Einleitung
Die Restaurierung des Isenheimer Altars im Unterlinden-Museum in Colmar stellt eines der bedeutendsten Projekte der Kunstrestaurierung der jüngeren Vergangenheit dar. Über einen Zeitraum von vier Jahren, von 2018 bis 2022, arbeiteten Experten daran, das zwischen 1512 und 1516 entstandene Meisterwerk wieder in seinen ursprünglichen Glanz zu versetzen. Die aufwendige Restaurierung und wissenschaftliche Untersuchung des Isenheimer Altars ist nun abgeschlossen, und für kommende Generationen gesichert worden. Die Gesamtkosten des Restaurierungsprojekts lagen bei 1,4 Millionen Euro. Das Ergebnis ist beeindruckend: Den Tafelbildern auf zwei feststehenden und vier drehbaren Altar-Flügeln wurde die Farbintensität ihrer Entstehungszeit zurückgegeben. Dieser Artikel beleuchtet den Restaurierungsprozess, die angewandten Methoden und die Ergebnisse dieser einmaligen Arbeit an einem der bedeutendsten Meisterwerke der deutschen Tafelmalerei.
Geschichte und Bedeutung des Isenheimer Altars
Der Isenheimer Altar, benannt nach dem Ort seiner ursprünglichen Bestimmung, dem Antoniterkloster in Isenheim im Oberelsass, ist ein Wandelaltar, der im Musée Unterlinden in Colmar in drei Schauseiten getrennt ausgestellt ist. Die Gemälde auf zwei feststehenden und vier drehbaren Altar-Flügeln sind das in den Jahren 1512 bis 1516 geschaffene Hauptwerk von Matthias Grünewald und zugleich eines der bedeutendsten Meisterwerke der deutschen Tafelmalerei. Die Skulpturen im Altarschrein werden dem um 1490 in Straßburg tätigen Bildschnitzer Niklaus von Hagenau zugeschrieben.
Das Meisterwerk religiöser Kunst aus dem frühen 16. Jahrhundert besteht aus elf gemalten Tafeln und geschnitzten Figuren. Die einzelnen Teile des Retabels von Isenheim sind heute im Museé Unterlinden in drei Gruppierungen auf je einem eigenen Sockel ausgestellt, wobei der ursprüngliche Zustand mit den beweglichen Altarflügeln aufgegeben wurde zugunsten einer getrennten Aufstellung der einzelnen Tafelbilder, um alle Schauseiten gleichzeitig und im selben Raum präsentieren zu können.
Die erste Schauseite zeigt die Kreuzigung Jesu Christi auf den geschlossenen Altarflügeln (Mitteltafel), zu beiden Seiten die feststehenden seitlichen Flügelbilder mit dem Märtyrer Sebastian und dem Einsiedler Antonius. Die Sockelgemälde in der Predella zeigen die Beweinung Christi. Die ursprünglichen Rückseiten der Mitteltafel stellen die Verkündigung des Herrn und die Auferstehung Jesu Christi dar, die als linke und rechte Flügelbilder der zweiten Schauseite bei geöffneten äußeren Flügeltüren dienten.
Im Zentrum des Altars steht die naturalistisch gemalte Kreuzigung Christi. Grünewald stellt zugleich Szenen aus dem Leben des Heiligen Antonius des Einsiedlers dar. Die Bildtafeln wurden ursprünglich im Lauge des Kirchenjahres in unterschiedlicher Weise aufgeklappt, damit jeweils andere Gemälde betrachtet werden konnten. Vollständig geöffnet steht die detailreich geschnitzte Figur des Heiligen im Zentrum.
Die am Altar tätigen Künstler folgten weitgehend den Plänen ihrer Auftraggeber und Berater, darunter insbesondere dem Präzeptor Jean d'Orlier und seinem Nachfolger Guido Guersi, die sich ihrerseits an die theologischen Kenntnisse ihrer Zeit sowie an die Schriften der Kirchenväter und an die Lehren der Scholastik gehalten haben. Jean d'Orlier, wahrscheinlich um 1425 in Savoyen geboren, zunächst Präzeptor des Antoniterhauses in Ferrara, einem Zentrum des Humanismus, danach von 1464 bis 1490 Präzeptor in Isenheim, wird auf die Konzeption des ganzen Altarwerks zurückgeführt, insbesondere die bildhafte Entfaltung der Altarsymbolik.
Zu Füßen des Heiligen Antonius, der wie ein Herrscher in der zentralen Nische des um 1490–1500 von Nikolaus von Hagenau geschaffenen Skulpturenschreins des Isenheimer Altars thront, kauern zwei Figuren; eine hält ein Huhn in den Händen, die andere trägt ein Ferkel in den Armen. Sie symbolisieren die Gaben, mit denen die im elsässischen Isenheim gelegene Präzeptorei des Antoniter-Ordens unterstützt wurde: In ihrem Klosterspital behandelten die heilkundigen Mönche Menschen, die am Antoniusfeuer litten – jener im Mittelalter gefürchteten Epidemie, die bei den Infizierten höllische Schmerzen und das Absterben von Gliedmaßen verursachte. Und da diese durch den hochgiftigen Getreidepilz Mutterkorn ausgelöste und meist tödlich verlaufende Krankheit eher die Armen traf, die ihre Behandlung nicht selbst bezahlen konnten, war der Orden auf Spenden aller Art angewiesen.
Frühere Restaurierungsversuche
Seit 1794 gab es insgesamt acht Restaurierungen des Isenheimer Altars, die wegen der damals geringeren technischen Möglichkeiten nicht heutige Standards erreichten. Die lange Geschichte der Restaurierung zeigt, dass der Isenheimer Altar, der auch noch 500 Jahre nach seiner Entstehungszeit die Menschen in seinen Bann zieht, kontinuierlicher Pflege bedarf.
2011 begann eine Restaurierung der Gemälde. Dabei wurde die Abnahme vergilbter Firnis-Schichten nach öffentlicher Kritik abgebrochen. Kritiker, darunter Didier Rykner, warfen dem damaligen Team vor, mit überholten Methoden vorzugehen, die die Malschicht gefährden könnten. Daraufhin wurde die Restaurierung gestoppt.
Seit 2015 wurde der Isenheimer Altar neu präsentiert. Man hat ihn in schlichten Stahlstrukturen gerahmt, um den Status des Altars als Kunstwerk zu betonen. Dazu wurde eine neue Beleuchtung der Altarteile installiert.
Der aktuelle Restaurierungsprozess (2018-2022)
Ab Herbst 2018 wurde die unterbrochene Restaurierung wieder aufgenommen und 2022 abgeschlossen. Das Museum hat die gesamte Restaurierung ausführlich dokumentiert. Die Restauratoren arbeiteten an dem zwischen 1512 und 1516 entstandenen Meisterwerk des Malers Mathis Gothart Nithart, genannt Grünewald, und des Bildschnitzers Niklaus von Hagenau. Die Holzskulpturen des Altarschreins befinden sich zurzeit noch im Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France (C2RMF) in Paris. Mit den Arbeiten an den Rahmen des ersten Wandelbildes (geschlossener Altar) wurden die Restaurierungsarbeiten im Frühjahr 2022 abgeschlossen.
Angewandte Methoden und Techniken
Für die aktuelle Restaurierung kamen modernste Techniken zum Einsatz. Dazu gehörten Röntgenaufnahmen, Pigment- und Schichtanalysen, Verfahren, die Infrarotstrahlung nutzten oder Laser. Sogar Eye-Tracking kam zum Einsatz, um das durch die Veränderung der Restaurierung ausgelöste Betrachtungsverhalten der Besucher und Besucherinnen zu beobachten. Die Erfrischungskur fand vor den Augen des Publikums statt.
Zunächst war umstritten, ob und wie stark die oxidierten und trüben, bei vorausgegangenen Restaurierungen aufgetragenen Lack- und Firnisschichten entfernt werden können, ohne das Kunstwerk zu verfälschen oder zu beschädigen. Die Experten entschieden sich dann für eine vollständige Entfernung. Abgenommen wurden auch Übermalungen vorangegangener Restaurierungen.
Die Restauratoren mussten die Herausforderung meistern, die Schichten zu entfernen, ohne das darunterliegende Originalwerk zu beschädigen. Dies erforderte höchste Präzision und tiefes Verständnis der Materialien und Techniken, die Grünewald und Hagenau verwendet hatten.
Herausforderungen der Restaurierung
Die Restaurierung des Isenheimer Altars stellte die Experten vor zahlreiche Herausforderungen. Eines der Hauptprobleme war der Zustand der Oberflächen: Über die Jahrhunderte hatten sich mehrere Schichten von Übermalungen und Firnissen angesammelt, die das ursprüngliche Erscheinungsbild verfälschten.
Ein weiteres Problem war die Größe und Komplexität des Werks. Der Altar besteht aus elf Bildtafeln und einem Mittelschrein voller Skulpturen, die alle unterschiedliche Anforderungen an die Restaurierung stellten. Die Gemälde auf zwei feststehenden und vier drehbaren Altar-Flügeln mussten besonders sorgfältig behandelt werden, da sie bewegliche Teile des Altars sind.
Die Restauratoren mussten auch die theologische und symbolische Bedeutung des Werks berücksichtigen. Jedes Detail, von der Position der Figuren bis zu den Farben, trägt zur Gesamtaussage bei und musste bei der Restaurierung erhalten werden.
Ergebnisse der Restaurierung
Visuelle Veränderungen
Im Vergleich zum Zustand der Altartafeln vor Beginn der Arbeiten leuchten die Farben jetzt wieder viel stärker und kontrastreicher. Die aufwendige Restaurierung hat den Tafelbildern die Farbintensität ihrer Entstehungszeit zurückgegeben. Der Eindruck ist überwältigend, wie Museumschefin Pantxika de Pape feststellte.
Erstmals sind wieder Details sichtbar wie beispielsweise die schwarzen Wolken am Nachthimmel der Kreuzigung Christi. Auch die Holzskulpturen leuchten viel stärker und haben an Ausdruckskraft gewonnen. Die Restauratoren haben nicht nur die Oberflächen gereinigt, sondern auch verloren gegangene Details wieder sichtbar gemacht.
Wissenschaftliche Erkenntnisse
Die Restaurierung war nicht nur eine ästhetische Wiederherstellung, sondern auch eine wissenschaftliche Untersuchung. Die Experten analysierten die Materialien, die Techniken und die Geschichte des Werks. Sie konnten feststellen, welche Farben Grünewald verwendete, wie er sie mischte und auftrug, und wie sich die verschiedenen Restaurierungsphasen im Laufe der Zeit auf das Werk ausgewirkt haben.
Die wissenschaftliche Untersuchung hat auch dazu beigetragen, das Werk besser zu verstehen. Durch die Analyse der Pigmente und Schichten konnten die Experten mehr über die Arbeitsweise Grünewalds erfahren und wie er seine einzigartige Farbpalette schuf.
Präsentation im Museum
Mit Abschluss der Restaurierung wird der Isenheimer Altar nun in einem neuen Licht präsentiert. Die neue Präsentation im Unterlinden-Museum ermöglicht es den Besuchern, das Werk in seiner ganzen Pracht zu erleben. Die neue Beleuchtung hebt die Farben und Details hervor und ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Meisterwerk.
Der Abschluss der Restaurierung wurde im Unterlindenmuseum mit einem Festwochenende begangen, mit Sonderführungen und Vorträgen. Der Verlauf der Restaurierung ist auf der Museumsinternetseite und dort abrufbaren Filmen erklärt.
Technische Aspekte der Restaurierung
Materialwissenschaftliche Untersuchungen
Ein zentraler Teil der Restaurierung war die materialwissenschaftliche Untersuchung der Gemälde sowie der Schnitzereien und Holzskulpturen. Die Experten analysierten die Pigmente, die Bindemittel, die Grundierungen und die Schichten von Übermalungen und Firnissen.
Diese Analysen halfen den Restauratoren, die beste Methode zur Reinigung und Restaurierung zu finden. Sie konnten feststellen, welche Schichten entfernt werden konnten, ohne das Originalwerk zu beschädigen, und welche erhalten bleiben mussten.
Konservierungstechniken
Die Konservierung der Gemälde und Skulpturen erforderte höchste Präzision und Sorgfalt. Die Restauratoren verwendeten spezielle Techniken, um die Oberflächen zu reinigen, ohne darunterliegende Schichten zu beschädigen.
Bei den Holzskulpturen mussten besondere Methoden angewendet werden, um das Holz zu stabilisieren und vor weiterem Verfall zu schützen. Die Skulpturen, die sich zurzeit noch im Centre de Recherche et de Restauration des Musées de France (C2RMF) in Paris befinden, erfordern besondere Aufmerksamkeit und Pflege.
Dokumentation der Restaurierung
Ein wichtiger Teil des Restaurierungsprozesses war die umfassende Dokumentation. Das Museum hat die gesamte Restaurierung ausführlich dokumentiert, um zukünftigen Generationen einen Einblick in den Prozess zu geben.
Die Dokumentation umfasst Fotos, Videos, Berichte und wissenschaftliche Analysen. Diese Dokumentation dient nicht nur der historischen Aufzeichnung, sondern auch als Lernmaterial für zukünftige Restaurierungsprojekte.
Lehren für Bau- und Renovierungsfachleute
Die Restaurierung des Isenheimer Altars bietet wertvolle Lektionen für Bau- und Renovierungsfachleute:
Wichtigkeit der Dokumentation
Die umfassende Dokumentation des Restaurierungsprozesses zeigt, wie wichtig es ist, jeden Schritt genau zu protokollieren. Für Bau- und Renovierungsprojekte bedeutet dies, dass alle Arbeiten, Entscheidungen und Materialien sorgfältig dokumentiert werden sollten, um zukünftige Wartung und Restaurierung zu erleichtern.
Einsatz moderner Technologien
Die Restaurierung des Isenheimer Altars hat gezeigt, wie modernste Technologien die Qualität von Restaurierungs- und Renovierungsarbeiten verbessern können. Methoden wie Röntgenaufnahmen, Infrarot-Analyse und Laserreinigung können auch im Bauwesen eingesetzt werden, um Probleme zu identifizieren und Lösungen zu finden.
Balance zwischen Erhaltung und Modernisierung
Bei der Restaurierung des Isenheimer Altars mussten die Experten eine Balance finden zwischen der Erhaltung des Originalzustands und der Modernisierung der Präsentation. Dies ist auch im Bauwesen ein wichtiges Thema, bei dem historische Bauten renoviert werden müssen, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Transparenz für die Öffentlichkeit
Die Restaurierung des Isenheimer Altars fand vor den Augen des Publikums statt, was zu einem besseren Verständnis für die Restaurierungsarbeit führte. Transparenz kann auch bei Bau- und Renovierungsprojekten wertvoll sein, um das Vertrauen der Auftraggeber und der Öffentlichkeit zu gewinnen.
Fazit
Die Restaurierung des Isenheimer Altars ist ein Beispiel für gelungene Kunstrestaurierung, bei der modernste Techniken mit tiefem Respekt vor dem Originalwerk verbunden wurden. Das Ergebnis beeindruckt durch die zurückgewonnene Farbintensität und die wieder sichtbar gewordenen Details, die dem Werk seine ursprüngliche Wirkungskraft zurückgeben.
Das Projekt zeigt, wie wichtig sorgfältige Restaurierung und Konservierung für den Erhalt kulturelter Güter ist. Gleichzeitig bietet es wertvolle Lektionen für Bau- und Renovierungsfachleute, die mit dem Umgang mit historischen Bauten und Artefakten zu tun haben.
Der Isenheimer Altar, der auch noch 500 Jahre nach seiner Entstehungszeit die Menschen in seinen Bann zieht, wird nun mit seiner restaurierten Pracht zukünftigen Generationen die Möglichkeit geben, dieses Meisterwerk der deutschen Tafelmalerei in seiner ganzen Schönheit zu erleben.