Sanierung des Industriedenkmals: Der Gasometer Oberhausen als technisches und kulturelles Meisterwerk

Einleitung

Der Gasometer in Oberhausen, Wahrzeichen des Ruhrgebiets und Europas höchste Ausstellungshalle, durchlief 2019 bis 2021 eine umfassende Sanierung, die die Erhaltung dieses bedeutenden Industriedenkmals für die nächsten Jahrzehnte sicherstellen soll. Mit einer Höhe von 117,5 Metern, einem Durchmesser von knapp 68 Metern und einem Volumen von 347.000 Kubikmetern stellt das Bauwerk nicht nur eine technische Meisterleistung dar, sondern dient seit über 25 Jahren als einzigartiger Veranstaltungsort, der bereits über acht Millionen Besucher angezogen hat. Die Sanierung, die rund 14 Millionen Euro kostete, stellte besondere Herausforderungen an die Bauherren und Planer, da es galt, die historische Substanz zu erhalten und gleichzeitig die notwendige Modernisierung für die Zukunft zu gewährleisten. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte der Sanierung, die Herausforderungen bei der Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes und die Bedeutung dieses Projekts für den Erhalt industrieller Kulturgüter im Ruhrgebiet.

Der Gasometer Oberhausen: Ein historisches Bauwerk

Der Gasometer Oberhausen, erbaut als Scheibengasbehälter, feierte im letzten Jahr sein 90-jähriges Bestehen. Als eines der Wahrzeichen der Stadt im Ruhrgebiet verkörpert er den industriellen Wandel und die kulturelle Transformation dieser Region. Bis 1988 diente das Bauwerk als Europas größter Scheibengasbehälter, bevor es für eine neue Nutzung umgewidmet wurde.

Die Konstruktion des Gasometers ist ein technisches Meisterwerk. Seine Außenhaut wird von 24 horizontal liegenden, polygonalen Doppel-T-Trägern gebildet, während die Wände aus 8,80 Meter langen, 0,81 Meter hohen und 5 Millimeter dicken, aufgenieteten Mantelblechen bestehen, die für die horizontale Stabilität sorgen. Besonders beeindruckend ist das Dach des Gasometers, das von 24 Fachwerkträgern geformt wird, die radial im sogenannten Königspunkt zusammenlaufen. Auf diesen Fachwerkträgern ist die restliche Dachkonstruktion aufgelagert.

Der gesamte Gebäudekomplex inklusive aller Anlagenteile steht unter Denkmalschutz, was bei jeder Maßnahme besondere Anforderungen an die Planung und Ausführung stellt. Der Gasometer ist zudem als einer der wichtigsten Panoramen und Landmarken sowie Ankerpunkt im Ruhrgebiet Teil der Route der Industriekultur und in die Europäische Route der Industriekultur (ERIH) eingebunden. Seine Verortung in der Neuen Mitte Oberhausens, unmittelbar am Rhein-Herne Kanal, macht ihn zu einem zentralen kulturellen und touristischen Anziehungspunkt der Region.

Notwendigkeit der Sanierung

Nach 90 Jahren weist das Wahrzeichen eine Vielzahl altersbedingter Schwächen auf, die eine umfassende Sanierung erforderlich machten. Die Gasometer Oberhausen GmbH schrieb daher Ende 2018 die denkmalgerechte Komplettsanierung des Bauwerks aus. Ziel dieser Maßnahme war es, den Gasometer, insbesondere das Tragwerk sowie die Hülle, bis mindestens ins Jahr 2050 vor erneuten Schäden zu schützen.

Die Sanierung wurde im Jahr 2020 notwendig, nachdem der Gasometer seit über 25 Jahren als Ausstellungshalle fungiert hatte. Allerdings musste das "Gebäude" für die umfangreichen Arbeiten eine Zwangspause einlegen. Die Investition in die Renovierung betrug rund 14 Millionen Euro, wobei allein das gewaltige Gerüst einen siebenstelligen Betrag verschlang.

Die Planungen für die denkmalgerechte Sanierung wurden Ende 2018 durch eine Gruppe bestehend aus Zuwendungsempfängern, Zuwendungsgebern, Denkmalschützern, Juristen, Fachingenieuren und der Bundesbauverwaltung in einem Koordinierungsgespräch auf den Weg gebracht. Dabei bestand der Anspruch, das ursprüngliche "Gesicht" des Gasometers von 1949 wiederherzustellen. Die Planungen wurden durch die Mitarbeiter Timo Lütke-Verspohl, Danny Kämper, Martin Samulski und Thomas Hoppen aus dem Bundesbau in NRW unterstützt und begleitet.

Mit der Umsetzung der Maßnahme wurde am 28. Oktober 2019 – genau einen Tag nach dem Ende der letzten Ausstellung – begonnen. Die Bauarbeiten wurden in vier Bauabschnitten durchgeführt und am 30. September 2021 mit einer festlichen Wiedereröffnung der Ausstellungshalle abgeschlossen.

Planung und Projektmanagement

Für die Planung der Komplettsanierung zeichnete das Architekturbüro Lindner Lohse Architekten BDA aus Dortmund verantwortlich. Das Unternehmen erhielt Anfang 2019 im Zuge eines Verhandlungsverfahrens den Auftrag für die Planung, nachdem es ein interdisziplinäres Sanierungskonzept entwickelt hatte.

Die besondere Herausforderie bestand darin, die technische Notwendigkeit der Sanierung mit den Anforderungen des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen. Da der gesamte Gebäudekomplex unter Denkmalschutz steht, mussten alle Maßnahmen sorgfältig geplant und dokumentiert werden, um die historische Substanz zu erhalten und gleichzeitig die notwendigen Modernisierungen vorzunehmen.

Die Planungsphase umfasste nicht nur die statische Sicherung und den Korrosionsschutz des Stahlbaus, sondern auch die Wiederherstellung des ursprünglichen Erscheinungsbildes von 1949. Dies erforderte eingehende Recherchen und Untersuchungen, um die Originalfarben und Materialien zu identifizieren.

Durchführung der Sanierungsarbeiten

Vorbereitungsarbeiten und Fundamentrenovierung

Die Sanierung der Außenhülle erfolgte in vier Bauabschnitten und war mit hohem Aufwand verbunden. Als erstes fand die Erneuerung des Fundamentsockels statt. Dazu mussten die Handwerker zunächst den Beton und bröseliges Mauerwerk rund um die Sockel entfernen.

Im ersten Schritt der Sanierungsarbeiten wurden die Fundamente des Gasometers zum Teil freigelegt und anschließend neu bewehrt, geschalt und betoniert. Parallel dazu wurde der Sockel neu bewehrt, geschalt und betoniert. Gleichzeitig demontierten Industriekletterer mit Unterstützung eines Spezialkrans Anbauteile wie Treppen und Ausbläser.

Sanierung der Außenhülle

Die Sanierung der Stahlhülle stand im Mittelpunkt der Maßnahme und erforderte spezielle Verfahren und Techniken. Hauptaugenmerk lag auf der Stahlhülle, die gestrahlt und nach denkmalschutztechnischen Ansprüchen neu beschichtet wurde.

Bei der Entfernung der alten Farbschichten wurden spezielle Verfahren eingesetzt. Auf dem Dach kamen spezielle Saugroboter zum Einsatz, die die Farbschichten per Hochdruck-Wasserstrahlverfahren entfernten. Diese moderne Technologie ermöglichte eine schonende und effiziente Entfernung der alten Beschichtungen, ohne die darunterliegende Stahlstruktur zu beschädigen.

Bei der Arbeit an den Wänden wurde ebenfalls auf moderne Strahltechniken zurückgegriffen, um die alten Beschichtungen zu entfernen und eine saubere Oberfläche für den neuen Anstrich vorzubereiten. Nach dem Entfernen der alten Schichten erhielt der Gasometer seinen neuen Anstrich, bestehend aus einer Grundierungs- und Zwischenschicht aus 2K-Epoxidharz-Zinkstaub sowie zwei Deckschichten aus 2K-Polyurethanharz.

Farbgestaltung und Denkmalschutz

Die Farbgestaltung der sanierten Hülle war eine besondere Herausforderung, die eng mit dem Denkmalschutz abgestimmt werden musste. Da seit dem Wiederaufbau des Gasometers 1949 mehrere Anstriche übereinander folgten und keine Farbfotos aus der Zeit existierten, war die ursprüngliche Farbe nur schwer zu ermitteln.

Die aufwändigen Untersuchungen zur Bestimmung der Originalfarbe führte das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland durch. An unterschiedlichen Stellen wurden Proben genommen und die einzelnen Farbschichten bestimmt. Die Entscheidung fiel schließlich auf einen braunen Grundton mit oxydrötlicher Einfärbung, ähnlich des Farbtons, der beim Wiederaufbau 1949 verwendet wurde.

Dieser Farbton ist jedoch im Gegensatz zur Originalfarbe mit Eisenglimmer für den Korrosionsschutz versetzt, was die Langlebigkeit des Anstrichs verbessern soll. Auch die Treppen wurden in Braun gestrichen, während die Umläufe einen Grünton in Anlehnung an den der 1970er Jahre erhielten.

Weitere Sanierungsmaßnahmen

Neben der Fassade und dem Dach fanden weitere umfassende Sanierungsarbeiten statt. Dazu zählten:

  • Sanierung der gesamten Außenhülle einschließlich des Aufzugsschachts
  • Renovierung der 36 Dachhauben
  • Instandsetzung der Rotunde und der Laterne
  • Sanierung des Fundamentsockels
  • Renovierung der Dachflächen von außen und innen
  • Erweiterung der Stromkapazitäten
  • Erneuerung der Hausalarm- und Gefahrenmeldeanlage
  • Herrichtung der Außenanlagen

Besonders bemerkenswert ist die Menge an anfallendem Material bei solchen Sanierungsarbeiten. Allein bei der Strahlung der Stahlhülle fielen 3500 Tonnen Strahlschutt an, der fachgerecht entsorgt oder recycelt werden musste.

Technische Herausforderungen und Lösungen

Die Sanierung des Gasometers stellte die beteiligten Ingenieure und Handwerker vor besondere technische Herausforderungen. Die Höhe des Bauwerks von 117,5 Metern erforderte spezielle Gerüste und Arbeitsplattformen, um sicher und effizient arbeiten zu können.

Die Kombination aus Denkmalschutzanforderungen und technischer Notwendigkeit erforderte innovative Lösungen. Bei der Farbauswahl wurde beispielsweise ein Kompromiss zwischen dem historischen Erscheinungsbild und den Anforderungen an den Korrosionsschutz gefunden. Durch die Beimischung von Eisenglimmer zur Originalfarbe konnte die Haltbarkeit des Anstrichs verbessert werden, ohne das Erscheinungsbild zu verändern.

Ein weiteres technisches Problem war die Sanierung des Daches. Durch den Einsatz spezieller Saugroboter, die die Farbschichten per Hochdruck-Wasserstrahlverfahren entfernten, konnte eine schonende und effizente Methode gefunden werden, die die darunterliegende Stahlstruktur nicht beschädigte.

Bedeutung für die Region

Die Sanierung des Gasometers ist mehr als nur ein technisches Projekt – sie ist ein Symbol für den Strukturwandel im Ruhrgebiet. Das Gesicht des Ruhrgebiets ist wie keine andere Region vom Strukturwandel geprägt: Wo einst Kohle gefördert wurde, finden sich heute vielseitige Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Das Ruhrgebiet hat sich mit dem sensiblen Erhalt und der Umnutzung seiner Industrierelikte neu erfunden.

Der Gasometer ist ein erfolgreiches Beispiel für diese Transformation. Mit seinen Ausstellungen, darunter zwei des renommierten Künstlers Christo, sorgte er für überregionale Aufmerksamkeit und Besucherströme aus der ganzen Welt. Durch die Sanierung wird diese kulturelle Funktion für die Zukunft gesichert.

Fazit

Die Komplettsanierung des Gasometers in Oberhausen ist ein herausragendes Beispiel für den sensiblen Umgang mit industriellem Erbe. Die Balance zwischen technischer Notwendigkeit und denkmalschutzrechtlichen Anforderungen wurde erfolgreich gefunden, sodass das Wahrzeichen der Stadt nicht nur für die nächsten Jahrzehnte erhalten bleibt, sondern auch sein historisches Erscheinungsbild wiedererlangt hat.

Mit Investitionen von rund 14 Millionen Euro, davon ein erheblicher Teil allein für das Gerüst, wurde eine der höchsten Ausstellungshallen Europas instand gesetzt, die seit über 25 Jahren als kultureller Mittelpunkt dient und bereits über acht Millionen Besucher angezogen hat. Die Wiederherstellung des ursprünglichen "Gesichts" von 1949, kombiniert mit modernen Materialien und Techniken, macht den Gasometer zu einem Vorbild für die Sanierung ähnlicher Industriedenkmale.

Die enge Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflegern, Ingenieuren, Architekten und Handwerkern zeigt, dass auch komplexe Sanierungsprojekte erfolgreich umgesetzt werden können, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Der Gasometer Oberhausen wird so nicht nur als technisches Bauwerk, sondern auch als Symbol für den Wandel und die kulturelle Blüte des Ruhrgebiets erhalten bleiben.

Quellen

  1. baumensch.de - Sanierung Gasometer Oberhausen
  2. architekturblatt.de - Neue alte Farbe für Industriedenkmal
  3. bundesbau.de - Komplettsanierung Gasometer Oberhausen
  4. bauhandwerk.de - Komplettsanierung des denkmalgeschützten Gasometers
  5. lindner-lohse-architekten.de - Denkmal-Sanierung Gasometer in Oberhausen

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