Haithabu: Von der Wikingersiedlung zum UNESCO-Welterbe - Archäologie, Rekonstruktion und Erhalt

Einleitung

Haithabu, einst bedeutendster Handelsplatz der Wikingerzeit in Nordeuropa, stellt heute eines der wichtigsten archäologischen Denkmäler Deutschlands dar. Die Siedlung, die vom 8. bis ins 11. Jahrhundert bestand, war ein zentraler Umschlagpunkt zwischen dem Baltikum, Skandinavien und Westeuropa. Nach ihrer Zerstörung im Jahr 1066 geriet der Ort in Vergessenheit, bevor er im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Heute gehört das Gelände gemeinsam mit dem Danewerk zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist nicht nur ein bedeutendes Forschungsobjekt, sondern auch ein wichtiger Ort der Präsentation und Vermittlung wikingerzeitlicher Geschichte. Dieser Artikel beleuchtet die archäologische Erforschung, die Rekonstruktion der Anlagen sowie die Maßnahmen zum Erhalt und zur Präsentation dieses einzigartigen Kulturdenkmals.

Geschichte und Bedeutung Haithabus

Haithabu, dänisch Hedeby genannt, wurde um 770 n. Chr. gegründet und entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Handelszentrum. Die Siedlung lag im Süden der Kimbrischen Halbinsel am Ende der Schlei, einer Meeresarm der Ostsee, die tief ins Landesinnere reicht. Diese strategische Lage ermöglichte Haithabu eine wichtige Funktion als Knotenpunkt im Fernhandel zwischen verschiedenen Regionen Nordeuropas.

Die Siedlung erhielt ihre besondere Bedeutung durch die erzwungene Ansiedlung von Kaufleuten aus Reric nach dessen Zerstörung im Jahr 808. Dieser Zustrom von Handwerkern und Händlern führte zu einer schnellen Siedlungsverdichtung und zur Entwicklung einer differenzierten Wirtschaftstruktur, die über die reine Selbstversorgung hinausging. Die Stadtbewohner waren nicht auf die Landwirtschaft angewiesen, was die Entstehung spezialisierter Handwerksberufe und Handelsaktivitäten ermöglichte.

Im 9. Jahrhundert entwickelte sich Haithabu weiter, wobei eine zweite Siedlung weiter nördlich und eine weitere am Haithabu-Bach entstanden. Ende des 9. Jahrhunderts wurden jedoch der nördliche und südliche Teil der Siedlung aufgegeben, während der mittlere Teil am Haithabu-Bach weiter genutzt wurde. Nach 930 entstand der Halbkreiswall, der die Siedlung umschloss und etwa neun Meter hoch war. Dieser Wall umschloss eine Fläche von 26 Hektar und bot der wachsenden Siedlung Schutz.

Um 968 ließ der dänische König Harald Blauzahn einen 3,5 Kilometer langen Verbindungswall zwischen dem Halbkreiswall von Haithabu und dem Danewerk errichten. Diese Befestigungsanlage sollte sowohl die Siedlung als auch den wichtigen Handelsweg Richtung Westen schützen.

Das Schicksal Haithabus nahm eine entscheidende Wende im Jahr 1066, als die Siedlung im Zuge von Konflikten zwischen den nordischen Herrschern zerstört wurde. Ein zeitgenössischer Bericht beschreibt die Zerstörung: "Verbrannt wurde von einem Ende zum anderen ganz Haithabu im Zorn, eine vortreffliche Tat, meine ich, die Sven schmerzen wird. Hoch schlug die Lohe aus den Häusern, als ich in der Nacht vor Tagesgrauen auf dem Arm der Burg stand." Haithabu konnte sich von dieser Zerstörung nicht mehr erholen. Noch im selben Jahr wurde der Ort erneut von Westslawen geplündert und gebrandschatzt, was endgültig das Ende der Wikingerzeit markierte.

Die Bewohner Haithabus bauten die Siedlung nicht wieder auf. Stattdessen zogen sie zwei Kilometer weiter nach Norden an das andere Ufer der Schlei, wo wahrscheinlich bereits eine Siedlung existierte, aus der später die Stadt Schleswig hervorging. Die aufgegebene Siedlung Haithabu verfiel im Laufe des 11. Jahrhunderts aufgrund des steigenden Wasserstandes von Ostsee und Schlei. Die oberirdischen Bauten und Anlagen gingen vollständig verloren, und selbst der genaue Standort geriet in Vergessenheit.

Archäologische Forschung und Funde

Die systematische archäologische Erforschung Haithabus begann 1959 mit Ausgrabungen in der gesamten Südsiedlung vor dem Halkbreiswall sowie in einem großen Teil des alten Siedlungskerns im Halbkreiswall. Diese Untersuchungen ermöglichten erstmals ein detailliertes Bild der Siedlungsstruktur und des Lebens in der Wikingerzeit. Parallel dazu wurde auch die Untersuchung des 11 Hektar großen Hafenbeckens vorangetrieben.

Bereits 1953 fanden erfolgreiche Tauchfahrten statt, bei denen weitere Reste der Hafenpalisade und das Wrack des Wikingerschiffes Haithabu 1 entdeckt wurden. Das Schiffswrack wurde jedoch erst 1979 nach der Errichtung eines speziellen Bergbauwerkes (Spundkasten) geborgen. Die Bergung, Konservierung und anschließende Rekonstruktion des Wikingerschiffes wurden von der Film-AG im Studentenwerk Schleswig-Holstein unter Leitung von Kurt Denzer auf 16-mm-Film dokumentiert. Das Ergebnis dieser filmischen Arbeit war 1985 der 30-minütige Dokumentarfilm "Das Haithabu-Schiff".

Die Ausgrabungen und Untersuchungen des Hafens wurden bis 1980 fortgesetzt, brachten jedoch nur teilweise Ergebnisse. Bis zu diesem Zeitpunkt waren lediglich fünf Prozent des Siedlungsareals und ein Prozent des Hafens intensiv untersucht worden. Dennoch hat Haithabu als besterforschter frühmittelalterlicher Hafen Deutschlands herausragende Bedeutung für die Archäologie der Wikingerzeit.

Die dendrochronologische Datierung der Funde erwies sich als besonders erhellend für das Verständnis der Siedlungsentwicklung. Dieter Eckstein gelang 1969 im Rahmen seiner Dissertation die erste jahrgenaue dendrochronologische Datierung von Funden aus Haithabu. Mit Hilfe dieser Methode konnte festgestellt werden, dass die einzelnen Gebäude auf dem feuchten Untergrund nur eine kurze Lebensdauer hatten und mehrmals überbaut wurden. Diese Erkenntnisse sind für das Verständnis der Siedlungsdynamik und der baulichen Entwicklung Haithabus von zentraler Bedeutung.

Die archäologischen Funde aus Haithabu umfassen eine Vielzahl von Objekten, die den intensiven Handel mit weit entfernten Regionen belegen. Keramik, Metallgegenstände, Glaswaren und Münzen aus verschiedenen Teilen Europas wurden in den Ausgrabungen freigelegt. Diese Funde dokumentieren nicht nur die wirtschaftliche Bedeutung Haithabus, sondern auch die kulturellen Verbindungen und den kulturellen Austausch in der Wikingerzeit.

Rekonstruktion der Wikingerhäuser

Ein bedeutender Schritt in der Präsentation von Haithabu war die Rekonstruktion von sieben Wikingerhäusern im Bereich der alten Siedlung. Diese Maßnahme wurde von 2005 bis 2008 durchgeführt und am 7. Juni 2008 in einem Festakt der Öffentlichkeit präsentiert. Die rekonstruierten Häuser wurden als Teil des Freilichtmuseums Wikinger Museum Haithabu errichtet und ermöglichen Besuchern heute einen authentischen Eindruck von der Lebensweise der Wikinger.

Die Rekonstruktion basierte auf den archäologischen Funden und Befunden aus den Ausgrabungen. Die Forscher des Archäologischen Landesamtes Schleswig-Holstein unter der Leitung von Claus von Carnap-Bornheim untersuchten die Grundrisse, Fundamente und anderen Überreste der ursprünglichen Gebäude, um eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion zu ermöglichen. Die Häuser wurden in traditioneller Technik mit den Materialien der Wikingerzeit errichtet, was Einblicke in die damalige Bauweise und Handwerkskunst ermöglicht.

Die Rekonstruktion der Häuser ist Teil des Welterbevorhabens "Danewerk und Haithabu", das am 1. November 2004 begonnen wurde. Dieses Projekt hatte zum Ziel, die Bedeutung der Stätte als Teil des europäischen Kulturerbes zu würdigen und die Anlagen für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zusammen mit dem Danewerk und weiteren wikingerzeitlichen Stätten in Nordeuropa wurde Haithabu zunächst im Rahmen des transnationalen Projektes "Wikingerzeitliche Stätten in Nordeuropa" für das Weltkulturerbe der UNESCO nominiert. Der internationale Antrag mit Island, Dänemark, Lettland und Norwegen wurde jedoch 2015 vom Welterbekomitee zur weiteren Überarbeitung an die Antragsteller zurückverwiesen und ist daraufhin nicht mehr weiterverfolgt worden.

Die rekonstruierten Häuser sind heute ein zentraler Bestandteil des Besucherangebots des Wikinger Museums Haithabu. Sie bieten nicht nur einen visuellen Eindruck von der Siedlung, sondern dienen auch als Schauplatz für Veranstaltungen und Aktivitäten, die das Leben in der Wikingerzeit lebendig werden lassen. Insbesondere die jährlich stattfindenden Wikingertage der Stadt Schleswig ziehen Tausende Besucher an. An einem Wochenende im August treffen sich "Wikinger" aus mehreren europäischen Nationen, vor allem aus Dänemark, Schweden und England, aber auch aus Polen und Litauen, auf den Königswiesen direkt an der Schlei, um die Welt der Wikinger zu präsentieren. Diese Veranstaltung, erstmals 1986 ins Leben gerufen, zieht inzwischen mehr als 100.000 Besucher an und hat sich zu einem der größten historischen Veranstaltungen in Nordeuropa entwickelt.

Konservierung und Präsentation

Die Präsentation von Haithabu hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt und nutzt moderne Technologien, um Besuchern einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Stätte zu ermöglichen. Im Oktober 2024 wurde die Webseite von Haithabu völlig neu gestaltet und bietet nun die Möglichkeit einer Zeitreise durch die Anlagen. Ein besonderes Highlight ist der 3D-Rundgang durch das Museum, die Außenanlagen und das Danewerk, der Besuchern eine immersive Erfahrung ermöglicht.

Zusätzlich zur Webseite wurde das Projekt "Viking Walls" entwickelt, das einen Intro und eine Exploration als virtuellen Rundgang anbietet. Diese digitale Anwendung ermöglicht es Nutzern, sich virtuell durch die Landschaft zu bewegen und zwischen Nord- und Ostsee einzelne Abschnitte gezielt anzuklicken. Darüber können weitere Visualisierungen, wie beispielsweise die Palisadenreihe im Hafenbereich, abgerufen werden. Diese digitale Präsentation macht die Geschichte Haithabus einem breiten Publikum zugänglich und ermöglicht es, die Anlagen auch ohne physischen Besuch zu erkunden.

Eine weitere moderne Präsentationsform ist die App "Vergangenheit trifft Gegenwart", die speziell für Smartphones und Tablets entwickelt wurde. Diese Anwendung erweitert das physische Besuchererlebnis und bietet zusätzliche Informationen und multimediale Inhalte zur Geschichte Haithabus.

Neben den digitalen Angeboten hat auch die physische Präsentation der Funde und Anlagen weiterentwickelt. Das Wikinger Museum Haithabu zeigt die Ergebnisse der jahrzehntelangen Ausgrabungen und vermittelt die Geschichte der Siedlung und ihrer Bewohner. Die Ausstellung dokumentiert nicht nur die architektonischen Merkmale der Häuser, sondern auch den Alltag, den Handel und die Kultur der Wikingerzeit.

Die Geländegestaltung wurde so gestaltet, dass Besucher einen Eindruck von der ursprünglichen Struktur der Siedlung erhalten. Der Halbkreiswall, der einst die Siedlung schützte, ist heute noch sichtbar und kann begehrt werden. Von diesem Wall aus hat man einen guten Blick auf das Haddebyer Noor und kann die geografische Lage der ehemaligen Hafenanlage nachvollziehen.

Die Präsentationsformen von Haithabu haben sich dabei ständig weiterentwickelt. So wurde 2013 eine Ausstellung in Hollingstedt, dem Nordseehafen von Haithabu, eröffnet, die weitere Aspekte des Handels und der Verbindungen Haithabus zu anderen Regionen Nordeuropas beleuchtet. Diese Ergänzung zum Hauptmuseum in Haithabu ermöglicht ein noch umfassenderes Verständnis der Bedeutung des Ortes im Handelssystem der Wikingerzeit.

UNESCO-Welterbe-Status und Schutzmaßnahmen

Im Jahr 2018 wurde Haithabu gemeinsam mit dem Danewerk als Archäologischer Grenzkomplex Haithabu und Danewerk in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung würdigt die herausragende universelle Bedeutung der Stätte als Zeugnis der Wikingerzeit und als frühes Beispiel für urbanes Leben in Nordeuropa.

Der Welterbe-Status bringt besondere Verpflichtungen mit sich für den Erhalt und die Pflege der Anlagen. Die Wallanlagen um die ehemalige Siedlung sind Bestandteil des Naturschutzgebietes "Haithabu-Dannewerk", was einen zusätzlichen Schutzlevel darstellt. Diese Kombination aus Kultur- und Naturschutz保证了 die Erhaltung der Landschaftsform, die eng mit der Geschichte der Stätte verbunden ist.

Die Anerkennung als UNESCO-Welterbe hat die Bedeutung Haithabus nicht nur wissenschaftlich, sondern auch touristisch gesteigert. Die Stätte ist heute ein bedeutendes Ziel für kulturinteressierte Besucher aus dem In- und Ausland. Die UNESCO-Auszeichnung hat jedoch auch die Verantwortung für den Erhalt der Anlagen erhöht, da die Belastung durch Besucher kontrolliert und die Denkmalschutzmaßnahmen professionell gestaltet werden müssen.

Die Pflege der Welterbestätte erfolgt in enger Abstimmung zwischen verschiedenen Institutionen. Das Archäologische Landesamt Schleswig-Holstein ist maßgeblich an der Forschung und Dokumentation beteiligt, während die Museumsverwaltung für die Präsentation und Besucherbetreuung zuständig ist. Die Naturschutzbehörden kümmern sich um den Erhalt der Landschaftselemente, die eng mit der historischen St verbundenen sind.

Die Herausforderungen beim Erhalt der Welterbestätte sind vielfältig. Einerseits müssen die archäologischen Funde und Befunde vor natürlichen Verwitterungsprozessen und menschlichen Einflüssen geschützt werden. Andererseits muss der Zugang für Besucher ermöglicht werden, ohne die Substanz des Denkmals zu gefährden. Diese Balance zu finden, ist eine ständige Herausforderung für die Verantwortlichen.

Ein weiterer Aspekt des Welterbe-Managements ist die wissenschaftliche Erforschung. Die UNESCO fordert kontinuierliche Forschungsaktivitäten, um das Wissen über die Welterbestätte zu erweitern und neue Erkenntnisse zu dokumentieren. Auch in Zukunft werden daher weitere Ausgrabungen und Untersuchungen notwendig sein, um das Verständnis von Haithabu zu vertiefen.

Fazit

Haithabu stellt ein einzigartiges Zeugnis der Wikingerzeit dar, dessen Bedeutung weit über die Region hinausgeht. Von seiner Gründung um 770 bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1066 war die Siedlung ein zentraler Handelsplatz und ein frühes Beispiel für urbanes Leben in Nordeuropa. Die archäologische Erforschung seit 1959 hat ein umfassendes Bild der Siedlungstruktur, des Handels und des täglichen Lebens in der Wikingerzeit ermöglicht.

Die Rekonstruktion von sieben Wikingerhäusern zwischen 2005 und 2008 sowie die Präsentation im Freilichtmuseum haben dazu beigetragen, die Geschichte Haithabus einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Die modernen digitalen Präsentationsformen, vom 3D-Rundgang bis zur Smartphone-App, machen die Stätte auch für ein globales Publikum erlebbar.

Die Anerkennung als UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 2018 unterstreicht die herausragende universelle Bedeutung Haithabus und des Danewerks. Diese Auszeichnung bringt jedoch auch besondere Verpflichtungen für den Erhalt und die Pflege der Anlagen mit sich, die in enger Zusammenarbeit verschiedener Institutionen wahrgenommen werden.

Haithabu ist nicht nur ein bedeutendes archäologisches Denkmal, sondern auch ein lebendiger Ort der Geschichtsvermittlung. Die jährlichen Wikingertage, die modernen Museumsangebote und die digitalen Präsentationsformen tragen dazu bei, die Faszination der Wikingerzeit einem breiten Publikum näherzubringen. Gleichzeitig bleibt Haithabu ein wichtiges Forschungsobjekt, das zukünftige Entdeckungen und neue Erkenntnisse zur Geschichte Nordeuropas in der Wikingerzeit verspricht.

Die Geschichte Haithabus erinnert uns an die Bedeutung von Archäologie, Denkmalschutz und Geschichtsvermittlung für das Verständigung unserer gemeinsamen europäischen Vergangenheit. Die Stätte steht als Symbol für die kulturellen Verbindungen und den Handel, die schon in früheren Epochen Kontinente und Völker miteinander verbanden.

Quellen

  1. Haithabu - Wikinger in Dänemark
  2. Haithabu - Wikipedia

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