Überblick: Grunddaten und Zeitrahmen
Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund wurde über einen Zeitraum von fast fünf Jahren grundlegend modernisiert. Die Baumaßnahmen fanden in der historischen Klosteranlage im Herzen der Altstadt statt und umfassten den behutsamen Umgang mit einem Bestand aus verschiedenen Epochen – von mittelalterlichen Bauteilen über das 19. Jahrhundert bis hin zu Strukturen aus DDR-Zeit und Nachwendezeit. Das Projekt wurde im September mit einem Festakt abgeschlossen, zu dem die Einrichtung am 29. September von 14 bis 21 Uhr für einen kostenlosen Besuch einlud und damit den Erfolg der Sanierung öffentlich würdigte.[3][4]
Das Ergebnis ist eine erweiterte und modernisierte Museumsinfrastruktur, die die historische Bausubstanz respektiert, neue Besucherbereiche schafft und technische Standards für Aquarien, Beleuchtung und Erschließung aktualisiert.[2]
Erweiterung: Neue Gebäudeteile und Grundrissorganisation
Die Modernisierung brachte drei neue Gebäudeteile, die funktional und gestalterisch aufeinander abgestimmt wurden:
- Im Westhof entstand ein lichtdurchlässiger Anbau, der als zentraler Erschließungsraum dient und das Foyer mit dem Eingang am Westportal der Katharinenhalle verbindet. Ein Glasdach ermöglicht den Blick auf die historische Fassade des ehemaligen Dominikanerklosters, wodurch der Bezug zum Bestand gestärkt wird.[2][1]
- Ein dreistöckiger Neubau mit dem Großaquarium „Karibisches Riff“ schafft einen beeindruckenden Einstieg in den Aquarienrundgang und ermöglicht einen barrierefreien Übergang in den historischen Gewölbekeller.[2]
- Das Schildkrötengebäude wurde um ein zusätzliches Geschoss erweitert.[2]
Alle neuen Gebäudeteile sind außen mit Kupferblech verkleidet. Die Fassadenlösung setzt auf handwerkliche Leistendeckungen, die Materialität knüpft an die Dächer der gotischen Backsteinkirchen Stralsunds an und fügt sich zugleich als eigenständige zeitgenössische Schicht in das Gesamtensemble ein.[1]
Im Erdgeschoss wurde die frühere Klosterkirche durch Einbau von zwei Ebenen in einzelne Funktionsbereiche gegliedert. Hierfür kam das Raumfachwerksystem Mero aus Westdeutschland zum Einsatz, das als standardisierte Holzkonstruktion die räumliche Organisation erleichtert und in der Sanierung historischer Hallen eine robuste Option darstellt.[1] Dieser systematische Eingriff schafft Nutzungsflexibilität, ohne den Charakter der großen Halle zu negieren.
Bau- und Ausstellungstechnik: Großaquarium und Besuchererlebnis
Die zentrale Attraktion der Modernisierung ist das dreistöckige Großaquarium „Karibisches Riff“. Die Besucherperspektive wird durch eine über 50 Zentimeter dicke Scheibe aus Acrylglas ermöglicht, hinter der Fische und Korallen aus der Karibik präsentiert werden. Die Wandstärke unterstreicht die Dimension des Baukörpers und garantiert Sicherheit und Stabilität im Hinblick auf den hydrostatischen Druck und die Besucherlast.[1]
Das Aquarium dient nicht nur als Blickfang, sondern organisiert den Rundgang im Kellergewölbe. Der Neubau mit dem Großaquarium stellt den Einstieg dar und schafft anschließend einen barrierefreien Übergang in den historischen Gewölbekeller. Dieser Übergang folgt dem Ziel, die historischen Räume in die neue Besucherführung zu integrieren und gleichzeitig modernen Ausstellungsanforderungen gerecht zu werden.[2]
Neben der Sichtverbindung spielt die Beleuchtung eine entscheidende Rolle: Die modernen Aquarien nutzen energieeffiziente Technik, die im Kontext der Aquarienkeller als Gesamtsystem implementiert wurde. Der Aquarienkeller wurde vollständig entkernt und mit neuen Aquarien sowie modernster, energieeffizienter Technik ausgestattet.[2]
Eine zusätzliche gestalterische Neuerung sind größere Öffnungen in den Ausstellungsebenen, die Platz für raumhohe Installationen von originalgroßen Modellen von Meerestieren schaffen. Luftig erscheinende Vitrinenbänder verstärken die Wirkung der Präparate und Objekte, ohne die mittelalterliche Kirchenhalle visuell zu überladen. Durch diese Maßnahme wird die historische Hallenstruktur sowohl respektiert als auch neu erfahrbar gemacht.[2]
Die Vermittlungsstrategie kombiniert klassische Präparationen mit multimedialen und interaktiven Elementen. Der Direktor des Museums hebt hervor, dass so eine zeitgemäße und erlebnisreiche Vermittlung der Meeres ths sowie des Schutzes der Ozeane gelingt.[2]
Fassaden- und Hüllentechnik: Materialität und Kontext
Die neuen Gebäudeteile erhalten eine äußere Hülle aus Kupferblech. Die Ausführung mit handwerklichen Leistendeckungen setzt ein traditionelles Handwerk ins Zentrum, das in der Ostsee-Region stilistisch mit den Dächern der gotischen Backsteinkirchen verwandt ist. Das Material und die Verlegeart fügen sich in die städtebauliche Signatur ein und unterstützen die behutsame Ergänzung des historischen Bestands.[1][2]
Im Westhof-Anbau wurde eine weiß lackierte Stahlkonstruktion vor den Backsteinbestand gestellt. Diese Lösung erzeugt eine klare Trennung zwischen historischem und neuem Bauteil und schafft zugleich einen transparenten und lichtdurchlässigen Raum. Der Ansatz „Konstruktion vor Bestand“ ermöglicht bei minimaler Eingriffstiefe in die historische Bausubstanz eine effiziente Erschließung und setzt architektonisch einen bewussten Kontrast, der den Bestand nicht überlagert.[1]
Das Glasdach über dem lichtdurchlässigen Anbau bildet die tektonische Klammer zwischen Außenraum und Innenraum. Es öffnet den Blick zur historischen Fassade, wodurch die Erweiterung nicht als isolierter Kubus erscheint, sondern als transparenter Verbund mit dem Ensemble funktioniert.[2]
Denkmalpflegerischer Ansatz: Respekt vor heterogenen Epochen
Der Umbau zeigt beispielhaft den Umgang mit heterogenen Epochen des Bestands – vom Mittelalter über das 19. Jahrhundert bis zur DDR- und Nachwendezeit. Die Planer nutzten „Augenmaß und Respekt vor dem Bestand“, setzten auf klare neue Bauteile und ließen die historische Struktur erlebbar. Der Kirchenschiffbereich wurde durch Einbau von Ebenen funktional gegliedert, ohne die Raumwirkung zu verlieren.[1][2]
Die Öffnungen in den Ausstellungsebenen und die „luftig erscheinenden Vitrinenbänder“ sind Ausdruck einer Gestaltung, die auf Transparenz und Textur setzt. Die Vitrinenbänder wirken als tektonische Linien, die den Raum gliedern und zugleich eine Bühne für die Präparate schaffen. Die Verknüpfung mit dem Kirchenschiff als historischer Kern bleibt dabei erhalten, die Wahrnehmung wird vielmehr durch die neuen Eingriffe geschärft.[2]
Kostenentwicklung und Finanzierung
Die zu Beginn der Planung geschätzten Kosten von 40 Millionen Euro wurden deutlich überschritten. Die Stiftung Deutsches Meeresmuseum erhielt für die Modernisierung Fördermittel in Höhe von 51,1 Millionen Euro, die je zur Hälfte das Bundesbauministerium und das Wirtschaftsministerium des Landes Mecklenburg-Vorpommern stellten.[4] Die Deckung der Mehrkosten und die Umsetzung über fast fünf Jahre verdeutlichen die Komplexität eines Vorhabens, das Denkmalpflege, technische Modernisierung und Besuchererlebnis zusammenführt.
Die Finanzierungsstruktur aus Bundes- und Landesmitteln stützt die kulturpolitische Einordnung: Der Bund unterstützte die Modernisierung mit 25 Millionen Euro und unterstreicht damit die Bedeutung des Hauses als „Leuchtturm der deutschen Kulturlandschaft“, der „weltweit museale Maßstäbe“ setzt.[2] Die quote der Gesamtförderung durch Bund und Land (51,1 Millionen Euro) entspricht einer paritätischen Teilung, wie der Bericht über die Herkunft der Mittel zeigt.[4]
Störungen und Risikomanagement
Mehrere externe Faktoren belasteten die Umsetzung: Neben den steigenden Kosten von Baumaterialien im Zuge der Corona-Pandemie und des Krieges in der Ukraine wurde das Museum Opfer eines schweren Cyberangriffs, was die Bauzeit weiter verzögerte.[4] Der Angriff betraf offensichtlich digitale Systeme, deren Ausfall Projektabläufe und Koordination beeinflusste. Die Tatsache, dass ein kultureller Großbetrieb wie das Museum Ziel eines Cyberangriffs wurde, unterstreicht die Relevanz von IT-Sicherheitskonzepten im Projektmanagement von Bauvorhaben.
Solche Störungen sind für komplexe Projekte in Innenstädten typisch, insbesondere wenn technische Systeme, Datenflüsse und Bauabläufe eng verzahnt sind. Der Ausgleich erfordert robuste Terminplanung, klare Verantwortlichkeiten und flexible Maßnahmen zur Sicherung des Baufortschritts.
Bauzeit, Öffentlichkeitsarbeit und Besuchererlebnis
Die Abschlussphase des Projekts wurde als öffentliches Ereignis gestaltet, um die Modernisierung transparent zu kommunizieren. Am 29. September wurde von 14 bis 21 Uhr ein kostenloser Besuch angeboten, mit Aktionsständen zur Architektur, zu Meeresökosystemen und zu Themen des Meeresschutzes. Für die Stimmung sorgten eine besondere Beleuchtung, Musik vom Brass-Ensemble des Theaters Vorpommern und die Band MarziPän.[3][4]
Die Öffnungszeiten wurden für diesen Tag angepasst: Der Einlass begann um 14 Uhr (nicht wie üblich um 9:30 Uhr), der letzte Einlass war um 20 Uhr. Die Besucherinnen und Besucher konnten mit Mitarbeitenden ins Gespräch kommen, etwa am Architekturmodell im Erdgeschoss. Kuratorische Führungen boten Einblicke in die Ausstellung „Ursprung des Lebens aus dem Meer“, in der Evolution von Trilobiten bis zu Kopffüßern behandelt wird; Pädagoginnen und Pädagogen gaben es Haien und Rochen „unter die Lupe“.[3]
Die strategische Öffentlichkeitsarbeit schloss nicht nur informierende, sondern auch emotionale Elemente ein und bildete damit die Brücke zwischen technischem Projekt und gesellschaftlicher Nutzung.
Architektonischer Ansatz und Rezeption
Die Architektur wird als „angenehm unaufgeregt“ und als beispielhaft für „Augenmaß und Respekt vor dem Bestand“ beschrieben. Die Ergänzung durch drei neue Baukörper, die äußerlich eine Hülle aus Kupferblechen mit handwerklichen Leistendeckungen erhielten, unterstreicht die-balance zwischen Zeitgenössische Form und lokale Materialität.[1] Die weiß lackierte Stahlkonstruktion im Westhof-Anbau trennt Alt und Neu funktional, ohne die historische Struktur zu dominieren.[1]
Die Einbauten im Kirchenschiff – zwei Ebenen, realisiert mit dem Raumfachwerksystem Mero – zeigen, dass Systemkomponenten in denkmalgerechte Lösungen integriert werden können, wenn die räumliche Grammatik sorgfältig überarbeitet wird.[1] Der Einsatz von Vitrinenbändern, die „luftig“ wirken, ist gestalterisch präzise und unterstützt die Sichtbarkeit der Präparate, ohne die Hallenstruktur zu „überbauen“.[2]
Kooperation und politische Einordnung
Die Sanierung wurde politisch breit flankiert. Dr. Wolfram Weimer (Staatsminister für Kultur und Medien) würdigte das Museum als „Leuchtturm der deutschen Kulturlandschaft“ und betonte die Unterstützung des Bundes mit 25 Millionen Euro. Manuela Schwesig (Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern) hob die Bedeutung für Kinder und Jugendliche und die gemeinsame Unterstützung durch Bund und Land hervor. Dr. Angela Merkel und Dr. Alexander Badrow (Oberbürgermeister Stralsund) hoben die Bedeutung für die Hansestadt und das Weltkulturerbe hervor.[2][4]
Die Statements verorten das Projekt im Spannungsfeld zwischen Kultur, Bildung, Denkmalpflege und Stadtentwicklung. Das Museum stärkt die Attraktivität der Altstadt als UNESCO-Weltkulturerbe und schafft Synergien zwischen kultureller Vermittlung und technischer Modernisierung.
Fazit
Die Modernisierung des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund vereint behutsame Denkmalpflege, präzise technische Umsetzung und eine klare räumliche Neuorganisation. Die drei neuen Gebäudeteile – der lichtdurchlässige Westhof-Anbau, der Neubau mit dem Großaquarium „Karibisches Riff“ und die Erweiterung des Schildkrötengebäudes – fügen sich über Fassaden aus Kupferblech und eine vor den Bestand gestellte weiß lackierte Stahlkonstruktion diskret in das Ensemble. Im Kirchenschiff schafft das Raumfachwerksystem Mero funktionale Ebenen, die die historische Hallenstruktur respektieren. Das Großaquarium setzt technisch auf eine über 50 cm dicke Acrylglasscheibe; die neuen Aquarien und die energieeffiziente Technik im Keller gewährleisten eine moderne Präsentation.
Kostensteigerungen, Lieferkettenprobleme und ein Cyberangriff belasteten die Umsetzung. Die Deckung durch 51,1 Millionen Euro Fördermittel – jeweils hälftig durch Bundes- und Landesministerien – sowie das politisch getragene Interesse unterstreichen die Bedeutung des Projekts. Die transparente Abschlusskommunikation und das öffentliche Event zum Projektabschluss zeigen, wie komplexe Bauvorhaben in kulturellen Einrichtungen erfolgreich in gesellschaftliche Akzeptanz überführt werden können.
Für Bauinteressierte und Fachplanende bietet das Projekt einen Leitfall für den Umgang mit heterogenen Epochen, für die Integration von Systemkomponenten in denkmalgerechte Lösungen und für die Balance zwischen technischer Spezifikation und gestalterischer Sensibilität.
Quellen
- Angenehm unaufgeregt: Erweiterung und Umbau des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund von Reichel Schlaier Architekten
- Deutsches Meeresmuseum feiert Abschluss der Modernisierung des Standortes Meeresmuseum
- Stralsunder Meeresmuseum feiert Modernisierung mit freiem Eintritt und Programm
- Meeresmuseum Stralsund: Festakt zum Abschluss der Sanierung