Sanierung mit Respekt: Das Audimax in Braunschweig als Vorbild für den Umgang mit historischer Bausubstanz

Einleitung

Das Auditorium Maximum (Audimax) der Technischen Universität Braunschweig stellt einen bedeutenden Ort der deutschen Universitätsarchitektur nach 1945 dar. Als Teil des von Friedrich Wilhelm Kraemer geplanten Forumensembles steht das Gebäude seit seiner Fertigstellung 1960 unter Denkmalschutz. Nach zweijähriger Sanierungszeit wurde das Gebäude im Januar 2021 wiedereröffnet. Die Sanierung, die mit 10 Millionen Euro aus Landes- und Bundesmitteln finanziert wurde, stellt ein herausragendes Beispiel für den behutsamen Umgang mit historischer Bausubstanz dar. Das Projekt zeigt, wie energetische Modernisierung und Brandschutzanforderungen mit dem Erhalt der architektonischen Substanz in Einklang gebracht werden können, ohne den ursprünglichen Charakter des Gebäides zu beeinträchtigen.

Historischer Hintergrund und architektonische Bedeutung

Das Audimax wurde 1959/60 nach Plänen von Friedrich Wilhelm Kraemer als Teil des Forumensembles der TU Braunschweig errichtet. Es bildet zusammen mit dem Forumsgebäude und der Universitätsbibliothek eine architektonische Einheit, die die sogenannte "Braunschweiger Schule" repräsentiert. Diese Architekturströmung prägte die Architekturausbildung der damaligen Technischen Hochschule Braunschweig in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit und zeichnet sich durch eine klare, funktionale Gestaltung aus.

Die besondere architektonische Bedeutung des Audimax liegt in seiner wegweisenden Architektursprache und hochmodernen Konstruktion zur Entstehungszeit. Das Gebäude ist als Kubus innerhalb der Gesamtstruktur konzipiert und zeichnet sich durch zwei vollflächig verglaste Fassaden, eine umlaufende Dachterrasse und eine allseitig geöffnete Kolonnade darunter aus. Diese Gestaltung macht es zu einem Leitbau der deutschen Universitätsarchitektur nach 1945.

Für Markus Loschinsky von Krekeler Architekten, der als Projektleiter an der Sanierung beteiligt war und selbst Alumnus der TU Braunschweig ist, stellte das Projekt eine besondere Herausforderung dar: "Für mich als Alumnus der TU Braunschweig war es ein ganz besonderes Projekt. Im Zuge der Planung und Ausführung habe ich das Gebäude aus einer ganz anderen Sicht kennen- und schätzen gelernt, als ich es als Student in Erinnerung hatte. Wir konnten die vor 60 Jahren wegweisende Architektursprache und hochmoderne Konstruktion erhalten und behutsam verbessern, um die Nutzung des Audimax auch in der Zukunft zu gewährleisten."

Die Sanierungsmaßnahme: Umfang und Zeitrahmen

Die umfassende Sanierung des Audimax begann im Februar 2019 und wurde nach zweijähriger Bauzeit im Januar 2021 abgeschlossen. Während dieser Zeit war das Gebäude mit seinen beiden größten Hörsälen der Universität vollständig geschlossen. Die Maßnahme wurde durch das Land Niedersachsen und den Bund mit 10 Millionen Euro finanziert.

Torsten Markgräfe, kommissarischer Leiter GB 3 – Gebäudemanagement der TU Braunschweig, betonte die besondere Bedeutung dieses Projekts: "Die denkmalgerechte Sanierung des Audimax ist die erste Baumaßnahme, die nach Übernahme der Bauherreneigenschaft der TU Braunschweig von uns ausgeführt wurde. Mein Dank gilt allen Beteiligten des Landes Niedersachsen, der Stadt Braunschweig, den Planern und den Bauschaffenden."

Die Sanierung konzentrierte sich auf mehrere ziele: den größtmöglichen Erhalt der historischen Bausubstanz, die Anpassung an heutige energetische und brandschutztechnische Anforderungen sowie die Verbesserung der Aufenthaltsqualität für Studierende und Lehrende. Der Fokus lag dabei auf der Wahrung des architektonischen Konzepts unter Berücksichtigung der Funktionalität eines Hörsaals.

Technische Aspekte der Sanierung

Energetische Modernisierung

Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die energetische Modernisierung des Gebäudes. Dabei wurde besonderes Augenmerk auf die Fassade gelegt. Die filigrane Doppelfassade wurde komplett zerlegt und wieder neu aufgebaut. In der äußeren Schicht wurde nun Isolierglas verbaut, um den sommerlichen Wärmeeintrag entscheidend zu reduzieren. Diese Maßnahme verbessert nicht nur das thermische Verhalten des Gebäudes, sondern trägt auch zum Komfort der Nutzer bei.

Zusätzlich zur Fassadensanierung wurden die Beleuchtungsanlagen durch LED-Technik erneuert. Diese Maßnahme reduziert den Energieverbrauch der Beleuchtung deutlich und verbessert gleichzeitig die Lichtqualität in den Hörsälen und anderen Bereichen des Gebäudes.

Brandschutztechnische Maßnahmen

Der Brandschutz war ein weiterer Schwerpunkt der Sanierung. Im Erdgeschoss wurde die Holzleistendecke erneuert, inklusive einer modernen Brandmeldeanlage, Sicherheitsbeleuchtung und Alarmierungsanlage. Ebenfalls erneuert wurde die umlaufende Holzleistendecke im Außenbereich, die nun ebenfalls mit einer zeitgemäßen Beleuchtung ausgestattet ist. Die Brandmeldeanlage wurde um zusätzliche Komponenten ergänzt, um den aktuellen Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden.

Verbesserung der Nutzungseigenschaften

Neben den technischen Sanierungsmaßnahmen wurde auch die Aufenthaltsqualität für die Studierenden verbessert. Das Hörsaalgestühl wurde saniert, die Raumakustik optimiert und WLAN-Antennen für eine bessere Netzabdeckung installiert. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, das Audimax nicht nur als Vorlesungsstätte, sondern auch als Lern- und Kommunikationsort attraktiv zu gestalten.

Umgang mit schadstoffbelasteten Baustoffen

Ein wesentlicher Aspekt der Sanierung war der Ausbau schadstoffbelasteter Baustoffe. Wie in vielen Gebäuden aus der Bauzeit wurden auch im Audimax Materialien wie Asbest oder PCB (Polychlorierte Biphenyle) gefunden, die fachgerecht entfernt und entsorgt werden mussten. Diese Maßnahme war nicht nur für die Sicherheit der Bauarbeiter während der Sanierungsphase wichtig, sondern stellt auch eine langfristige Gesundheitsgefährdung für zukünftige Nutzer des Gebäudes sicher.

Architektonische Herausforderungen und Lösungen

Die Sanierung des Audimax stellte besondere architektonische Herausforderungen dar. Einerseits galt es, die gestalterische Stringenz und Klarheit des Originalentwurfs von Friedrich Wilhelm Kraemer herauszuarbeiten, andererseits musste das Gebäude für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts fit gemacht werden.

Das klare und bis ins Detail durchdachte Entwurfskonzept Kraemers war Ansporn und Herausforderung zugleich. Die Planer bemühtten sich, die gestalterische Qualität der kontrastierend verwendeten Farben und Materialien wieder hervorzuheben. Gleichzeitig mussten gestalterische Mängel behoben werden, die sich im Laufe der 60-jährigen Nutzung des Gebäudes ergeben hatten.

Besonders anspruchsvoll war die Sanierung der Doppelfassade. Wie BauNetz in seiner Berichterstattung hervorhob, "wurden wesentliche Elemente wie die filigrane Doppelfassade komplett zerlegt und wieder neu aufgebaut – nun mit Isolierglas in der äußeren Schicht, um den sommerlichen Wärmeeintrag entscheidend zu reduzieren." Diese scheinbar widersprüchliche Maßnahme – das vollständige Zerlegen eines denkmalgeschützten Elements – wurde notwendig, um die energetische Wirksamkeit zu gewährleisten, ohne das Erscheinungsbild zu verändern.

Nach der Sanierung kommt die Komposition des Gebäudes wieder stärker zum Vorschein, wie der Kubus des Hörsaals Audimax, der als Kubus ins Gebäude hineingebaut worden ist. Die zurückhaltenden Eingriffe in die Substanz ermöglichen es, dass es den meisten Menschen schwerfallen dürfte, große Unterschiede zur ursprünglichen Gestaltung zu erkennen.

Anerkennung und Auszeichnung

Die Qualität der Sanierung wurde bereits während der Planungs- und Ausführungsphase von Fachexperten gewürdigt. BauNetz verglich die Sanierung des Audimax in einem Beitrag mit einer "Operation am offenen Herzen" und lobte den verantwortungsvollen Umgang mit dem architektonischen Erbe: "Anhand des Audimax lässt sich nun studieren, was auch jenseits von ultimativen Ikonen wie der Neuen Nationalgalerie mit einer verantwortungsvollen Herangehensweise gemeint sein kann."

Das Projekt wurde darüber hinaus vom Deutschen Architekturmuseum (DAM) für eine Auszeichnung nominiert. Diese Nominierung unterstreicht die überregionale Bedeutung des Projekts als Beispiel für gelungene Denkmalpflege im Hochschulbau.

Bedeutung für die Universität und die Öffentlichkeit

Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten wird das Audimax wieder als zentraler Ort für Lehre und Forschung sowie für Veranstaltungen der Universität und der Öffentlichkeit genutzt. Professorin Katja Koch, kommissarische Präsidentin der TU Braunschweig, betonte die Bedeutung des wiedergewonnenen Raums: "Wir haben das Hörsaalgebäude Audimax, das Teil unserer Universitätsgeschichte ist, behutsam von der Modernen in die Zukunft transferiert. Ich freue mich, wieder ein attraktives und lebendiges Zentrum mit viel Atmosphäre zu haben, das zum Lernen und zum Dialog einlädt. Aber auch wieder einen Ort, der für Veranstaltungen auch außerhalb der Wissenschaft zur Verfügung steht."

Die Sanierung stellt sicher, dass die zuvor eingeschränkte Hörsaalnutzung wieder dauerhaft gewährleistet ist. Gleichzeitig wird durch die verbesserte Infrastruktur und gesteigerte Aufenthaltsqualität das Gebäude als zentraler Ort der universitären Gemeinschaft gestärkt.

Fazit

Die Sanierung des Audimax der TU Braunschweig stellt ein herausragendes Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz im Hochschulbau dar. Das Projekt zeigt, dass eine behutsame Modernisierung möglich ist, die den Charakter des Gebäides bewahrt und gleichzeitig den Anforderungen an Energieeffizienz, Brandschutz und Nutzerkomfort gerecht wird.

Die Entscheidung, die Doppelfassade komplett zu zerlegen und wieder aufzubauen, unterstreicht den Willen, den architektonischen Qualitäten des Originalentwurfs treu zu bleiben. Gleichzeitig ermöglichte dieser radikale Eingriff eine signifikante Verbesserung der energetischen Eigenschaften des Gebäudes.

Die positive Aufnahme des Projekts in Fachkreisen und die Nominierung durch das DAM bestätigen, dass die Sanierung einen wegweisenden Ansatz für den Umgang mit Baudenkmälern der Nachkriegsarchitektur darstellt. Für die TU Braunschweig bedeutet die Sanierung nicht nur die Erhaltung eines wichtigen Teils ihrer Universitätsgeschichte, sondern auch die Schaff eines zukunftsorientierten Raums für Lehre und Forschung.

Die Sanierung des Audimax zeigt, dass Denkmalschutz und Modernisierung keine Gegensätze sein müssen, sondern sich im Gegenteil gegenseitig bedingen können. Der größtmögliche Erhalt der denkmalgeschützten Bausubstanz erfüllte dabei das Ziel des ressourcenschonenden Bauens und beweist, dass historische Gebäude auch im 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielen können.

Quellen

  1. TU Braunschweig Magazin: Das Audimax wieder im neuen Glanz
  2. Krekeler Architekten: BauNetz lobt die Sanierung des Audimax der TU Braunschweig
  3. DBZ: Audimax der TU Braunschweig wegen Sanierung geschlossen
  4. BBS Bauphysik: In der Shortlist der Nominierungen beim DAM – Sanierung Audimax TU Braunschweig

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