Mathäser München: Die Transformation einer Bierhalle zum Multiplex-Kino

Einleitung

Der Mathäser in München ist ein bemerkenswertes Beispiel für die ständige Anpassung und Transformation eines Gebäudes im Laufe der Geschichte. Aus einem einfachen Bieraussank des 17. Jahrhunderts entwickelte sich das Gebäude über die Jahrhunderte zum größten Bierausschank der Welt, dann zu einem Kinocenter und schließlich zum modernen Multiplex-Kino mit integriertem Einkaufs- und Geschäftszentrum. Diese Entwicklung spiegelt nicht nur die Veränderung der Nutzungsvorstellungen wider, sondern auch die städtebauliche Bedeutung des Standorts zwischen Hauptbahnhof und Stachus in zentraler Münchner Lage. Dieser Artikel beleuchtet die wesentlichen Umbau- und Renovierungsphasen des Mathäsers und zeigt auf, wie sich ein Gebäude im Laufe der Zeit seinen neuen Zwecken anpassen kann.

Die Anfänge als Bierausschank (1690-1945)

Die Geschichte des Mathäsers beginnt im Jahr 1690, als auf dem heutigen Gelände der erste Bierausschank eröffnet wurde. Über zwei Jahrhunderte später, im Jahr 1857, übernahmen Anna und Georg Mathäser die Gastwirtschaft und verankerten damit den Namen "Mathäser" in der Münchner Geschichte. Im Jahr 1884 erwarb die Aktienbrauerei "Zum Bayerischen Löwen" den erweiterten Komplex, der 1907 durch "Löwenbräu" weiter ausgebaut wurde.

In dieser Blütezeit erreichte der Mathäser seinen Höhepunkt als größter Bierausschank der Welt. Mit drei Bierhallen, einem Festsaal und einem Biergarten bot er etwa 4.000 Sitzplätze. Diese beeindruckende Kapazität machte den Mathäser zu einem zentralen Treffpunkt für Münchner Bürger und Besucher gleichermaßen.

Die politische Bedeutung des Gebäudes wurde am 7. November 1918 deutlich, als Kurt Eisner im Mathäser den Freistaat Bayern ausrief. Wenige Tage später, am 9. November 1918, fand hier auch die Konstituierung des Arbeiter- und Soldatenrates statt, die als Geburtsstunde der Münchner Räterepublik gilt. Eine interessante Anekdote aus dieser Zeit ist die "Russenmaß" - eine Mischung aus Weißbier und Zitronenlimonade, die im Mathäser serviert wurde, um die Soldatenräte der Roten Truppe länger einsatzfähig zu halten.

Zweiter Weltkrieg und Zerstörung

Der Mathäser wurde während des Zweiten Weltkriegs bei Luftangriffen der Alliierten total zerstört. Diese Zerstörung markierte das Ende einer Ära und den Beginn eines neuen Kapitels in der Geschichte des Gebäudes.

Wiederaufbau als Bierstadt und Filmpalast (1957)

Nach der fast vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände neu konzipiert. Im Dezember 1957 konnte auf dem 8.100 Quadratmeter großen Areal die neu erbaute Mathäser-Bierstadt eröffnet werden. Der leitende Architekt der Löwenbrauerei, Ernst Eckstein, entlang der Bayerstraße in Stahlbetonbauweise einen fünfgeschossigen, zweigiebeligen Baukörper realisiert.

Das neue Konzept umfasste: - Eine Einkaufspassage - Die Bierstadt mit 16 recht unterschiedlich ausgestatteten Lokalen mit Sitzplätzen für insgesamt über 5.000 Gäste - Den Mathäser-Filmpalast als 129. Kino der Landeshauptstadt - Eine 340 Quadratmeter große Foyer - 1.200 Plätze im Kinosaal - Eine mit 21 auf achteinhalb Metern zur Bauzeit größten Leinwand Deutschlands - 4.600 Quadratmeter Einzelhandels- und Bürofläche - Eine Tiefgarage für 180 Fahrzeuge

Der Architekt verfolgte mit diesem Bau bewusst keine modisch vergängliche Gestaltung, sondern entschied sich für einen Bau im Sinne der Bautradition des alpenländischen Raumes. Die Absicht war, ein Gebäude zu schaffen, das nicht nur einem kleinen Kreis, sondern möglichst vielen Menschen gefällt und zum Verweilen einlädt, auch und gerade für die Fremden, die die Münchner Stadt besuchen.

Die Ära des Kinocenters (1978)

Mit dem Aufkommen des Fernsehens begann die Ära der großen Lichtspieltheater mit oft mehr als 1.000 Sitzplätzen allmählich zu Ende zu gehen. Die Filmtheaterbetriebe Georg Reiss reagierten darauf, indem sie aus Münchens ehemals größtem Einzelhaus ein Kinocenter mit 4 Sälen schufen. Die Eröffnung fand mit Sam Peckinpahs "Convoy" statt, einem großen Hollywood-Kino.

Der Umbau vom Großkino in ein Kinocenter mit mehreren kleineren Kinosälen kostete etwa sechs Millionen Mark. Die Platzkapazität wurde von 1.187 auf fast 1.500 erhöht. Vier Säle spielten von 10 Uhr früh bis 1 Uhr nachts, was 25 Vorstellungen pro Tag bedeutete. Beim Publikum kam dieser neue Ansatz hervorragend an, besonders die von Theaterleiter Georg Wettläufer und seinen Mitarbeitern neu entwickelte Informationswerbung über laufende und zukünftige Programme.

Das Konzept des neuen Kinocenters umfasste: - Großdias im Trapezformat und Dia-Großflächen im Foyer und in der Kassenhalle - Leuchtende Farbflächen mit Szenenfotos und Texten in den Formaten 3,80 x 0,90 und 1,50 x 0,90 Meter - Ein großzügiges, weiträumiges Foyer, das in seiner alten Form und Größe erhalten blieb - Vier Kinosäle mit unterschiedlichen Eigenschaften: - Kino B (301 Plätze) mit Blau als bestimmender Farbe, bequemen Polstersesseln und abgestimmter Wandbespannung - Kino C (301 Plätze), ein Raucherkino, das eine Besonderheit aufwies: Durch Verbindung seiner Projektoren mit dem darunterliegenden Theater war es möglich, einen Film gleichzeitig in beiden Kinos zu spielen

Eine Besonderheit des Kinocenters war die 21 auf achteinhalb Meter große Leinwand, eine der größten Deutschlands. Trotz des Umbaus blieb Mathäser Kino A über Jahre mit über 600 Sitzplätzen der größte Kinosaal Münchens.

Schließung und Neubau als Multiplex-Kino (1996-2003)

Die Ära des Mathäser als Kinocenter endete 1996, als das Kino mit der letzten Vorstellung von "Mars Attacks!" und die Bierstadt den Betrieb einstellten. 1998 wurden die Gebäude abgerissen, um Platz für einen Neubau zu schaffen.

1999 begann der Bauherr, die zur Zurich Group Invest Europe (Deutschland) GmbH gehörende Deutscher Herold Lebensversicherung AG, mit dem Neubau. Der Bauherr investierte in fünf Jahren Bauzeit insgesamt etwa 175 Millionen Euro in das Projekt.

Das neue Konzept des Mathäsers wurde als Multifunktionsgebäude auf einer Grundstücksfläche von 7.000 Quadratmetern geplant, das Mietern und Besuchern Entertainment, Shopping und Office in Top-City-Lage bietet. Mit einer Bruttogesamtfläche von 33.400 Quadratmetern wurde eine neue Erlebniswelt geschaffen, die ihrer zentralen Lage zwischen Hauptbahnhof und Karlsplatz ebenso gerecht wird wie dem historischen Baugrund.

Nach vierjähriger Bauzeit wurde am 21. Mai 2003 der traditionsreiche Mathäser wieder eröffnet. Die Eröffnung erfolgte mit der Vorstellung von "Matrix Reloaded" in allen 14 Sälen des neuen Multiplex-Kinos, das insgesamt 4.283 Plätze bietet.

Das Gebäude wurde von Peter Lanz mit seinem Münchner Architekturbüro LAI | Lanz Architekten Ingenieure als Shopping-, Entertainment- und Business-Center geplant. Der Mathäser Filmpalast wird von der Kinopolis-Group betrieben und beherbergt viele Filmpremieren und Sonderveranstaltungen wie die Eröffnungsveranstaltung des Filmfest München, das Asia Filmfest und das englischsprachige Munich International Short Film Festival.

Durch den Bau des neuen Multiplex-Kinos mit 14 Sälen erlitten jedoch auch die sich in der Nähe des Mathäser befindlichen Kinos starke finanzielle Einbußen und mussten teilweise sogar schließen, wie beispielsweise die Karlsplatz-Kinos.

Architektonische Besonderheiten des heutigen Mathäsers

Der heutige Mathäser ist eine Kombination aus Entertainment-Bereich und Geschäftszentrum, die sowohl der zentralen Lage zwischen Hauptbahnhof und Karlsplatz gerecht wird als auch dem historischen Baugrund. Mit Zugang zu S- und U-Bahnen garantiert der Bau gute Erreichbarkeit und bequemes Einkaufen.

Das Gebäude wurde bewusst als multifunktionaler Komplex konzipiert, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Nutzer gerecht zu werden. Die Integration verschiedener Nutzungen - Kino, Einkaufen, Büros - unter einem Dach spiegelt moderne städtebauliche Konzepte wider, die auf die optimale Nutzung von innerstädtischen Standorten abzielen.

Fazit

Die Geschichte des Mathäsers zeigt eindrucksvoll, wie sich ein Gebäude im Laufe der Zeit seinen neuen Zwecken anpassen kann. Von einem einfachen Bieraussank entwickelte es sich zum größten Bierausschank der Welt, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg zu einem Kinopalast mit integrierter Bierstadt, dann zu einem Kinocenter mit mehreren Sälen und schließlich zum modernen Multiplex-Kino mit integriertem Einkaufs- und Geschäftszentrum.

Jede dieser Transformationen war eine Antwort auf sich ändernde gesellschaftliche Bedürfnisse und wirtschaftliche Gegebenheiten. Die aktuelle Nutzung als Multiplex-Kino mit integrierten Geschäftsräumen scheint die erfolgreiche Antwort auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu sein. Die zentrale Lage zwischen Hauptbahnhof und Stachus bleibt dabei der entscheidende Faktor für den Erfolg des Gebäudes über Jahrhunderte hinweg.

Die Entwicklung des Mathäsers ist somit auch ein Spiegel der Münchner Stadtgeschichte und zeigt, wie historische Bauten durch geschickte Neukonzeptionierung ihre Relevanz für die Gegenwart bewahren können.

Quellen

  1. Mathäser - Wikipedia
  2. Kinocenter Mathäser - Alle Kinos
  3. Geschichte des Mathäser - ganz-muenchen.de
  4. Alles über den Mathäser - mathaeser.de

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