Die Gorch Fock: Eine Sanierung zwischen historischem Erbe und Kostenexplosion

Einleitung

Die Gorch Fock, ein ikonisches Segelschulschiff der Deutschen Marine, steht seit Mitte der 2010er Jahre im Fokus einer der teuersten und komplexesten Sanierungsprojekte der deutschen Marinegeschichte. Was ursprünglich als eine Routineüberholung für etwa 10 Millionen Euro geplant war, entwickelte sich zu einem der aufwendigsten und kostspieligsten Projekte mit Endkosten von bis zu 135 Millionen Euro. Dieser Artikel beleuchtet die Chronologie der Sanierung, die Kostenentwicklung, die technischen Herausforderungen und die Managementprobleme, die zu dieser beispiellosen Kostenexplosion führten. Gleichzeitig wirft das Projekt Fragen zur Erhaltung historischer Schiffe und zum Umgang mit Kostenrisiken bei Großprojekten auf.

Historischer Hintergrund und Bedeutung der Gorch Fock

Die Gorch Fock, in der Literatur bisweilen als Gorch Fock I bezeichnet, ist ein als Bark getakeltes Segelschulschiff, das 1933 bei Blohm & Voss für die Reichsmarine gebaut und nach dem Schriftsteller Gorch Fock benannt wurde. Das Schiff hat eine besondere Bedeutung für die Deutsche Marine, da fast alle Offiziere der Marine ihre Ausbildung an Bord absolviert haben. Mit einer Dienstzeit von über 80 Jahren galt das Schiff als historisches Erbe, das bewahrt werden sollte.

Im Jahr 2003 wurde die Gorch Fock nicht mehr seetüchtig und lag seitdem im Stralsunder Hafen, bis sie 2015 zur Sanierung in eine Werft verlegt wurde. Das Schiff ist 60 Jahre alt und erforderte aufgrund seines Alters und der jahrzehntelangen Nutzung eine umfassende Überholung, um seine Seetüchtigkeit und seine Funktion als Ausbildungsschiff zu erhalten.

Chronologie der Sanierung

Anfangsphase (2015-2016)

Im Dezember 2015 wurde die Gorch Fock planmäßig in die Elsflether Werft verlegt, um eine turnusmäßige Grundüberholung durchzuführen. Bei den ersten Untersuchungen stellten die Techniker jedoch ernste Probleme fest: Die Masten des Schiffes waren marode und mussten vollständig ersetzt werden. Im Januar 2016 wurde das Schiff daraufhin in ein Schwimmdock der Bremerhavener Bredo-Werft verlegt. Die ursprüngliche Kostenschätzung für die Reparaturen belief sich auf knapp zehn Millionen Euro – eine Summe, die sich schnell als deutlich zu niedrig erweisen sollte.

Im weiteren Verlauf des Jahres 2016 zeigte sich, dass das Schiff weitaus mehr Schäden aufwies als zunächst angenommen. Im Oktober 2016, fast ein Jahr nach Beginn der Arbeiten, lag die Gorch Fock immer noch in der Werft, und es tauchten immer wieder neue Schäden auf. Dazu zogte ein marodes Oderdeck und alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf 1933 nie erneuert worden waren. Die Kostenerwartungen erhöhten sich um mehr als das Dreifache auf 35 Millionen Euro. Der Bund der Steuerzahler führte die Gorch Fock in seinem Schwarzbuch als Beispiel für misslungene Projekte auf.

Eskalation der Kosten (2017-2018)

Am 26. Januar 2017 verkündete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), dass das Schiff wieder instand gesetzt werden und über das Jahr 2030 hinaus als Segelschulschiff der Marine dienen solle. Zu diesem Zeitpunkt war die Kostenschätzung erneut erheblich gestiegen: "Die Fortführung des Instandsetzungsvorhabens bedingt geschätzte Kosten von insgesamt bis zu 75 Millionen Euro", teilte das Verteidigungsministerium mit. Parallel dazu wurde an einem Konzept für den Neubau eines Segelschulschiffes gearbeitet.

Die Kosten stiegen jedoch weiter. Im März 2017 wurden die Kosten auf 12,2 Millionen Euro geschätzt, wenig später auf 33,5 Millionen und im September schließlich auf stolze 64,5 Millionen Euro. Der Projektleiter zog die Reißlinie und wollte sich grünes Licht vom Ministerium für die weitere Vorgehensweise einholen. In einem Vermerk brachte er als Option das "Stoppen des Vorhabens Gorch Fock" und die "anschließende Außerdienststellung der Einheit" ins Spiel. Schließlich koste jeder Tag im Dock stolze 10.000 Euro.

Im Januar 2017 und im März 2018 zeichnete Ministerin von der Leyen die Fortsetzung der Instandsetzung ab. Öffentlich verteidigte sie die Entscheidung damit, dass die Renovierung günstiger sei als ein neues Schulschiff. Beide Entscheidungen wurden später von Prüfern als zweifelhaft eingestuft, da das Ministerium die Ministerin wohl mit falschen Daten fütterte.

Entscheidung für die Vollsanierung (2018-2021)

Anfang 2018 wurde die Kostenexplosion so gravierend, dass es zu einem Baustopp kam. Dieser wurde jedoch wieder aufgehoben. Die Kosten für die Instandsetzung der Gorch Fock wurden inzwischen mit bis zu 135 Millionen Euro kalkuliert. Am Ende war die Rede von einem faktischen Neubau – 95 Prozent des Schiffs sollte erneuert werden.

Laut einer Studie des Beschaffungsamts lägen die Kosten eines tatsächlichen Neubaus bei rund 170 Millionen Euro. Die Tauglichkeit dieser Studie wurde im Nachhinein in Frage gestellt. Ein späterer Prüfbericht belegte zudem, dass schon damals im Ministerium ein Abbruch der Sanierung thematisiert und die Werft als "bereits jetzt überfordert" bezeichnet wurde. Informationen wurden jedoch Ministerin von der Leyen vorenthalten.

Im August 2017 verglich die Verteidigungsministerin die Situation mit einem alten, sanierungsbedürftigen Haus: "Mit der Gorch Fock ist es wie mit einem alten, sanierungsbedürftigen Haus: Wir wollten erst Weniges reparieren, dann haben wir hinter die Planken geguckt, und dann stellt man fest, dass sie grundsaniert werden muss. Bis auf den Kiel muss fast alles ersetzt werden."

Kostenentwicklung im Detail

Die Kosten für die Sanierung der Gorch Fock entwickelten sich rasant und erreichten am Ende das 13,5-fache der ursprünglichen Schätzung:

Zeitpunkt Geschätzte Kosten Veränderung
Anfang 2016 10 Millionen Euro Ausgangsschätzung
Oktober 2016 35 Millionen Euro +25 Millionen Euro (150% Anstieg)
März 2017 12,2 Millionen Euro Abweichende Quelle, möglicherweise Teilprojekt
Später 2017 33,5 Millionen Euro Weitere Kostensteigerung
September 2017 64,5 Millionen Euro +31 Millionen Euro
Januar 2017 75 Millionen Euro Offizielle Schätzung zu diesem Zeitpunkt
2018 Über 100 Millionen Euro Weitere Kostensteigerung
2021 135 Millionen Euro Endgültige Kostenschätzung

Diese Tabelle zeigt, wie sich die Kosten im Laufe des Projekts exponentiell erhöhten. Jene Schätzung von 10 Millionen Euro erwies sich von Anfang an als unrealistisch, da weder das volle Ausmaß der Schäden noch die Komplexität der Arbeiten ausreichend berücksichtigt wurden.

Technische Herausforderungen der Sanierung

Die Sanierung der Gorch Fock erwies sich als technisch äußerst anspruchsvoll, was maßgeblich zu den Kostensteigerungen beitrug. Wie die Verteidigungsministerin später beschrieb, musste "bis auf den Kiel fast alles ersetzt werden". Zu den Hauptarbeiten gehörten:

  1. Erneuerung der Außenhaut: Fast die gesamte Rumpfbeplankung musste ersetzt werden, da sie stark korrodiert und beschädigt war.

  2. Austausch der Decks: Sowohl das Ober- als auch das Zwischendeck mussten komplett erneuert werden.

  3. Neubelag aus Teakholz: Der traditionelle Teakholzbelag auf den Decken wurde vollständig neu verlegt.

  4. Mast-Ersatz: Die Masten des Schiffes waren marode und mussten durch neue ersetzt werden.

  5. Motorüberholung: Der Hauptmotor des Schiffes wurde generalüberholt.

  6. Erneuerung der Kabelkanäle: Alte Kabelkanäle, die seit dem Stapellauf 1933 nie erneuert worden waren, mussten ausgetauscht werden.

  7. Reparatur des Oderdecks: Ein marodes Oderdeck musste instand gesetzt werden.

Die Komplexität dieser Arbeiten wurde dadurch erhöht, dass es sich um ein historisches Schiff handelte, bei dem auf Authentizität geachtet werden musste. Gleichzeitig mussten moderne Sicherheitsstandards und Anforderungen an die Ausbildung der Marineoffiziere berücksichtigt werden.

Managementprobleme und Kritikpunkte

Neben den technischen Herausforderungen gab es erhebliche Managementprobleme, die zu den Kostensteigerungen beitrugen:

  1. Fehlende umfassende Schadensanalyse: Laut Prüfern wurde keine vollständige Begutachtung der Rumpfschäden vorgenommen. Dies führte zu unrealistischen Kostenschätzungen von Anfang an.

  2. Unzureichende Planung: Das Planungsamt nannte in einer Ministervorlage einen geschönten Kostenrahmen von maximal 75 Millionen Euro, den Prüfer als "falsch" einstuften.

  3. Informationsunterdrückung: Ein späterer Prüfbericht belegte, dass Informationen über die wahre Lage des Projekts Ministerin von der Leyen vorenthalten wurden. Bereits im Jahr 2017 wurde im Ministerium ein Abbruch der Sanierung thematisiert und die Werft als "bereits jetzt überfordert" bezeichnet.

  4. Fehlende Alternativenprüfungen: Obwohl ein Neubau als Option parallel diskutiert wurde, scheint eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse der verschiedenen Optionen nicht stattgefunden zu haben.

  5. Insolvenz der Werft: Die Elsflether Werft, die ursprünglich mit der Sanierung beauftragt war, musste Insolvenz anmelden, was zu weiteren Verzögerungen und Kostensteigerungen führte.

  6. Politische Entscheidung unter Druck: Die Entscheidung, das Projekt trotz der eskalierenden Kosten fortzusetzen, scheint unter politischem Druck getroffen worden zu sein, ohne dass eine solidene fachliche Grundlage vorlag.

Vergleich Neubau versus Sanierung

Ein zentraler Argument für die Fortsetzung der Sanierung war die Behauptung, dass eine Renovierung günstiger sei als ein Neubau. Eine Studie des Beschaffungsamts schätzte die Kosten eines Neubaus auf rund 170 Millionen Euro, was die Entscheidung für die Sanierung mit 135 Millionen Euro zu rechtfertigen schien.

Diese Argumentation ist jedoch aus mehreren Grücken problematisch:

  1. Die Zuverlässigkeit der Studie wurde im Nachhinein in Frage gestellt.

  2. Ein Vergleich zwischen einer Sanierung und einem Neubau ist methodisch schwierig, da unterschiedliche Annahmen und Qualitätsstandards zugrunde liegen.

  3. Die tatsächlichen Kosten der Sanierung latten am Ende nur 35 Millionen Euro unter der geschätzten Neubau-Kosten – bei einem Projekt, das sich über 5,5 Jahre hinzog und das Schiff für diesen Zeitraum nicht zur Verfügung stand.

  4. Bei einem Neubau hätte die Marine wahrscheinlich ein moderneres, effizienteres und besser auf die aktuellen Ausbildungsbedürfnisse zugeschnittenes Schiff erhalten.

  5. Ein Neubau wäre mit geringeren Risiken verbunden, da die Komplexität einer Sanierung historischer Schiffe oft unterschätzt wird.

Fazit

Die Sanierung der Gorch Fock entwickelte sich zu einem der teuersten und komplexesten Projekte in der Geschichte der Deutschen Marine. Was ursprünglich als eine Routineüberholung für etwa 10 Millionen Euro geplant war, endete mit Kosten von 135 Millionen Euro – das 13,5-fache der ursprünglichen Schätzung.

Das Projekt wirft wichtige Fragen zum Umgang mit historischen Schiffen und zu Managementpraktiken bei Großprojekten auf:

  1. Die Bedeutung einer umfassenden und ehrlichen Schadensanalyse vor Beginn von Sanierungsprojekten kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Fehleinschätzungen zu Beginn führen zwangsläufig zu Kostensteigerungen.

  2. Politische Entscheidungen sollten auf soliden fachlichen Grundlagen basieren und nicht unter Druck getroffen werden.

  3. Transparenz und offene Kommunikation über Probleme und Risiken sind entscheidend, um adäquate Lösungen zu finden.

  4. Der Vergleich von Sanierung und Neubau erfordert eine sorgfältige Analyse aller Faktoren, einschließlich der Lebensdauer der Lösung, der Betriebskosten und des Nutzens für die Nutzer.

  5. Historische Objekte erfordern spezialisiertes Wissen und Erfahrung, was bei der Vergabe von Aufträgen berücksichtigt werden muss.

Die Gorch Fock steht nun nach ihrer Sanierung wieder als Segelschulschiff der Marine zur Verfügung. Ob das Projekt im Nachhinein als Erfolg betrachtet werden kann, hängt von der Perspektive ab. Für die Bewahrung eines historischen Erbes wurde viel investiert – jedoch auf Kosten anderer Projekte und unter Inkaufnahme erheblicher Managementfehler. Die Chronologie dieses Projekts sollte als Lehre für zukünftige Großprojekte dienen, insbesondere bei der Sanierung historischer Objekte.

Quellen

  1. 135 Millionen Euro für ein Stück Tradition
  2. Was kostet die restaurierung der gorch fock?
  3. Werft meldet Mehrbedarf - "Gorch Fock"-Sanierung teurer als gedacht
  4. Chronologie der Gorch-Fock-Sanierung
  5. Gorch Fock: Chronologie einer Instandsetzung von 2015 bis 2021
  6. Gorch Fock: Warum die Kosten für die Renovierung so explodierten

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