Einleitung
Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel befindet sich seit Oktober 2023 in einer der größten und komplexesten Sanierungsmaßnahmen seiner Geschichte. Das 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärte Museum, das jährlich Millionen von Besuchern aus aller Welt anzieht, bleibt aufgrund massiver Baumaßnahmen für einen Zeitraum von über einem Jahrzehnt weitgehend geschlossen. Die Grundinstandsetzung des Gebäudes, die Errichtung eines vierten Flügels sowie die Neugestaltung der Außenanlagen stellen nicht nur eine logistische und technische Herausforderung dar, sondern repräsentieren auch einen der größten Kulturbauprojekte Deutschlands mit Kosten von mindestens 1,5 Milliarden Euro.
Die Sanierung umfasst nicht nur die Instandsetzung der vorhandenen Bausubstanz, sondern auch die strategische Erweiterung des Museums um einen vierten Flügel, der einen durchgehenden Rundgang durch die antiken Architekturexponate ermöglichen soll. Dabei müssen die Restauratoren mit hochsensiblen, eingebauten Großarchitekturen arbeiten, die nicht entfernt werden können und daher vor Ort unter extrem vorsichtigen Bedingungen behandelt werden müssen.
Historischer Kontext und bauliche Herausforderungen
Das Pergamonmuseum wurde seit seiner Eröffnung mehrmals erweitert und saniert. Besonders prägend war die Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs, bei der insbesondere die Dächer über den großen Architektursälen stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Der Wiederaufbau zog sich von 1948 bis 1959 hin und wurde 1980 durch eine Brücke über den Kupfergraben ergänzt, um die Zugangssituation zu verbessern.
Heute steht das Museum vor der Herausforderung, eine "sehr schlechte Bausubstanz" zu sanieren, wie von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bestätigt wurde. Diese Verschlechterung des baulichen Zustands resultiert nicht nur aus der langen Nutzungsdauer, sondern auch aus den spezifischen Problemen, die historische Gebäude mit sich bringen, insbesondere wenn sie komplexe, eingebaute Architekturexponate beherbergen.
Die komplexe Sanierungsstrategie
Die Sanierung des Pergamonmuseums folgt einer detaillierten Phasenstrategie, die sich aus der Komplexität des Projekts ergibt. Ursprünglich plante die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Teile des Museums während der Bauarbeiten zugänglich zu halten. Diese Pläne wurden jedoch geändert, um Geld und Zeit zu sparen, was zu einer vollständigen Schließung führte, die deutlich über den ursprünglich geplanten Zeitraum hinausgeht.
Die Sanierung ist in mehrere Bauabschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt konzentriert sich auf den Nord- und Mittelteil des Museums, dessen Fertigstellung für 2025 geplant ist, mit einer Wiedereröffnung für den regulären Betrieb im Frühjahr 2027. Der zweite Bauabschnitt, der im März 2025 beginnt, umfasst den Südteil des Museums und die Errichtung des vierten Flügels.
Technische Herausforderungen bei der Restaurierung
Die Restaurierung des Pergamonmuseums stellt einzigartige technische Anforderungen dar. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, erklärte gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg: "Die Hauptausstellungsstücke, die Hauptattraktionen, sind eingebaute Großarchitekturen. Wenn man die herausbaut, sind sie zerstört. Da muss man unheimlich vorsichtig sein."
Diese Einschätzung unterstreicht die Komplexität der Arbeit. Die monumentalen Kunstwerke, darunter der berühmte Pergamonaltar und das Ischtar-Tor aus Babylon, können nicht aus dem Museum entfernt werden. Stattdessen werden sie während der Bauarbeiten mit Sensoren überwacht und vor Erschütterungen und Feuchtigkeit geschützt. Diese Schutzmaßnahmen erfordern innovative technische Lösungen und müssen während der gesamten Bauzeit aufrechterhalten werden.
Die Rolle der Restauratoren
Während der Schließung des Museums wird die Arbeit in den Hallen von Restauratorinnen und Restauratoren wie Larissa Piepo durchgeführt. Piepo, die täglich durch die Gewölbegänge des Museums zu ihrem Arbeitsplatz gelangt, beschreibt die anfänglich einschüchternde Atmosphäre: "Am Anfang war es sehr einschüchternd, und jetzt ist es eine Wohltat, sich in diesen Räumen tagtäglich zu bewegen und die Kunst wirken und genießen zu können."
Die Restaurierung umfasst eine Vielzahl komplexer Aufgaben, darunter die Bearbeitung von Mosaiken mit einer Million Steinchen. Diese Millimeterarbeit erfordert nicht nur fachliche Expertise, sondern auch eine enorme Geduld und Präzision. Die Restauratoren arbeiten unter schwierigen Bedingungen, die durch die laufenden Bauarbeiten noch verschärft werden.
Logistische Herausforderungen und Beräumung
Eine der größten Herausforderungen der Sanierung war die Beräumung des Südflügels. Hermann Parzinger berichtet: "Beinahe hunderttausend Objekte sind in den letzten eineinhalb Jahren aus dem Südflügel des Pergamonmuseums beräumt worden – eine gewaltige logistische Leistung der beteiligten Museen."
Diese umfassende Beräumung war notwendig, um Platz für die Bauarbeiten zu schaffen und die Objekte sicher zu lagern. Die Logistik dieser Aktion erforderte eine sorgfältige Planung und Koordination zwischen den verschiedenen beteiligten Museen und Institutionen.
Architektonische Erweiterung: Der vierte Flügel
Ein zentrales Element der Sanierung ist die Errichtung des vierten Flügels, der bereits im Architekturwettbewerb im Jahr 2000 geplant, aber nie realisiert wurde. Dieser neue Gebäudeteil wird direkt am Kupfergraben als Verbindungsbau zwischen Nord- und Südflügel entstehen und einen Hauptrundgang durch sämtliche Großarchitekturen des Pergamonmuseums in chronologischer Reihenfolge schaffen.
Der "Tempietto" als neues Entrée
Im zukünftigen Innenhof des Museums, dem so genannten "Forum", entsteht ein "Tempietto" – eine Art städtische Vitrine in zeitgemäßer Architektur. Das kubusförmige, verglaste Gebäude wird als Auftakt zur Antikensammlung errichtet und soll zukünftig als Haupteingang des Pergamonmuseums genutzt werden. Diese architektonische Lösung verbindet historische und moderne Elemente und schafft einen repräsentativen Eingangsbereich für das Museum.
Neue Verbindungen und Infrastruktur
Die Sanierung umfasst auch die Schaffung neuer Verbindungsbauten zu anderen Museen der Museumsinsel. So entstehen Verbindungen zum Bode-Museum, zum Neuen Museum und zur James-Simon-Galerie über die so genannte Archäologische Promenade. Diese Verflechtung stärkt die gesamte Museumsinsel als zusammenhängendes kulturelles Ensemble.
Ein weiteres wichtiges Infrastrukturprojekt ist der Neubau des Pergamonstegs über den Kupfergraben. Die neue Brücke wird mit einer Treppenanlage und barrierefreien Aufzügen ausgestattet und soll die Zugänglichkeit des Museums erheblich verbessern.
Nachhaltigkeit und Energieeffizienz
Die Sanierung berücksichtigt moderne Nachhaltigkeitsstandards. Zur Verbesserung der Umweltbilanz werden Photovoltaik-Module auf dem Glasdach des Südflügels und dem Dach des neuen Flügels installiert. Die Sanierung erfüllt die Energieeffizienzvorgaben des Bundes, wobei für Bestandsgebäude der Standard EGB 55 und für den Neubau der Wert EGB 40 erreicht wird.
Diese Nachhaltigkeitsmaßnahmen demonstrieren, wie historische Gebäude mit modernen umwelttechnischen Standards kombiniert werden können, ohne deren historischen Charakter zu beeinträchtigen.
Zeitplan und Phasen der Fertigstellung
Der Zeitplan für die Fertigstellung des Pergamonmuseums erstreckt sich über mehr als ein Jahrzehnt. Während der Nord- und Mittelteil bereits für 2027 wiedereröffnet werden soll, bleibt der Südflügel deutlich länger geschlossen. Für diesen Teil des Museums kalkulieren die Experten mit einer Bauzeit von etwa 14 Jahren, während derer der Museumsteil nicht zugänglich sein wird.
Die Stiftung plant, die Umbauarbeiten am Südflügel bis 2036 fertigzustellen und diesen Teil ab 2037 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der vierte Flügel soll ebenfalls bis 2036 fertiggestellt werden.
Interimslösungen für den Museumsbetrieb
Um den Museumsbetrieb während der langen Schließungszeit aufrechtzuerhalten, sind verschiedene Interimslösungen geplant. Ab 2027 sollen Interimsbereiche den Museumsbetrieb für den nördlichen und mittleren Gebäudeteil sichern. Dies umfasst unter anderem ein Interims-Schaufenster des Vorderasiatischen Museums und eine Ausstellung im bisherigen Pergamon Panorama, um den Berlinerinnen und Berlinern sowie Touristen während der Schließzeit kulturelle Angebote zu erhalten.
Finanzierung und politische Unterstützung
Die umfassende Sanierung des Pergamonmuseums ist ein staatlich finanziertes Projekt. Kulturstaatsministerin Claudia Roth betont die Bedeutung des Projekts: "Das Pergamonmuseum ist eines der beliebtesten Museen in Deutschland. Bei der laufenden Sanierung geht es nicht nur darum, das UNESCO-Weltkulturerbe im Herzen der Hauptstadt für künftige Generationen zu erhalten. Unser Ziel ist es auch, das Museum bestmöglich für die Zukunft aufzustellen und seine weltweite Strahlkraft sogar noch zu steigern."
Der Bund fungiert als alleiniger Träger der Baukosten und finanziert die aufwendige Sanierung mit erheblichen Mitteln. Die Gesamtfinanzierung von mindestens 1,5 Milliarden Euro unterstreicht die Bedeutung des Projekts für die deutsche Kulturlandschaft.
Ausblick und Bedeutung für die Zukunft
Die umfassende Sanierung des Pergamonmuseums repräsentiert mehr als nur die Instandsetzung eines historischen Gebäudes. Sie symbolisiert die Bereitschaft der Gesellschaft, kulturelles Erbe zu erhalten und gleichzeitig für die Zukunft zu rüsten. Die combination aus historischer Bewahrung und moderner architektonischer Ergänzung schafft ein neues Museumserlebnis, das sowohl die Vergangenheit ehrt als auch zeitgemäße Standards setzt.
Der neue vierte Flügel mit seinem "Tempietto" als Haupteingang wird nicht nur die Funktionalität des Museums verbessern, sondern auch eine neue städtebauliche Dimension schaffen. Die verbesserte Barrierefreiheit und die neuen Verbindungsbauten zu anderen Museen der Museumsinsel werden das gesamte kulturelle Ensemble aufwerten.
Die umfassenden Nachhaltigkeitsmaßnahmen zeigen, dass auch bei der Sanierung historischer Gebäude moderne Umweltstandards berücksichtigt werden können. Die Installation von Photovoltaik-Modulen und die Erreichung der EGB-Standards demonstrieren, dass Denkmalschutz und Klimaschutz nicht im Widerspruch stehen müssen.
Fazit
Die Sanierung des Pergamonmuseums in Berlin stellt ein Mammutprojekt dar, das die Grenzen der Denkmalpflege, der Architektur und der Museologie neu definiert. Mit Kosten von mindestens 1,5 Milliarden Euro und einer Bauzeit von über einem Jahrzehnt ist es eines der größten Kulturbauprojekte Deutschlands. Die komplexe Aufgabe, eingebaute Großarchitekturen vor Ort zu restaurieren, erfordert innovative technische Lösungen und höchste Professionalität aller Beteiligten.
Das Projekt demonstriert, wie kulturelles Erbe erhalten und gleichzeitig für die Zukunft weiterentwickelt werden kann. Die Errichtung des vierten Flügels, die Verbesserung der Energieeffizienz und die Barrierefreiheit zeigen, dass Museumsarchitektur auch 100 Jahre nach der ursprünglichen Eröffnung noch modern und zukunftsorientiert sein kann.
Die schrittweise Fertigstellung – zunächst mit der Wiedereröffnung von Nord- und Mittelteil 2027 und schließlich der vollständigen Öffnung 2037 – ermöglicht es, die bauhistorischen Herausforderungen zu meistern, ohne den Museumsbetrieb vollständig zum Erliegen zu bringen. Die Interimslösungen stellen sicher, dass die kulturelle Bedeutung des Pergamonmuseums auch während der Bauzeit präsent bleibt.
Die Sanierung des Pergamonmuseums wird nicht nur die Bausubstanz und die museale Präsentation verbessern, sondern auch neue Standards für die Restaurierung komplexer historischer Gebäude setzen. Sie zeigt, dass Großprojekte der Kulturinfrastruktur trotz ihrer Komplexität und langen Bauzeiten erfolgreich umgesetzt werden können, wenn ausreichende finanzielle Mittel, politische Unterstützung und fachliche Expertise zur Verfügung stehen.