Einleitung
Die Renovierung des Marinesegelschulschiffes "Gorch Fock" entwickelte sich zu einem der teuersten Bauprojekte der deutschen Marinegeschichte. Was ursprünglich als einfache Reparatur für 10 Millionen Euro geplant war, endete nach fünf Jahren und sechs Monaten in einer Kostenexplosion auf 135 Millionen Euro. Dieser Artikel analysiert die Gründe für diese massive Kostenüberschreitung, den Umfang der durchgeführten Arbeiten und die politischen Implikationen des Projekts. Die Chronologie der Renovierung zeigt, wie bei Altbauten oft erst nach dem Beginn der Arbeiten das wahre Ausmaß des Sanierungsbedarfs sichtbar wird – eine Lektion, die auch für andere Bauprojekte relevant sein kann.
Geschichte und Bedeutung der Gorch Fock
Die "Gorch Fock" ist ein Marinesegelschulschiff mit einer bewegten Geschichte. Das 82 Meter lange Schiff wurde 1958 bei Blohm & Voss in Hamburg gebaut und ist seitdem ein fester Bestandteil der deutschen Marinetradition. Fast alle Offiziere der Deutschen Marine haben ihre Ausbildung auf dem Dreimaster absolviert. Das Schiff wurde nach dem Schriftsteller Gorch Fock benannt und ist für seine grünen Segel bekannt, die es in der Öffentlichkeit, unter anderem in Bierwerbungen, präsent.
Das Schiff diente nicht nur der Ausbildung an Deck, sondern vermittelte auch traditionelles Seemannshandwerk und förderte das Verständnis für maritime Tradition. Die Gorch Fock segelte unter verschiedenen Flaggen – zunächst unter deutscher, später unter sowjetischer und ukrainischer Flagge, bevor sie 2003 vom Verein Tall Ship Friends gekauft wurde und nach Stralsund zurückkehrte.
Ursprüngliche Planung und erste Kostenschätzungen
Anfang 2016, als die Renovierungsarbeiten beginnen sollten, rechnete das Bundesverteidigungsministerium noch mit Kosten von etwa zehn Millionen Euro. Diese erste Einschätzung basierte auf einer anfänglichen Überprüfung der Schäden, die jedoch bei Weitem nicht das volle Ausmaß des Problems erfasste. Das Schiff, das seit 1953 im Dienst war, war zwar sanierungsbedürftig, aber die Komplexität und das Ausmaß der notwendigen Arbeiten wurden zunächst unterschätzt.
Die ersten Arbeiten begannen in Bremerhaven, doch schon bald wurde das Schiff in die Elsflether Werft AG verlegt, wo es seit Januar 2016 lag. Hier sollte die eigentlich geplante Reparatur stattfinden, die sich jedoch schnell als weitaus anspruchsvoller herausstellen sollte als ursprünglich angenommen.
Entdeckung des wahren Ausmaßes der Schäden
Kaum in der Werft angekommen, wurde im November 2015 das wahre Ausmaß der Rumpfschäden Tag für Tag sichtbarer. Parallel dazu stiegen die Kostenschätzungen rasant an: Im März 2016 wurden Kosten von 12,2 Millionen Euro veranschlagt, wenig später bereits 33,5 Millionen Euro und im September desselben Jahres schließlich stolze 64,5 Millionen Euro.
Die Situation wurde so ernst, dass der Projektleiter die Reißlinie zog und sich grünes Licht vom Ministerium für die Fortführung der Arbeiten einholen wollte. In einem Vermerk brachte er bereits damals die Optionen "Stoppen des Vorhabens Gorch Fock" und "anschließende Außerdienststellung der Einheit" ins Spiel. Dabei wurde deutlich, dass jeder Tag im Dock stolze 10.000 Euro kostete – ein Faktor, der die Dringlichkeit einer Entscheidung erhöhte.
Die Kostenerhöhungen resultierten aus der schrittweisen Entdeckung von Schäden, die weit über die ursprünglich angenommenen Reparaturen hinausgingen. Wie es bei der Sanierung historischer Bauten oft der Fall ist, zeigten sich nach dem Entfernen von ersten Schichten und Oberflächen weitere, schwerwiegendere Probleme im Unterbau.
Politische Entscheidungen und Kostenexplosion
Im Januar 2017 und im März 2018 zeichnete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Fortsetzung der Instandsetzung ab. Öffentlich verteidigte sie die Entscheidung damit, dass die Renovierung günstiger sei als ein neues Schulschiff. Diese Entscheidungen wurden später jedoch in Zweifel gezogen, da die Prüfer darlegten, dass das Ministerium die Ministerin möglicherweise mit falschen Daten fütterte.
Es wurde weiterhin keine vollständige Begutachtung der Rumpfschäden vorgenommen, folglich nannte das Planungsamt in einer Ministervorlage einen geschönten Kostenrahmen von maximal 75 Millionen Euro. Aus Sicht der Prüfer war diese Zahl schlicht "falsch".
Im Dezember 2018 stellte die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Zahlungen für die Sanierung der "Gorch Fock" ein. Hintergrund war ein Korruptionsverdacht gegen einen Bundeswehr-Mitarbeiter. Dieser Schritt führte zu einer weiteren Verzögerung des Projekts.
Im Januar 2019 wurden die Arbeiten jedoch wieder aufgenommen, und seit Oktober 2019 wurden die Instandsetzungsarbeiten auf der Lürssen Werft fortgesetzt. Die Kosten für die Sanierung stiegen von ursprünglich zehn auf rund 135 Millionen Euro, denn das Schiff war maroder als erwartet.
Umfang der Renovierungsarbeiten
Als die Arbeiten abgeschlossen waren, zeigte sich, dass die Sanierung faktisch einem Neubau gleichkam. Wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen es ausdrückte: "Mit der Gorch Fock ist es wie mit einem alten, sanierungsbedürftigen Haus: Wir wollten erst Weniges reparieren, dann haben wir hinter die Planken geguckt, und dann stellt man fest, dass sie grundsaniert werden muss."
Tatsächlich mussten bis auf den Kiel fast alle Teile des Schiffes erneuert werden. Laut Informationen aus dem Projekt wurden 95 Prozent des Schiffes erneuert. Konkret umfassten die Arbeiten:
- Die fast vollständige Erneuerung der Außenhaut
- Den Austausch des Oberdecks und des Zwischendecks
- Die Neulage eines Teakholzbelags
- Die Überholung des Motors
- Umfangreiche weitere Reparaturen und Modernisierungen
Der Umfang der Arbeiten war so groß, dass die Sanierung letztlich fünf Jahre und sechs Monate dauerte – deutlich länger als ursprünglich geplant. Das Schiff wurde am 10. März nach mehrjähriger, aufwendiger Instandsetzung wieder zu Wasser gelassen und sollte zur Jahresmitte wieder in See stechen.
Vergleich zum Neubau
Im Verlauf der Diskussionen um die Kosten der Sanierung wurde häufig ein Vergleich mit einem potenziellen Neubau des Schiffes gezogen. Eine Studie des Beschaffungsamts kam zu dem Ergebnis, dass die Kosten eines tatsächlichen Neubaus bei rund 170 Millionen Euro liegen würden.
Diese Zahl wurde von der Verteidigungsministerin wiederholt angeführt, um die Fortführung der Sanierung zu rechtfertigen. Sie argumentierte, dass die Renovierung letztlich günstiger sei als ein neues Schiff. Allerdings wurde die Tauglichkeit dieser Studie im Nachhinein in Frage gestellt. Ein späterer Prüfbericht belegte zudem, dass schon damals im Ministerium ein Abbruch der Sanierung thematisiert und die Werft als "bereits jetzt überfordert" bezeichnet worden war.
Diese Informationen der Prüfer werfen Fragen auf, ob die politische Entscheidung, die Sanierung fortzusetzen, auf einer soliden Datenbasis beruhte oder ob politische und symbolische Überlegungen eine größere Rolle spielten.
Die Gorch Fock I in Stralsund - Ein separates Projekt
Neben der Sanierung des aktiven Marineschiffes gibt es ein weiteres Projekt rund um die "Gorch Fock". Die Gorch Fock I, die in der Literatur oft als solche bezeichnet wird, ist das 1933 bei Blohm & Voss für die Reichsmarine gebaute ursprüngliche Schiff. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Schiff Reparationsgut der Sowjetunion und segelte später unter ukrainischer Flagge, bevor es 2003 vom Verein Tall Ship Friends gekauft wurde und nach Stralsund zurückkehrte.
Seit 2003 liegt das nicht seetüchtige Segelschiff im Stralsunder Hafen. Hier wird derzeit ein separates Sanierungsproj durchgeführt. Die Bundesregierung fördert die Sanierung des Stralsunder Segelschulschiffs Gorch Fock (I) mit rund 13,5 Millionen Euro. Die Mittel sollen in die Grundsanierung sowie den Aufbau eines barrierefreien Bordmuseums fließen.
Die Stadt Stralsund hatte den Bedarf für grundlegende Arbeiten zur Gewährleistung der Schwimmfähigkeit und der Sicherheit in der Vergangenheit mit 10,6 Millionen Euro beziffert. Nach bisherigen Plänen soll die Stadt das Schiff kaufen. Die Sanierung soll mit bereits zugesagten Fördermitteln finanziert werden.
Den Eigenanteil, den die Stadt Stralsund aufzubringen hat, soll der jetzige Schiffseigner, der Verein Tall Ship Friends, aus dem Verkaufserlös aufbringen. Der Verein Tall Ship Friends e.V. wird das Schiff weiter betreiben. Der Verein hatte in der Vergangenheit Kosten in Höhe von 22 Millionen Euro genannt, die nötig sind, um das Schiff langfristig wieder segelfähig zu machen.
Übergangslösung während der Sanierung
Während die Gorch Fock in der Werft war, benötigte die Deutsche Marine ein Ausbildungsschiff für ihre angehenden Offiziere. Als Übergangslösung diente der rumänische Großsegler "Mircea", der ab August 2017 als Ausbildungsschiff fungierte. Das Schiff ist ein fast baugleiches Schwesterschiff der Gorch Fock und konnte daher ähnliche Ausbildungszwecke erfüllen.
Diese Übergangslösung war notwendig, da die Ausbildung der Marineoffiziere eine zentrale Aufgabe ist und nicht unterbrochen werden konnte. Die "Mircea" diente jedoch nur als provisorische Lösung, bis die renovierte Gorch Fock wieder zur Verfügung stand.
Politische und rechtliche Konsequenzen
Die Kostenexplosion bei der Sanierung der Gorch Fock hatte nicht nur finanzielle, sondern auch politische und rechtliche Konsequenzen. Neben dem bereits erwähnten Korruptionsverdacht gegen einen Bundeswehr-Mitarbeiter wurden auch die Entscheidungsprozesse im Ministerium kritisch hinterfragt.
Ein späterer Prüfbericht belegte, dass schon frühzeitig Bedenken gegen das Projekt geäußert worden waren, die jedoch möglicherweise nicht bis zur Ministerin durchgedrungen waren. Die Prüfer kamen zu dem Schluss, dass das Ministerium die Ministerin mit falschen Daten versorgt hatte und die Entscheidungen auf einer unvollständigen Informationsbasis getroffen wurden.
Diese Erkenntnisse führten zu einer intensiven politischen Debatte über Transparenz und Verantwortung bei Großprojekten der Bundeswehr. Die Gorch Fock wurde zu einem Symbol für Missmanagement und Kostenüberschreitungen im öffentlichen Sektor.
Abschluss des Projekts
Nach einer fast sechs Jahre dauernden Generalüberholung sollte die Marine am 30. September das Segelschulschiff "Gorch Fock" offiziell zurückbekommen. Das Schiff wurde nach der Fertigstellung noch in Lemwerder in der Wesermarsch ausgerüstet, bevor es seine Ausbildungsfahrten wieder aufnehmen konnte.
Die Kosten für die Sanierung beliefen sich schließlich auf 135 Millionen Euro – das 13,5-fache der ursprünglichen Schätzung. Diese Kostenexplosion macht das Projekt zu einem der teuersten in der Geschichte der deutschen Marine und zu einem Fallbeispiel für die Herausforderungen bei der Sanierung historischer und komplexer Bauwerke.
Fazit
Die Sanierung der Gorch Fock zeigt exemplarisch, wie bei Altbauten oft erst nach dem Beginn der Arbeiten das wahre Ausmaß des Sanierungsbedarfs sichtbar wird. Was als einfache Reparatur für 10 Millionen Euro geplant war, entwickelte sich zu einer Generalüberholung für 135 Millionen Euro, bei der 95 Prozent des Schiffes erneuert werden mussten.
Die Chronologie des Projekts verdeutlicht mehrere wichtige Lektionen für Bauprojekte: 1. Umfassende und frühzeitige Bestandsaufnahmen sind unerlässlich, um realistische Kostenschätzungen zu ermöglichen 2. Transparenz in der Entscheidungsfindung ist entscheidend, um Fehlentscheidungen zu vermeiden 3. Politische Symbolik sollte nicht über wirtschaftliche Vernunft gestellt werden 4. Bei historischen Bauwerken müssen oft mit unerwarteten Schäden gerechnet werden
Die Gorch Fock wird nach ihrer Sanierung wieder ihre Aufgabe als Ausbildungsschiff der Marine übernehmen und dabei als Symbol für maritime Tradition dienen. Die hohen Kosten der Renovierung werden jedoch lange Zeit als Beispiel für Kostenüberschreitungen im öffentlichen Bauwesen diskutiert werden.