Einleitung
Die Marktkirche zum Heiligen Geist in Clausthal-Zellerfeld steht als gewaltiges Holzbauwerk im Herzen des Harzes. Als größte Holzkirche Deutschlands und Kulturdenkmal höchsten Ranges präsentiert sie sich als einzigartiges Zeugnis norddeutscher Barockarchitektur. Die Kirche, die mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges erbaut wurde, hat in den vergangenen Jahrzehnten eine umfassende Sanierung erfahren, die in mehreren Phasen von 2002 bis 2022 durchgeführt wurde. Dieser Artikel beleuchtet die aufwendigen Maßnahmen zur Rettung und Restaurierung dieses bedeutenden Baudenkmals, die sowohl die äußere Hülle als auch die wertvolle Innenausstattung betrafen.
Geschichte und architektonische Bedeutung
Die Marktkirche zum Heiligen Geist wurde in den Jahren 1636 bis 1642 während des Dreißigjährigen Krieges errichtet. Dieser außergewöhnliche Kirchenbau stellt bis heute die größte Holzkirche Deutschlands dar und zählt zu den bedeutendsten Baudenkmälern des norddeutschen Barocks. Die Kirche wurde später, zwischen 1689 und 1691, um ganze 1.000 Plätze erweitert, um das gewachsene Einwohner aufzunehmen.
Das Äußere der Kirche wird durch eine blaue Holzverschalung des Fachwerkbaus, zahlreiche Sprossenfenster und ein großes, mit Blei eingedecktes Dach geprägt. Wie Aktenfunde belegen, verfügte die Marktkirche bereits im 17. Jahrhundert über eine blaue Farbfassung – eine symbolträchtige Farbe, die zum Patrozinium der Kirche passt: Blau steht unter anderem für den Heiligen Geist, dem die evangelische Kirche geweiht ist.
Den Längsseiten der Kirche sind vorgelagerte Treppentürme vorangestellt, die den ausladenden Bau mit seinem hohen, bleigedeckten Krüppelwalmdach gliedern. Im Inneren hat vor allem der Bildschnitzer Andreas Gröber aus Osterode einen bleibenden Namen hinterlassen: Aus seiner Werkstatt stammen der frühbarocke Altar, die Kanzel, die Taufe und die Engel an der Orgel.
Sanierungsphasen und Ausgangslage
Die Arbeiten zur Sanierung der Marktkirche wurden witterungs- und finanzierungsbedingt in mehrere Bauabschnitte aufgeteilt und auf mehr als zwei Jahrzehnte verteilt. Die ersten Maßnahmen wurden bereits 2001 mit der Notabstützung des südöstlichen Treppenturmes begonnen. Ein kritischer Moment war das Jahr 2006, als der Glockenturm durch Schwungsteifen vor dem Einsturz gesichert werden musste.
Äußere Sanierung (2002-2014)
Die umfassende äußere Sanierung erfolgte in den Jahren 2002 bis 2014 und umfasste mehrere wesentliche Maßnahmen:
Turmsanierung: Der Glockenturm wurde 2007/08 vollständig abgebaut und erneuert. Nach Archivunterlagen war die Holzkirche mit Mondphasenholz gebaut worden. Für die weitere Restaurierung wurden daher 50 speziell ausgewählte "Mondfichten" gefällt und für den Wiederaufbau des Glockenturmes eingesetzt. Diese traditionelle Bauweise mit dem Mondholz stellt sicher, dass das Holz besonders widerstandsfähig gegen Witterungseinflüsse ist.
Dachsicherung: Das Dach wurde komplett neu eingedeckt und der Uhrenturm sowie die Gauben erneuert.
Statische Sicherung: 2009 wurde die Dachunterkonstruktion des Kirchenschiffs unterhalb des Dachreiters ertüchtigt. Dabei wurden nicht mehr tragfähige Verbindungen und Querschnitte der Holzkonstruktion verstärkt.
Fassadensanierung: Neben der Tragwerksplanung übernahm das verantwortliche Büro auch die Bauleitung bei der Sanierung der Hauptdachflächen, einschließlich des nordwestlichen Eingangstreppenhauses und der Klimaklappen.
Besondere technische Herausforderungen bei der Sanierung der äußeren Hülle bestanden in der Trennung des inneren Glockenturms von der Außenhülle sowie in der Einleitung der dynamischen Horizontalkräfte aus dem Geläut über Felszuganker in den Harzer Baugrund.
Planung der Innensanierung (2016-2019)
Nach Abschluss der Außensanierung 2013 wurden die Planungen für eine denkmalgerechte Innensanierung 2016 aufgenommen. Diese Phase dauerte bis zum August 2019. Mit der Planung und Bauüberwachung der gesamten Innensanierung wurde das Architekturbüro Schwieger Architekten aus Göttingen, vertreten durch den federführenden Architekten Hansjochen Schwieger, beauftragt.
Die Gesamtkosten der Sanierung wurden mit 9,3 Millionen Euro angegeben. Die Finanzierung erfolgte durch das Bundesministerium für Kultur und Medien (BKM), die Landeskirche sowie zahlreiche Stiftungen, darunter die "Stiftung Marktkirche zum Heiligen Geist".
Die Innensanierung (2019-2022)
Die denkmalgerechte Innensanierung stellte eine Gesamtaufgabe aus Architektur, Kunstwerken und Orgelneubau hinter historischem Prospekt dar. Sie umfasste mehrere komplexe Maßnahmen:
1. Denkmalgerechte Sanierung der Substanz
Die denkmalgerechte Sanierung der Substanz im Innenraum beinhaltete bauphysikalische Verbesserungen der Außenwände. Ein besonderes Problem stellte die fehlerhafte Dämmung aus den 1960er Jahren dar. Damals war versucht worden, die Fugen zwischen den Wandbrettern mit Dachpappe, Heraklit und Spanplatten abzudichten. Diese luftdichten Pakete auf der Außenhaut erwiesen sich als bauphysikalisch problematisch, da sie zu starken Schwankungen der Luftfeuchtigkeit und der Innenraumtemperatur führten. Diese conditions verursachten massive Schäden am Holzbau und den Kunstwerken.
Die Lösung bestand im Entfernen dieser problematischen Dämmschicht. Die dahinter zwischen Außen- und Innenbrettern nun zugänglich gewordenen leeren Gefache des Ständerbauwerks wurden mit ungebrannten Lehmsteinen gefüllt. Diese spezielle Bauweise hat den Vorteil, dass die Steine bei zu hoher Luftfeuchtigkeit Feuchtigkeit aufnehmen und bei zu trockener Luft wieder abgeben können. Auf diese Weise wird ein ausgeglicheneres Raumklima geschaffen, das sowohl für die Erhaltung des Holzes als auch für die Kunstwerke förderlich ist.
2. Verbesserung des Raumklimas
Ein zentraler Aspekt der Sanierung war die Verbesserung des Raumklimas. Neben dem Einbau der Lehmsteine wurde eine neue Heizungsanlage installiert, die speziell auf die Bedürfnisse des Kirchenraums und der wertvollen Ausstattungsstücke zugeschnitten ist. Gleichzeitig wurde eine Lüftungsanlage installiert, die für einen kontrollierten Luftaustausch sorgt.
Besonderes Augenmerk wurde auf die Beheizung der Orgel und der Ausstattungsstücke gelegt, um ein stabileres Raumklima zu schaffen. Diese Maßnahmen sind von entscheidender Bedeutung für die langfristige Erhaltung der historischen Substanz und der Kunstwerke.
3. Renovierung des Innenraums
Die Renovierung des Innenraums umfasste die Umgestaltung der Möblierung unter Berücksichtigung der Akustik und eine grundlegende Verbesserung der Beleuchtung. Die symbolträchtige Innenausstattung verdankt die Kirche bessergestellten und reichen Bürgern Clausthal-Zellerfelds. Die Kirchengemeinde legte besonderen Wert darauf, die tiefe biblisch-theologische Symbolik zu erhalten, die die Kirche als genuin protestantisches Gotteshaus der frühen Neuzeit einzigartig in Europa erscheinen lässt.
Bei der Farbgestaltung des Innenraums orientierten sich die Restauratoren an historischen Vorbildern. Als historisches Vorbild diente die Farbe der Figuren am Altar. In diesem Farbton war der erste Innen-Farbanstrich um 1735 hergestellt worden. Diese Entscheidung unterstreicht den Anspruch der Sanierung, die historische Authentizität der Kirche wiederherzustellen und zu bewahren.
4. Kirchenmalerarbeiten
Die Kirchenmalerarbeiten von NÜTHEN Restaurierungen Erfurt beinhalteten die Reinigung sowie die Neufassung der gesamten Raumschale mit Langhaus, Emporen und Decke. Diese Arbeiten erforderten höchste handwerkliche Kompetenz und Kenntnisse in der historischen Farbgebung. Die Spezialisten reinigten die Oberflächen sanft von späteren Übermalungen und Flicken, um die originalen Farbschichten freizulegen und zu konservieren.
Die neue Orgel
Ein besonderes Highlight der Sanierungsphase ist der Neubau der Orgel, der 2022 abgeschlossen wurde. Der spektakuläre Orgelprospekt der Eggert-Orgel von 1758 ist dabei erhalten geblieben: elf musizierende Engel sitzen auf den Kranz-Profilen und bereichern die barocke Orgelfront.
Für den Neubau wurde in Zusammenarbeit mit einer Expertenkommission eine Klangkonzeption entwickelt, die das Repertoire bis in die Romantik und Moderne erweitert. Insgesamt verfügt die neue Orgel über 74 Register auf 4 Manualen und Pedal. Aufgrund der trockenen Akustik des Kirchenraums wurde ein besonderer Schwerpunkt auf die differenzierte und charakteristische Grundstimmen-Palette gelegt, damit die neue Orgel im ganzen dynamischen Spektrum tragfähig und mit genügend klanglichem Fundament versehen ist.
Der Orgelneubau erfolgte durch die Firma Goll Orgelbau, die den prestigeträchtigen Auftrag erhielt, ein Instrument zu schaffen, das sowohl die historische Prospektgestaltung würdig ergänzt als auch musikalisch höchsten Ansprüchen genügt.
Fazit
Die umfassende Sanierung der Marktkirche zum Heiligen Geist in Clausthal-Zellerfeld stellt ein herausragendes Beispiel für moderne Denkmalpflege dar. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahrzehnten wurde eines der bedeutendsten Holzbauwerke Deutschlands nichtensively saniert und für die Zukunft gesichert. Die Sanierung zeichnet sich durch eine sensible Balance zwischen notwendigen technischen Modernisierungen und der Bewahrung der historischen Substanz aus.
Besonders bemerkenswert ist die Lösung der bauphysikalischen Herausforderungen durch den Einsatz von ungebrannten Lehmsteinen, die ein natürliches Regulierungssystem für die Luftfeuchtigkeit im Kirchenraum schaffen. Diese traditionelle Bauweise in Kombination mit moderner Heizungs- und Lüftungstechnik schafft optimale Bedingungen für die Erhaltung des wertvollen Holzbauwerks und der Kunstwerke.
Die Marktkirche steht heute nicht nur als architektonisches Juwel des norddeutschen Barocks da, sondern auch als gelungenes Beispiel dafür, wie historische Baudenkmäle durch sorgfältige und fachkundige Sanierung für zukünftige Generationen bewahrt werden können. Die Kombination aus denkmalgerechter Sanierung, technischer Optimierung und der Wiederherstellung der ursprünglichen Farb- und Raumwirkung hat dazu beigetragen, die Kirche wieder in ihrer ganzen Pracht erstrahlen zu lassen.
Die Sanierung der Marktkirche in Clausthal zeigt, dass die Bewahrung von Kulturgut nicht nur eine Aufgabe der Denkmalschutzbehörden ist, sondern ein gemeinsames Anliegen von Kirche, Staat, Fachexperten und der Gesellschaft. Die erfolgreiche Durchführung dieses Großprojekts unter Beweis stellt einen Meilenstein in der deutschen Denkmalpflege dar.
Quellen
- Schwieger Architekten - Marktkirche zum Heiligen Geist
- Goll Orgelbau - Clausthal Marktkirche
- NÜTHEN Restaurierungen - Marktkirche Clausthal-Zellerfeld
- Stiftung Marktkirche Clausthal - Die Innensanierung
- Goetz-Ilsemann - Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld
- Monumente Online - Gerade gerückt
- Wikipedia - Marktkirche zum Heiligen Geist