Einleitung
Die umfassende Sanierung des Pergamonmuseums auf der Berliner Museumsinsel stellt eines der größten und komplexesten Bauprojekte im deutschen Kulturbereich dar. Mit veranschlagten Gesamtkosten von bis zu 1,5 Milliarden Euro und einer Bauzeit von über einem Jahrzehnt ist dieses Projekt nicht nur für die Erhaltung des UNESCO-Weltkulturerbes von Bedeutung, sondern bietet auch wertvolle Einblicke in die Herausforderungen und Lösungsansätze bei der Sanierung historischer Gebäude von internationaler Bedeutung. Das Projekt umfasst die Grundinstandsetzung des historischen Südkopfs, des Südflügels mit der berühmten Prozessionsstraße von Babylon und dem Ischtar-Tor sowie des Mittelbaus Süd mit dem Miletsaal. Ergänzend wird das Museum um einen völlig neuen vierten Flügel erweitert, der einen durchgehenden Rundgang durch die antiken Architekturexponate ermöglichen soll.
Historischer Kontext und Projektentwicklung
Das Pergamonmuseum, das zur Antikensammlung, dem Vorderasiatischen Museum und dem Museum für Islamische Kunst gehört, war bereits vor dem Baubeginn stark sanierungsbedürftig. Die Geschichte des Gebäudes ist geprägt von Zerstörung und Wiederaufbau: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Museum teilweise zerstört, wobei vor allem die Dächer über den großen Architektursälen stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Wiederaufbau erfolgte zwischen 1948 und 1959, wurde jedoch erst 1980 durch die Errichtung einer Brücke über den Kupfergraben ergänzt, um die Zugangssituation zu verbessern.
Die Grundinstandsetzung und Ergänzung des Pergamonmuseums erfolgt nach Plänen des 2007 verstorbenen Architekten O. M. Ungers, dessen Entwurf bereits aus einem Architekturwettbewerb im Jahr 2000 stammt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte im März 2023 einen überarbeiteten Zeitplan für die Sanierung vorgestellt, der eine komplette Schließung des Museums ab Oktober 2023 für vier Jahre vorsah.
Bauphasen und Zeitplan
Das Gesamtprojekt wird in zwei Hauptabschnitten realisiert, die jeweils spezifische Herausforderungen und Ziele verfolgen.
Bauabschnitt A: Nord- und Mittelflügel
Der erste Bauabschnitt konzentriert sich auf den Nordflügel und den nördlichen Mittelteil des Museums. Diese Arbeiten umfassen die Fertigstellung der Sanierung sowie die Integration einer komplett neuen Dauerausstellung des Museums für Islamische Kunst. Für diesen Bauabschnitt sind die Kosten in Höhe von 489 Millionen Euro bereits angefallen. Die bauliche Fertigstellung des Nordflügels und des nördlichen Mittelteils mit dem einzigartigen Pergamonaltar ist für 2025 geplant, wobei die Wiedereröffnung für das Frühjahr 2027 vorgesehen ist.
Eine besondere Herausforderung bestand in der Beräumung der Ausstellung: Beinahe hunderttausend Objekte wurden in den letzten eineinhalb Jahren aus dem Südflügel des Pergamonmuseums entfernt – eine beeindruckende logistische Leistung der beteiligten Museen. Diese umfangreiche Objektsicherung war notwendig, um die kunsthistorisch wertvollen Exponate während der umfangreichen Bauarbeiten zu schützen.
Bauabschnitt B: Südflügel und vierter Flügel
Der zweite Bauabschnitt ist das Herzstück des gesamten Projekts und umfasst die Grundinstandsetzung des Südkopfs, des Südflügels mit der Prozessionsstraße von Babylon und dem Ischtar-Tor sowie des Mittelbaus Süd mit dem Miletsaal. Zusätzlich wird der ursprünglich geplante, aber nie realisierte vierte Flügel als Verbindungsbau zwischen Nord- und Südflügel direkt am Kupfergraben geschaffen.
Für diesen Bauabschnitt werden Kosten in Höhe von 722,4 Millionen Euro veranschlagt. Zusätzlich sind Kosten in Höhe von rund 295,6 Millionen Euro für Risiken und Baupreissteigerungen während der Baumaßnahme prognostiziert. Die bauliche Fertigstellung des Bauabschnitts B ist für 2036 avisiert, die Wiedereröffnung des gesamten Pergamonmuseums ist für 2037 geplant.
Architektonische Konzeption und neue Elemente
Die Erweiterung des Museums um den vierten Flügel folgt der ursprünglichen Planung von O.M. Ungers und greift dabei die historischen Pläne von Messel auf. Dieser neue Flügel wird als Hauptrundgang konzipiert und soll sämtliche Großarchitekturen des Pergamonmuseums in chronologischer Reihenfolge präsentieren. Damit wird ein durchgehender Besucherrundgang geschaffen, der den musealen Betrieb erheblich optimieren wird.
Im zukünftigen Innenhof des Museums, dem so genannten "Forum", entsteht ein "Tempietto" – eine Art städtische Vitrine in zeitgemäßer Architektur. Das kubusförmige, verglaste Gebäude wird als Auftakt zur Antikensammlung errichtet und soll zukünftig als Haupteingang des Pergamonmuseums genutzt werden. Diese Neuerung wird die Besucherführung revolutionieren und dem Museum einen klaren städtebaulichen Auftakt verleihen.
Verbindungsbauten und Infrastruktur
Im Zuge der Bauarbeiten entstehen neue Verbindungsbauten zum Bode-Museum, zum Neuen Museum und zur James-Simon-Galerie. Diese Infrastrukturmaßnahmen sind Teil einer größeren Vision der "archäologischen Promenade", die das gesamte Ensemble der Museumsinsel erneuern und unterirdisch verbinden soll.
Besonders bemerkenswert ist der Neubau des Pergamonstegs über den Kupfergraben. Diese neue Brücke soll nicht nur als reine Verbindung dienen, sondern eine Treppenanlage und barrierefreie Aufzüge umfassen. Damit wird ein erheblicher Beitrag zur Barrierefreiheit des gesamten Museumskomplexes geleistet, was der Gestaltung moderner Museumsbauten entspricht.
Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Ein besonders innovativer Aspekt des Projekts liegt in der nachhaltigen Gestaltung der Bau- und Betriebsmaßnahmen. Zur Verbesserung der Umweltbilanz werden Photovoltaik-Module auf dem Glasdach des Südflügels und dem Dach des neuen Flügels installiert. Diese Maßnahme unterstreicht das Bestreben, das historische Baudenkmal in die moderne Energiewende zu integrieren.
Die Sanierung erfüllt die Energieeffizienzvorgaben des Bundes, wobei für Bestandsgebäude der Standard EGB 55 und für den Neubau der Wert EGB 40 erreicht wird. Diese Energiestandards entsprechen den aktuellen Anforderungen der Bundesregierung für öffentliche Gebäude und stellen sicher, dass das Museum auch in Zukunft nachhaltig betrieben werden kann.
Betriebskonzepte und Übergangsphasen
Ab 2027 sollen Interimsbereiche den Museumsbetrieb für den nördlichen und mittleren Gebäudeteil sichern. Diese temporären Lösungen sind entscheidend für die Aufrechterhaltung des kulturellen Angebots während der langen Umbauphase. Ein Interims-Schaufenster des Vorderasiatischen Museums wird gemeinsam mit einer Ausstellung im bisherigen Pergamon Panorama den Berlinerinnen und Berlinern und allen anderen Gästen während der Schließzeit erhalten bleiben.
Das Pergamonmuseum, zu dem die Antikensammlung, das Vorderasiatische Museum und das Museum für Islamische Kunst gehören, zieht jährlich mehr als eine Million Menschen an. Trotz der sanierungsbedingten Schließungen kamen 2019, im letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, immer noch 804.000 Besucherinnen und Besucher. Diese Zahlen unterstreichen die Bedeutung des Museums und die Notwendigkeit, auch während der Bauphase ein attraktives Angebot aufrechtzuerhalten.
Restaurierung und Objektschutz
Ein wesentlicher Aspekt des Projekts liegt in der Restaurierung der vorhandenen architektonischen Exponate. Seit 2023 ist das Museum wegen umfassender Sanierungsarbeiten geschlossen, doch in den Hallen wird intensiv gearbeitet. In Millimeterarbeit werden die kulturellen Schätze restauriert, wobei die Restauratorinnen und Restauratoren wie Larissa Piepo täglich in die Welt der Antike eintauchen.
Besonders herausfordernd gestaltet sich die Restaurierung von Objekten wie dem berühmten Pergamonaltar, auf dessen Fries Götter und Giganten seit mehr als zwei Jahrtausenden in Stein miteinander ringen. Die Restaurierungsarbeiten erfordern höchste Präzision und Spezialkenntnisse, da jedes Exponat individuell behandelt werden muss.
Finanzierung und Projektmanagement
Die gesamte Baumaßnahme wird komplett aus Bundesmitteln finanziert, wobei der Bund als alleiniger Träger der Baukosten fungiert. Kulturstaatsministerin Claudia Roth betont die Bedeutung des Projekts: "Das Pergamonmuseum ist eines der beliebtesten Museen in Deutschland. Bei der laufenden Sanierung geht es nicht nur darum, das UNESCO-Weltkulturerbe im Herzen der Hauptstadt für zukünftige Generationen zu erhalten. Unser Ziel ist es auch, das Museum bestmöglich für die Zukunft aufzustellen und seine weltweite Strahlkraft sogar noch zu steigern."
Die Gesamtkosten von bis zu 1,5 Milliarden Euro stellen eine erhebliche Investition dar, die jedoch dem Wert des Weltkulturerbes entspricht. Stiftungspräsident Hermann Parzinger unterstreicht: "Das ist herausragendes Weltkulturerbe, das in einem fürchterlich maroden Zustand ist und das muss es uns wert sein."
Herausforderungen bei Großprojekten im Bestand
Das Pergamonmuseum-Projekt verdeutlicht die spezifischen Herausforderungen bei der Sanierung von Baudenkmalen von internationaler Bedeutung. Die Kombination aus historischer Bausubstanz, modernen Nutzungsanforderungen und nachhaltiger Bauweise stellt alle Beteiligten vor komplexe Aufgaben.
Ein zentrales Problem besteht in der langen Projektlaufzeit, die über ein Jahrzehnt andauert. Dies erfordert不仅仅 eine kontinuierliche Anpassung der Planungsparameter an veränderte technische Standards und gesellschaftliche Anforderungen, sondern auch ein flexibles Management der Bauprozesse. Die Aufteilung in zwei Bauabschnitte ermöglicht es, Teile des Museums früher wieder zu öffnen und so den Museumsbetrieb teilweise aufrechtzuerhalten.
Zukunftsperspektiven
Die Fertigstellung der Gesamtsanierung wird das Pergamonmuseum in ein neues Zeitalter führen. Mit dem vollständigen Rundgang durch die antiken Architekturexponate, den modernen Energieeffizienzstandards und der barrierefreien Gestaltung wird das Museum nicht nur den Erhalt des Weltkulturerbes sichern, sondern auch optimal für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerüstet sein.
Die unterirdische Verbindung der gesamten Museumsinsel durch die "archäologische Promenade" wird das kulturelle Angebot der Hauptstadt nachhaltig erweitern und den Museumsbesuch zu einem noch attraktiveren Erlebnis machen.
Technische Innovationen
Das Projekt integriert moderne Bautechnologien in das historische Baudenkmal. Die Installation von Photovoltaik-Modulen auf den Glasdächern zeigt, wie Denkmalpflege und Nachhaltigkeit erfolgreich kombiniert werden können. Die erreichten Energiestandards EGB 55 für Bestandsgebäude und EGB 40 für Neubauteile demonstrieren, dass auch bei der Sanierung historischer Gebäude hohe Energieeffizienz erreichbar ist.
Die barrierefreie Ausstattung des neuen Pergamonstegs mit Aufzügen und die barrierefreie Gestaltung der gesamten Anlage stellen einen wichtigen Fortschritt in der Inklusion dar und machen das Museum für alle Bevölkerungsschichten zugänglich.
Logistische Herausforderungen
Die Beräumung von beinahe hunderttausend Objekten aus dem Südflügel über 1,5 Jahre hinweg stellt eine außergewöhnliche logistische Leistung dar. Diese Arbeiten erforderten nicht nur höchste Sorgfalt beim Transport und der Lagerung der wertvollen Exponate, sondern auch eine enge Abstimmung zwischen Restauratoren, Museumsmitarbeitern und den am Bau beteiligten Unternehmen.
Kontinuierlicher Betrieb während der Bauzeit
Das innovative Konzept mit Interimsbereichen ab 2027 zeigt, wie kulturelle Institutionen auch während umfangreicher Baumaßnahmen ihren Betrieb aufrechterhalten können. Die Schaffung von Interims-Schaufenstern und die Nutzung alternativer Ausstellungsräume wie dem Pergamon Panorama ermöglichen es, den Besuchern während der Bauphase weiterhin hochwertige kulturelle Angebote zu bieten.
Fazit
Die umfassende Sanierung des Pergamonmuseums auf der Berliner Museumsinsel stellt ein Paradebeispiel für die Herausforderungen und Möglichkeiten bei Großprojekten im Baudenkmalbereich dar. Mit Gesamtkosten von bis zu 1,5 Milliarden Euro und einer Bauzeit von über einem Jahrzehnt zeigt das Projekt die Komplexität moderner Denkmalpflege in historisch bedeutsamer Umgebung.
Die Aufteilung in zwei Bauabschnitte ermöglicht eine kontrollierte Umsetzung der Baumaßnahmen, während innovative Konzepte wie die Interimsbereiche und die Photovoltaik-Integration die Zukunftsfähigkeit des Museums sicherstellen. Die vollständige Finanzierung aus Bundesmitteln unterstreicht die gesamtgesellschaftliche Bedeutung des Projekts für die Erhaltung des UNESCO-Weltkulturerbes.
Die Fertigstellung im Jahr 2037 wird das Pergamonmuseum nicht nur in seiner ursprünglichen Pracht wiederherstellen, sondern mit moderner Ausstattung, nachhaltiger Bauweise und verbesserter Barrierefreiheit für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts rüsten. Das Projekt dient dabei als Vorbild für ähnlich gelagerte Sanierungsmaßnahmen historischer Gebäude und zeigt, wie Denkmalpflege, Nachhaltigkeit und moderne Museumspädagogik erfolgreich vereint werden können.
Die gewonnenen Erkenntnisse aus diesem Mammutprojekt werden nicht nur für die deutsche Museumslandschaft von Bedeutung sein, sondern international als Referenz für die Sanierung von Weltkulturerbestätten dienen. Mit der Vollendung wird das Pergamonmuseum wieder eine zentrale Rolle im kulturellen Leben der Hauptstadt und darüber hinaus einnehmen.