Einleitung
Das Gymnasium Hittfeld in Niedersachsen stellt ein bemerkenswertes Beispiel für die erfolgreiche Modernisierung eines über 50 Jahre alten Schulgebäudes dar. Das zwischen 1971 und 1978 erbaute Gebäude durchläuft derzeit eine umfassende Sanierung, die nicht nur die technischen Standards auf den neuesten Stand bringt, sondern auch die räumliche Struktur den Anforderungen zeitgemäßen Unterrichts anpasst. Besonders bemerkenswert ist, dass diese umfangreichen Bauarbeiten bei laufendem Schulbetrieb durchgeführt werden – eine Herausforderung, die besonderes Know-how im Bereich des Bauens im Bestand erfordert. Das Projekt, das in Zusammenarbeit mit Trapez Architektur realisiert wird, zeigt auf, wie historische Bausubstanz mit modernen pädagogischen Konzepten harmonisch verbunden werden kann.
Geschichte und aktueller Zustand des Gebäudes
Das Gymnasium Hittfeld thront auf einer Anhöhe, dem sogenannten Peperdieksberg, über dem Seevetaler Ortsteil Hittfeld. Das Schulzentrum, das neben dem Gymnasium auch die Integrierte Gesamtschule Seevetal umfasst, wurde in den Jahren 1971 bis 1978 erbaut und steht damit seit über fünf Jahrzehnten in Nutzung. Mit 1.150 Schülerinnen und Schülern und 95 Lehrkräften gehört es zu den größeren Bildungseinrichtungen der Region.
Nach über 50 Jahren Nutzungszeit war das Gebäude dringend sanierungsbedürftig. Die ursprünglichen technischen Standards waren längst überholt, und das Raumkonzept entsprach nicht mehr den Anforderungen einer modernen Schule. Insbesondere der Brandschutz musste verbessert werden, und die Lernumgebung war den heutigen pädagogischen Bedürfnissen nicht mehr angemessen.
Ein typisches Merkmal der 1970er-Jahre-Bausubstanz ist die massive Betonkonstruktion, die in ihrer ursprünglichen Gestaltung eher dunkle und wenig einladende Lernräume bot. Die breiten Flurzonen und großen Mittelkerne des Schulgebäudes wurden kaum genutzt und erhielten keine natürliche Belichtung. Diese Struktur, die zur Bauzeit als fortschrittlich galt, erwies sich im Laufe der Zeit als unzureichend für flexible und moderne Unterrichtsformen.
Herausforderungen der Sanierung im laufenden Betrieb
"Sanieren im Bestand ist anspruchsvoll", so Frank Patyna, Schulleiter des Gymnasiums Hittfeld, mit einem Augenzwinkern. Diese Aussage trifft den Kern der Herausforderung, vor der das Projekt stand. Einerseits mussten die dringend notwendigen Sanierungsarbeiten durchgeführt werden, andererseits durfte der Schulbetrieb nicht unterbrochen werden.
Um diese doppelte Herausforderung zu meistern, wurden mehrere strategische Maßnahmen ergriffen:
Temporäre Unterrichtsräume: Ein Containerdorf wurde eingerichtet, in dem sich Schülerinnen und Schüler sowie die Schulverwaltung während der Bauphasen aufhielten. Die Schulverwaltung sollte bis zum Beginn des nächsten Schulhalbjahres im Februar 2023 in diesen temporären Einrichtungen untergebracht sein.
Phasierter Baufortschritt: Die Sanierung wurde in vier Bauphasen unterteilt, um die Belastung für den Schulbetrieb so gering wie möglich zu halten. Zum Zeitpunkt der Berichterstattung befand man sich bereits in der zweiten von vier Phasen, und die Bauarbeiten sollten voraussichtlich in zwei Jahren abgeschlossen sein.
Flexible Raumkonzepte: Während der Bauzeit wurden flexible Raumkonzepte entwickelt, die sicherstellten, dass der Unterrichtsbetrieb auch in den umliegenden, noch nicht sanierten Bereichen reibungslos weiterlaufen konnte.
Diese Maßnahmen zeigen, dass die Sanierung eines Schulgebäudes im laufenden Betrieb eine besonders sorgfältige Planung und Koordination erfordert. Die Herausforderung besteht darin, die Interessen aller Beteiligten - Schüler, Lehrkräfte, Eltern und Bauunternehmen - unter einen Hut zu bringen und gleichzeitig die Qualität der Sanierungsarbeiten nicht zu beeinträchtigen.
Das Lehrerraum-Prinzip: Ein neues pädagogisches Konzept
Eine der bemerkenswertesten Innovationen, die mit der Sanierung des Gymnasiums Hittfeld eingeführt wurde, ist das Lehrerraum-Prinzip. Als erste Schule im Landkreis Harburg hat das Gymnasium Hittfeld dieses Konzept umgesetzt, das grundlegende Veränderungen im Schulalltag mit sich bringt.
Beim traditionellen System wechseln die Lehrkräfte von Stunde zu Stunde in die verschiedenen Klassenzimmer, während die Schüler in der Regel in ihren festen Klassenräumen verbleiben. Das Lehrerraum-Prinzip kehrt diesen Ablauf um: Die Lehrkräfte bleiben in einem fest zugewiesenen Unterrichtsraum, während die Schülerinnen und Schüler den Raum wechseln.
"Die Schüler wandern ein bisschen mehr", gibt Johannes Winter, Lehrer für Latein, Deutsch und Darstellendes Spiel, zu. Er ist für die Umsetzung des Lehrerraum-Prinzips am Gymnasium Hittfeld zuständig.
Dieses Raumkonzept bietet mehrere Vorteile:
Persönliche Räume für Lehrkräfte: Lehrer können ihren Arbeitsbereich individuell gestalten und mit Unterrichtsmaterialien, die sie regelmäßig benötigen, einrichten.
Reduzierung der Bewegung im Schulgebäude: Da die Schüler die Räume wechseln, kann der Verkehrsfluss in den Fluren besser gestaltet werden.
Optimale Nutzung der Räume: Die festen Lehrerräume werden effizienter genutzt, da sie während der gesamten Unterrichtszeit belegt sind, anstatt zwischen den Stunden leer zu stehen.
Identifikation mit dem Raum: Lehrer entwickeln eine stärkere Bindung zu ihren Räumen, was sich positiv auf die Gestaltung des Lernumfelds auswirken kann.
Die Umsetzung dieses Konzepts war nur durch die umfassende Sanierung des Gebäudes möglich. Die neuen Räume wurden speziell so gestaltet, dass sie den Anforderungen des Lehrerraum-Prinzips gerecht werden und gleichzeitig eine moderne, ansprechende Lernumgebung bieten.
Räumliche Neugestaltung für zeitgemäßen Unterricht
Ein zentrales Ziel der Sanierung war die räumliche Neugestaltung des Schulgebäudes, um den heutigen Anforderungen an zeitgemäßen Unterricht gerecht zu werden. Die bisherigen Strukturen, insbesondere die breiten Flurzonen und großen Mittelkerne, die nur wenig genutzt wurden und keine natürliche Belichtung erhielten, wurden komplett überarbeitet.
Die Neugestaltung verfolgt mehrere Ziele:
Schaffung offener und lichtdurchfluteter Lernumgebungen: Durch die Umgestaltung der bisher ungenutzten Bereiche konnte die natürliche Belichtung in vielen Teilen des Gebäudes verbessert werden. Hell, luftig und farbig verwandelt sich ein typischer Schulbau der 1970er-Jahre aus Beton in eine zeitgemäße Lernlandschaft.
Sinnvolle Nutzung aller Flächen: Die früheren Durchgangsbereiche werden nun als Lern- und Aufenthaltsräume genutzt. Diese Umwandlung von rein funktionalen Flächen zu pädagogisch genutzten Räumen erhöht die Nutzfläche des Gebäudes erheblich, ohne dass ein Anbau notwendig wäre.
Flexibilität in der Raumgestaltung: Die neuen Räume sind so konzipiert, dass sie verschiedene Formen des Unterrichts ermöglichen - vom traditionellen Frontalunterricht über Gruppenarbeit bis hin zu projektbasiertem Lernen.
Architektur als Pädagoge: Wie Schulleiter Frank Patyna und Johannes Winter erläuterten, nimmt die Architektur im sanierten Gymnasium die Rolle eines Pädagogen ein. Die räumliche Gestaltung unterstützt aktiv den Lernprozess und fördert bestimmte pädagogische Ansätze.
Die Umsetzung dieser räumlichen Neugestaltung erforderte eine besonders sorgfältige Planung, um die pädagogischen Anforderungen mit den baulichen Gegebenheiten zu verbinden. Die Zusammenarbeit mit Trapez Architektur, die bereits in der "Phase Null" mit Experten begann, stellte sicher, dass alle Beteiligten von Beginn an in die Planung einbezogen wurden.
Technische Aspekte der Sanierung
Neben der räumlichen Neugestaltung umfasst die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld auch umfangreiche technische Maßnahmen, um das Gebäude auf den neuesten Stand zu bringen und die Energieeffizienz zu verbessern.
Zu den wichtigsten technischen Maßnahmen gehören:
Energetische Sanierung: Das Gebäude wird energetisch saniert, um den Energieverbrauch zu senken und die Betriebskosten langfristig zu reduzieren. Konkrete Maßnahmen werden in den Quellen nicht genannt, typischerweise umfassen solche Sanierungen jedoch die Dämmung von Fassade und Dach, den Austausch von Fenstern sowie die Modernisierung der Heizungs- und Lüftungsanlage.
Brandschutz: Ein zentraler Aspekt der Sanierung ist die Verbesserung des Brandschutzes, der in dem über 50 Jahre alten Gebäude nicht mehr den aktuellen Anforderungen entsprach.
Technische Infrastruktur: Die Elektroinstallation, die Beleuchtung und die informationstechnische Infrastruktur wurden erneuert, um den Anforderungen des digitalen Unterrichts gerecht zu werden.
Barrierefreiheit: Das Gebäude wurde barrierefrei gestaltet, um allen Schülerinnen und Schülern den Zugang zu ermöglichen.
Die technische Sanierung ist besonders anspruchsvoll, da sie die historische Bausubstanz respektieren muss und gleichzeitig moderne Standards erfüllen soll. Die Herausforderung besteht darin, Lösungen zu finden, die sowohl technisch überzeugend als auch architektonisch ansprechend sind.
Kosten und Zeitplan
Die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld ist ein Großprojekt mit erheblichen finanziellen und zeitlichen Ressourcen. Die ursprünglich kalkulierten Baukosten beliefen sich auf 13,9 Millionen Euro. Spätere Angaben sprechen von etwa 12 Millionen Euro (KG 300 + 400), was auf eine Überarbeitung des Kostenrahmens hindeutet.
Der Baustart erfolgte im Frühjahr 2021. Die Sanierung wird in vier Bauphasen durchgeführt:
- Phase 1 und 2: Abgeschlossen (zum Zeitpunkt der Berichterstattung)
- Phase 3: Voraussichtlich 2024 fertiggestellt
- Phase 4: Befand sich zum Zeitpunkt der Berichterstattung im Bau
Die geplante Gesamtbauzeit betrug somit voraussichtlich drei Jahre. Die Einhaltung dieses Zeitplans ist besonders wichtig, da die Sanierung bei laufendem Schulbetrieb stattfindet und die temporären Einrichtungen nur für begrenzte Zeit genutzt werden können.
Die Finanzierung des Projekts erfolgt durch den Landkreis Harburg als Auftraggeber. Die Einhaltung des Kosten- und Zeitplans stellt eine besondere Herausforderung dar, da bei Sanierungen im Bestand oft unvorhergesehene Probleme auftreten können, die den Bauablauf und das Budget beeinflussen.
Ergebnisse und Nutzen
Die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld führt zu einem modernen Schulgebäude, das sowohl die funktionalen als auch die ästhetischen Ansprüche erfüllt. Wie in den Quellen beschrieben, ist das Ergebnis ein "frisches, modernes Schulgebäude", das auf die Anforderungen des 21. Jahrhunderts ausgerichtet ist.
Die wichtigsten Ergebnisse der Sanierung sind:
Zeitgemäße Lernräume: Das Gebäude bietet nun Lernumgebungen, die den modernen Unterricht unterstützen und verschiedene pädagogische Ansätze ermöglichen.
Erhalt des historischen Charmes: Gleichzeitig konnte der besondere Charakter des über 50 Jahre alten Gebäudes erhalten bleiben. Das Projekt zeigt, wie historischer Charme und moderne Anforderungen harmonisch miteinander verbunden werden können.
Verbesserte Arbeitsbedingungen: Sowohl Lehrkräfte als auch Schüler profitieren von den verbesserten räumlichen und technischen Bedingungen.
Kosteneffizienz: Durch die Sanierung im Bestand konnte der Bau eines komplett neuen Gebäudes vermieden werden, was erhebliche Kosten und Ressourcen gespart hat.
Nachhaltigkeit: Die energetische Sanierung trägt zur Nachhaltigkeit bei und senkt die Betriebskosten des Gebäudes langfristig.
Die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld ist somit ein gelungenes Beispiel für die Balance zwischen Denkmalschutz und Modernisierung, zwischen Erhalt und Neugestaltung.
Fazit
Die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld stellt ein herausragendes Beispiel für die gelungene Modernisierung eines Schulgebäudes im Bestand dar. Das Projekt zeigt, dass es möglich ist, eine über 50 Jahre alte Bausubstanz so zu sanieren, dass sie nicht nur den technischen Standards der Zeit entspricht, sondern auch den pädagogischen Anforderungen gerecht wird.
Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass diese umfangreichen Arbeiten bei laufendem Schulbetrieb durchgeführt wurden. Dies erforderte eine sorgfältige Planung und Koordination, um die Belastung für alle Beteiligten so gering wie möglich zu halten.
Die Einführung des Lehrerraum-Prinzips als erste Schule im Landkreis Harburg zeigt, dass die Sanierung nicht nur bauliche, sondern auch pädagogische Innovationen mit sich bringt. Die räumliche Neugestaltung des Gebäudes schafft hell, luftige und farbige Lernlandschaften, die den Lernprozess aktiv unterstützen.
Die Zusammenarbeit mit Trapez Architektur und die Einbindung aller Beteiligten von Beginn an ("Phase Null") waren entscheidend für den Erfolg des Projekts. Das Ergebnis ist ein modernes Schulgebäude, das den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entspricht, dabei aber den historischen Charme des Originalbaus bewahrt.
Die Sanierung des Gymnasiums Hittfeld bietet wertvolle Erkenntnisse für ähnliche Projekte. Sie zeigt, dass die Sanierung im Bestand, obwohl anspruchsvoll, eine lohnende Alternative zum Neubau sein kann, wenn sorgfältig geplant und umgesetzt. Das Projekt ist ein Vorbild dafür, wie Bildungseinrichtungen modernisiert werden können, ohne ihre Identität zu verlieren.