Einleitung
Der Landkreis Ravensburg steht vor erheblichen Herausforderungen im Bereich der Schulgebäudesanierung und -neubau. Einerseits besteht dringender Bedarf an modernen, barrierefreien und zukunftsfähigen Bildungseinrichtungen, andererseits stehen der Kreisverwaltung nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Situation wird zusätzlich dadurch kompliziert, dass nicht nur die Schulen selbst, sondern auch die Gebäude der Kreisverwaltung dringend Sanierungsbedarf aufweisen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Projekte, die finanziellen Herausforderungen und die Lösungsansätze im Ravensburger Schulbau.
Schulbauprogramm 2020-2040: Weichen für die Zukunft stellen
Der Landkreis Ravensburg hat sich mit seinem Schulbauprogramm für die Jahre 2020 bis 2040 langfristige Perspektiven für leistungsstarke Schulstandorte gesetzt. Das Programm basiert auf der Erkenntnis, dass qualitativ hochwertige und breitgefächerte Bildungangebote wohnortnah verfügbar sein müssen, und die Schulgebäude zeitgemäß ausgestattet sowie barrierefrei sein sollten. Diese Standards zu erreichen bzw. zu erhalten, ist das bildungspolitische Ziel für die kommenden Jahrzehnte.
Bereits 2017 und 2018 wurde im Landkreis eine regionale Schulentwicklung durchgeführt, um langfristige Perspektiven für leistungsstarke Schulstandorte zu entwickeln. Das Ziel ist ein sachgerechter und effizienter Einsatz von Personal und Sachmitteln. Die Strategie sieht die Bündelung kleinerer Einheiten zu Kompetenzzentren in der Region vor, die sowohl für Schüler als auch für Lehrer Mehrwerte bieten:
- Durch die Zusammenführung von Schulen können Kleinklassen vermieden werden. Dies entlastet die Lehrkräfte, da weniger Klassen zu betreuen sind und im Krankheitsfall eine Vertretung mehr Schülerinnen und Schülern zugutekommt.
- Dringend benötigte, hochwertige Ausstattung kann gezielt angeschafft werden, sodass mehr Schülerinnen und Schüler davon profitieren.
- Effiziente Schulen, die mit moderner Technik und einem agilen Lehrerkollegium punkten können, stellen einen Innovationspool für Industrie und Handwerk dar.
Diese Herangehensweise ermöglicht es dem Landkreis, trotz begrenzter finanzieller Ressourcen einen nachhaltigen Beitrag zur Bildungssicherung zu leisten und gleichzeitig die Effizienz des Schulwesens zu steigern.
Zentralisierung der Landkreisverwaltung und Neustrukturierung des Schulquartiers Ravensburg
Ein bedeutendes Projekt im Ravensburger Schul- und Verwaltungsbau ist die Zentralisierung der Landkreisverwaltung und die Neustrukturierung des Schulquartiers Ravensburg. Ein Ideen- und Realisierungswettbewerb nach RPW (Richtlinien für Planungswettbewerbe) wurde bereits durchgeführt, wobei im Realisierungsteil ein 1. Preis im Jahr 2021 vergeben wurde.
Bei diesem Projekt wird der Bleichenbach südlich der Edith-Stein-Schule freigelegt und zu einem Anger entwickelt, der sowohl hohe ökologische Qualitäten als auch besondere Freiraumqualitäten aufweist. Die Bestandsgebäude des Landratsamts bilden den Rahmen für den Neubau, der in seiner Grundrissfigur und Formensprache neue Wege geht und damit einen bewussten, aber gut eingebundenen Kontrast zu den Altbauten schafft.
Der Neubau des ersten Bauabschnitts der Verwaltung fügt sich in Form eines X zwischen die Bestandsbauten ein. Anknüpfungspunkte sind die vertikalen Erschließungskerne der Gebäuderiegel im Bestand. Es entsteht eine sehr kompakte Gebäudeform, die sich harmonisch in den Zwischenraum einfügt. Entlang der Gartenstraße ergibt sich ein großzügiger Vorplatz mit Dreiecksform, der den Besucher in den mittig gelegenen Eingang leitet. Innenräumlich trifft der Besucher auf die zentrale Information und hat eine direkte Blickbeziehung zu allen Bürgerbüros. Ausgehend vom Zentrum entwickeln sich die vier Arme des Baukörpers zu den bestehenden Erschließungskernen. Die einfache Orientierung im Gebäude ist eine Stärke des Entwurfs.
Ökologische Aspekte der Neustrukturierung
Der Erhalt und die Weiterentwicklung des umgebenden Landschaftscharakters war ein wesentlicher Aspekt bei der Neustrukturierung des Schulquartiers Ravensburg. Im Entwurf wird der Raum rund um den Bleichenbach zum zentralen Landschaftselement. Der Bleichenbach wird auf der gesamten offen fließenden Länge aufgestaut und zu einem Feuchtbiotop als Habitat diverser Tier- und Pflanzenarten weiterentwickelt. Gleichzeitig dient er als Rückhaltefläche bei Starkregenereignissen.
Die Freisitzfläche der Gastronomie schiebt sich mit einer Terrassenanlage an den Rand des Biotops und ermöglicht die Naturbeobachtung in der Mittagspause. Auf der östlichen Entwicklungsfläche wird der umgebende Landschaftspark erhalten, auf den Hangflächen entstehen Offenlandwiesen. Die geneigten Wiesenflächen sind wichtige Kaltluftentstehungsgebiete. Die frische Luft ist nicht nur für das neue Campusareal und den neuen Verwaltungsstandort, sondern auch für die Nachtauskühlung der Ravensburger Innenstadt wichtig. Daher werden alle vorhandenen Luftleit- und Ventilationsbahnen erhalten.
Mittelpunkt der Neuordnung ist das Areal rund um die neue Mensa sowie der neuen Sport- und Veranstaltungshalle der Gewerbliche Schule Ravensburg. Früher der ebenerdige Parkplatz der Schulanlage, entwickelt sich diese Fläche nun zum zentralen Aufenthaltsbereich.
Finanzielle Herausforderungen und Umschichtung von Ressourcen
Die Kreisverwaltung Ravensburg steht vor erheblichen finanziellen Herausforderungen bei der Umsetzung ihrer Bauprojekte. Ein zentrales Beispiel ist die Aufgabe des Neubauprojekts für die Edith-Stein-Schule. Ursprünglich war ein Neubau dieser Schule geplant, der jedoch aufgrund der finanziellen Constraints gestrichen wurde. Stattdessen sollen die frei werdenden Mittel in Höhe von 110 Millionen Euro so verteilt werden, dass sechs Schulen profitieren und wieder auf dem Stand der Zeit sind.
Zu den geplanten Maßnahmen gehören Erweiterungen bei den Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) des Kreises, der Martinusschule in Ravensburg und der Albert-Schweitzer-Schule in Kißlegg. Hier herrscht akute Raumnot. Ebenfalls finanziert werden soll ein Neubau an den gewerblichen Schulen für Maler- und Kfz-Werkstätten.
Auch die Gebäude der Kreisverwaltung in Ravensburg sind in die Jahre gekommen und zudem weit verstreut und teilweise nur angemietet. Eine Generalsanierung am großen Kreishaus I an der Friedensstraße würde laut Verwaltung mehr als 156 Millionen Euro kosten. Aus diesem Grund schlägt die Verwaltung vor, das Kreishaus II an der Gartenstraße (ehemaliges Telekomgebäude) so umzugestalten und mit einem "Verbindungsbau" zu versehen, dass dort drei Viertel der Belegschaft an einem Standort arbeiten könnte. Die Kosten für dieses Projekt werden auf 110 Millionen Euro geschätzt. Interessanterweise findet sich beim neuesten Vorschlag der Verwaltung ein einst geplantes Parkhaus nicht mehr.
Fallstudie: Sanierung des Spohn- und Albert-Einstein-Gymnasiums
Ein eindrucksvolles Beispiel für die Sanierung von Schulgebäuden im Landkreis Ravensburg ist das Spohn- und Albert-Einstein-Gymnasium. Das Gebäude ist über 100 Jahre alt und äußerlich ein Schmuckstück, doch im Innern drohte der Verfall. Die Sanierung der Schule war Ende 2016 das größte Bauprojekt der Stadt Ravensburg.
Der imposante Bau im Stil der Jahrhundertwende mit Dachgauben und Sternwarte wurde 1914 in Ravensburg errichtet. Zunächst beherbergte er das Spohn-Gymnasium, später kam das Albert-Einstein-Gymnasium hinzu. Zwei Schulen, die seither als fortschrittlich gelten und Schülerinnen und Schüler aus der ganzen Region anlocken.
Nach über hundert Jahren hatte der Bau äußerlich nichts von seinem Charme eingebüßt. Doch mit dem Schritt durch die Eingangstür war der Zauber dahin. Dunkle Flure, veraltete Raumtechnik und abgenutzte Wände und Möbel schufen eine bedrückende Atmosphäre. Daran konnten auch die schönen Stuckdecken und der Terrazzoboden nichts ändern.
"Der Zustand war nicht mehr vermittelbar", sagt Dieter Katein vom Amt für Architektur und Gebäudemanagement. Er ist der Projektleiter der Generalsanierung, die 2014 begann und 2019 beendet sein sollte. "Eine Untersuchung hatte gezeigt, dass viele Schulen in Ravensburg sanierungsbedürftig sind, doch am Spohn- und Albert-Einstein-Gymnasium war der Handlungsbedarf am größten."
Da man nicht alle Probleme gleichzeitig lösen konnte, habe man sich zuerst dem dringlichsten zugewandt. Einige Gutachten später stand der Preis der Sanierung des 12.000-Quadratmeter-Komplexes fest: rund 18 Millionen Euro.
Die Kosten verteilten sich auf mehrere Schultern: Rund neun Millionen Euro trug die Stadt, sechs Millionen das Land. Die restlichen drei Millionen Euro erhielt die Stadt über einen zinsverbilligten Kredit aus dem KfW-Energieeffizienzprogramm IKK – Energieeffizient Bauen und Sanieren.
Die Durchführung der Sanierung bei laufendem Betrieb stellte eine besondere Herausforderung dar. Mit insgesamt 1.300 Schülerinnen und Schülern war eine logistische Meisterleistung erforderlich. Die Lösung bestand in der Verwendung von Schulraum-Modulen auf dem Hof. Hier zogen die Schulklassen reihum ein, während die Handwerker sich im Gebäude vorarbeiteten. Laute Arbeiten wurden in die Ferien verlegt.
Zukunftsperspektiven und Herausforderungen
Die Zukunft des Schulbaus im Landkreis Ravensburg ist von einer Reihe von Herausforderungen geprägt. Einerseits besteht ein erheblicher Sanierungsstau bei vielen Schulgebäuden, andererseits stehen nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung. Die Kreisverwaltung muss daher priorisieren und kreative Lösungen finden, um die notwendigen Modernisierungen durchzuführen.
Ein wichtiger Ansatz ist die Bündelung kleinerer Schulen zu Kompetenzzentren, die effizienter und moderner ausgestattet werden können. Gleichzeitig wird versucht, die ökologische Nachhaltigkeit bei Bauprojekten stärker zu berücksichtigen, wie am Beispiel des Bleichenbach-Biotops deutlich wird.
Die zentralisierte Verwaltung soll die Effizienz erhöhen und die Kosten senken. Allerdings ist auch dieses Projekt mit erheblichen Investitionskosten verbunden, die den Kreis finanziell belasten.
Die Aufgabe des Edith-Stein-Schulneubaus zugunsten einer breiteren Verteilung der Mittel auf mehrere Schulprojekte zeigt die schwierigen Abwägungen, die bei der Planung von Schulbauprojekten notwendig sind. Gleichzeitig ermöglicht diese Vorgehensweise, mehr Schulen zu sanieren und die Bedingungen für mehr Schüler zu verbessern.
Fazit
Der Landkreis Ravensburg steht vor einer doppelten Herausforderung: Einerseits müssen die Schulgebäude modernisiert und an zukünftige Anforderungen angepasst werden, andererseits müssen die Gebäude der Kreisverwaltung saniert und zentralisiert werden. Die finanziellen Ressourcen sind jedoch begrenzt, was zu schwierigen Priorisierungsentscheidungen führt.
Das Schulbauprogramm 2020-2040 versucht, langfristige Perspektiven zu entwickeln, indem kleinere Schulen zu Kompetenzzentren gebündelt werden. Projekte wie die Neustrukturierung des Schulquartiers Ravensburg zeigen, dass auch ökologische Aspekte bei der Planung eine wichtige Rolle spielen.
Die Sanierung des Spohn- und Albert-Einstein-Gymnasiums beweist, dass auch bei denkmalgeschützten Gebäuden eine zeitgemäße Modernisierung möglich ist, wenn kreative Lösungen gefunden werden. Die Durchführung bei laufendem Betrieb erfordert jedoch eine sorgfältige Planung und Logistik.
Die Aufgabe des Edith-Stein-Schulneubaus zugunsten einer breiteren Verteilung der Mittel auf mehrere Schulprojekte zeigt die Notwendigkeit, bei begrenzten Ressourcen die bestmögliche Wirkung für das Bildungssystem zu erzielen. Die Zukunft des Schulbaus im Landkreis Ravensburg wird davon abhängen, wie es gelingt, diese schwierigen Abwägungen zu treffen und innovative Lösungen für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu finden.