Sanierung der Gorch Fock: Restaurierung eines maritimen Erbes

Einleitung

Die Gorch Fock, ein traditionsreiches Segelschulschiff mit reicher Geschichte, durchläuft derzeit eine umfassende Sanierung, die ihr neues Leben als Museumsschiff ermöglichen soll. Das über 80 Meter lange Dreimast-Bark wurde 1933 für die Reichsmarine gebaut und hat unter verschiedenen Flaggen segelt, bevor es nach Stralsund zurückkehrte. Die aktuelle Sanierung, die sowohl die Wiederherstellung der Seetüchtigkeit als auch die Einrichtung eines barrierefreien Bordmuseums umfasst, stellt ein bedeutendes Projekt im Bereich der Denkmalpflege und Restaurierung historischer Schiffe dar. Dieser Artikel beleuchtet die Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen, die beteiligten Parteien, die finanziellen Aspekte und die zukünftige Nutzung des maritimen Denkmals.

Geschichte und Bedeutung der Gorch Fock

Die Gorch Fock I stellt ein wertvolles maritimes Erbe dar mit einer bewegten Geschichte, die verschiedene politische Epochen widerspiegelt. Das Schiff wurde 1933 bei Blohm & Voss in Hamburg für die Reichsmarine gebaut und nach nur 100 Tagen Bauzeit am 3. Mai desselben Jahres vom Stapel gelassen. Mit einer Länge von über 82 Metern und einer Breite von 12 Metern zählte es zu den bedeutendsten Segelschulschiffen seiner Zeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte das Schiff eine bemerkenswerte Wandlung. Von 1945 bis 1947 lag die Gorch Fock versenkt im Strelasund in der Nähe der heutigen Volkswerft Stralsund. Die Versenkung geschah, um zu verhindern, dass das Schiff in die Hände der Sowjetunion fiel. Dennoch wurde es letztlich als Reparationsgut an die Sowjetunion übergeben und erhielt den neuen Namen "Towarischtsch" (Genosse auf Russisch).

Unter sowjetischer Flagge diente das Schiff als Ausbildungsschiff für die Handelsmarine. Diese Funktion spiegelt sich auch in den erhaltenen Originalteilen an Bord wider, wie dem sowjetischen Bordkino, das bewahrt werden soll. Bis heute sind auch rote Sowjetsterne auf den Pollern des Schiffes sichtbar, die diese Epoche der Geschichte dokumentieren.

Nach der Auflösung der Sowjetunion segelte das Schiff unter ukrainischer Flagge, bevor es im Jahr 2003 vom Verein Tall Ship Friends e.V. gekauft wurde und nach Stralsund zurückkehrte. Seitdem hat es die Silhouette der Hansestadt geprägt und ist zu einem kulturellen Symbol geworden.

Das Sanierungsprojekt: Umfang und Ziele

Die aktuelle Sanierung der Gorch Fock ist ein umfassendes Projekt, das sowohl die Erhaltung des historischen Erbes als auch die Anpassung an moderne Sicherheitsstandards und Besucheranforderungen vorsieht. Das Schiff befindet sich seit Juni 2022 in der großen Schiffbauhalle der Stralsunder Volkswerft, wo es von rund 50 Mitarbeitern der Stralsunder Tochter des norwegischen Unternehmens Fosen Yard bearbeitet wird.

Die Sanierungsarbeiten konzentrieren sich auf mehrere Kernbereiche:

  1. Außenhaut und Rumpf: Etwa 70 Quadratmeter der Außenhaut mussten erneuert werden, darunter auch Platten in der Mitte des Schiffes, die zur Entfernung von Maschinenteilen herausgenommen worden waren. Diese Arbeiten sind nun abgeschlossen, und die Außenhaut des über 80 Meter langen Traditionsseglers ist wieder komplett.

  2. Takelage und Masten: Die Masten des Schiffes wurden bereits abgenommen, gereinigt, geschliffen, geschweißt und neu angestrichen. Besonders hervorzuheben ist die Rückkehr des 35 Meter hohen Fockmastes, der bereits vor Weihnachten 2022 wieder aufgestellt wurde. Die gesamte Takelage wird erneuert, um die Sicherheit zu gewährleisten.

  3. Decks und Innenräume: Neben der Erneuerung der Decks erfolgt auch eine Modernisierung der Innenräume. Besonders erwähnenswert ist der Austausch der alten Kombüse, die nicht mehr den Hygienevorschriften entsprach, durch eine neue, modernere Einrichtung.

  4. Brandschutz: Ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung ist die Verbesserung des Brandschutzes an Bord, um den geltenden Sicherheitsstand zu entsprechen.

Die geplanten Maßnahmen sollen die Schwimmfähigkeit des Schiffes für die kommenden 25 Jahren sicherstellen und gleichzeitig den Charakter des historischen Schiffes bewahren. Nach Aussage der beteiligten Experten wird das Schiff nach den aktuellen Arbeiten jedoch nicht vollständig segelfähig sein. Für die Wiederherstellung der vollen Segelfähigkeit wären weitere Investitionen in Höhe von geschätzten 22 Millionen Euro erforderlich, wie vom Betreiberverein Tall Ship Friends e.V. angegeben.

Finanzierung der Sanierung

Die Sanierung der Gorch Fock stellt ein finanziell anspruchsvolles Projekt dar, das durch eine Kombination öffentlicher Fördermittel und privater Mittel finanziert wird. Die Bundesregierung fördert das Projekt mit rund 13,5 Millionen Euro, wie die für Stralsund zuständige Bundestagsabgeordnete Anna Kassautzki (SPD) mitteilte. Diese Mittel fließen in die Grundsanierung sowie den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums an Bord.

Der Großteil der finanziellen Unterstützung stammt aus EU- und Landesfördermitteln. Die ursprünglich geschätzten Kosten für die grundlegenden Arbeiten zur Gewährleistung der Schwimmfähigkeit und Sicherheit betrugen etwa 10,6 Millionen Euro. Nach aktuellen Planungen belaufen sich die Sanierungskosten auf rund zehn Millionen Euro, wobei die genaue Summe je nach Fortschritt der Arbeiten variieren kann.

Der Eigenanteil, den die Stadt Stralsund aufzubringen hatte, wird vom aktuellen Schiffseigner, dem Verein Tall Ship Friends e.V., aus dem Verkaufserlös getragen. Dieser Verein wird das Schiff auch nach Abschluss der Sanierung weiter betreiben und es als Museumsschiff im Stralsunder Stadthafen der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Die Finanzierung des Projekts verdeutlicht die hohe Priorität, die die Bewahrung dieses maritimen Erbes für die öffentliche Hand genießt. Die umfangreichen Fördermittel von EU, Bund und Land ermöglichen die Durchführung der Sanierung, die für die Stadt Stralsund als kulturelles und touristisches Aushängeschild von großer Bedeutung ist.

Technische Aspekte der Restaurierung

Die technische Sanierung der Gorch Fock erfordert spezialisiertes Wissen und handwerkliches Geschick in der Schiffbaukunst. Die Arbeiten in der Stralsunder Volkswerft stellen eine besondere Herausforderung dar, da es gilt, moderne Sicherheitsstandards mit der Erhaltung des historischen Charakters zu verbinden.

Ein wesentlicher Aspekt der Restaurierung ist die Verwendung umweltfreundlicher Materialien. Für den neuen Anstrich des Schiffes wurden Öko-Farben verwendet, die nicht nur den historischen Charakter bewahren, sondern auch den Umweltschutzstandards entsprechen. Die Farbgestaltung in frischem Weiß mit edler dunkler Lackierung und goldfarbenen Verzierungen verleiht dem Schiff wieder das prächtige Aussehen, das es einst hatte.

Die Arbeiten dauern mittlerweile länger als der ursprüngliche Bau des Schiffes vor über 90 Jahren. Während die Gorch Fock 1933 nach nur 100 Tagen Bauzeit auf der Hamburger Werft Blohm+Voss vom Stapel lief, zieht sich die aktuelle Sanierung bereits über einen längeren Zeitraum hin. Dieser Unterschied verdeutlicht den komplexeren Anforderungen an eine historische Restaurierung im Vergleich zum ursprünglichen Schiffsbau.

Die Sanierung erfolgt systematisch in mehreren Phasen. Zunächst konzentrierten sich die Arbeiten auf die Entfernung und Restaurierung der Takelage. Anschließend erfolgte die Erneuerung der Außenhaut, wobei besondere Sorgfalt auf die Verbindung neuer mit alten Teilen verwendet wurde. Aktuell werden die Decks und Innenräume saniert, bevor abschließende Tests und Konservierungsarbeiten folgen.

Besonders herausfordernd ist die Balance zwischen der Wiederherstellung der ursprünglichen Substanz und der Anpassung an moderne Anforderungen. So müssen historische Elemente wie die sowjetischen Markierungen erhalten bleiben, während gleichzeitig moderne Sicherheits- und Hygienevorschriften umgesetzt werden. Diese doppelte Zielsetzung erfordert eine sorgfältige Abwägung bei jeder einzelnen Restaurierungsentscheidung.

Zukünftige Nutzung und Besucherinformationen

Nach Abschluss der Sanierung soll die Gorch Fock 1 als Museumsschiff im Stralsunder Stadthafen wieder für Besucher geöffnet werden. Laut Angaben der Stadt soll das Schiff dort zur Saison kommenden Jahres wieder für Besucher zugänglich sein. Der Betreiberverein Tall Ship Friends e.V. plant, das Schiff als lebendiges Museum zu betreiben, das die Geschichte des Schiffes und seiner Epochen anschaulich vermittelt.

Das Schiff wird seinen traditionellen Platz im Stadthaven neben dem Ozeaneum einnehmen, wo es bereits vor der Sanierung ein beliebtes Ausflugsziel war. Nach der Ankunft am 7. Mai 2023 wurde das Schiff am Pier neben dem Ozeaneum festgemacht und konnte ab dem 8. oder 9. Mai von Besuchern besichtigt werden.

Erstmals nach ihrer Sanierung konnte die Gorch Fock am Tag der offenen Volkswerft am 4. Mai 2023 besichtigt werden. Für diesen besonderen Anlass war keine Anmeldung oder Ticketbuchung erforderlich. Zugänglich für Besucher waren das Backdeck, das Hauptdeck und das Oberdeck, die einen beeindruckenden Einblick in die Geschichte und das Leben an Bord des Traditionsseglers ermöglichen.

Für die Zukunft sind weitere Besuche bei maritimen Veranstaltungen geplant. Nach Vorbild des Schulschiffs der Deutschen Marine, das nach seiner Generalüberholung an Veranstaltungen wie der "Kieler Woche" und der "Hanse Sail" in Rostock teilnimmt, könnte auch die Gorch Fock 1 wieder zu solchen Veranstaltungen eingeladen werden.

Die Einrichtung eines barrierefreien Bordmuseums wird es einem breiteren Publikum ermöglichen, das Schiff zu besichtigen und seine Geschichte kennenzulernen. Dieses Vorhaben ist Teil des Konzepts, das Schiff nicht nur als technisches Denkmal, sondern auch als lebendiges Stück maritimer Geschichte zu präsentieren.

Fazit

Die Sanierung der Gorch Fock ist ein beeindruckendes Beispiel für den Erhalt maritimen Erbes. Das über 90 Jahre alte Schiff, das die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts von der Reichsmarine über die Sowjetunion bis zur deutschen Wiedervereinigung widerspiegelt, erhält durch die umfassende Restaurierung eine zweite Chance als Museumsschiff.

Die Arbeiten, die von einem Team aus rund 50 Fachkräften der Stralsunder Volkswerft durchgeführt werden, umfassen die Erneuerung der Außenhaut, die Restaurierung der Takelage, die Modernisierung der Innenräume und die Verbesserung der Sicherheitseinrichtungen. Mit Kosten in Höhe von rund zehn Millionen Euro, finanziert durch EU-, Bundes- und Landesmittel sowie Eigenanteile des Vereins Tall Ship Friends e.V., stellt das Projekt eine bedeutende Investition in die kulturelle Infrastruktur Stralsunds und der Region Mecklenburg-Vorpommern dar.

Die Sanierung zeigt, wie historische Baudenkmäler an moderne Anforderungen angepasst werden können, ohne ihren Charakter und ihre historische Authentizität zu verlieren. Die Verwendung umweltfreundlicher Materialien, die Erhaltung originaler Teile wie des sowjetischen Bordkinos und die sorgfältige Restaurierung jedes Details unterstreichen diesen Ansatz.

Für die Stadt Stralsund stellt die Gorch Fock nicht nur ein technisches Denkmal dar, sondern auch ein wichtiges touristisches Aushängeschild und Symbol für die maritime Tradition der Region. Nach Abschluss der Sanierung wird das Schiff wieder als Museumsschiff zugänglich sein und Besuchern die Möglichkeit bieten, die Geschichte des Schiffes und seiner Epochen hautnah zu erleben.

Die Gorch Fock wird somit nicht nur ein Stück maritimer Geschichte bewahren, sondern auch als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart dienen, zukünftigen Generationen die Bedeutung der Seefahrt und ihrer Tradition vermitteln und als Schauplatz für Begegnungen und Erinnerungen dienen.

Quellen

  1. Gorch Fock erstrahlt in neuem Glanz
  2. Sanierung der "Gorch Fock 1" - Außenhaut wieder komplett
  3. Millionen-Sanierung für Schiff Gorch Fock - Besucher können wieder rauf
  4. 13,5 Millionen Euro für Sanierung der Gorch Fock (I)
  5. Gorch Fock strahlt wieder in Stralsunder Volkswerft

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