Einleitung
Die Kantstraße 79 in Berlin-Charlottenburg beherbergt ein einzigartiges Ensemble historischer Gebäude, das eine bemerkenswerte Transformation von einem Ort der Isolation zu einem sozialen und kulturellen Zentrum erfahren hat. Das ehemalige Frauengefängnis und Gerichtsgebäude wurde von den Architektenbüro Grüntuch Ernst umfassend saniert, erweitert und neu programmiert. Dieser Artikel beleuchtet die Geschichte des Gebäudes, die Konzepte der Transformation, die architektonischen Besonderheiten sowie die heutige Nutzung als Hotel, Restaurant und Kulturraum. Die Sanierung wurde mit mehreren bedeutenden Architekturpreisen ausgezeichnet und stellt ein herausragendes Beispiel für die behutsame Umnutzung historischer Gebäude dar.
Historie des Gebäudeensembles
Das Gebäudeensemble in der Kantstraße 79 hat eine vielschichtige Geschichte, die von Justizfunktion über Inhaftierung bis hin zu kultureller Nutzung reicht. Ursprünglich diente das Gebäude als Gerichtsgebäude und Frauengefängnis, was bereits eine doppelte Funktionsweise andeutet. Während der Studentenunruhe der 1960er Jahre war hier auch die Schriftstellerin Ulrike Edschmid inhaftiert, was das Gebäude in eine besondere historische Verstrickung mit der Berliner Zeitgeschichte rückt.
In seiner letzten Funktion als Justizinstitution diente das Haus als Jugendarrestanstalt, bevor es geschlossen wurde. In der Zeit nach der Schließung fand das Gebäude eine neue, vorübergehende Nutzung als Archiv des Grundbuchamtes. Darüber hinaus wurde es zeitweise als Fotolocation für Musikvideos und als Filmset für verschiedene Produktionen genutzt. Bekannt wurde es unter anderem durch die Verfilmung von "Der Vorleser" mit Kate Winslet.
Diese vielfältige Nutzungsgeschichte hinterließ deutliche Spuren im Gebäude, die bei der späteren Sanierung berücksichtigt werden mussten. Der Übergang von einer Institution mit kontrolliertem Zugang zu einem öffentlich zugänglichen Raum erforderte eine besondere sensible Herangehensweise an die bauliche Substanz.
Konzept der Transformation
Das zentrale Konzept der Transformation des Gebäudeensembles bestand darin, das Raumkonzept grundsätzlich umzukehren - es von einem Raum der Isolation in einen sozialen Raum zu wandeln. Diese grundlegende Veränderung der Nutzung erforderte eine sorgfältige Balance zwischen dem Erhalt des historischen Charakters und der Schaffung neuer, offener Raumstrukturen.
Die Architekten sahen es als besondere Herausforderung an, den Charakter des Hauses nicht zu verlieren, während sie gleichzeitig eine vollkommen neue Nutzung ermöglichten. Das Ziel war es, die Geschichte des Gebäudes sichtbar zu machen, ohne die Spuren der Vergangenheit zu tilgen. Diese Herangehensweise erforderte Interventionen mit gezielten Öffnungen, Überlagerungen, Verschiebungen und Durchdringungen im Bestandsgebäude.
Während der zeitintensiven Verwandlung wurde das Grundstück der Öffentlichkeit bereits durch Events und Ausstellungen zugänglich gemacht, was einen schrittweisen Übergang zur neuen Nutzung ermöglichte. Diese vorsichtige Öffnung des zuvor abgeschotteten Raumes trug wesentlich zur Akzeptanz der neuen Nutzung bei.
Architektonische Umsetzung
Die architektonische Umsetzung des Projekts oblag dem Büro Grüntuch Ernst Architekten, die für die Transformation, Erweiterung und Neuprogrammierung des Ensembles verantwortlich waren. Der Haupteingang an der Kantstraße 79 führt in das frühere Gerichtsgebäude, das heute als Kunst- und Kulturraum "Amtsalon" genutzt wird und Platz für vielfältige Veranstaltungen bietet.
Der östliche Eingang führt zum Hotel Wilmina, zum Restaurant Lovis und zur Lovis Bar. Neben der Hotelrezeption befindet sich die hauseigene Bäckerei Wilmina Brot. Das Ensemble wird durch ein neues Gebäude erweitert, in dem die Wilmina Apartments und die LOTTA Tagesbar zu finden sind.
Besondere Aufmerksamkeit wurde der Behandlung historischer Elemente gewidmet. So wurde das ehemalige Gerichtsgebäude während der Sanierung als showroom der kanadischen Firma Bocci im Glanz der Lichtinstallationen präsentiert, was eine Verbindung zwischen historischer Bausubstanz und zeitgenössischer Gestaltung schuf.
Die Sanierung erfolgte behutsam und mit Respekt vor der Geschichte des Ortes. Gleichzeitig wurden moderne Anforderungen an Hotel- und Gastronomiebetriebe berücksichtigt, was eine anspruchsvolle Balance zwischen Bewahrung und Neugestaltung erforderte.
Neue Nutzung und Einrichtungen
Die erfolgreiche Transformation des ehemaligen Gefängnisensembles hat eine vielfältige Nutzung mit kulturellem, gastronomischem und hotelischem Profil ermöglicht. Der ehemalige Gerichtssaal dient heute als multifunktionaler Kunst- und Kulturraum "Amtsalon", der für verschiedene Veranstaltungen genutzt werden kann und damit einen neuen kulturellen Anziehungspunkt im Charlottenburger Stadtteil geschaffen hat.
Das Hotel Wilmina bietet Gästen die Möglichkeit, in historischen Räumen mit moderner Ausstattung zu übernachten. Die gastronomische Nutzung umfasst das Restaurant Lovis unter der kulinarischen Leitung von Sophia Rudolph im ehemaligen Schleusenhof sowie die Lovis Bar und die hauseigene Bäckerei Wilmina Brot. Die Wilmina Apartments und die LOTTA Tagesbar in neu angebauten Teilen des Ensembles runden das Angebot ab.
Die Trennung verschiedener Funktionen erfolgt dabei sensibel, um die verschiedenen Nutzungsansprüche zu erfüllen, ohne die räumliche Qualität zu beeinträchtigen. Die gastronomischen Einrichtungen sind so positioniert, dass sie zur öffentlichen Straße hin orientiert sind und damit einen lebendigen Stadtraum schaffen, während die Hotelbereiche eher nach innen orientiert Ruhe bieten.
Die Einrichtung der Räume verbindet Elemente der historischen Bausubstanz mit zeitgenössischem Design. So werden historische Strukturen sichtbar gelassen, während moderne Möbel und Ausstattung eine zeitgemäße Nutzung ermöglichen. Diese Verbindung verleiht dem Ensemble seinen besonderen Charakter und macht es zu einem Beispiel für gelungene historische Umnutzung.
Auszeichnungen und Anerkennung
Die herausragende Qualität der Sanierung wurde mit mehreren bedeutenden Preisen ausgezeichnet, die die besondere architektonische und städtebauliche Leistung würdigen. Das Projekt erhielt den Architekturpreis Berlin 2023, der innovative und beispielhafte Bauvorhaben in der Hauptstadt auszeichnet.
Darüber hinaus wurde die Sanierung mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur 2022 gewürdigt, der besondere Berücksichtigung von ökologischen und sozialen Nachhaltigkeitsaspekten in der Architektur findet. Auch im Bereich Hotellerie wurde das Projekt mit der Auszeichnung "Hotelimmobilie des Jahres 2022" bedacht, die die besondere Qualität der Umsetzung im Bereich der Beherbergungsbetriebe würdigt.
Ein weiteres wichtiges Qualitätsmerkmal ist der BDA Preis Berlin 2021, verliehen vom Bund Deutscher Architekten, der die besondere architektonische Leistung und den Beitrag zur städtebaulichen Qualität würdigt. Diese Auszeichnungen unterstreichen die herausragende Bedeutung des Projekts für zeitgenössische Architektur und Sanierungspraxis in Deutschland.
Lage und Erreichbarkeit
Die Lage des Gebäudeensembles in der Kantstraße 79 bietet gute Verkehrsanbindungen und ist gut zu erreichen. Für Gäste, die mit dem Fahrrad anreisen, stehen kostenfreie Stellplätze zur Verfügung. Die öffentliche Anbindung erfolgt über die S-Bahn-Station Charlottenburg, die etwa 6 Gehminuten vom Hotel entfernt ist. Von dort sind der Flughafen BER sowie der Hauptbahnhof gut zu erreichen.
Für die Anreise mit dem Flugzeug vom Flughafen BER dauert die Fahrt mit der S-Bahn (Linie S9 ohne Umsteigen) etwa 50 Minuten. Ein Taxi vom Flughafen benötigt je nach Verkehrslage 30-50 Minuten und kostet ab 45€. Alternativ steht am Flughafen ein großer Parkplatz mit vielen MILES-Carsharing-Fahrzeugen zur Verfügung.
Vom Hauptbahnhof Berlin aus ist die Anbindung mit der S-Bahn noch direkter: Die Fahrt dauert nur 11 Minuten, ebenfalls mit dem Ziel Charlottenburg. Mit dem Auto ist das Ensemble über die A100 und den Messedamm gut zu erreichen. Die Adresse lautet Wilmina / Kantstraße 79 / 10627 Berlin.
Für Gäste, die mit dem Auto anreisen, stehen 20 Parkplätze in der Tiefgarage zur Verfügung, die 26€ pro Nacht kosten. Während des Check-ins können Gäste in der Einfahrt bei der Rezeption parken und danach zur Tiefgarage fahren, die etwa 100 Meter entfernt ist.
Umgebung und infrastrukturelle Entwicklung
Die Kantstraße 79 befindet sich in einem Stadtteil, der sich aktuell infrastrukturell weiterentwickelt. So wird ab dem 28. Juli 2025 ein bisheriger Pop-up-Radweg in der Kantstraße zwischen der Wilmersdorfer Straße und der Dernburgstraße zu einem dauerhaften Radweg ausgebaut. Die umfangreichen Markierungsarbeiten werden voraussichtlich bis zum 17. August 2025 andauern.
Während dieser Arbeiten werden Halteverbotszonen eingerichtet, was zu eingeschränkter Parkverfügbarkeit entlang der betroffenen Strecke führen wird. Verkehrsteilnehmer werden gebeten, auf alternative Parkmöglichkeiten auszuweichen. Die Demarkierungsarbeiten finden tagsüber statt, während die neuen, dauerhaften Markierungen in den Abendstunden aufgebracht werden. In dieser Zeit kann es zu temporären Verkehrseinschränkungen kommen.
Diese infrastrukturelle Verbesserung für den Radverkehr unterstreicht die Bedeutung des Stadtteils für nachhaltige Mobilitätslösungen und wird die Attraktivität der Kantstraße als Einkaufs- und Wohnstraße weiter erhöhen.
In der unmittelbaren Umgebung des Gebäudeensembles befindet sich das Stilwerk, ein Designcenter für hochklassiges Markenangebot aus den Bereichen Einrichtung und Wohndesign. Das Stilwerk hat nach einer Kündigung des Betreibervertrags am alten Standort (Kantstraße 17) seinen neuen Sitz in den historischen Kant-Garagen (Kantstraße 126) bezogen. Die Garage, die von 1929 bis 1930 errichtet wurde, ist ein Baudenkmal und die einzige Hochgarage in Deutschland, deren authentische Ausstattung bis heute nahezu vollständig erhalten blieb. Dies zeigt die besondere historische Bedeutung der Kantstraße als Ensemble von denkmalgeschützten Gebäuden, die unterschiedlichen Nutzungsformen gewidmet waren.
Fazit
Die Sanierung des ehemaligen Frauengefängnisses und Gerichtsgebäudes in der Kantstraße 79 stellt ein herausragendes Beispiel für die behutsame Transformation historischer Justizbauten zu sozialen und kulturellen Zentren dar. Das Projekt gelingt es, den Charakter des Ortes zu bewahren, gleichzeitig jedoch eine vollkommen neue Nutzung mit Hotel, Gastronomie und Kulturraum zu ermöglichen.
Die besondere architektonische Leistung besteht darin, das Raumkonzept grundlegend umzukehren - von einem Raum der Isolation zu einem sozialen Raum. Dies geschah durch gezielte Eingriffe mit Öffnungen, Überlagerungen, Verschiebungen und Durchdringungen im Bestandsgebäude, die das Gefängnis räumlich neu entdecken lassen, ohne die Spuren der Vergangenheit zu verlieren.
Die Auszeichnung mit mehreren Architektur- und Nachhaltigkeitspreisen unterstreicht die besondere Qualität des Projekts, das nicht nur architektonische, sondern auch städtebauliche und soziale Maßstäbe setzt. Die vielfältige Nutzung des Ensembles mit Hotel, Restaurant, Kulturraum und Apartments trägt zur Belebung des Charlottenburger Stadtteils bei und schafft einen neuen Anziehungspunkt für Einheimische und Gäste.
Die gute Erreichbarkeit und die infrastrukturelle Entwicklung wie der Ausbau des Radwegs in der Kantstraße erhöhen die Attraktivität des Standorts weiter. Die Sanierung von Kantstraße 79 zeigt damit, wie historische Gebäude mit sensibler Handhabung ihrer Geschichte eine neue, zeitgemäße Funktion erhalten können und so einen wertvollen Beitrag zum Stadtbild und zur Nutzungsvielfalt leisten.