur Sanierung des Feuerschiffs „Elbe III“ bereit.

Kritik und Diskussion

Trotz der positiven Entscheidung gab es auch Kritik. Der Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen bezeichnete die Entscheidung als „unvertretbar“, da das Museumsschiff nach dem Gutachten nicht mehr zu retten gewesen sei. Der Vorstand Carl Kau betonte, dass die Entscheidung fiskalisch nicht nachvollziehbar sei. Zudem wies er darauf hin, dass der Stiftungsrat des DSM ursprünglich einen Abwrackprozess vorgeschlagen hatte, was auch in der Bevölkerung eine gewisse Akzeptanz gefunden hatte. Die Kosten für das Abwracken selbst könnten bis zu drei Millionen Euro betragen, wobei die Gesamtkosten inklusive der Bergung auf bis zu fünf Millionen Euro geschätzt wurden. Obwohl der Bund die Kosten für den Wiederaufbau übernimmt, bleibt die Frage, ob die Investition in einen Wiederaufbau langfristig tragfähig ist, im Raum stehen.

Der Rückbau-Prozess

Vorbereitung und Durchführung

Der Rückbau-Prozess begann bereits vor der endgültigen Entscheidung für den Wiederaufbau. Im Herbst 2019 wurden die Masten der „Seute Deern“ abmontiert, eingelagert und für den Wiederaufbau gesichert. Dies war eine notwendige Maßnahme, um Schäden an den erhaltungswürdigen Bauteilen zu vermeiden. Im Januar 2020 begann eine Spezialfirma mit dem Abwracken des Schiffes. Ab April 2020 war geplant, den Rumpf systematisch auseinanderzunehmen. Ziel des Rückbaus war es, alle erhaltenswerten Teile – wie Stahlbeschläge oder den Steuerkasten – zu sichern und für den Wiederaufbau zu nutzen. Projektionsleiter Lars Kröger des Deutschen Schifffahrtsmuseums betonte, dass das Verfahren mit der Denkmalpflege abgesprochen sei, um historische und konservatorische Standards einzuhalten.

Sicherung des Schiffes

Um das Wrack stabiler zu machen, wurde geplant, Sand und Sandsäcke aufzuschüttet, damit das Schiff auf dem Grund stabil liegen kann. Zudem sollte ein Hafenbecken durch Containern und Sandsäcken abgetrennt werden, um den Segler vor weiteren Schäden zu schützen. Diese Maßnahmen trugen dazu bei, dass die Pumpen, die das Schiff über Wasser hielten, abschaltbar waren. Die Verholung des Seglers in den Alten Hafen war für Anfang 2020 geplant. Mit Winden sollte das Schiff an einen neuen Standort gebracht werden, wo es für die Dokumentation und den Wiederaufbau vorbereitet werden konnte.

Die Lenkungsgruppe und die Finanzplanung

Rolle der Lenkungsgruppe

Im Januar 2020 traf sich eine Lenkungsgruppe, um über die Verwendung der bewilligten Mittel zu beraten. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Uwe Beckmeyer führte die Diskussionen. Die Lenkungsgruppe befasste sich nicht nur mit der „Seute Deern“, sondern auch mit weiteren Schiffsprojekten im Museumshafen, darunter das Feuerschiff „Elbe 3“, der Oder-Haffkahn „Emma“, der Walfangdampfer „Rau IX“, der Bergungsschlepper „Seefalke“ und der Binnenschlepper „Helmut“. Nach Angaben des DSM belaufen sich die Sanierungskosten für diese Schiffe auf etwa 2,9 Millionen Euro. Zudem wurden 500.000 Euro für die Sanierung von Objekten an Land geschätzt. Diese Kostenschätzungen basieren auf dem Gutachten des DSM und sind daher als verlässlich einzustufen.

Finanzplanung und Perspektiven

Die Finanzplanung für den Wiederaufbau der „Seute Deern“ umfasste nicht nur die Kosten für den Schiffsaufbau, sondern auch die Erstellung eines Trockendocks, die Neugestaltung des Freiraums und die Sanierung weiterer Museumsobjekte. Die Finanzierung aus Bundesebene war ein entscheidender Faktor, der die Durchführung des Projekts erst ermöglichte. Der Bremerhavener Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD) betonte, dass man „positiv überrascht“ sei und dass das Projekt eine neue Wende für die Geschichte der „Seute Deern“ darstelle. Dennoch bleibt die Frage, ob der Wiederaufbau langfristig finanzierbar und sinnvoll ist, ungelöst. Die Kritik aus Steuerzahlerkreisen unterstreicht, dass der Wiederaufbau eine einmalige Investition darstellt, die nicht unbedingt in die Zukunftstrategie der Stadt passt.

Konservatorische und technische Herausforderungen

Erhaltungswürdige Bestandteile

Ein zentrales Ziel des Rückbaus war es, erhaltungswürdige Bestandteile der „Seute Deern“ zu sichern. Dazu gehörten unter anderem Stahlbeschläge, der Steuerkasten und andere metallische Komponenten, die historisch wertvoll sind. Diese Bauteile sollen im Wiederaufbau verwendet werden, um die Authentizität des Schiffes zu bewahren. Gleichzeitig wird geprüft, ob auch Holzteile, die in einem akzeptablen Zustand geblieben sind, für den Neubau genutzt werden können. Die Sicherung dieser Bauteile ist ein komplexer Prozess, der fachliche Expertise erfordert. Der Stiftungsrat des DSM hat explizit betont, dass der Rückbau sach- und fachgerecht erfolgen muss, um die historische Substanz des Schiffes zu bewahren.

Technische Aspekte des Wiederaufbaus

Der Wiederaufbau der „Seute Deern“ stellt eine große Herausforderung dar, da das Schiff in einem Zustand ist, der einer Sanierung kaum mehr zugänglich ist. Der Neubau erfordert eine umfassende Planung, die nicht nur die konservatorischen Anforderungen, sondern auch die technischen Voraussetzungen für einen sicheren Betrieb berücksichtigt. Dazu gehören die Auswahl der Materialien, die Konstruktion der Rumpfstruktur, die Installation der Segeltechnik und die Sicherstellung von Brandschutzmaßnahmen. Der Wiederaufbau wird voraussichtlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen und eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Schifffahrtsmuseum, Architekten, Ingenieuren und Handwerkern voraussetzen.

Die Zukunft der „Seute Deern“: Wiederaufbau oder doch Abwracken?

Die Argumente für den Wiederaufbau

Der Wiederaufbau der „Seute Deern“ ist aus konservatorischer Sicht ein bedeutendes Projekt, das die maritime Geschichte Bremerhavens bewahrt und weiterentwickelt. Die Finanzierung durch den Bund ermöglichte, was ansonsten nicht möglich gewesen wäre: die Erhaltung eines historischen Seglers, der Teil der regionalen Kultur ist. Der Wiederaufbau wird nicht nur das Museumshafenambiente bereichern, sondern auch Touristen anziehen, was wiederum wirtschaftliche Vorteile für die Stadt schafft. Der Stiftungsrat des DSM betonte, dass die „Seute Deern“ ein Wahrzeichen der Stadt sei und daher ihre Erhaltung auch aus touristischer Sicht sinnvoll sei. Zudem bietet der Wiederaufbau Chancen für die Weiterentwicklung des Museumshafens und für die Sanierung weiterer Museumsobjekte.

Die Argumente für den Abwrackprozess

Gegen den Wiederaufbau sprechen jedoch auch finanzielle und praktische Bedenken. Der Bund der Steuerzahler Niedersachsen und Bremen betonte, dass die Entscheidung für den Wiederaufbau fiskalisch nicht nachvollziehbar sei. Der Abwrackprozess war ursprünglich der sinnvollste Schritt, da das Gutachten einen konstruktiven Totalschaden festgestellt hatte. Ein Abwracken hätte weniger Geld gekostet und hätte zudem verhindert, dass ein finanzielles Risiko entsteht. Zudem ist unklar, ob der Wiederaufbau langfristig finanzierbar ist, da das Museum nicht über ausreichende Mittel verfügt, um laufende Instandsetzungen zu bezahlen. Der Bremer Senat hatte bereits angekündigt, kein weiteres Geld für den Neubau bereitstellen zu wollen, was auf eine gewisse Skepsis hinsichtlich der langfristigen Finanzierung hindeutet.

Fazit

Die Entscheidung, die „Seute Deern“ zu wiederaufbauen oder doch abzuwracken, war ein komplexes Projekt, das sowohl konservatorische als auch finanzielle Aspekte berücksichtigen musste. Nachdem das Schiff 2019 sank und ein Gutachten einen konstruktiven Totalschaden feststellte, wurde der Rückbau beschlossen, um die erhaltungswürdigen Bestandteile zu sichern. Doch im November 2019 gab es eine überraschende Wende: Der Bund stimmte der Rekonstruktion des Schiffes mit einer Finanzierung von 46 Millionen Euro zu. Dies ermöglichte den Wiederaufbau, der jedoch auch Kritik hervorrief, insbesondere aus Steuerzahlerkreisen. Die Entscheidung für den Wiederaufbau wird als Chance gesehen, die maritime Kultur Bremerhavens zu bewahren und zu präsentieren. Gleichzeitig bleibt die Frage, ob der Wiederaufbau langfristig finanzierbar ist, ungelöst. Der Rückbau-Prozess ist in vollem Gang, und die Lenkungsgruppe befasst sich mit der Finanzplanung und der weiteren Nutzung der Mittel. Ob die „Seute Deern“ in ihrer neuen Form ein weiteres Jahrhundert Bestand hat, bleibt abzuwarten.

Quellen

  1. Masten müssen weg: Seute Deern für Rückbau vorbereitet
  2. Seute Deern – Bremerhaven: Geschichte abgewrackt
  3. Die Seute Deern wird zurückgebaut
  4. Unerwarteter Geldsegen: Seute Deern kann nachgebaut werden
  5. Rückbau der „Seute Deern“ schreitet voran
  6. Seute Deern wird für 46 Millionen Euro nachgebaut

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