Einleitung
Die St.-Andreas-Kirche in Hildesheim stellt ein beeindruckendes Beispiel für den Wiederaufbau nach zerstörerischen Kriegseinwirkungen dar. Nach ihrer fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche annähernd originalgetreu rekonstruiert und nach 20 Jahren im August 1965 wieder eingeweiht. Im August 2025 feierte die Gemeinde den 60. Jahrestag dieses bedeutenden Ereignisses mit einer Festwoche. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte der Kirche, die Zerstörung während des Krieges sowie den bemerkenswerten Wiederaufbau-Prozess, der als technische und kulturelle Leistung gilt.
Historische Hintergründe
Die evangelisch-lutherische Bürgerkirche St. Andreas ist eine der großen Hauptkirchen von Hildesheim mit einer bewegten Geschichte, die bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht. Der Ursprung der Kirche liegt in einer schlichten vorromanischen Kapelle, deren Existenz bereits für das Todesjahr Bischof Bernwards im Jahr 1022 angenommen wird. Nach dem Tod von Bischof Godehard im Jahr 1038 wurde er in dieser Kapelle für die Trauerbekundung des Volkes aufgebahrt.
Während der romanischen Zeit verlagerte sich das Zentrum der Markt- und Handwerkersiedlung aus der feuchten Niederung zwischen Domburg und Michaeliskirche (Alter Markt) hierher, und die Kapelle wurde durch eine romanische Kirche mit mächtigem Westwerk ersetzt. Die heutige Kirche, die im gotischen Stil erbaut wurde, entstand ab 1389 und sollte das Selbstbewusstsein, den Stolz und den Reichtum der Bürgerschaft demonstrieren.
Die Kirche ist am Andreasplatz gelegen und hat eine besondere Bedeutung für die evangelischen Christen der Stadt, da der Reformator Johannes Bugenhagen 1542 hier predigte. Mit einer Länge von 80 Metern, einer Breite von 35 Metern und einer Höhe von 27 Metern zählt sie zu den größten Kirchen der Region.
Der Kirchturm: Wahrzeichen Hildesheims
Das markanteste Merkmal der St.-Andreas-Kirche ist ihr Turm, mit einer Höhe von 114,5 Metern der höchste Kirchturm Niedersachsens. Der Turm ist über 364 Stufen zugänglich und bietet einen weiten Rundblick über die Stadt und das Umland. An Wochenenden und Ferien ist der Kirchturm für die Öffentlichkeit gegen Eintritt zugänglich und kann über eine steinerne Wendeltreppe bestiegen werden. Vorbei an Glockenstuhl und Uhrwerk erreicht man nach 364 Stufen die Aussichtsplattform.
Der Turm in seiner heutigen Form stammt aus dem Jahr 1883. Er überragte nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg die Ruinen ringsum mit seinem nackten Stahlgerüst des Turmhelms.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Andreaskirche schwer beschädigt. Bei einem Luftangriff am 22. Februar 1945 im Rahmen der Operation Clarion wurde sie an mehreren Fenstern beschädigt. Beim schwersten Luftangriff auf Hildesheim am 22. März 1945 brannte die Kirche völlig aus, nur die schwer angeschlagenen Umfassungsmauern und der Turm blieben stehen. Abgesehen vom Dom wurde keine andere Kirche in Hildesheim so stark beschädigt wie St. Andreas.
Die Zerstörung betraf auch die wertvolle Ausstattung der Kirche. Eine große Orgel, die Hans Henrich Bader ab 1656 baute und die von Heinrich Herbst dem Älteren 1668 vollendet wurde, ging verloren. Diese Orgel besaß 42 Register auf drei Manualen und Pedal und war nach Umbauten durch Johann Georg Müller (1742), Conrad Euler (1842) und Heinrich Schaper (1874–75) auf 48 Register erweitert worden. Nach einem erneuten Umbau 1940 durch E. Palandt & Sohnle wurde die Orgel 1945 zerstört.
Entscheidung zum Wiederaufbau
Dass die Kirche wieder erstehen sollte, war anfangs nicht unumstritten. Schon damals war das Gebäude größer als für die Gemeinde benötigt wurde. Dennoch beschloss die Gemeinde aufgrund der besonderen Bedeutung für die evangelischen Christen der Stadt den Wiederaufbau. Schließlich hatte Reformator Johannes Bugenhagen 1542 hier predigt, was der Kirche eine besondere historische und spirituelle Bedeutung verlieh.
1957 begann dann der Wiederaufbau der Kirche, der annähernd originalgetreu erfolgte. Die Fialen auf dem steinernen Turmschaft entfielen jedoch, und die Laterne wurde in geänderter Form wieder aufgebaut.
Rekonstruktionsprozess und technische Details
Der Wiederaufbau der St.-Andreas-Kirche in den 1950er-Jahren stellt ein bemerkenswertes Beispiel für die damalige Restaurierungspraxis dar. Das Mittelschiff erhielt ein Netzgewölbe nach dem Vorbild der Sakristei. Die Ausstattung des Innenraums wurde gotisch-schlicht gestaltet, im Gegensatz zur ursprünglich barocken Ausstattung von Daniel und Ernst Dietrich Bartels vor der Zerstörung.
Die Rekonstruktion war technisch anspruchsvoll, da die Umfassungsmauern des Kirchenschiffs und des Turmes erhalten bleiben mussten, während das Innere komplett neu aufgebaut werden musste. Die Herausforderungen bestanden darin, die statische Stabilität der beschädigten Mauern zu gewährleisten und gleichzeitig die gotischen Konstruktionselemente originalgetreu wiederherzustellen.
Veränderungen im Vergleich zum Original
Obwohl der Wiederaufbau annähernd originalgetreu erfolgte, gab es einige bewusste Abweichungen vom ursprünglichen Bauwerk:
- Die Fialen auf dem steinernen Turmschaft wurden nicht wiederhergestellt.
- Die Laterne wurde in einer modifizierten Form wiederaufgebaut.
- Die Innenausstattung wurde schlichter im gotischen Stil gestaltet, anstatt der ursprünglich barocken Ausstattung.
Diese Änderungen spiegeln sowohl praktische Überlegungen als auch ästhetische Entscheidungen der Nachkriegszeit wider.
Die neue Orgel
Ein wichtiges Element der renovierten Kirche war die neue Orgel, die 1966 von Rudolf von Beckerath aus Hamburg erbaut wurde. Die Einweihung der Beckerath-Orgel fand am letzten Sonntag nach Epiphanias, dem 30. Januar 1966, statt. Diese neue Orgel ersetzte die zerstörte historische Orgel und wurde zu einem der klanglichen Highlights der wiederhergestellten Kirche.
Die feierliche Wiedereinweihung 1965
Im August 1965 zog die St.-Andreas-Gemeinde 20 Jahre nach der Zerstörung in ihre wieder errichtete Kirche ein. In einer Prozession ging es von der Jakobi-Kirche, wo vorübergehend die Gottesdienste stattgefunden hatten, durch die Stadt zum Westportal des wieder aufgebauten Gotteshauses. Die Gottesdienstbesucher betraten die Kirche durch das schwere Bronzeportal, genau wie beim Festgottesdienst 1965.
Ein beeindruckender Blick durch das ganze Kirchenschiff bis zum Altar bot sich den Besuchenden, als sie die Kirche unter der Segenshindurch und durch die Versöhnungshalle betraten. Das Thema Versöhnung war bei der Wiedereinweihung vor 60 Jahren prägend: Zum Zeichen dafür nahm eine Delegation aus London am Gottesdienst teil.
Das 60. Jubiläum 2025
Am Sonntag, 31. August 2025, wurde das 60. Jubiläum der Wiedereinweihung mit der Öffnung des Bronzeportals begangen. Wie beim Festgottesdienst 1965 betraten die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen die Kirche durch dieses symbolträchtige Tor. Der Gottesdienst eröffnete die Festwoche zum Jahrestag.
Die St.-Andreas-Kirchengemeinde feierte den Jahrestag der Wiedereinweihung eine Woche lang mit einem umfangreichen Festprogramm. Den Auftakt bildete ein Konzert am Samstag, 30. August. Die eigentliche Eröffnung der Festwoche fand dann am Sonntag statt mit einem Festgottesdienst mit viel Musik, an dem unter anderem Superintendentin Cordula Trauner sowie Schülerinnen und Schüler des Andreanums beteiligt waren.
Es folgte ein Nachmittag der Begegnung für alle in der Kirche, im Andreashaus und auf dem Andreasplatz. Das Programm umfasste Angebote von Gruppen der Gemeinde und ihr verbundener Einrichtungen, Führungen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten, Aktivitäten für Kinder und einen Film zum Wiederaufbau. Ein besonderes Highlight war das Glockenspielkonzert um 16 Uhr, bei dem Jan Verheyen aus Mechelen mit einem mobilen Glockenspiel auf einem Laster ein Open-Air-Carillon-Konzert gab.
Aktuelle Nutzung und Bedeutung
Heute ist die St.-Andreas-Kirche nicht nur ein religiöses Zentrum der evangelischen Gemeinde in Hildesheim, sondern auch ein bedeutendes architektonisches und kulturelles Denkmal. Der Turm mit seiner Aussichtsplattform ist ein beliebtes Ausflugsziel für Einheimische und Touristen gleichermaßen.
Die Kirche dient als Ort für Gottesdienste, Konzerte, kulturelle Veranstaltungen und gesellschaftliche Begegnungen. Ihre Bedeutung für die Stadt Hildesheim ist durch den erfolgreichen Wiederaufbau nach dem Krieg und die kontinuierliche Pflege des Bauwerks gewahrt worden.
Fazit
Der Wiederaufbau der St.-Andreas-Kirche in Hildesheim nach ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stellt eine bemerkenswerte Leistung des Wiederaufbaus dar. Obwohl der Prozess kontrovers diskutiert wurde, gelang es, die Kirche annähernd originalgetreu zu rekonstruieren und damit ein bedeutendes kulturelles und religiöses Denkmal für die Stadt zu erhalten.
Die technische Herausforderung bestand darin, die beschädigten Umfassungsmauern zu stabilisieren und gleichzeitig die gotische Bausubstanz wiederherzustellen. Die bewussten Abweichungen vom Original, wie der Verzicht auf die Fialen und die vereinfachte Innenausstattung, spiegeln die praktischen und ästhetischen Entscheidungen der Nachkriegszeit wider.
Der 60. Jahrestag der Wiedereinweihung 2025 unterstrich die anhaltende Bedeutung der Kirche für die Stadt und ihre Bewohner. Die Kirche bleibt nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein Symbol für den Wiederaufbau und die Versöhnung nach einer zerstörerischen Zeit.