Einleitung
Die Wiener Votivkirche, eines der bedeutendsten neugotischen Sakralbauten Österreichs, hat nach einer umfassenden Generalsanierung, die rund 25 Jahre dauerte, ihre Wiedereröffnung gefeiert. Der Bau, der von 1856 bis 1879 errichtet wurde, war aufgrund von Kriegs-, Witterungs- und Rostschäden sowie durch Schmutzbelastung in einen schlechten Zustand geraten. Kleine Türme und Steine waren sogar akut absturzgefährdet, und die wertvollen Fresken im Nazarener- und Frühjugendstil zeigten deutliche Abnutzungserscheinungen. Die Sanierung erfolgte in mehreren Etappen, wobei das gesamte Projekt Kosten in Höhe von rund 40 Millionen Euro verursachte. Die Arbeiten konnten nur stufenweise durchgeführt werden, da finanzielle Mittel oft knapp waren.
Historische Bedeutung und architektonische Einordnung
Die Wiener Votivkirche ist ein Denkmal des neugotischen Baustils, das auf Initiative von Kaiser Franz Joseph I. nach einem gescheiterten Attentat auf ihn am 18. Februar 1853 errichtet wurde. Der Architekt Heinrich von Ferstel, bekannt auch für das Hauptgebäude der Universität Wien, entwarf die Kirche in Anlehnung an mittelalterliche gotische Kathedralen. Der Bau begann im Jahr 1856 und wurde 1879 abgeschlossen – eine Bauzeit von 23 Jahren. Mit dieser langen Bauzeit begann bereits ein Muster, das sich später auch in der Sanierung widerspiegeln sollte.
Als einziges Gotteshaus an der Ringstraße, ist die Votivkirche sowohl architektonisch als auch kulturhistorisch einzigartig. Der neugotische Stil, den Ferstel verfolgte, ist geprägt von hohen Spitzbögen, filigranen Ornamenten und einer klaren vertikalen Ausrichtung. Die Kirche wurde von Kaiser Franz Joseph und seinem Hof ursprünglich als Dankbarkeitsgeste gebaut, wobei das Hoforatorium, ein Bereich im Inneren, für den Kaiser und seine Familie vorgesehen war. Es dient heute als Museum der Votivkirche, das auf Initiative von Pfarrer Joe Farrugia eingerichtet wurde.
Umfang und Dauer der Sanierung
Die Sanierung der Votivkirche begann im Jahr 2001, nachdem zuvor lediglich punktuelle Erhaltungsmaßnahmen durchgeführt worden waren. Die Generalsanierung erstreckte sich über 25 Jahre und erfolgte in mehreren Etappen, um den laufenden Betrieb der Kirche aufrechtzuerhalten. Diese langfristige Planung war notwendig, da die Schäden an dem Bauwerk über Jahrzehnte hinweg immer größer wurden.
Laut Aussage des Bauamts der Erzdiözese Wien wurde die Kirche bei laufendem Betrieb renoviert, was besondere Herausforderungen an die Koordination und den Arbeitsschutz stellte. Die Sanierung umfasste sowohl innenarchitektonische als auch außenarchitektonische Maßnahmen, wobei die Außensanierung die größten Investitionen erforderte.
Sanierung des Daches
Ein zentrales Element der Renovierung war die Dacherneuerung, bei der insgesamt 400.000 Steinschindeln verlegt wurden. Die Arbeiten an diesem Bereich dauerten allein zehn Jahre, was auf die Komplexität und handwerkliche Präzision zurückzuführen ist. Die Steinschindeln stammten aus Südamerika, und wurden speziell für die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes ausgewählt.
Die Dichtung des Daches war dabei von besonderer Bedeutung, da Lecks dazu geführt hatten, dass Feuchtigkeit ins Innere der Kirche eindrang und die dortigen Fresken beschädigten. Erst nach erfolgreicher Sanierung des Daches konnten die Arbeiten im Inneren der Kirche beginnen, da eine trockene Bauhülle die Grundlage für die Restaurierung der empfindlichen Wandmalereien bildete.
Fassadenplastiken und Fenster
Die Sanierung umfasste auch die umfangreiche Restaurierung der Fassadenplastiken, die über die Jahre erheblich unter Witterungseinflüssen und Umweltverschmutzung gelitten hatten. Sämtliche Figuren und Ornamente wurden konserviert und restauriert, wobei im Bereich der Wasserspeier auch Neuanfertigungen erforderlich waren. Die historischen Figuren, die das Äußere der Kirche zieren, sind ein wesentlicher Bestandteil des neugotischen Erscheinungsbildes und wurden mit großer Sorgfalt wiederhergestellt.
Ein weiterer kritischer Aspekt war die Sanierung der 111 bleiverglasten Fenster, bei denen sowohl die Gläser als auch die Verbleiung beschädigt waren. Die Fenster mussten einzeln überprüft und repariert werden, da sie als kunsthistorisch wertvolle Elemente nicht einfach ausgetauscht werden konnten. Die ursprüngliche Farbigkeit und Transparenz war durch den Schmutz über Jahrzehnte fast vollständig verloren gegangen. Erst durch die Sanierung konnten die Fenster wieder ihren ursprünglichen Funktionen – Lichtdurchlässigkeit und symbolische Darstellung – gerecht werden.
Innenraum und Fresken
Die Fresken im Inneren der Kirche, die im Nazarener- und Frühjugendstil gestaltet wurden, befanden sich in einem desolaten Zustand. Laut Erzdiözese Wien bröckelten diese im Laufe der Zeit ab, sodass eine umfassende Restaurierung durch Spezialisten erforderlich war. Die Fresken gelten als wertvolles kulturelles Erbe und wurden mit traditionellen Techniken wieder instand gesetzt.
Die Sanierung des Innenraums begann erst, nachdem die Bauhülle durch die Dachreparatur gesichert war. Laut Pfarrer Farrugia war die Kirche bei seiner Amtsübernahme innen und außen schwarz vor Schmutz. Die Reinigung der Innenflächen war daher eine der ersten Maßnahmen, um das ursprüngliche Erscheinungsbild wiederzuentdecken.
Finanzierung der Sanierungsarbeiten
Die Finanzierung der Sanierung stellte sich als besondere Herausforderung dar. Laut Quellen beliefen sich die Gesamtkosten auf rund 40 Millionen Euro, wobei der Großteil dieser Summe durch Kirchenbeitragszahler aufgebracht wurde. Zudem erhielt die Erzdiözese Unterstützung durch den Bund und das Land Wien, die jeweils ein Drittel der Kosten für die erste Sanierungsetappe übernahmen.
Um die Mittel aufzubringen, setzte Pfarrer Joe Farrugia auf ungewöhnliche Methoden der Geldbeschaffung. Eine der prominentesten Maßnahmen war die Anbringung einer gigantischen Werbetafel an der Fassade, die bereits vor 20 Jahren für Aufsehen sorgte. Diese Idee wurde später auch an anderen prominenten Sakralbauten Wiens, etwa dem Stephansdom, übernommen.
Laut Bauamt der Erzdiözese Wien war es jedoch nicht möglich, alle Arbeiten gleichzeitig durchzuführen. Die Finanzierung musste stufenweise erfolgen, wobei sich die Zeitspanne zwischen den einzelnen Abschnitten teilweise über mehrere Jahre erstreckte.
Bautechnische Herausforderungen
Die Sanierung eines über 140 Jahre alten Bauwerks brachte zahlreiche bautechnische Herausforderungen mit sich. Die Kirche musste zum Teil komplett entkernt und neu verfugt werden, um die Stabilität zu gewährleisten. Die Akustik des Innenraums war bei der Planung ein zentrales Thema, da die Kirche nicht nur für Gottesdienste, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen und Konzerte genutzt wird.
Die Arbeiten an den Turmspitzen waren besonders aufwendig, da diese stark verwittert waren und durch die rostenden Verbindungen eine akute Absturzgefahr bestand. Die Sicherung und Restaurierung dieser Elemente war daher ein entscheidender Aspekt der Sanierung.
Zusammenarbeit mit Experten und Institutionen
Die Sanierung wurde durch eine enge Zusammenarbeit mit Fachleuten aus Denkmalpflege, Architektur und Bauhandwerk ermöglicht. Besonders hervorzuheben ist die Kooperation mit der Universität für angewandte Kunst Wien, die mit fachlichem Know-how zur Restaurierung beitrug. Laut Pfarrer Farrugia war diese Zusammenarbeit wesentlich für die Erhaltung des ursprünglichen Charakters der Kirche.
Auch die Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt war entscheidend, da viele Elemente unter Denkmalschutz standen und nur mit genehmigten Verfahren restauriert werden durften. Die Forderung nach Erhaltung des historischen Erscheinungsbildes stand bei allen Entscheidungen im Vordergrund.
Nutzen der Sanierung für die Öffentlichkeit
Die Sanierung hatte nicht nur den Zweck, den Bau zu sichern, sondern auch, ihn für die Öffentlichkeit wieder in seiner vollen Pracht erlebbar zu machen. Mit der Wiedereröffnung im Jahr 2024 nach Abschluss der Arbeiten ist die Votivkirche wieder ein Anziehungspunkt für Touristen und Gläubige gleichermaßen.
Das Museum im Hoforatorium wurde ebenfalls renoviert und bietet heute einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Kirche. Farrugia betonte bei der Führung, dass der Ausblick von dort einzigartig sei und einen hervorragenden Überblick über das Kirchenschiff ermögliche.
Reaktionen und öffentliche Wahrnehmung
Die langwierige Sanierung wurde in der Öffentlichkeit oft als „ewige Baustelle“ bezeichnet. Die Verwendung von Werbeplakaten auf dem Baugerüst hatte zwar eine gewisse Aufmerksamkeit erregt, führte aber auch zu Diskussionen. Dennoch zeigte sich die Erzdiözese Wien und der Pfarrer zufrieden mit dem Ergebnis und der Wirkung der Maßnahmen.
Die Wiedereröffnung wurde mit einer Festmesse am 26. November 2024 gefeiert. Der Begriff „wiederauferstanden“, den Pfarrer Farrugia in seiner Einladung verwendete, unterstreicht die symbolische Bedeutung der Sanierung.
Fazit
Die Sanierung der Wiener Votivkirche war ein umfassendes und langwieriges Projekt, das über 25 Jahre in Anspruch nahm. Mit einem Investitionsvolumen von rund 40 Millionen Euro wurden Schäden durch Krieg, Witterung und Rost behoben, die sogar zu Absturzgefahren führten. Die Arbeiten an den 400.000 Steinschindeln, den Fenstern, den Fassadenplastiken und den Innenfresken erforderten sowohl handwerkliche als auch konservatorische Expertise.
Die Finanzierung erfolgte durch eine Kombination aus öffentlichen Mitteln und Kirchenbeiträgen, wobei auch ungewöhnliche Methoden wie die Nutzung der Fassade als Werbefläche zur Kostendeckung eingesetzt wurden. Die Kirche steht heute wieder als kulturelles Wahrzeichen Wiens da, das sowohl architektonisch als auch historisch von großer Bedeutung ist.
Die Erfahrung der Votivkirchen-Sanierung zeigt, wie wichtig es ist, historische Bausubstanz rechtzeitig zu erhalten, um größere Schäden und Kosten langfristig zu vermeiden. Sie ist ein Beispiel dafür, wie durch stufenweise Planung, kreative Finanzierung und professionelle Zusammenarbeit eine umfassende Renovierung gelingen kann – auch bei komplexen, denkmalgeschützten Gebäuden.
Quellen
- Die Standard – Wiener Votivkirche fertig renoviert
- Katholisch.de – Wiener Ringstraßen-Dom wird nach 25 Jahren wiedereröffnet
- MeinBezirk.at – Votivkirche nach 25 Jahren Umbau fertiggestellt
- ORF Wien – Votivkirche nach 25 Jahren wiedereröffnet
- Domradio.de – Wiener Votivkirche wird nach 25 Jahren wiedereröffnet
- Votivkirche.at – Restaurierung