Einleitung
Die Gaukirche St. Ulrich in Paderborn, eines der ältesten Gotteshäuser der Stadt, hat nach fast zweijähriger Bauzeit am 6. Mai ihre Pforten wiedereröffnet. Die umfassende Renovierung unter der Leitung von Architektin Martina Tebel hat das historische Bauwerk nicht only restauriert, sondern auch für zukünftige Generationen nutzbar gemacht. Die Kirche präsentiert sich nun als "hell und geräumig, mystisch andächtig, klar und strukturiert" und verbindet erfolgreich historische Bausubstanz mit modernen Anforderungen an Barrierefreiheit und Nutzungskomfort. Dieser Artikel beleuchtet die umfassende Sanierung des bedeutenden Baudenkmals, die Herausforderungen bei der Umsetzung und die besonderen Merkmale der renovierten Kirche.
Historische Hintergründe der Gaukirche
Die Gaukirche St. Ulrich, auch Gokirche, Gokerken oder lateinisch ecclesia rurens genannt, ist eine um 1170/80 erbaute römisch-katholische Kirche in Paderborn. Als Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen gelegen, befindet sie sich zentral am Markt- bzw. Domplatz der Bischofsstadt, direkt gegenüber dem Hohen Dom zu Paderborn. Ihre Ursprünge sind urkundlich nicht exakt datierbar, die Bestimmung der Entstehungszeit am Ende des 12. Jahrhunderts erfolgte ausschließlich durch baustilistische Vergleiche.
Die Kirche diente ursprünglich als Pfarrkirche des Domes und war vermutlich vor ihrer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1183 entstanden. Ihr Erbauer war Bischof Siegfried (1178-1188). Die Kirche ist dem Heiligen Ulrich geweiht und wird im Volksmund "Gaukirche" genannt, da sie in der südlichen Domfreiheit Paderborns lag und als Kirche des "Volkes des Padergaus" diente, im Gegensatz zur Bischofskirche, dem Dom.
Die wechselvolle Geschichte der Kirche ist eng mit der Entwicklung des Klosters verbunden. Im Jahr 1229 gründete Hermann von Waldeck auf dem Grundstück der Verwaltungszentrale des Hochstifts, dem Sternberger Hof unmittelbar neben der Gaukirche, ein Zisterzienserinnen-Kloster. Die ersten Nonnen kamen aus Münster. Die Kirche wurde 1231 zur Klosterkirche, ein Jahr später von Bischof Bernhard IV. bestätigt. Im 14. Jahrhundert wurden zwei Kapellen hinzugefügt, und um 1500/15 wurde das Haus zu einem Benediktinerinnen-Kloster. Im Zuge der Säkularisation wurde das Kloster 1810 aufgelöst.
Die barocke Umgestaltung der Kirche erfolgte unter Fürstbischof Clemens August, der seinen Architekten Franz Christoph Nagel (1699–1764) mit der Durchführung beauftragte. 1787 wurde das spitz zulaufende Turmdach durch ein Haubendach ersetzt. Bis heute stellt die Gaukirche die klassische Form der romanischen Basilika mit hohem Mittelschiff und niedrigen Seitenschiffen dar.
Das Renovierungsprojekt 2016-2018
Die umfassende Renovierung der Gaukirche begann nach dem Libori-Fest 2016 und dauerte fast zwei Jahre. Während dieser Zeit war das Gotteshaus für die Öffentlichkeit geschlossen. Die Gottesdienste wurden, soweit möglich, auf die Marktkirche und die Busdorfkirche verteilt. Der Dom in direkter Nachbarschaft bot zudem viele Ausweichmöglichkeiten, etwa zur Beichte. Die Messfeier mit den Frauen, die nun um 9.00 Uhr im Kapitelsaal des Domes gefeiert wird, hat sich bewährt und wurde auch nach Wiedereröffnung der Gaukirche beibehalten.
Das Projekt wurde unter der Leitung der Architektin Martina Tebel durchgeführt und zielte darauf ab, die historische Bausubstanz zu erhalten, gleichzeitig aber auch moderne Anforderungen an Barrierefreiheit, Nutzungskomfort und technische Ausstattung zu erfüllen. Die Herausforderung bestand darin, die Balance zwischen notwendiger Modernisierung und dem Erhalt des historischen Charakters der Kirche zu finden.
Die lange Renovierungszeit war notwendig, um sorgfältige Arbeiten an dem denkmalgeschützten Bau durchzuführen. Pfarrer Benedikt Fischer betonte in zahllosen Gesprächen und Anfragen, wie sehr sich die Paderborner auf die wieder zugängliche Gaukirche freuten. Sie ist nicht nur eines der ältesten Gotteshäuser der Stadt (um 1180), sondern auch aufgrund ihrer Lage eines der am meist besuchten.
Wichtige Renovierungsmaßnahmen
Äußere Umgestaltung
Die Westpforte der Kirche wurde völlig neu gestaltet. Die barocke, später angebaute Vorhalle erhielt durch diese Maßnahmen eine größere Eigenständigkeit. Der frühere Glaskasten am Ausgang, der als Windfang diente, konnte entfernt werden. Stattdessen wurde eine Glastür in den Bogen in der Wand zum Kirchenraum gesetzt, wodurch die deutlich vergrößerte Vorhalle nun auch als Raum der Andacht und des Gebets genutzt werden kann. Besonders durch diese neuen Glaswände, die von Künstler Thierry Boissell gestaltet und vom Paderborner Unternehmen Glasmalerei Peters ausgeführt wurden, hebt sich die Kirche optisch ab.
Innensanierung
Die Innensanierung der Gaukirche umfasste umfangreiche Arbeiten an den Wänden und der Decke. Vor der Renovierung waren diese Flächen durch Kerzenruß stark geschwärzt. In Handarbeit mit Spezialschwämmen wurden insgesamt 4.000 Quadratmeter Fläche gereinigt, bevor die neue Farbe aufgetragen wurde. Diese aufwendige Reinigungsmethode war notwendig, um die historische Bausubstanz nicht zu beschädigen.
Besonders der Chorraum der Gaukirche wurde umgestaltet. Er erhielt ein einheitliches Mobiliar und trägt an seiner Rückwand nun die steinernen Reliefbilder aus dem Hochaltar, die zuvor außen an der Sakristeiwand zu sehen waren. Die Entfernung der Kommunionbänke sorgte für einen durchlässigeren Chorraum zur Gemeinde hin, da keine abtrennenden Schranken mehr vorhanden sind.
Technische Modernisierung
Ein zentraler Bestandteil der Renovierung war die Installation eines neuen Heiz- und Lüftungssystems. Der Kirchenvorstand beschloss die Einrichtung eines Heizsystems, das auch eine Belüftung von außen steuert. Dabei wird elektronisch die Luftfeuchtigkeit draußen gemessen und errechnet, wann sich die Kirchenfenster für eine optimale Belüftung öffnen müssen. Bereits eingebracht wurden Heizstationen, eine neue Heizung im Keller und die entsprechenden Schächte.
Die klaren Fensterflächen, die vorübergehend eingebaut sind und von außen deutlich auffallen, markieren die Stellen, an denen künftig die Belüftungsklappen sein werden. Diese technische Modernisierung soll die Luftqualität in der Kirche verbessern und gleichzeitig die historische Bausubstanz durch kontrollierte Belüftung schützen.
Barrierefreiheit
Ein wichtiges Anliegen der Renovierung war die Barrierefreiheit der Kirche. Die Stufe am Nordeingang wurde eingeebnet, und die Türen dort können nun elektronisch geöffnet werden. Eine große Glaswand trennt den Eingang vom Kirchenschiff ab und ermöglicht den Zutritt zur benachbarten und nun ebenfalls von Glaswänden eingerahmten Kreuzkapelle auch außerhalb der Regel-Öffnungszeiten von 8.30 bis 19 Uhr.
Zwei Reliefs, die sich bislang an der Außenwand der Sakristei befanden, wurden bereits an der Ostwand im Chorraum angebracht. Die Kreuzigungsgruppe, die sich bislang links des Nordeingangs vor der Kreuzkapelle befand, ist nun an der Westwand des nördlichen Umgangs aufgestellt. Damit konnte ein schon vorhandener Durchgang zur Kreuzkapelle wieder geöffnet werden, der eine sympathische Windfanglösung ermöglicht. Künftig kann man aus dem Windfang des Nordeingangs (barrierefrei) links in die Kreuzkapelle eintreten, wodurch eine "Gitter-Lösung", die den Zugang unter Umständen beschränken kann, überflüssig geworden ist.
Künstlerische und kulturelle Aspekte
Die Gaukirche bewahrt zahlreiche wertvolle Kunstschätze, die während der Renovierung geschützt und teilweise neu präsentiert wurden. Ältere Einrichtungsgegenstände sind das Gabelkreuz in der Kreuzkapelle (um 1370), ein Kreuzrelief (um 1440) oder das gotische Sakramentshaus (nach 1450). Der Kreuzweg, auf Kupferplatten gemalt, stammt von Georg Goldkuhle aus Wiedenbrück und kam Ende des 19. Jahrhunderts in die Kirche.
Im südlichen Querhaus der Gaukirche steht ein neugotischer Flügeltabernakel, der im Jahr 1894 von dem Bildhauer Anton Hellwig geschaffen wurde. Er zeigt Szenen aus dem Leben der Gottesmutter Maria. An der Nordseite ist zwischen Querhaus und Chor die ebenfalls quadratische Kreuzkapelle eingefügt, die nun durch die Glaswände besser zugänglich ist.
Das Taufbecken aus Sandstein ist wahrscheinlich eine Arbeit von Pütt. Rechrs neben dem Altar befindet sich die Skulptur des Hl. Sankt Ulrich. Die barocke Vorhalle, die das frühere Hauptportal – ein rundbogiges romanisches Stufenportal – heute im Innern verdeckt, stammt aus der Umgestaltungsphase am Ende des 17. Jahrhunderts.
Herausforderungen und Lösungen
Bei der Renovierung der Gaukirche traten verschiedene Herausforderungen auf, die sorgfältige Planung und innovative Lösungen erforderten. Die größte Herausforderung war die Balance zwischen notwendiger Modernisierung und dem Erhalt des historischen Charakters der Kirche. Besonders bei der Reinigung der Wände und Decke war Vorsicht geboten, um die historische Bausubstanz nicht zu beschädigen.
Die Firma Denkmalpflege Wibbeke wurde mit der Sanierung beauftragt und sorgte dafür, dass die Gaukirche in neuem Glanz erstrahlt. Die 4.000 Quadratmeter große Fläche wurde in Handarbeit mit Spezialschwämmen gereinigt, bevor die neue Farbe aufgetragen wurde.
Ein weiteres Problem war die Sicherung des Zugangs zur Kreuzkapelle während der Bauzeit. Durch die Umstellung der Kreuzigungsgruppe an die Westwand des nördlichen Umgangs konnte ein vorhandener Durchgang wieder geöffnet werden, der eine Windfanglösung ermöglicht.
Die technische Modernisierung mit dem Heiz- und Lüftungssystem erforderte eine sorgfältige Planung, um die historische Bausubstanz nicht zu beeinträchtigen. Die Lösung war ein System, das elektronisch die Luftfeuchtigkeit draußen misst und errechnet, wann sich die Kirchenfenster für eine optimale Belüftung öffnen müssen.
Ergebnisse und neue Funktionalität
Nach Abschluss der Renovierung präsentiert sich die Gaukirche ihren Besuchern in einem völlig neuen Gewand. Die Kirche ist nun barrierefrei zugänglich und bietet durch die großen Glaswände mehr Transparenz und Lichtdurchlass. Die Vorhalle hat durch die Neugestaltung an Eigenständigkeit gewonnen und kann nun auch als Raum der Andacht und des Gebets genutzt werden.
Die Kreuzkapelle ist durch die Glaswände besser zugänglich und ermöglicht die tägliche Aussetzung des Allerheiligsten zur Anbetung auch außerhalb der Regel-Öffnungszeiten. Der Chorraum wirkt durch die Entfernung der Kommunionbänke durchlässiger zur Gemeinde hin.
Die technische Modernisierung mit dem neuen Heiz- und Lüftungssystem soll für ein besseres Raumklima sorgen und die historische Bausubstanz durch kontrollierte Belüftung schützen. Die klaren Fensterflächen, die vorübergehend eingebaut sind, markieren die Stellen, an denen künftig die Belüftungsklappen sein werden.
Fazit
Die umfassende Sanierung der Gaukirche St. Ulrich in Paderborn ist gelungenes Beispiel für den sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz. Die Verbindung von notwendiger Modernisierung mit dem Erhalt des historischen Charakters der Kirche ermöglichte es, das bedeutende Baudenkmal für zukünftige Generationen zu erhalten und gleichzeitig neue Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen.
Die Renovierung unter der Leitung von Architektin Martina Tebel hat nicht nur die baulichen Mängel behoben, sondern auch die Kirche barrierefrei und zugänglicher gemacht. Die neue technische Ausstattung mit Heiz- und Lüftungssystem soll für ein besseres Raumklima sorgen und die Bausubstanz schützen.
Besonders hervorzuheben ist die gelungene Integration neuer Elemente wie der Glaswände, die den historischen Charakter der Kirche nicht beeinträchtigen, aber mehr Transparenz und Lichtdurchlass ermöglichen. Die Gaukirche präsentiert sich nun als "hell und geräumig, mystisch andächtig, klar und strukturiert" und bleibt ein zentrales religiöses und kulturelles Zentrum in Paderborn.