Einleitung
Der Kieler Rathausturm, mit seinen 106 Metern eines der markantesten Wahrzeichen der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel, befindet sich derzeit in einer umfassenden Sanierungsphase. Das zwischen 1907 und 1911 nach Plänen des Architekten Hermann Billing errichtete Bauwerk ist nicht nur für seine beeindruckende Höhe und seine venezianisch inspirierte Architektur bekannt, sondern auch als kulturelles und historisches Zentrum der Stadt. Die aktuelle Sanierung, die nach ursprünglichen Planungen bereits zur Kieler Woche hätte abgeschlossen sein sollen, stellt eine besondere Herausforderung dar, da sie nicht nur ästhetische Aspekte betrifft, sondern auch strukturelle Probleme beheben muss. Dieser Artikel beleuchtet die Historie des Bauwerks, die Bedeutung für die Stadt Kiel und die aktuellen Sanierungsarbeiten, die bei Einhaltung des Kostenrahmens von drei Millionen Euro durchgeführt werden.
Historie und Architektur des Kieler Rathausturms
Bauzeit und Entwurf
Der Kieler Rathausturm wurde zwischen 1907 und 1911 errichtet und ist Teil des Kieler Rathauses am Rathausplatz westlich der Altstadt. Der Architekt Hermann Billing aus Karlsruhe entwarf den Turm nach dem Vorbild des venezianischen Glockenturms Markusdom in Venedig. Die Baukosten betrugen vier Millionen Goldmark, was für damalige Verhältnisse eine erhebliche Summe darstellte und bereits während der Bauzeit zu öffentlicher Kritik führte. Im Kieler Volksmund machte schnell ein Spottvers die Runde: "Kiel hett keen Geld, dat weet de Welt. Ob's mal wat kriecht, dat weet man nich."
Einweihung und frühe Geschichte
Am 22. November 1911 wurde der Turm feierlich von Kaiser Wilhelm II. eingeweiht. Das Gebäudeensemble ersetzte das mittelalterliche Rathaus am Alten Markt, für die stark wachsende Marine- und Werftenstadt zu klein geworden war. Von Baubeginn bis zum Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude am Rathausplatz als "Neues Rathaus" bezeichnet, während der Bau am Alten Markt als "Altes Rathaus" bekannt war.
Zerstörung im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Kieler Rathaus schwer beschädigt. Die Bombenangriffe zwischen 1943 und 1945 zerstörten das Hauptdach, den Verwaltungsflügel an der Rathausstraße sowie den Mittelbau mit den Repräsentationsräumen. Bemerkenswert ist, dass das Ratsherrenzimmer unbeschädigt blieb. Der Turm selbst überstand den Krieg ohne nennenswerte Schäden, was ihm den Status eines unzerstörten Symbols der Stadt verlieh.
Wiederaufbau nach dem Krieg
Der Wiederaufbau des Rathauses fand von 1945 bis 1950 unter der Leitung von Oberbürgermeister Andreas Gayk statt. Am 22. Juni 1950 wurde das wiederaufgebaute Rathaus in Anwesenheit des Bundespräsidenten Theodor Heuss feierlich eingeweiht. 1971 wurde das Gebäude in das Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein eingetragen, was seinen besonderen historischen und architektonischen Wert unterstreicht.
Veränderungen in der Nutzung
Da das Gebäude am Rathausplatz im Laufe der Zeit nicht mehr genügend Platz für die städtischen Ämter bot, wurden seit dem Jahr 2008 Teile der Stadtverwaltung in das Gebäude der ehemaligen Oberpostdirektion in der Andreas-Gayk-Straße ausgelagert. Seitdem wird das Gebäude am Rathausplatz wieder als "Altes Rathaus" bezeichnet, während die ehemalige Oberpostdirektion als "Neues Rathaus" fungiert.
Der Kieler Rathausturm als Wahrzeichen und Touristenattraktion
Architektonische Besonderheiten
Der 106 Meter hohe Turm mit seiner 27 Meter hohen Kupferhaube ist das Erkennungszeichen der Landeshauptstadt. Viele Straßen der Innenstadt scheinen direkt auf den Turm zuzulaufen, was seine zentrale städtebauliche Bedeutung unterstreicht. Die markante Sandsteinfassade des Rathauses prägt bis heute das Stadtbild und verleiht dem Ensemble eine besondere würdevolle Eleganz.
Besucherplattform und Aussicht
Auf fast 70 Metern Höhe befindet sich eine Besucherplattform, die mit einem Aufzug erreicht werden kann. Von dieser Plattform bietet sich ein fantastischer Blick über die Kieler Altstadt, die Förde und den Hafen. Die Plattform ist eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Kiel und zieht jährlich zahlreiche Touristen an. Die Fahrten auf den Turm finden zu bestimmten Zeiten statt, wie zum Beispiel:
- Juli bis 1. November 2025: Mittwoch und Samstag um 12:00, 12:45 und 13:30 Uhr
- April/Mai 2026: Mittwoch und Samstag um 11:15, 12:00, 12:45, 13:30, 14:15 Uhr
(Alle Angaben ohne Gewähr, Änderungen vorbehalten)
Glockenspiel und technische Besonderheiten
Alle 15 Minuten erklingt vom Rathausturm ein Glockenspiel, das sich im Verlauf einer Stunde zu einer vollständigen Melodie zusammensetzt. Eine weitere technische Besonderheit des Gebäudes ist der alte Paternosteraufzug, der zu den wenigen noch in Betrieb befindlichen dieser Art in Deutschland zählt. Diese historische Aufzugsanlage ist nicht nur funktional, sondern auch ein technisches Denkmal.
Innenraumgestaltung
Im Inneren des Turms befindet sich das Stadtarchiv mit Büchern und Filmen zur Geschichte Kiels. Das Foyer des Rathauses ziert eine Vielzahl von Gemälden, Porträts früherer Kieler Bürgermeister und Skulpturen, die die reiche Geschichte der Stadt dokumentieren und sichtbar machen.
Aktuelle Sanierungsmaßnahmen
Hintergrund und Notwendigkeit
Zwischen 2017 und Anfang 2019 wurde der Rathausturm bereits einer Grundsanierung unterzogen. Die aktuelle Sanierung, die nach ursprünglichen Planungen bereits zur Kieler Woche hätte abgeschlossen sein soll, betrifft vor allem die äußere Gestaltung und die Besucherplattform. Die Sanierungsarbeiten sind notwendig geworden, da sich im Laufe der Zeit erhebliche Schäden, insbesondere im Bereich der Entwässerung, entwickelt hatten.
Zeitplan und Kosten
Die Verantwortlichen von der Verwaltung versichern, dass die Kosten im gesteckten Rahmen von drei Millionen Euro bleiben. Ursprünglich sollte der Turm schon zur Kieler Woche vollständig saniert sein, doch wie der zuständige Architekt Günter Szymkowiak erklärt, ist dies nicht zu schaffen. "Bis zur Kieler Woche wollen wir die Besucherplattform fertig haben", so Szymkowiak. Das Gerüst werde dann bis mindestens zu dieser Höhe entfernt, sodass die Fahrten auf den Turm wieder stattfinden können, freie Sicht inklusive.
Identifizierte Schäden und Maßnahmen
Ein wesentliches Problem war die Entwässerung. "Wir hatten hier ein großes Problem mit der Entwässerung", erklärt der Architekt. Das Wasser floss nicht richtig ab, drang in den Bodenbelag ein und lief dann auch am tiefer gelegenen Mauerwerk und Sandstein entlang. Deshalb wurde jetzt ein leichtes Gefälle eingebaut, außerdem wird der Asphalt durch Granitplatten ersetzt. Viele Schäden wurden erst deutlich, als das Gerüst stand, was die Komplexität der Sanierungsarbeiten unterstreicht.
Besucherplattform
Die Besucherplattform ist derzeit kaum zu erkennen: Das Geländer fehlt, die markanten, eiförmigen Zierelemente sind abmontiert, auf dem Boden liegt Sand. Hier arbeitet Torsten Roskot, der Granitplatten verlegt. Die Sanierung der Plattform ist ein zentraler Bestandteil der aktuellen Arbeiten, da sie die Hauptattraktion für Besucher darstellt.
Technische Herausforderungen bei der Sanierung
Materialerhaltung und Restaurierung
Die Sanierung des Kieler Rathausturms stellt besondere technische Herausforderungen dar, da es sich um ein denkmalgeschütztes Bauwerk handelt. Die Fassade besteht aus Sandstein, der besonderer Pflege und Restaurierungsverfahren bedarf. Gleichzeitig müssen moderne Materialien und Techniken eingesetzt werden, um die Funktionalität zu gewährleisten, ohne den historischen Charakter des Gebäudes zu beeinträchtigen.
Integration historischer Elemente
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Erhaltung historischer Elemente wie des Paternosteraufzugs. Die Sanierung muss sicherstellen, dass diese technischen Denkmale weiterhin funktionstüchtig bleiben, während sie an moderne Sicherheits- und Barrierefreiheitsstandards angepasst werden.
Umgang mit Bausubstanz aus verschiedenen Epochen
Das Rathaus spiegelt die Baugeschichte des 20. Jahrhunderts wider, da es nach dem Krieg wiederaufgebaut und später erweitert wurde. Die Sanierung muss daher die unterschiedlichen Materialien und Bautechniken der verschiedenen Epochen berücksichtigen und geeignete Restaurierungsmaßnahmen für jede Komponente entwickeln.
Bedeutung für die Stadtentwicklung
Stadtplanerische Bedeutung
Der Kieler Rathausturm hat eine besondere städtebauliche Bedeutung für Kiel. Viele Straßen der Innenstadt scheinen direkt auf ihn zuzulaufen, was seine zentrale Position im Stadtbild unterstreicht. Das Gebäudeensemble ist nicht nur Verwaltungssitz, sondern auch ein kulturelles und identitätsstiftendes Monument für die Stadt.
Wirtschaftliche Bedeutung
Als eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Kiel trägt der Rathausturm erheblich zum Tourismus bei. Die Sanierung soll nicht nur die bauliche Substanz erhalten, sondern auch die Attraktivität für Besucher steigern, um den wirtschaftlichen Nutzen für die Stadt zu sichern.
Symbolkraft für den Wiederaufbau
Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde der Turm zum Symbol des Wiederaufbaus und des städtischen Selbstbewusstseins. Die aktuelle Sanierung knüpft an diese symbolische Bedeutung an und zeigt den Willen der Stadt, ihr historisches Erbe zu bewahren und für zukünftige Generationen nutzbar zu machen.
Fazit
Die Sanierung des Kieler Rathausturms ist ein komplexes Unterfangen, das nicht nur technische Herausforderungen birgt, sondern auch die besondere Bedeutung des Bauwerks für die Stadt Kiel berücksichtigen muss. Als Wahrzeichen der Stadt und architektonisches Erbe des frühen 20. Jahrhunderts erfordert der Turm eine Sanierung, die moderne Anforderungen mit dem Schutz historischer Substanz verbindet. Die bisherigen Arbeiten haben gezeigt, dass selbst nach über 100 Jahren Nutzungsdauer noch unentdeckte Schäden vorhanden sein können, die erst bei eingehender Untersuchung sichtbar werden.
Die Sanierung wird voraussichtlich die ursprünglich geplante Zeitplanung überschreiten, bleibt jedoch im Kostenrahmen von drei Millionen Euro. Die Fertigstellung der Besucherplattform bis zur Kieler Woche ist ein wichtiges Zwischenziel, das den öffentlichen Zugang zum Wahrzeichen bald wieder ermöglicht. Die Sanierung wird nicht nur die bauliche Substanz des Turmes sichern, sondern auch seine Funktion als Touristenattraktion und kulturelles Zentrum der Stadt für die Zukunft erhalten.
Der Kieler Rathausturm ist mehr als nur ein Verwaltungsgebäude - er ist ein lebendiges Denkmal, das die Geschichte der Stadt verkörpert und für zukünftige Generationen bewahrt werden muss. Die aktuelle Sanierung ist eine wichtige Investition in die Identität und Zukunft der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins.