Einleitung
Stockholms Östermalms Markthalle, ein seit 1888 bestehendes kulturelles und kulinarisches Wahrzeichen, benötigte eine umfassende Renovierung und Modernisierung. Um den Marktbetrieb während der Bauphase aufrechtzuerhalten, wurde eine innovative, temporäre Holzbauweise gewählt, die über ihre ursprüngliche Bestimmung hinausging und zu einem der bemerkenswertesten Umnutzungsprojekte Schwedens wurde. Dieser Artikel untersucht die Renovierung der Östermalms Saluhall, die Entwicklung der provisorischen Holzmarkthalle und deren bemerkenswerte Transformation in eine Sportanlage – ein Projekt, das neue Maßstäbe für nachhaltiges Bauen und flexible architektonische Lösungen setzt.
Geschichte und Bedeutung der Östermalms Markthalle
Die Östermalms Saluhall in Stockholmes Nobelviertel Östermalm stellt seit über 130 Jahren ein bedeutendes kulturelles und gastronomisches Zentrum dar. Das Gebäude, 1888 im Stil des Historismus errichtet, gilt als eines der schönsten Beispiele für Markthallenarchitektur des späten 19. Jahrhunderts. Die prächtige rote Backsteinfassade mit ihrem markanten Eckturm macht die Halle schon von Weitem sichtbar und prägt das Stadtbild des feinsten Stadtteils Schwedens Hauptstadt.
Die Markthalle war von Anbeginn mehr als nur ein Handelsort – sie vereint unter ihrem Dach traditionsreichen Handel mit historischer Pracht und hat sich über die Jahrzehnte zu einem Treffpunkt für Einheimische und Touristen gleichermaßen entwickelt. Ursprünglich in nur sechs Monaten erbaut, beherbergt die Halle heute 18 Händler, die Feinschmecker mit nordischen Köstlichkeiten wie frischem Fisch und Meeresfrüchten, Bären- und Elchwurst, Rentierherz, Moltebeerenmarmelade und Västerbottenkäse verwöhnen. Zusätzlich finden sich in der Galerie fünf internationale Restaurants, die die kulinarische Vielfalt ergänzen.
Neben der Östermalms Saluhall verfügt Stockholm über zwei weitere bedeutende Markthallen: die Hötorgshallen und die Södermalms saluhall (Söderhallarna) am Medborgarplatsen. Letztere ist derzeit bis 2026 aufgrund von Renovierungsarbeiten geschlossen. Die drei Markthallen repräsentieren gemeinsam Stockholms lebendige Marktkultur und haben jeweils ihren eigenen Charmer und historischen Bezug zur Stadt.
Notwendigkeit der Renovierung
Bereits 2012 wurde deutlich, dass die Östermalms Saluhalle einer umfassenden Renovierung unterzogen werden musste. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1888 zeigte nach mehr als einem Jahrhundert Nutzung deutliche Zeichen des Alters und der Abnutzung. Die Stadt Stockholm beschloss daher, das Sanierungsprojekt öffentlich auszuschreiben, was für die ansässigen Händler eine vorübergehende Umsiedlung erforderlich machte.
Die Renovierungsarbeiten begannen offiziell im Jahr 2016 und sollten sich schließlich über vier Jahre hinziehen, wobei die Baukosten am Ende 94 Millionen Euro betrugen. Während dieser Zeit konnte der Marktbetrieb nicht einfach eingestellt werden – die Markthalle ist nicht nur ein wirtschaftlicher Standort, sondern auch ein kulturelles Zentrum mit großer Bedeutung für Stadtteil und Stadt. Eine einfache Übergangslösung wie ein Zelt oder die vollständige Einstellung des Marktbetriebs stand daher nicht zur Debatte. Stattdessen musste eine Lösung gefunden werden, die dem Prestige des Ortes gerecht würde und die Wertschätzung der Stadt gegenüber allen Beteiligten vermittelte.
Die Herausforderung für die Planer bestand darin, eine würdige Übergangslösung zu entwickeln, die den Charme und die Funktionalität des Treffpunkts während der langen Renovierungsphase bewahrte. Gleichzeitig galt es, die historische Bausubstanz zu respektieren und die Zukunftsfähigkeit des Gebäudes sicherzustellen. Die Komplexität der Aufgabe wurde dadurch erhöht, dass die Renovierung nicht nur ästhetische Aspekte betraf, sondern auch die komplette Erneuerung der technischen Infrastruktur erforderte.
Die provisorische Holzmarkthalle: Eine innovative Lösung
Auf die öffentliche Ausschreibung hin nahm das Architekturbüro Tengbom Arkitekter unter der Leitung von Hauptarchitekt Mark Humphreys die besondere Herausforderung an. Das Konzept, das sie entwickelten, revolutionierte das Verständnis von temporären Bauten: eine modulare Konstruktion aus Holz, die nicht nur als Übergangslösung dienen, sondern später flexibel weitergenutzt werden konnte.
Die Architekten lehnten Standardlösungen wie große Zelte mit Aluminium- oder Stahlrahmen konsequent ab. "Die Standardlösung für ein temporäres Gebäude wäre ein großes Zelt mit einem Aluminium- oder Stahlrahmen gewesen. Diese Lösung hätte aber gar nicht zu der prestigeträchtigen Geschichte der Markthalle gepasst. Und genau die galt es zu bewahren", so Mark Humphreys. Stattdessen schufen sie ein Bauwerk, das in seiner Qualität und Ästhetik dem Original nahekam und sogar als eigenständiges architektonisches Werk wahrgenommen wurde.
Das provisorische Gebäude wurde direkt neben der historischen Markthalle errichtet und ermöglichte eine unterbrechungsfreie Fortführung des Marktbetriebs. Die Konstruktion erwies sich als so erfolgreich, dass sie sich großer Beliebtheit bei Besuchern und Händlern erfreute und sogar den renommiertesten Designpreis Schwedens gewann – eine außergewöhnliche Leistung für eine als temporär geplante Bauweise.
Materialwahl und Konstruktion
Die Entscheidung für Holz als Hauptbaumaterial war strategisch und nachhaltig motiviert. Das Architekturbüro Tengbom wollte eine nachhaltige Bauweise fördern und wählte deshalb Kerto-Furnierschichtholz (LVL, Laminated Veneer Lumber) von Metsä Wood als zentrales Element. Dieses Material bot ideale Eigenschaften für das innovative Projekt:
- Hohe Festigkeit bei geringem Materialverbrauch
- Leichtigkeit, die den Transport und Aufbau erleichterte
- Einfache Bearbeitbarkeit vor Ort
- Nachhaltige Herkunft und Kreislauffähigkeit
- Ästhetische Qualität, die zum prestigeträchtigen Umfeld passte
Die temporäre Markthalle setzte sich aus einer interessanten Kombination von Holz, Glas und Kunststoff zusammen. Diese Materialien waren nicht nur funktional ideal, sondern auch kostengünstig – die perfekte Wahl für eine vorübergehende Nutzung, die gleichzeitig hohe Qualitätsansprüche erfüllte. Die Verwendung von Kerto LVL ermöglichte eine filigrane yet stabile Konstruktion, die große Spannweiten ohne störende Säumen ermöglichte und so eine flexible Raumnutzung für die verschiedenen Marktstände gewährleistete.
Besonders bemerkenswert war die Modularität der Bauweise. Das Gebäude bestand aus standardisierten Elementen, die einfach zu- und abgebaut werden konnten. Diese Eigenschaft erwies sich später als entscheidend für die Umnutzung des Bauwerks an einem anderen Standort. Die Konstruktion war so designed, dass sie vollständig demontiert, transportiert und wiederaufgebaut werden konnte – ein Ansatz, der den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft entspricht.
Der Renovierungsprozess
Die Renovierung der historischen Östermalms Saluhall war ein komplexes Unterfangen, das sorgfältige Planung und Ausführung erforderte. Im Jahr 2016 wurde die Markthalle für längere Zeit geschlossen. Der Verkauf wurde zunächst in einem provisorischen Markthallen-Pavillon auf dem Östermalmstorg fortgeführt, während die Halle komplett geleert und entkernt wurde.
Die eigentliche Renovierungsphase umfasste die Erneuerung der gesamten Technik einschließlich elektrischer Anlagen, Heizung, Lüftung und Sanitärbereiche. Gleichzeitig wurden die historischen architektonischen Elemente sorgfältig restauriert oder rekonstruiert. Im Inneren der Halle wurden die ursprünglichen Details wie Verkaufsstände aus Holz, die hohe Decke, rote Säulen und gelb verputzte Wände bei der Renovierung bewahrt. Manche Elemente wurden sogar von späteren Übermalungen befreit und so überhaupt erst wieder sichtbar gemacht.
Die Bauarbeiten gestalteten sich als außergewöhnlich aufwendig und zogen sich über die geplante Dauer hinaus. Während der ursprüngliche Bau der Halle im Jahr 1888 nur sechs Monate gedauert hatte, beanspruchte die Renovierung schließlich vier Jahre und 94 Millionen Euro. Diese Verzögerungen waren teilweise auf die komplexe technische Sanierung und die Notwendigkeit zurückzuführen, den Betrieb so wenig wie möglich zu beeinträchtigen.
Parallel zur Renovierung der Markthalle wurde auch das Nachbargebäude in der Nybrogatan umgestaltet und in ein Hotel (Hotel Villa Dagmar) umgewandelt. Das Hotel und die Markthalle sind durch einen verglasten Innenhof mit Restaurantbetrieb miteinander verbunden und bilden so ein neues, integriertes Quartier im Herzen Stockholms. Das Hotel Villa Dagmar wurde im Mai 2021 eröffnet.
Während der Bauzeit verlagerte sich die Bautätigkeit zunehmend auf den Östermalmstorg, den Platz direkt vor der Markthalle, wo die darunter liegende U-Bahn-Station erneuert wurde. Diese zusätzliche Baustelle erschwerte die Arbeiten zusätzlich und trug zu den langen Bauzeiten bei.
Wiedereröffnung und Reaktionen
Nach drei Jahren Renovierungszeit öffnete die Östermalms Markthalle am 23. Januar 2020 wieder ihre Tore. Das ehrenwerte Gebäude erstrahlte in seinem farbenfrohen historischen Glanz und bot den Besuchern ein völlig neues, doch vertrautes Ambiente. Die sorgfältige Restaurierung hatte es geschafft, die historische Atmosphäre zu bewahren, während gleichzeitig moderne Standards in Bezug auf Technik, Hygiene und Komfort umgesetzt wurden.
Die Reaktion auf die renovierte Markthalle war überwältigend positiv. Besucher lobten die gelungene Balance zwischen Bewahrung des historischen Erbes und zeitgemäßer Modernisierung. Die Händler konnten ihre Stände in optimierten Räumlichkeiten beziehen, die sowohl ihre Arbeit erleichterten als auch den Kunden ein verbessertes Einkaufserlebnis boten.
Besonders bemerkenswert war die Popularität der provisorischen Holzmarkthalle, die während der Bauphase den Betrieb aufrechterhalten hatte. Diese "Übergangslösung" hatte sich zu einer eigenständigen Attraktion entwickelt und war bei Einheimischen und Touristen äußerst beliebt. Ihr Erfolg bewies, dass temporäre Bauten nicht nur funktional, sondern auch ästhetisch hochwertig gestaltet sein können – eine Erkenntnis, die das Verständnis für temporäre Architektur nachhaltig verändert hat.
Das Umnutzungsprojekt: Vom Markt zur Sportanlage
Nach Abschluss der Renovierung der Östermalms Saluhall stand das provisorische Gebäude vor der Frage der weiteren Nutzung. Anstatt es abzubrechen, entschied das Göteborger Immobilienunternehmen Wallenstam, das Gebäude zu erwerben und einem neuen Verwendungszweck zuzuführen. Diese Entscheidung markierte den Beginn eines der bemerkenswertesten Umnutzungsprojekte Schwedens.
"Ein derartiges Umnutzungsprojekt hat es in Schweden noch nie gegeben. Wir haben die voll funktionsfähige Markthalle in Stockholm abgebaut, 500 Kilometer weit in den Göteborger Vorort Mölnlycke transportiert und dort als Padel-Tennis-Halle wieder aufgebaut. Das ist einzigartig", erklärt Johan Wuollet, Projektmanager bei Wallenstam.
Das Projekt demonstrierte eindrucksvoll die Vorteile der gewählten Bauweise: Die modulare Holzkonstruktion ließ sich vollständig demontieren, transportieren und an einem neuen Standort wieder aufbauen, ohne wesentliche Verluste an Funktionalität oder Ästhetik. Die 500 Kilometer lange Transportstrecke vom Zentrum Stockholms in den Vorort Mölnlycke stellte eine logistische Herausforderung dar, wurde aber dank der leichten Holzelemente bewältigt.
Die umgenutzte Halle dient heute als Padel-Tennis-Anlage, einer in Skandinavien zunehmend beliebten Sportart. Die Umwandlung vom kulinarischen zum sportlichen Nutzungszweck zeigt die bemerkenswerte Flexibilität der Bauweise und die vielseitigen Einsatzmöglichkeiten solcher temporären, aber hochwertigen Konstruktionen.
Bedeutung für nachhaltiges Bauen und Kreislaufwirtschaft
Das Projekt der Östermalms Markthalle und deren provisorische Ersatzhalle bietet wertvolle Lehren für nachhaltiges Bauen und die Implementierung von Kreislaufwirtschaft im Bauwesen. Die Entscheidung, eine temporäre Holzkonstruktion zu schaffen, die später umgenutzt werden kann, steht im Einklang mit modernen Nachhaltigkeitsprinzipien:
Ressourceneffizienz: Durch die Verwendung von Kerto LVL wurde Materialverbrauch minimiert, während gleichzeitig hohe Tragfähigkeit gewährleistet wurde. Das erlaubte filigrane Konstruktionen mit weniger Rohstoffinput.
Wiederverwendbarkeit: Die Modularität der Bauweise ermöglichte den kompletten Abbau, Transport und Wiederaufbau an einem anderen Standort – ein seltener Fall echter Wiederverwendung im Bauwesen.
Langlebigkeit trotz temporärer Bestimmung: Die Bauweise war so hochwertig, dass das Gebäude nicht nur als Provisorium, sondern als dauerhafter Neubau genutzt werden konnte – ein Paradigmenwechsel im Umgang mit "temporären" Bauten.
Reduzierung von Abfällen: Durch die Wiederverwendung des gesamten Baukörpers wurde der Abriss und die Entsorgung einer kompletten temporären Bausubstanz vermieden.
Flexibilität in der Nutzung: Die Anpassungsfähigkeit des Gebäudes von einer Markthalle zu einer Sportanlage zeigt, wie robust und anpassungsfähig moderne Holzkonstruktionen sein können.
Fazit
Die Renovierung der Östermalms Markthalle in Stockholm stellt mehr als nur eine Sanierung eines historischen Gebäudes dar – sie zeigt einen wegweisenden Ansatz für nachhaltiges Bauen und flexible architektonische Lösungen. Die Kombination aus sorgfältiger Restaurierung des historischen Bestands und der Einsatz einer innovativen, temporären Holzkonstruktion demonstriert, wie Tradition und Moderne erfolgreich vereinbart werden können.
Das provisorische Gebäude, das eigentlich nur als Übergangslösung dienen sollte, entwickelte sich zu einem architektonischen Highlight, das nicht nur den Betrieb während der Renovierungsphase sicherstellte, sondern später zu einem der bemerkenswertesten Umnutzungsprojekte Schwedens wurde. Die Transformation in eine Padel-Tennis-Halle 500 Kilometer vom ursprünglichen Standort entfernt beweist die bemerkenswerte Flexibilität und Nachhaltigkeit der gewählten Bauweise.
Für Bauherren, Architekten und Planer bietet das Projekt wertvolle Erkenntnisse: Temporäre Bauten müssen nicht von minderer Qualität sein, sondern können ästhetisch, funktional und nachhaltig hochwertig gestaltet werden. Die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft lassen sich bereits in der Planungsphase berücksichtigen, um spätere Umnutzungen oder Wiederverwendungen zu ermöglichen. Die Östermalms Markthalle zeigt damit einen Weg auf, wie Bauvorhaben nicht nur den aktuellen Bedarf abdecken, sondern auch langfristig flexibel und ressourcenschonend gestaltet werden können.
Quellen
- Holzbau Austria - Mehr als eine Übergangslösung
- Kommunalwirtschaft Online - Von der temporären Markthalle zur Sportanlage
- Schweden Tipps - Östermalmshallen
- Reiseziel Erde - Neuöffnung der Kultmarkthalle in Stockholm
- DIY Book - Stockholm provisorische Markthalle
- Informationsdienst Holz - Temporäre Markthalle aus Holz