Einleitung
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf in München zählt zu den ältesten und bedeutendsten Kirchen Bayerns. Mit einer Geschichte, die bis ins 11. Jahrhundert zurückreicht, stellt sie ein architektonisches und kunsthistorisches Juwel dar. Nach vierjähriger, aufwendiger Renovierung von 2014 bis 2018 erstrahlt die Kirche in neuem Glanz und kombiniert geschickt historische Elemente mit zeitgenössischer Gestaltung. Dieser Artikel beleuchtet die umfassende Sanierungsmaßnahme, die nicht nur technische Mängel beseitigte, sondern auch neue liturgische Räume schuf und die Kirche als lebendigen Ort der Andacht und des kulturellen Erbes bewahrt.
Historischer Hintergrund
Die Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf weist eine beeindruckende Geschichte auf, die länger ist als die von München selbst. Die erste Erwähnung der "Kirche von Rumoltesdorf" datiert aus dem Jahr 1006. Ihr markanter Turm ist weithin sichtbar und dient als Wahrzeichen des Münchner Stadtteils Ramersdorf.
Die Kirche erlebte ihre Blütezeit als Wallfahrtsort im 14. Jahrhundert. Sie gilt als drittwichtigster Marienwallfahrtsort in der Umgebung des Erzbistums München und Freising, nur übertroffen von Altötting im Bistum Passau und Ettal. Ihre besondere Bedeutung verdankt sie vor allem ihrem Reichtum an Reliquien und dem Besitz eines Kreuzpartikels, der vom Kreuz Jesu Christi stammen soll. Laut Legende fand Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, das Kreuz im Heiligen Land. Nach Ramersdorf kam der Partikel 1379 als Geschenk Ottos V.
Die Kirche beherbergt zudem den vom Bildhauer Erasmus Grasser und dem Maler Jan Polack 1483 geschaffenen Heilig Kreuz-Altar als bedeutendstes Kunstwerk. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche mehrfach umgestaltet und erweitert, weshalb hier verschiedene Stilepochen vereint sind.
Während der Säkularisation 1803 wurden die Stiftungen sowie der geistliche Grundbesitz in den kurfürstlich-königlichen Besitz übertragen, doch die Bedeutung als Wallfahrts- und Gnadenort blieb bestehen. Im Dritten Reich kam die Wallfahrt fast vollständig zum Erliegen, konnte sich aber später wieder erholen. Nachdem Maria Ramersdorf im Zweiten Weltkrieg nur geringfügig beschädigt worden war, wurde die Pfarrkirche bereits 1945 instand gesetzt.
Planung der Renovierung
Die umfassende Renovierung, die von 2014 bis 2018 andauerte, stellte die Verantwortlichen vor besondere Herausforderungen. Diözesanbaumeister Hanns-Martin Römich betont: "Man baut eine Kirche immer weiter, darum sind hier viele Stile vereint." Vor Beginn der Arbeiten wurde daher eine sorgfältige "Spurensammlung des Alten" durchgeführt, um die historische Substanz zu dokumentieren und in die Neugestaltung einzubeziehen.
Das Ziel der Renovierung war nicht nur eine einfache Sanierung, sondern die Rückführung der stark verschmutzten Innenräume in einen würdigen Zustand. Man strebte an, die dunkle Atmosphäre lichter zu gestalten und den gewachsenen Elementen der unterschiedlichen Zeitepochen behutsam frischen Glanz einzuhauchen.
Für die Planung der neuen liturgischen Orte wurde die Münchner Künstlerin Susanne Wagner beauftragt, die später auch für die Gestaltung der Turmkapelle verantwortlich zeichnen sollte. Ihre Aufgabe bestand darin, eine theologisch und künstlerisch überzeugende Antwort auf den Hochaltar mit dem Gnadenbild zu schaffen, die sowohl die Tradition ehrt als auch zeitgenössische Ausdrucksformen berücksichtigt.
Außen- und Sanierungsarbeiten
Die Renovierung umfasste sowohl Außen- als auch Innenarbeiten. Äußerlich wurde der markante Turm, das Wahrzeichen Ramersdorfs, instand gesetzt. Das Hauptaugenmerk lag jedoch auf den Innenräumen, die einer umfassenden Restaurierung unterzogen wurden.
Besonderes Augenmerk wurde auf die Behandlung der historischen Bausubstanz gelegt. Die Kirche, deren Baugeschichte mehrere Jahrhunderte umfasst, erforderte eine differenzierte Herangehensweise bei der Sanierung, um die verschiedenen Stilelemente zu erhalten und zu konsolidieren. Die Arbeiten erfolgten mit "höchstem Sachverstand und größter Behutsamkeit", wie Diözesanbaumeister Römich betont.
Neugestaltung der liturgischen Orte
Ein zentraler Aspekt der Renovierung war die Neugestaltung der liturgischen Orte. Im Zuge der Innenrenovierung von 2014-2018 wurden Volksaltar, Ambo und Taufort neu gestaltet. Als Material für diese neuen Elemente wurde Carraramarmor verwendet, wodurch sich die "neuen" liturgischen Orte von der "alten" Ausstattung abheben, ohne sich von diesen abzustoßen.
Die ovale Form dieser Orte wurde theologisch, künstlerisch und praktisch sorgfältig durchdacht: Rund um den ovalen Altar ist Konzelebration optimal möglich. Zudem symbolisiert die runde Form die Gemeinschaft der Gläubigen, in deren Mitte Jesus Christus gegenwärtig ist – auf dem Altar in gewandelten Gaben von Brot und Wein (Eucharistie), am Ambo in Wort und Evangelium, am Taufbecken im Wasser der Taufe.
Ein besonderes architektonisches Detail ist die Aussparung unter dem Volksaltar bzw. über den im Boden eingelassenen Reliquien des Sel. Otto von Freising und des Hl. Benno. Diese Gestaltung erinnert an die frühchristliche Tradition, Altäre über Märtyrergräbern zu errichten.
Ein weiteres Novum ist die nun mögliche Präsentation des Ramersdorfer Kreuzpartikels. In der Mitte der Predella (Altarsockel) des Kreuzaltars befindet sich ein eiförmiger Drehtabernakel aus Bronze und Glas, in den die Kreuzreliquie vor dem roten Hintergrund zu schweben scheint. Im Frauendreißiger werden die Gläubigen in den täglichen Andachten an dieser Stelle mit dem Kreuzreliquiar gesegnt.
Die Turmkapelle - Ein später fertiggestelltes Juwel
Die Neugestaltung der Turmkapelle wurde zunächst zurückgestellt, um sich auf die Hauptkirche zu konzentrieren. Der im Kern spätmittelalterliche, schlichte Raum besitzt eine architektonisch wenig ansprechende Westwand, die durch die Überlagerung heterogenster Gliederungselemente geprägt ist (Großform Spitzbogen, Nische mit zusätzlichem Spitzbogen, querovales Fenster, doppelte Fenstereisen).
Da diese Wand aufgrund der achsialen Erschließung der Turmkapelle für die Wahrnehmung im Kirchenraum eine erhebliche Rolle spielt, war ein gestalterisches Konzept notwendig, das eine künstlerisch und inhaltlich überzeugende Antwort auf den Hochaltar mit dem Gnadenbild bildet.
Im September 2021, drei Jahre nach der Wiedereröffnung der Kirche, wurde die Turmkapelle fertiggestellt. Susanne Wagner, die schon die neuen liturgischen Orte für die Kirche entwarf, verwandelte den Raum wieder in einen Ort der Andacht. Sie schuf aus übereinander geschichteten Metallzylindern unterschiedlicher Längen eine Bildwand mit reliefartigem Profil. Die 161 Zylinder sind vorne bündig mit farbigen Glasscheiben geschlossen, in die teilweise Marienvotive oder Kreuze eingearbeitet sind.
Die Farbfolge der Glasscheiben reicht von violetten Scheiben im unteren Bereich über Rot und Orange bis zu leuchtend gelben. Aus dem Dunkel und damit sinnbildlich der Reue soll so der Blick ins Licht und in die Herrlichkeit als Zeichen der christlichen Auferstehungshoffnung wandern. Ein etwas weiter vorkragendes Element kann gleichzeitig als Ablage für das Anliegenbuch dienen, in das die Besucher ihre Gebete und Bitten eintragen können.
Integration von Altem und Neuem
Ein zentrales Anliegen der Renovierung war die harmonische Integration neuer Elemente in die historische Bausubstanz. Die Künstlerin Susanne Wagner schuf eine liturgische Ausstattung, "die einer seiner Qualität angemessen ist". Ihre Arbeit steht in theologischer wie künstlerischer Ergänzung zum Kirchenraum und macht "Licht und Auferstehung als Ziel allen Hoffens sinnfällig" und "ein deutliches Bekenntnis zur Zeitgenossenschaft als Ausdruck verlebendigten Glaubens".
Die Neugestaltung der liturgischen Orte und der Turmkapelle zeigt, wie zeitgenössische Kunst mit einem historischen Bauwerk in Dialog treten kann, ohne mit ihm zu konkurrieren. Die Materialwahl (Carraramarmor) und die Formensprache (ovale Formen, farbige Glasscheiben) schaffen eine Brücke zwischen Tradition und Moderne.
Technische Innovationen
Neben den kunsthistorischen Aspekten umfasste die Renovierung auch wichtige technische Modernisierungen. Die Innenräume wurden mit Wandtemperierung, Fußbodenheizung und Bankheizungen ausgestattet, um für das ganze Jahr ein angenehmes Raumklima zu gewährleisten.
Auch die Beleuchtung wurde vollständig erneuert, um die verschiedenen kunsthistorischen Elemente der Kirche optimal zur Geltung zu bringen und gleichzeitig eine angemessene Atmosphäre für Gottesdienste und Andachten zu schaffen.
Feuchteschäden, die über die Jahrhunderte entstanden waren, wurden saniert, um die Bausubstanz nachhaltig zu schützen. Die technischen Maßnahmen trugen dazu bei, die Kirche nicht nur ästhetisch aufzuwerten, sondern auch ihre Funktionalität und Langlebigkeit zu sichern.
Kosten und Zeitplan
Die umfassende Renovierung der Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf kostete insgesamt 4,9 Millionen Euro und dauerte vier Jahre, von 2014 bis 2018. Die Wiedereröffnung erfolgte am 15. August 2018, passend zum Patroziniumsfest Mariä Himmelfahrt.
Die Turmkapelle wurde später fertiggestellt und am 12. September 2021 von Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg mit einem Pontifikalamt gesegnet.
Die Kosten der Renovierung wurden von der Kirchengemeinde und dem Erzbistum München und Freising getragen. Die lange Bauzeit war notwendig, um die Arbeiten sorgfältig und behutsam durchzuführen und dabei den laufenden Betrieb der Kirche so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.
Fazit
Die Renovierung der Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf stellt ein gelungenes Beispiel für den Umgang mit historischer Bausubstanz dar. Sie zeigt, wie eine Kirche, die eine über tausendjährige Geschichte hat, saniert werden kann, ohne ihren Charakter und ihre historische Bedeutung zu verlieren. Gleichzeitig gelingt es, zeitgemäße Elemente einzufügen, die den Raum für die Gegenwart öffnen.
Die Neugestaltung der liturgischen Orte und der Turmkapelle durch Susanne Wagner zeigt, wie Kunst und Glaube in einem historischen Raum eine neue, zeitgenössische Sprache finden können. Die technische Modernisierung sorgt dafür, dass die Kirche auch in Zukunft ihren Zweck als Ort der Andacht und des kulturellen Erbes erfüllen kann.
Die Wiedereröffnung der Kirche im Jahr 2018 wurde von der Gemeinde mit großer Freude aufgenommen. Pfarrer Harald Wechselberger betonte, wie froh die Pfarrei sei, "dass sie nach vier Jahren Renovierung wieder einziehen darf". Die Kirche ist nicht nur ein religiöses Zentrum, sondern auch ein kulturelles Juwel und ein wichtiger Teil des Münchner Stadtbilds, das nun für viele weitere Generationen erhalten ist.
Quellen
- Maria Ramersdorf - Neue liturgische Orte
- Wallfahrtskirche Maria Ramersdorf wiedereröffnet
- Erzbistum München - Maria Ramersdorf
- Abendzeitung München - Kirche Maria Ramersdorf saniert
- Erzbistum München - Turmkapelle neu gestaltet
- Wikipedia - St. Maria (Ramersdorf)
- Wochenanzeiger - Kirche Maria Ramersdorf saniert