Einleitung
Erbstadt, der nördlichste Stadtteil von Nidderau, hat eine reiche Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Mit rund 1.400 Einwohnern gelegen in einer Höhe von 158 Metern über dem Normalnull, hat dieser Ortsteil im Laufe der Zeit zahlreiche Veränderungen erlebt. Eine der bedeutendsten kulturellen Stätten Erbstadts ist die evangelische Kirche, die im Jahr 1998 eine umfassende Renovierung erhielt. Dieser Beitrag beleuchtet die Geschichte des Gotteshauses, die Details der Renovierung im Jahr 1998 und deren Bedeutung für den Ortsteil.
Geschichte Erbstadts
Erbstadt, dessen früheste urkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1237 als "Erpestat" stammt, hat eine bewegte Vergangenheit. In späteren Urkunden wurde der Ort unter verschiedenen Namen erwähnt: Eberstadt (1266), Erbestat (1286) und Erbstad (1341). Im Jahr 1398 gehörte Erbstadt zur Burg Windecken, die im Eigentum der Herren und späteren Grafen von Hanau stand und damit zum Amt Windecken zählte.
Die Klöster Naumburg und Ilbenstadt besaßen Wirtschaftshöfe in Erbstadt, wobei letzterer, der sogenannte "Pfaffenhof", bis heute erhalten geblieben ist. Dieser im frühen 18. Jahrhundert als Wirtschaftshof des Klosters Ilbenstadt errichtete Gebäudekomplex diente später als Verwaltungssitz der Gemeinde Erbstadt und als Wohnstätte, unter anderem für Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Jahr 1921 übernahm die Gemeinde Erbstadt den Pfaffenhof, bevor 2015 die Remise und die Scheune an Privatpersonen verkauft wurden.
Eine wichtige Wende in der jüngeren Geschichte Erbstadts war die Eingemeindung nach Nidderau am 31. Dezember 1971, vor 50 Jahren. Nach heftiger Diskussion im Gemeinderat entschied sich Erbstadt sich nicht Niddatal, sondern Nidderau anzuschließen. Bei dieser Abstimmung stimmten sechs Gemeinderatsmitglieder, allesamt von der SPD, für Nidderau, einer gegen (ebenfalls SPD), während zwei sich enthielten (FWG).
Die evangelische Kirche in Erbstadt: Ein historischer Überblick
Die evangelische Kirche in Erbstadt ist nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein bedeutendes architektonisches und historisches Denkmal des Ortes. Die erste Kirche wurde im 16. Jahrhundert erbaut, wie eine Bauinschrift belegt: "ERB. 16. JH / ZERST. 1635 / ERB. 1728 / RENOV. 1998". Diese Inschrift auf einer Sandsteintafel, Teil der ursprünglichen mittelalterlichen Mensaplatte, dokumentiert die wichtigsten Ereignisse in der Baugeschichte des Gotteshauses.
Ein tragisches Ereignis in der Geschichte der Kirche war ihre Zerstörung im Jahr 1635 während des Dreißigjährigen Krieges. Nach dieser weitgehenden Zerstörung fanden Gottesdienste nur noch in Provisorien statt, bis die Kirche im Jahr 1744 wieder aufgebaut werden konnte. Diese lange Zeit der Not und des Provisoriums unterstreicht die Bedeutung der Wiedererrichtung für die damalige Kirchengemeinde.
Die heutige Kirche ist im Ortszentrum aus Bruchsteinmauerwerk errichtet und leicht nach Ost-Nordost ausgerichtet – nicht exakt geostet, wie es für Kirchen traditionell üblich wäre. Das Bauwerk ist weiß verputzt, wobei nur der Sockelbereich, die Eckquaderung und die sandsteinernen Gewände von Türen und Fenstern mit ihren tiefen Laibungen vom Verputz ausgespart sind.
Architektonische Merkmale der Kirche
Die Kirche in Erbstadt stellt ein Beispiel für schlichte, aber stilistisch wertvolle protestantische Sakralarchitektur dar. Sie ist eine einfache Saalkirche mit geradem Ostschluss, die von einem Schopfwalmdach mit roten Ziegeln bedeckt wird. Im Westen erhebt sich ein achtseitiger, grau verschieferter Dachreiter, der das Hauptportal der Kirche bekrönt.
Der Dachreiter ist architektonisch besonders interessant: Über dem kubusförmigen Schaft, an dessen Nord- und Südseite ein weißes Zifferblatt für die Turmuhr angebracht ist, leitet ein vorkragendes Zeitdach zum oktogonalen Glockengeschoss über. In dieses sind vier rundbogige Schallöffnungen für das Geläut eingelassen. Die Glockenstube beherbergt ein barockes Dreiergeläut, das Johann Peter Bach 1750 (Schlagton es²), 1760 (g²) und 1765 (c²) mit dem Motiv eines Moll-Dreiklangs goss. Der achtseitige Spitzhelm wird von einem Turmknauf, einer reich verzierten schmiedeeisernen Windrose und einem vergoldeten Wetterhahn bekrönt.
Die Kirche wird durch ein Portal im Westen erschlossen, dessen profilierte Gewände auf glatten Sockelsteinen ruhen. Interessanterweise ist das mittige Rundbogenportal mit Schlussstein im Süden heute vermauert und dient innen als Wandschrank. Der Innenraum wird durch große barocke Korbbogenfenster belichtet – drei an den beiden Langseiten, zwei im Osten und eins im Westen. Unterhalb der abgewalmten Traufe an den Schmalseiten ist jeweils ein kleines hochrechteckiges Fenster eingelassen.
Die Innenraumgestaltung
Das Innere der Kirche ist asymmetrisch gestaltet und entsprechend reformierter Tradition schlicht ausgestattet. Die Kirchenausstattung ist weitgehend bauzeitlich und spiegelt die protestantische Theologie wider, die auf aufwendige Dekorationen verzichtet und stattdessen die Predigt in den Mittelpunkt stellt.
Der Innenraum wird von einer stuckierten Spiegeldecke mit Voute und geometrischen Figuren abgeschlossen. Eine dreiseitig umlaufende Empore lässt die Südseite mit der Kanzel frei, wodurch der Predigtort architektonisch betont wird. Die Empore hat schlichte kassettierte Füllungen, die zart marmoriert bemalt sind, und ruht auf schlanken hölzernen Pfosten mit Basen und Kapitellen. Die Ostempore dient als Aufstellungsort für die Orgel.
Besonders bemerkenswert ist der Fußboden der Kirche, der mit Platten aus rotem Sandstein belegt ist. Diese Materialwahl verleiht dem Raum eine warme und natürliche Atmosphäre und steht im Einklang mit der schlichten Ästhetik des protestantischen Kirchenraums.
Die Renovierung im Jahr 1998
Nachdem die Kirche im Laufe der Zeit einige baulache Mängel aufwies, beschloss die Kirchengemeinde eine umfassende Renovierung, die 1998 durchgeführt wurde. Diese Renovierung war nicht nur eine bauliche Maßnahme, sondern auch ein Ausdruck des lebendigen Gemeindelebens und der Wertschätzung für das historische Gotteshaus.
Ein besonderes Highlight der Renovierung war die Anbringung von drei bunten Bleiglasfenstern an der Südseite der Kirche. Diese Fenster wurden vom evangelischen Frauenkreis Erbstadt gestiftet und bereits 1997 hergestellt. Die farbigen Fenster bringen eine neue Farbkomponente in den schlichten Kirchenraum und stellen eine Verbindung zwischen traditioneller Kirchenkunst und moderner Gestaltung her.
Die Renovierung im Jahr 1998 ist in der Bauinschrift dokumentiert: "ERB. 16. JH / ZERST. 1635 / ERB. 1728 / RENOV. 1998". Diese Inschrift, die an der südlichen Westseite der Kirche eingelassen ist, erinnert an die wechselvolle Geschichte des Bauwerks und macht die jüngste Renovierung Teil dieser langen Tradition.
Die Kirche als Natur- und Kulturraum
Neben ihrer Funktion als Gotteshaus hat die evangelische Kirche in Erbstadt im Laufe der Zeit weitere Bedeutung erlangt. Heute beherbergt sie Schleiereulen, eine in Hessen mittlerweile seltene Eulenart. Diese意外的 Bewohner haben sich den Dachstuhl des Gotteshauses als Lebensraum erschlossen und werden von der Gemeinde geschützt.
Die Kirche steht damit symbolisch für die Verbindung von historischer Bausubstanz und Naturschutz, ein Aspekt, der in der modernen Denkmalpflege immer an Bedeutung gewinnt. Die Schleiereulen unterstreichen die ökologische Bedeutung alter Gebäude und zeigen, wie Kultur- und Naturschutz Hand in Hand gehen können.
Die Kirche im Kontext des Erbstadter Gemeindelebens
Die Kirche ist nicht nur ein architektonisches Juwel, sondern auch ein zentraler Treffpunkt im Gemeindeleben von Erbstadt. Ihre Geschichte spiegelt die Entwicklung des Ortes wider – von einer dörflichen Gemeinde über einen Stadtteil Nidderaus bis hin zur heutigen "Schlafstadt", wie in einer Ortsführung anlässlich des 50. Jahrestags der Eingemeindung beschrieben wurde.
Ein historisches Ereignis, das direkt mit der Kirche verbunden ist, ist die Diskussion über die Eingemeindung von Erbstadt. In einem Saal der ehemaligen Gaststätte "Zum Adler" – einem Gebäude mit einer besonderen Geschichte, das später an der Kreuzung "In der Ecke" frisch saniert wurde – fand 1971 nach heftiger Diskussion die Entscheidung darüber statt, dass Erbstadt sich nicht Niddatal, sondern Nidderau anschließen sollte. Dieser Saal, der für Vereinsfeste, Karnevalsveranstaltungen und Sportereignisse genutzt wurde und Platz für vier Tischtennisplatten oder 100 Personen bot, war damit ein wichtiger Schauplatz der kommunalen Selbstverwaltung des Ortes.
Die Zukunft des Erbstadter Kirchengebäudes
Die Renovierung von 1998 hat die Kirche für die Zukunft gerüstet und ihre Bedeutung als kulturelles und religiöses Zentrum Erbstadts gestärkt. In einer Zeit, in der viele ländliche Kirchengemeinden mit Mitgliederschwund und leerstehenden Gebäuden konfrontiert sind, ist die Erbstadter Kirche mit ihrer lebendigen Gemeinde und ihrer innovativen Renovierung ein positives Beispiel.
Die Verbindung von altem Baubestand und moderner Nutzung – wie die Ansiedlung der Schleiereulen – zeigt, wie historische Gebäude auch im 21. Jahrhundert eine Zukunft haben können. Die farbigen Fenster von 1997/98 sind dabei ein Symbol für diesen Wandel: Sie bewahren den traditionellen Kirchenraum, bringen aber gleichzeitig Farbe und Leben in das Gotteshaus.
Fazit
Die evangelische Kirche in Erbstadt ist mehr als nur ein historisches Bauwerk – sie ist ein lebendiger Teil des Gemeindelebens und ein Zeugnis der wechselvollen Geschichte des Ortes. Die Renovierung im Jahr 1998 hat nicht nur bauliche Mängel behoben, sondern auch neue Akzente gesetzt, insbesondere durch die farbigen Bleiglasfenster an der Südseite.
Die Bauinschrift "ERB. 16. JH / ZERST. 1635 / ERB. 1728 / RENOV. 1998" fasst die wichtigsten Stationen der Kirchengeschichte zusammen und macht die jüngste Renovierung zu einem Teil dieser langen Tradition. Gleichzeitig zeigt die Kirche mit ihren Schleiereulen als Bewohnern, dass sie auch für den Naturschutz eine Bedeutung hat.
Die Kirche in Erbstadt steht damit symbolisch für den Ort selbst: eine Gemeinde mit reicher Geschichte, die sich erfolgreich der Zukunft zuwendet, ohne ihre Wurzeln zu vergessen. Die Renovierung von 1998 hat dazu beigetragen, dieses historische Erbe für kommende Generationen zu bewahren und gleichzeitig neue Impulse für das Gemeindeleben zu setzen.