Klimarobuste Renovierung: Schwammstadt-Konzepte für den Klimawandel

Einleitung

Der fortschreitende Klimawandel stellt insbesondere urbane Räume vor erhebliche Herausforderungen, die auch im Bausektor und bei Renovierungen Berücksichtigung finden müssen. Die Notwendigkeit, sich an die veränderten Klimabedingungen anzupassen, wird durch den wissenschaftlichen Konsens des Weltklimarats (IPCC) und die rechtlich bindenden Verpflichtungen des Pariser Abkommens unterstrichen. Die globale Erwärmung soll auf deutlich unter 2°C, idealerweise auf 1,5°C über dem vorindustriellen Niveau, begrenzt werden. Die Erreichung der CO2-Neutralität ist eine globale Notwendigkeit, um innerhalb der planetaren Grenzen zu bleiben und gesellschaftliche Handlungsspielräume zu erhalten.

Im Mittelpunkt der Anpassungsmaßnahmen steht das Konzept der "Schwammstadt", das die Stärkung des natürlichen Wasserkreislaufs als Vorsorge für Wetterextreme vorsieht. Anstatt Regenwasser zusammen mit Schutzwasser aus Haushalten und Unternehmen in die Kanalisation abzuleiten, wird es lokal zurückgehalten oder zwischengespeichert, damit es versickern oder verdunsten kann. So geht der Niederschlag ins Grundwasser, wird einem Gewässer zugeführt oder kann zur Bewässerung von Stadtgrün genutzt werden – was wiederum für Kühlung sorgt.

Das Konzept der Schwammstadt

Die Schwammstadt ist ein ganzheitliches Ansatzkonzept für klimarobuste Stadtentwicklung, das Wasser als zentrale Ressource in den Mittelpunkt stellt. Dieses Konzept wurde in den letzten zehn Jahren insbesondere vom Netzwerk aus Emschergenossenschaft/Lippeverband und Kommunen im Ruhrgebiet vorangetrieben und hat sich mit über 500 umgesetzten Projekten bewährt.

Prof. Dr. Uli Paetzel, Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft/Lippeverband, hebt hervor: "Wasserwirtschaft und Stadtentwicklung zusammen anzugehen im städteübergreifenden Netzwerk und als Konzept für Klimaanpassung: Das war vor zehn Jahren noch nicht für alle nachvollziehbar. Wir sind den Schritt gemeinsam gegangen und haben mit über 500 umgesetzten Projekten und gemeinsam erworbenen Erfahrungen beim Schwammstadt-Umbau einiges vorzuweisen."

Das Grundprinzip der Schwammstadt ist die Nachahmung natürlicher Wasserzirkulationsprozesse in urbanen Räumen. Durch gezielte Maßnahmen wird Regenwasser in der Fläche zurückgehalten, anstatt schnell abzuleiten. Dies reduziert die Belastung von Kanalisationen, schützt vor Hochwasser und nutzt Wasserressourcen nachhaltig.

Konkrete Maßnahmen für klimarobuste Renovierung

Flächenentsiegelung

Ein zentrales Element klimarobuster Renovierung ist die Entsiegelung von Flächen. Versiegelte Oberflächen wie Beton oder Asphalt verhindern das Versickern von Regenwasser und tragen zu lokalen Hitzeeffekten bei. Durch die Entfernung dieser Versiegelungen kann Wasser wieder natürlich in den Boden eindringen, was den Grundwasserspiegel stützt und das lokale Mikroklima verbessert.

Trennung der Niederschlagsentwässerung

Die Abkopplung der Niederschlagsentwässerung befestigter Flächen von der Kanalisation ist eine weitere wichtige Maßnahme. Regenwasser wird nicht mehr mit Schmutzwasser gemeinsam abgeleitet, sondern separat behandelt oder im natürlichen Kreislauf zurückgehalten. Dies entlastet die Kanalisation und reduziert das Risiko von Überflutungen bei Starkregenereignissen.

Versickerungsanlagen

Der Bau von Versickerungsmulden, unterirdischen Speichern oder offenen Ableitungsrinnen ermöglicht das gezielte Zurückhalten von Regenwasser. Diese Anlagen können je nach Bauweise erhebliche Wassermengen speichern – pro Quadratmeter können bis zu 20 Liter zurückgehalten werden. In Bottrop beispielsweise wurden 50 begrünte Bushaltestellen mit solchen Systemen ausgestattet.

Dach- und Fassadenbegrünung

Die Begrünung von Dächern und Fassaden ist sowohl für den Hitzeschutz als auch für die Regenwasserbewirtschaftung bedeutsam. Gründächer speichern Wasser, reduzieren die Abwärmung der Gebäude und bieten Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Fassadenbegrünungen binden zusätzlich Feinstaub und stärken die Biodiversität.

Ein beeindruckendes Beispiel ist die begrünte Parkhaus-Fassade am Hauptbahnhof in Bottrop mit 5000 Pflanzen, die nicht nur Regenwasser speichert, sondern auch zur Luftreinigung beiträgt. Solche Maßnahmen können bei der Renovierung bestehender Gebäude gezielt integriert werden, um die Klimaresilienz zu erhöhen.

Umsetzung in der Praxis

Exkursionen zu Beispielprojekten

Bei Fachtagungen wie dem Expertenforum der Zukunftsinitiative Klima.Werk haben Fachkräfte die Möglichkeit, konkrete Projekte kennenzulernen und sich auszutauschen. Bei der Fachtagung in Bottrop wurden beispielsweise Exkursionen zu folgenden Projekten angeboten:

  • Das Neubaugebiet Schultenkamp/Dorfheide in Bottrop-Kirchhellen
  • Die Gartenstadt Welheim und der Park Welheim
  • Eine Fassadenbegrünung an der Schalker-Meile in Gelsenkirchen
  • Die Wohnanlage Tossehof in Gelsenkirchen
  • Die Ewaldstraße in Herten (Innenstadt)
  • Schwammstadt-Maßnahmen auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen

Diese Projekte zeigen vielfältige Ansätze zur Umsetzung klimarobuster Konzepte in unterschiedlichen Kontexten – von Neubaugebieten bis zur Bestandssanierung.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Der Erfolg klimarobuster Renovierungen hängt von der Zusammenarbeit verschiedener Fachbereiche ab. Bei den Expertenforen arbeiten Vertreter*innen aus den zuständigen Fachbereichen der Verwaltungen (Tiefbau, Stadtentwicklung, Umwelt, Entwässerung, Verkehr, Grünflächen, Gesundheit) mit Gästen aus Wissenschaft und Politik gemeinsam an der wasserbewussten Stadt- und Raumplanung.

Bernd Tischler, Oberbürgermeister der Stadt Bottrop, betont die Bedeutung solcher Formate: "Was wir hier bereits realisiert haben, zeigen wir auch bei den Exkursionen in unserer schönen Stadt." Die Stadt trat als Ausrichter des zweitägigen Expertenforums (9./10. Oktober) im Story Eventhouse auf, das rund 350 Teilnehmer*innen aus der Region und darüber hinaus anzog.

Weitere Empfohlene Maßnahmen

Neben den bereits genannten Schwammstadt-Konzepten werden weitere Anpassungsmaßnahmen empfohlen, die auch bei Renovierungen berücksichtigt werden sollten:

  • Flächendeckende bodenschonende Bewirtschaftungsweisen, um den Humusvorrat im Boden und die Bodenfeuchte zu fördern und auf Dürreperioden besser vorbereitet zu sein
  • Direkte Schutzmaßnahmen an Gebäuden und Infrastrukturen, die Schäden durch Starkniederschläge und Überschwemmungen reduzieren können
  • Naturbasierte und technische Küstenschutzmaßnahmen sowie Entwässerungseinrichtungen im Küstenbereich, um Siedlungen und Infrastrukturen an der Küste vor dem Meeresspiegelanstieg zu schützen

Die Expert*innen des wissenschaftlichen Konsortiums der Klimawirkungs- und Risikoanalyse weisen darauf hin, dass bereits eine gute Basis durch vorhandenes Wissen aus vergangenen Studien, aktive Netzwerke von Behörden, Forschungseinrichtungen und Akteure sowie Modellprojekte als gute Vorbilder vorhanden ist. Dennoch könnten die Maßnahmen nicht ausreichen, wenn der Klimawandel uns stark trifft.

Vorteile klimarobuster Renovierung

Mehr Lebensqualität

Klimarobuste Renovierungen verbessern nicht nur die Widerstandsfähigkeit gegen Extremwetterereignisse, sondern steigern auch die Lebensqualität in den Städten. Durch mehr Grünflächen, Wasserflächen und versiegelte Flächen entstehen attraktivere Aufenthaltsräume, die zur Erholung einladen. Die Integration von Natur in den urbanen Raum verbessert das Mikroklima, reduziert die Luftverschmutzung und fördert die Biodiversität.

Langfristige Kosteneinsparungen

Obwohl klimarobuste Renovierungen zunächst Investitionen erfordern, führen sie langfristig zu Kosteneinsparungen. Durch die Reduzierung von Hochwasserschäden, die Verbesserung der Energieeffizienz und die Wertsteigerung der Immobilien amortisieren sich die Maßnahmen oft über die Zeit.

Beitrag zum Klimaschutz

Klimarobuste Renovierungen leisten gleichzeitig einen Beitrag zum Klimaschutz. Durch die Verbesserung der Energieeffizienz von Gebäuden, die Verwendung nachhaltiger Baumaterialien und die Integration von Grünflächen, die CO2 binden, wird der CO2-Fußabdruck reduziert.

Empfehlungen für Hausbesitzer und Fachkräfte

Für Hausbesitzer

  1. Entsiegelung von Flächen: Entfernen Sie unnötige Versiegelungen auf Ihrem Grundstück, um Wasser versickern zu lassen.
  2. Regenwassernutzung: Installieren Sie Zisternen zur Sammlung von Regenwasser für die Gartenbewässerung.
  3. Gründach: Bei Dachsanierungen die Installation eines Gründachs in Betracht ziehen.
  4. Fassadenbegrünung: Nutzen Sie Kletterpflanzen zur Begrünung von Fassaden.
  5. Durchlässige Materialien: Verwenden Sie bei Terrassen und Wegen durchlässige Materialien wie Kies oder wasserdurchlässige Pflastersteine.

Für Fachkräfte im Baugewerbe

  1. Weiterbildung: Nutzen Sie Angebote wie die Expertenforene der Zukunftsinitiative Klima.Werk, um sich über neueste Entwicklungen im Bereich klimarobuster Bauweisen zu informieren.
  2. Netzwerkbildung: Engagieren Sie sich in Netzwerken wie Emschergenossenschaft/Lippeverband, um von gemeinsamen Erfahrungen zu profitieren.
  3. Integrale Planung: Berücksichtigen Sie bei Planungen und Sanierungen immer Aspekte der Klimaanpassung, nicht nur des Klimaschutzes.
  4. Praxisbeispiele studieren: Besichtigen Sie erfolgreiche Projekte, um innovative Lösungen kennenzulernen.

Zukunftsperspektiven

Das 10. Expertenforum der Zukunftsinitiative Klima.Werk wird 2025 in Gladbeck stattfinden und die Entwicklung weiterer klimarobuster Konzepte vorantreiben. Die Veranstaltung zeigt, wie wichtig kontinuierlicher Austausch und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren für die erfolgreiche Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen sind.

Klimaanpassung, besonders im Bestandsumbau, ist ein langfristiger Prozess, der weiter gemeinsam gestaltet werden muss. Die Verbindung von Hochwasservorsorge, Gewässerunterhaltung und Regenwasserbewirtschaftung mit Stadtplanung sorgt für mehr Aufenthalts- und Lebensqualität und ist ein Prinzip, das sich zunehmend durchsetzt.

Fazit

Klimarobuste Renovierung ist keine Zukunftsmusik, sondern eine notwendige Anpassung an den bereits spürbaren Klimawandel. Durch die Umsetzung des Schwammstadt-Konzepts und anderer Anpassungsmaßnahmen können Gebäude und Städte widerstandsfähiger gegenüber Extremwetterereignissen gemacht werden. Gleichzeitig tragen diese Maßnahmen zur Steigerung der Lebensqualität, zur Reduzierung von Kosten und zum Klimaschutz bei.

Die Beispiele aus dem Ruhrgebiet zeigen, dass erfolgreiche Umsetzungen bereits existieren und weiter ausgebaut werden können. Entscheidend ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft sowie die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Nur so können wir unsere Städte klimarobust gestalten und die Chancen des Wandels nutzen.

Quellen

  1. Klima.Werk: Expertenforum – Fachleute arbeiten an der klimarobusten Region
  2. Quarks: So verändert sich das Klima in deiner Region
  3. Helmholtz-Klima: Klimaresiliente Entwicklung von Städten und Regionen – erkennen und nutzen wir die Chancen?

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