Denkmalschutz und Sanierung: Das deutsch-israelische Projekt zur Rettung des Bauhaus-Erbes in Tel Aviv

Einleitung

Die "Weiße Stadt" in Tel Aviv stellt eines der bedeutendsten Ensembles der Bauhaus-Architektur außerhalb Deutschlands dar. Nach 1933 errichteten jüdische Architekten, die aus Deutschland emigriert waren, rund 4.000 Wohngebäude im Stil des Internationalen Stils, der stark von Bauhaus-Elementen geprägt ist. Heute gehören diese Gebäude zum UNESCO-Weltkulturerbe, doch etwa drei Viertel der Bausubstanz weisen dringenden Renovierungsbedarf auf. Das schwül-heiße Klima mit der salzigen Meeresluft hat den Fassaden über die Jahre zugesetzt, und frühere Umbaumaßnahmen folten oft nicht architektonischen Prinzipien. Vor diesem Hintergrund hat eine deutsch-israelische Kooperation begonnen, das kulturelle Erbe zu sichern – vom Max-Liebling-Haus, das als Symbol für die gesamte Weiße Stadt dient, bis hin zu einem Netzwerk für den Austausch von Fachwissen.

Das Bauhaus-Erbe in Tel Aviv

Die "Weiße Stadt" in Tel Aviv ist ein einzigartiges Zeugnis der Architekturgeschichte. Nach 1933 errichteten jüdische Architekten, die aus Deutschland emigriert waren, rund 4.000 Wohngebäude im Stil des Internationalen Stils, der stark von Bauhaus-Elementen geprägt war. Diese Gebäude wurden von Künstlern wie Dov Karmi entworfen, darunter auch das Max-Liebling-Haus in der Idelson Street 29, das 1936 für Max und Tony Liebling gebaut wurde.

Im Jahr 2003 wurde dieses architektonische Ensemble von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Etwa 2.000 der Gebäude stehen heute unter Denkmalschutz. Die Architektur repräsentiert eine besondere Verbindung zwischen deutscher Bauhaus-Tradition und israelischer Identitätsfindung. Wie Golan Yaron erklärt, ist Israel noch ein sehr junges Land, das gerade dabei ist, seine eigene Geschichte zu entdecken. Der Erhalt der Bauhaus-Gebäude ist daher auch eine Form der Zukunftsgestaltung.

Die Gebäude zeichnen sich durch ihre charakteristische weiße Fassade aus, die dem Viertel den Namen "Weiße Stadt" eingebracht hat. Diese Ästhetik steht im Kontrast zu den individuellen Anpassungen, die Bewohner im Laufe der Jahre vorgenommen haben – von Klimaanlagen vor den Fenstern bis zu verrammelten Balkonen. Diese Veränderungen machen zwar den Charme der Wohnungen aus, sind aber für den Erhalt der architektonischen Substanz problematisch.

Renovierungsbedarf und Herausforderungen

Laut Golan Yaron, einem der Experten im Projekt, besteht bei etwa drei Viertel der Gebäude dringender Renovierungsbedarf. Die Hauptursache hierfür ist das schwül-heiße Klima in Tel Aviv in Kombination mit der salzigen Meeresluft, die den Fassaden über Jahrzehnte zugesetzt hat. Viele Fassaden bröckeln, und die Bausubstanz ist stark geschädigt.

Zusätzlich erschwert wird die Situation durch frühere Umbaumaßnahmen, die nicht unbedingt einem architektonischen Credo folgten. Stattdessen standen oft die individuellen Bedürfnisse der Bewohner im Vordergrund, die für Klimaanlagen vor den Fenstern und verrammelte Balkone sorgten. Diese Veränderungen haben zwar den Charme der Gebäude geprägt – "Hier gibt es keine einzelnen Ikonen, wie man es aus Europa kennt. In diesen Gebäuden leben Menschen, das sind keine Museen", so Golan Yaron – sie stellen aber eine Herausforderung für den Denkmalschutz dar.

Ein weiteres Problem ist der Mangel an spezialisierten Handwerkern mit Kenntnissen in der denkmalgerechten Sanierung. Die berufliche Ausbildung in Israel unterscheidet sich grundlegend von der in Deutschland, was die Wissensvermittlung erschwert. Während in Deutschland ein dualer System aus Ausbildung in Betrieben und Schulen besteht, ist der Zugang zu handwerklichen Berufen in Israel eher akademisch geprägt. Viele Handwerker sind zudem ungelernt und bringen wenig Fachwissen mit.

Deutsch-israelische Kooperation

Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Israel bei der Restaurierung der Bauhaus-Gebäude funktioniert trotz der schwierigen gemeinsamen Vergangenheit sehr gut. Die Unterstützung ist vielfältig: Sie reicht von finanzieller Hilfe über Expertenwissen bis zur praktischen Unterstützung vor Ort.

Um diese Zusammenarbeit weiter zu stärken, wurde vor wenigen Jahren das "Netzwerk Weiße Stadt" ins Leben gerufen. Ziel dieses Netzwerks ist der Aufbau eines Zentrums für denkmalgerechtes Bauen und Sanieren, das die gemeinsame historische und baukulturelle Bedeutung der Weißen Stadt für beide Länder unterstreicht.

Die Bundesregierung unterstützt das Projekt "Netzwerk Weiße Stadt Tel Aviv" seit 2014. Diese Initiative koordiniert und organisiert die Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Bundesbau (ABB) in Mainz als Vertretung des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und der Geschäftsstelle Weiße Stadt Tel Aviv.

Ein besonderes Beispiel für die deutsch-israelische Zusammenarbeit ist der gebürtige Schwabe Norbert Höpfer, der seit zehn Jahren in Israel lebt. Mit seinem Expertenwissen in Putztechniken trägt er maßgeblich zur Sanierung der Gebäude bei. Seine Aufgaben sind vielfältig: Er gibt Schulungen und Seminare, entwickelt Rezepte für den geeigneten Putz und arbeitet direkt vor Ort mit.

Das Max-Liebling-Haus als Vorzeigeprojekt

Ein zentrales Projekt der deutsch-israelischen Zusammenarbeit ist die Komplettsanierung des denkmalgeschützten Max-Liebling-Hauses in Tel Aviv. Das Gebäude, 1936 vom Architekten Dov Karmi errichtet, dient als Symbol für die gesamte Weiße Stadt und ihre Bauhaus-Architektur. Wie der Leiter des Denkmalschutzamtes Tel Aviv, Jeremie Hoffmann, zusammenfasst: "Die Sanierung des Max-Liebling-Hauses ist ein Symbol für die gesamte Weiße Stadt und ihre Bauhaus-Architektur: Sie macht der Öffentlichkeit dieses kulturelle Erbe der Stadt bewusster."

Anlässlich des 50. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel, der 2015 begangen wurde, vereinbarten die deutsche Bundesregierung und die Stadt Tel Aviv die Kooperation zur Gründung des White City Centers/Liebling Haus, das jetzt in die beispielhafte denkmalschutzgerechte Komplettsanierung des Max-Liebling-Hauses mündete.

Die Fassadensanierung wurde als Jugendcamp konzipiert, das junge deutsche und israelische Handwerker zusammenführt. Das Projekt ist Teil der Kooperation "Open for Renovation", die vom ABB koordiniert wird. Die gemeinnützige Sto-Stiftung finanzierte den deutsch-israelischen Workshop zur Fassadensanierung. Unterstützung erhielt das Projekt auch durch die Berufsschule in Leonberg und das Kompetenzzentrum der Stuckateure in Rutesheim.

In vier Teams arbeiteten Azubis des deutschen Stuckateur- und Fachschüler des Malerhandwerks zusammen mit israelischen Handwerkern und Studenten an der Sanierung. Die Fassade wurde termingerecht fertiggestellt und erstrahlt nun in neuem Weiß.

Öffentlichkeitsarbeit und Wissensvermittlung

Die Sanierung der Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv ist kein reines Bauprojekt, sondern wird als offener Prozess gestaltet, in den die Öffentlichkeit eingebunden wird. Die breit angelegte Kampagne "Open for Renovation" lädt zu Rundgängen, künstlerischen Aktionen oder Workshops ein.

Beim Max-Liebling-Haus werden Besuchergruppen durch die leeren Räume geführt, um das Leben früherer Bewohner kennenzulernen. Junge Handwerker legen Putze frei und setzen Fenster in Stand, während Anwohner den neuangelegten Biogarten pflegen und sich am kreativen Schaffen erfreuen.

"Früher wurden Fenster einfach ausgetauscht, inzwischen fragen uns viele wie es gemacht wird", erzählt Sharon Golan Yaron. Die Rekonstruktion eines Fensters aus dem Liebling-Haus ist Teil des Projekts Israeli German Sustainable Building Education (IGSBE), das vom Architekten Robert K. Huber mit israelischen und deutschen Teilnehmenden in Berlin und Tel Aviv umgesetzt wurde.

Darauf aufbauend sanierten Auszubildende, Studierende, interessierte Fachleute und Laien drei Wochen lang unter Anleitung eines erfahrenen Handwerksmeisters vom Berufsförderungswerk des Bauindustrieverbandes Berlin-Brandenburg Fenster und Balkontüren im Max-Liebling-Haus. "Es war schon eine Herausforderung, mit den sehr unterschiedlichen fachlichen Voraussetzungen umzugehen", berichtet Robert Huber vom Berliner Büro "zukunftsgeraeusche".

Der Unterschied im Ausbildungssystem zwischen den beiden Ländern stellt eine besondere Herausforderung dar. "Ein duale Ausbildung wie in Deutschland gibt es in Israel nicht, der Zugang ist eher akademisch. Viele Handwerker wiederum sind ungelernt und bringen wenig Fachwissen mit", erklärt Huber. Dennoch sieht er positive Entwicklungen: "Es wäre gut, wenn wir auch in Zukunft Auszubildende mit Studierenden zusammenbringen können", betont Huber. Der Grundstein ist gelegt: "Unser Ziel war es, mit der Lehrbaustelle ein Format vorzustellen, das sich auch auf andere Baustellen übertragen lässt."

Das White City Center als Drehpunkt der Zusammenarbeit

Im Max-Liebling-Haus soll ein Zentrum des "Netzwerk Weiße Stadt" entstehen. Dieses Zentrum dient nicht nur als Ausstellungsraum, sondern auch als Ort des Austauschs und der Wissensvermittlung. Die Stadt Tel Aviv hat das Gebäude dem bilateralen Projekt zur Verfügung gestellt, um die Zusammenarbeit zu institutionalisieren.

Ein weiteres wichtiges Zentrum für die Vermittlung der Bauhaus-Architektur ist das Bauhaus-Center in der Dizengoff Street 77, das Führungen durch die Weiße Stadt anbietet. Im Shalom Meir Tower ist zudem eine kostenlose Dauerausstellung der Geschichte der Stadt und vor allem dem Thema Architektur in Tel Aviv gewidmet. Mit Modellen herausragender Bauten, einem Modell der Stadt und vielen historischen Fotografien und Filmen aus den Anfängen Tel Avivs bietet die Ausstellung einen umfassenden Einblick in die Entwicklung der Stadt und ihrer Architektur.

"Tel Aviv ist ‚Bauhaus' eher ein Maklerslogan, der den Verkauf von Immobilien befördert", sagt Programmdirektorin Sharon Golan Yaron. "Uns geht es deshalb vor allem darum, einen emotionalen Bezug zur Idee des Bauhaus zu vermitteln und so die Wertschätzung für diese Architektur der Moderne zu fördern." Die Renovierungsprojekte dienen daher nicht nur dem Erhalt der Bausubstanz, sondern auch der Schaffung eines Bewusstseins für den kulturellen Wert dieser Gebäude.

Fazit

Die deutsch-israelische Zusammenarbeit zur Sanierung der Bauhaus-Architektur in Tel Aviv ist ein Vorzeigeprojekt für internationalen Denkmalschutz. Die "Weiße Stadt" mit ihren rund 4.000 Gebäuden, davon etwa 2.000 unter Denkmalschutz, stellt ein einzigartiges architektonisches Erbe dar, das durch das Klima und unkoordinierte Umbauten stark gefährdet ist.

Durch die Kooperation "Open for Renovation" und das "Netzwerk Weiße Stadt" haben Deutschland und Israel eine Struktur geschaffen, die den Erhalt dieses Weltkulturerbes ermöglicht. Das Max-Liebling-Haus dient als Symbol für diese Bemühungen und zeigt, wie denkmalgerechte Sanierung gelingen kann. Besonders wertvoll ist der Austausch zwischen deutschen und israelischen Handwerkern und die Wissensvermittlung durch Projekte wie IGSBE.

Die Herausforderungen sind jedoch weiterhin groß: Der Mangel an spezialisierten Handwerkern in Israel und die unterschiedlichen Ausbildungssysteme erfordern kontinuierliche Anstrengungen im Bereich der Wissensvermittlung. Gleichzeitig muss die Öffentlichkeit für den Wert der Bauhaus-Architektur sensibilisiert werden, um langfristige Unterstützung für den Denkmalschutz zu sichern.

Die Sanierung der Bauhaus-Gebäude in Tel Aviv ist somit mehr als ein reines Bauprojekt – sie ist ein Akt der kulturellen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der Gestaltung der Zukunft. Wie Golan Yaron betont, richtet sich die Arbeit durch den Erhalt dieser Gebäude auch in die Zukunft. Das Projekt zeigt, dass selbst aus schwierigen historischen Verbindungen etwas Positives entstehen kann: eine Partnerschaft, die dem kulturellen Erbe beider Länder dient.

Quellen

  1. BAUHAUS-Sanierung in Israel: Max-Liebling-Haus erstrahlt in neuem Glanz
  2. Deutsch-Israelische Zusammenarbeit bei der Restaurierung der Bauhaus-Gebäude
  3. Zum 100. Bauhaus-Jubiläum wird Israel renoviert
  4. 100 Jahre Bauhaus: Die Weiße Stadt in Tel Aviv bewahren
  5. Tel Aviv Bauhaus Architektur Weiße Stadt

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