Die Festung Marienberg in Würzburg, ein bedeutendes Wahrzeichen der Stadt, befindet sich seit November 2023 in einer umfassenden Sanierung. Dieses Mammutprojekt der Bayerischen Schlösserverwaltung umfasst nicht nur die Restaurierung der historischen Bausubstanz, sondern auch die Neugestaltung der Kernburg als künftige Heimat des "Museums für Franken". Die Baumaßnahmen, die voraussichtlich bis 2032 andauern werden, markieren einen der bedeutendsten denkmalpflegerischen Eingriffe in die Bayerische Burgenlandschaft.
Historische Bedeutung und Bauphase der Vorbereitung
Die Festung Marienberg, die seit dem 22. November 2023 für die Öffentlichkeit gesperrt ist, bildet das Herzstück der 10-jährigen Generalsanierung. Die Sperrung der Kernburg und des Inneren Burghofs war Teil eines strategischen Vorgehens, bei dem umfangreiche vorbereitende Maßnahmen durchgeführt wurden, bevor die eigentlichen Bauarbeiten beginnen konnten.
Zu den bereits abgeschlossenen vorbereitenden Maßnahmen zählen der Bau eines neuen Betriebshofes sowie die Errichtung eines Interimsdepots für Steinfiguren. Diese infrastrukturellen Maßnahmen bildeten die Grundlage für die nun folgenden, umfangreichen Restaurierungsarbeiten. Der neue Betriebshof ermöglicht eine effiziente Baustellenlogistik, während das Interimsdepot die sichere Verwahrung der wertvollen Steinfiguren gewährleistet, die während der Bauphase aus der Festung entfernt werden mussten.
Gerüstaufbau und erste Baumaßnahmen im Jahr 2024
Ein entscheidender Meilenstein wurde am 6. Mai 2024 erreicht, als mit dem Gerüstaufbau für die Fassadensanierung und Dacherneuerung begonnen wurde. Zunächst wurden der Hofstuben- und der Bibliotheksbau sowie der Westflügel eingerüstet. Diese Gebäude befinden sich zur Leistenstraße hin und bilden die seitlichen Gebäudeteile der Kernburg.
Die Maßnahmen zur Baustelleneinrichtung wurden bereits abgeschlossen, und erste Rückbaumaßnahmen fanden bereits statt, bevor der eigentliche Gerüstaufbau beginnen konnte. Dies zeigt die systematische Herangehensweise der Bayerischen Schlösserverwaltung, die sich an bewährten Praktiken der Baudenkmalpflege orientiert.
Komplexe Dachstuhlsanierung: zwischen Erhalt und Erneuerung
Besonders herausfordernd gestalten sich die Arbeiten an den Dachstühlen. Über dem Hofstuben- und Bibliotheksbau befinden sich Dachstühle aus der Nachkriegszeit, die mit Holzschutzmitteln kontaminiert sind. Diese Kontamination macht ihren Abbruch und eine vollständige Erneuerung erforderlich. Die Verwendung von Holzschutzmitteln in der Nachkriegszeit war zwar seinerzeit üblich, stellt heute jedoch ein erhebliches Umwelt- und Gesundheitsrisiko dar, das eine Entfernung der betroffenen Bauteile unumgänglich macht.
Demgegenüber steht der Dachstuhl über dem Westflügel, der die Kriegseinwirkungen überstanden hat und als letzter historischer Dachstuhl über der Kernburg gilt. Dieser historisch bedeutsame Dachstuhl wird im Rahmen der Maßnahme erhalten und saniert, anstatt ersetzt zu werden. Diese Entscheidung unterstreicht den hohen denkmalpflegerischen Wert, den die Bayerische Schlösserverwaltung diesem Element beimisst.
Fassadensanierung mit traditionellen Materialien
Nach der Sanierung bzw. Erneuerung der Dachstühle erhalten sämtliche Dächer eine neue Dachdeckung. Bei der Fassadenrestaurierung wird systematisch vorgegangen: Der Fassadenputz wird zunächst geprüft, lose Flächen werden abgeschlagen und gut erhaltene Flächen werden saniert. Der Oberputz wird vollflächig abgestrahlt und mittels Kalkputz erneuert.
Die Verwendung von Kalkputz als Restaurierungsmaterial entspricht den traditionellen Bautechniken und gewährleistet eine optimale Bauphysik der historischen Mauern. Kalkputz ist diffusionsoffen und ermöglicht den Feuchtigkeitstransport durch die Wand, was für die langfristige Erhaltung historischer Bausubstanz essentiell ist.
Sanierung der Festungsarchitektur
Nicht nur die Gebäude der Kernburg, sondern auch die Festungsarchitektur erfährt eine umfassende Restaurierung. Dazu gehören die Burgmauern, Zwingeranlagen, der Bergfried, das Brunnenhaus sowie der Fürstengarten. Jedes dieser Elemente stellt eine eigene denkmalpflegerische Herausforderung dar und erfordert spezifische Sanierungskonzepte.
Die Burgmauern, die das Festungsensemble umgeben, müssen nicht nur strukturell stabilisiert, sondern auch in ihrer historischen Erscheinung bewahrt werden. Die Zwingeranlagen, die einst der Verteidigung dienten, erfahren eine Restaurierung, die ihre ursprüngliche Funktion als Verteidigungsanlage ehrt, ohne die moderne Nutzung als Museum zu beeinträchtigen.
Der Bergfried als höchster Punkt der Anlage erfordert besondere Aufmerksamkeit, da hier sowohl die statische Sicherheit als auch die denkmalpflegerische Authentizität gewährleistet werden müssen. Das Brunnenhaus, das zur Wasserversorgung der Burg diente, wird als historisch wertvolles Element restauriert und könnte zukünftig in die Museumskonzeption integriert werden.
Bauphasen und Museumskonzeption
Die umfassende Sanierung gliedert sich in zwei Hauptbauphasen. Die erste Bauphase konzentriert sich auf die Sanierung und den Umbau des Westflügels, der Hofstuben, des Bibliotheksbaus sowie der Dächer und Fassaden. Diese Räumlichkeiten werden für das neue Museumsdepot, die Museumsverwaltung, einen Vortragssaal und ein neues Museumscafé umgestaltet.
Diese Funktionszuweisung erfordert erhebliche Umbauarbeiten, da die historischen Räume an die moderne Nutzung als Museum angepasst werden müssen. Dabei müssen sowohl bauliche als auch brandschutztechnische Anforderungen erfüllt werden, ohne den historischen Charakter der Räume zu beeinträchtigen.
Die zweite Bauphase konzentriert sich auf die Sanierung und den Umbau des Fürstenbaus und der Schottenflanke. Hier entstehen die eigentlichen Ausstellungsräume des neuen Museums für Franken, die barrierefrei gestaltet werden. Die Barrierefreiheit stellt eine besondere Herausforderung dar, da die historische Bausubstanz oftmals nicht den modernen Anforderungen an Barrierefreiheit entspricht. Innovative Lösungen sind erforderlich, um den Zugang zu allen Museumsbereichen zu gewährleisten, ohne die historische Substanz zu kompromittieren.
Projektleitung und Planungskonzepte
Die Bayerische Schlösserverwaltung übernimmt die Bauherrschaft für dieses anspruchsvolle Projekt. Die Projektleitung liegt beim Staatlichen Bauamt Würzburg, das über die notwendige Expertise für die Koordination derart komplexer Bauvorhaben verfügt. Die Planung des Museumsprojekts wurde nach einer europaweiten Ausschreibung an eine leistungsfähige Arbeitsgemeinschaft (ARGE) vergeben.
Diese ARGE setzt sich aus spezialisierten Partnern zusammen: Hoskins Architects aus Berlin übernimmt die Architekturplanung, Ralph Appelbaum Associates, ebenfalls aus Berlin, ist für die Ausstellungsplanung zuständig, und Wenzel+Wenzel aus Frankfurt fungiert als Bauleitung. Diese internationale und interdisziplinäre Zusammensetzung gewährleistet höchste Qualität in allen Projektbereichen.
Finanzierung und Zeitplan
Die Finanzierung dieses Großprojekts stellt eine erhebliche Investition des Freistaats Bayern dar. Die verfügbaren Quellen weisen unterschiedliche Beträge auf: Während in einer Quelle von insgesamt rund 300 Millionen Euro die Rede ist, wird in einer anderen Quelle ein Betrag von bis zu 230 Millionen Euro genannt. Diese Diskrepanz könnte auf unterschiedliche Kostenschätzungen zum Zeitpunkt der verschiedenen Meldungen zurückzuführen sein oder verschiedene Projektumfänge bezeichnen.
Der Zeitplan sieht vor, dass das "Museum für Franken" im Jahr 2032 in die Kernburg der Festung Marienberg zieht. Dies entspricht einer Gesamtprojektdauer von etwa neun Jahren ab Beginn der umfassenden Sanierungsmaßnahmen. Derartige Zeitpläne sind für Projekte dieser Größenordnung realistisch, da sowohl die historische Sensibilität als auch die technische Komplexität eine sorgfältige und zeitaufwändige Bearbeitung erfordern.
Auswirkungen auf Besucher und touristische Nutzung
Die umfangreichen Bauarbeiten haben erhebliche Auswirkungen auf die Besuchernutzung der Festung. Während der kommenden Jahre wird bedauerlicherweise kein öffentlicher Zugang zur Kernburg und zum Fürstengarten möglich sein. Dies stellt eine erhebliche Einschränkung der touristischen Nutzung dar, da die Kernburg historisch betrachtet der zugänglichste und bedeutendste Teil der Festung war.
Dennoch werden Burgführungen weiterhin angeboten, allerdings ausschließlich außerhalb des Baustellenbereichs. Dies ermöglicht es Besuchern, weiterhin Eindrücke von der Festung zu gewinnen, auch wenn der Zugang zur Kernburg nicht möglich ist. Das Museum für Franken bleibt wie gewohnt im Greiffenclauhof geöffnet, sodass die kulturelle Funktion der Festung zumindest teilweise aufrechterhalten werden kann.
Zusätzlich bleiben der Echterhof sowie die Aussichtspunkte um die Burg für Besucher zugänglich. Dies ist von besonderer Bedeutung, da diese Bereiche wichtige Panoramablicke über Würzburg und das Maintal bieten und somit die Attraktivität der Festung als Aussichtspunkt weitgehend erhalten bleibt.
Technische und logistische Herausforderungen
Die Sanierung der Festung Marienberg stellt eine Reihe technischer und logistischer Herausforderungen dar, die weit über gewöhnliche Bauvorhaben hinausgehen. Die Notwendigkeit, historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig moderne Museumsanforderungen zu erfüllen, erfordert innovative Lösungsansätze.
Die Kontamination der Nachkriegs-Dachstühle mit Holzschutzmitteln stellt nicht nur ein technisches Problem dar, sondern auch eine umwelt- und gesundheitliche Herausforderung. Die ordnungsgemäße Entsorgung dieser kontaminierten Materialien muss nach strengen Umweltschutzauflagen erfolgen, was zusätzliche Komplexität und Kosten verursacht.
Die Integration moderner Museumstechnik in die historischen Räume stellt eine weitere technische Herausforderung dar. Klimaanlagen, Beleuchtungssysteme, Sicherheitstechnik und barrierefreie Zugänge müssen so integriert werden, dass sie den historischen Charakter der Räume nicht beeinträchtigen. Dies erfordert oft maßgeschneiderte Lösungen, die erheblichen planerischen Aufwand bedingen.
Denkmalpflegerische Aspekte und Authentizität
Die Sanierung der Festung Marienberg steht exemplarisch für die Herausforderungen der modernen Baudenkmalpflege. Die Balance zwischen dem Erhalt der historischen Authentizität und der Anpassung an moderne Nutzungsanforderungen zu finden, ist eine komplexe Aufgabe, die höchste denkmalpflegerische Kompetenz erfordert.
Die Entscheidung, den historischen Westflügel-Dachstuhl zu erhalten und zu sanieren, anstatt ihn zu ersetzen, zeigt das Engagement für den Erhalt der originalen Bausubstanz. Gleichzeitig erfordert die Sanierung der kontaminierten Nachkriegs-Dachstühle den vollständigen Ersatz, da eine Sanierung aus gesundheitlichen und umwelttechnischen Gründen nicht möglich ist.
Die Verwendung von Kalkputz bei der Fassadenrestaurierung entspricht nicht nur den traditionellen Bautechniken, sondern gewährleistet auch die optimale Erhaltung der historischen Mauern. Kalkputz ist diffusionsoffen und verhindert die Bildung von Schimmel und Feuchtigkeitsschäden, die bei modernen, diffusionsdichten Materialien auftreten könnten.
Ausblick und Bedeutung für die Denkmalpflege
Die umfassende Sanierung der Festung Marienberg wird voraussichtlich neue Maßstäbe in der deutschen Denkmalpflege setzen. Die Kombination aus dem Erhalt historischer Bausubstanz, der Integration moderner Museumstechnik und der Schaffung barrierefreier Zugänge stellt ein Pilotprojekt dar, das als Referenz für ähnliche Großprojekte dienen könnte.
Der Umfang der Investitionen und die Dauer der Sanierungsarbeiten unterstreichen die Bedeutung, die der Freistaat Bayern dem Erhalt seiner historischen Baudenkmäler beimisst. Die Sanierung der Festung Marienberg ist nicht nur ein Beitrag zur Bewahrung des kulturellen Erbes, sondern auch eine Investition in die touristische Attraktivität der Region Würzburg.
Die Eröffnung des "Museums für Franken" in der Kernburg im Jahr 2032 wird voraussichtlich eine neue Ära für die Festung einläuten. Die Kombination aus dem historischen Ambiente der Kernburg und modernen Museumspräsentationen wird dem Museum für Franken einen einzigartigen Rahmen verleihen und die kulturelle Bedeutung der Region Franken angemessen würdigen.
Fazit
Die umfassende Sanierung der Festung Marienberg in Würzburg stellt ein ambitioniertes und richtungsweisendes Projekt der deutschen Denkmalpflege dar. Die systematische Herangehensweise, beginnend mit vorbereitenden Maßnahmen über den Gerüstaufbau bis hin zu den komplexen Restaurierungsarbeiten, zeigt die Professionalität der beteiligten Institutionen.
Die Herausforderungen reichen von der Sanierung kontaminierter Nachkriegs-Bausubstanz über die Integration moderner Museumstechnik bis zur Schaffung barrierefreier Zugänge. Dabei wird konsequent auf den Erhalt der historischen Authentizität geachtet, wie die Erhaltung des historischen Westflügel-Dachstuhls und die Verwendung traditioneller Materialien wie Kalkputz demonstrieren.
Die umfangreichen Investitionen des Freistaats Bayern unterstreichen die Bedeutung dieses Projekts für die Bewahrung des kulturellen Erbes. Die Fertigstellung im Jahr 2032 wird die Festung Marienberg nicht nur als historisches Denkmal, sondern auch als modernen Museumsstandort etablieren und der Region Franken ein kulturelles Zentrum von überregionaler Bedeutung bescheren.
Quellen
- Würzburg: Festung Marienberg wird eingerüstet
- Einruestung der Kernburg auf der Festung Marienberg beginnt
- Festung Marienberg im Wandel - Restaurierung der Festung und Neugestaltung des Museums für Franken
- FÜRACKER: GENERALSANIERUNG DER FESTUNG MARIENBERG GEHT IN DIE NÄCHSTE RUNDE
- Sanierung der Festung Marienberg in Würzburg – Wie ist der Sachstand beim Bau des neuen Museums für Franken