Einleitung
Die Basilica minor St. Valentinus und Dionysius in Kiedrich gilt als eine der reizvollsten und bedeutendsten Wallfahrtskirche unter den mittelrheinischen Kirchen. Ihre herausragende spätgotische Architektur bildet den Rahmen für einen der schönsten Innenräume dieser Epoche. In den Jahren von 2012 bis 2018 wurde diese bedeutende historische Stätte einer umfassenden Restaurierung unterzogen, die sowohl den Innenraum als auch den Außenbereich betraf. Dieses Vorhaben stellte eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar und erforderte nicht nur erhebliche finanzielle Mittel, sondern auch spezialisiertes Wissen und handwerkliche Kompetenz im Bereich der Denkmalpflege. Der vorliegende Artikel beleuchtet die umfassende Sanierung des Gotteshauses, die beteiligten Akteure, die restaurierten Kunstschätze sowie die Bedeutung dieses Projekts für den Erhalt des kulturellen Erbes in der Region.
Historische Bedeutung und Architektur
Die katholische Pfarrkirche St. Valentinus und Dionysius erhebt sich im Ortszentrum von Kiedrich, einem Ort im Rheingau am Südhang des Taunus, der erstmals in einer Urkunde des Erzbistums Mainz Mitte des 10. Jahrhunderts erwähnt wurde. Die Kirche ist von einer hohen Mauer umschlossenen Kirchhof umgeben und dominiert das Ortsbild. Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich Kiedrich zu einem viel besuchten Wallfahrtsort, was zum reichen künstlerischen Schatz der Kirche beitrug.
Die Kirche stammt zu großen Teilen aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, wobei die Seitenschiffe älter sind und auf etwa 1380 datiert werden. Die spätgotische Wallfahrtskirche ist besonders reizvoll aufgrund ihrer reichen, zum großen Teil noch mittelalterlichen Ausstattung. Der Erhalt dieser Ausstattung ist dem Engagement des englischen Mäzens Baronet Sir John Sutton zu verdanken, der zwischen 1857 und 1876 die Regotisierung des Kircheninneren initiierte.
Seit dem 1. Januar 2016 bildet St. Valentinus in Kiedrich zusammen mit anderen Kirchen in der Region den Gemeindeverband "Pastoraler Raum Eltville". Die Kirche trägt seit 2010 den päpstlichen Ehrentitel Basilica minor und wird von den Einheimischen stolz als "Schatzkästlein" bezeichnet. Einzigartig weltweit ist der gregorianische Gesang der Kiedricher Chorbuben, der im germanischen Choraldialekt erkling und damit erlesene Gotik für Auge und Ohr bietet.
Das Restaurierungsprojekt: Umfang und Zeitrahmen
Im Herbst 2012 begann eine umfangreiche Sanierung der Kirche sowohl im Innenraum als auch im Außenbereich, die bis zum Jahre 2018 andauerte. Das Projekt umfasste zwei Bauabschnitte: die Restaurierung der mittelalterlichen Decken sowie die Erneuerung der technischen Ausstattung und Beleuchtung. Die Gesamtkosten für diese aufwendige Maßnahme beliefen sich auf 4.500.000 Euro.
Die Arbeiten wurden in mehreren Phasen durchgeführt. Im November 2014 waren die Arbeiten an der Raumschale, im Chorraum, an den dortigen Glasfenstern einschließlich einer Schutzverglasung abgeschlossen, sodass die Kirche wiedereröffnet werden konnte. Es folgten weitere Arbeiten an der Orgel, die ausgebaut, grundgereinigt, überholt und neu gestimmt wurde. Weitere Arbeitsabschnitte betrafen den restlichen Innenraum der Kirche und seine Ausstattung wie den Hochaltar, die Kreuzigungsgruppe, die Figuren, Bilder und das Gestühl. Seit Oktober 2014 wurden parallel Sanierungsarbeiten an der Michaelskapelle und dem Umfeld der Kirche einschließlich der Umfassungsmauer durchgeführt.
Die Restaurierung wurde eng vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen betreut und stellte hohe Anforderungen an die Planer und ausführenden Handwerksbetriebe. Das Projekt wurde in den Leistungsphasen 3-9 nach HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure) bearbeitet, was eine umfassende Planung und Ausführung sicherstellte.
Die restaurierten Kunstschätze
Die Basilica minor in Kiedrich birgt eine Fülle von Kunstschätzen, die im Rahmen der Restaurierung sorgfältig instand gesetzt wurden. Zu den bedeutendsten Werken gehören:
- Die Kiedricher Madonna aus dem Jahr 1330
- Drei gotische Flügelaltäre
- Ein reich geschnitztes Kirchengestühl von 1510
- Der Renaissance-Hochaltar
- Das im 19. Jahrhundert wieder aufgebaute Sakramentshaus
- Das Chorgestuhl
- Das Lesepult
- Der Taufstein
- Das vollständig erhaltene, spätgotische Laiengestühl im Kirchenschiff
Besonders hervorzuheben ist die Kirchenorgel, die zu den ältesten spielbaren Orgeln der Welt zählt. Sie wurde im Rahmen der Restaurierung ausgebaut, grundgereinigt, überholt und neu gestimmt, um ihren historischen Klang wiederherzustellen.
Die Restaurierung dieser Kunstwerke erforderte höchste handwerkliche Kompetenz und tiefes Wissen über historische Techniken und Materialien. Jedes Objekt wurde individuell behandelt, um seinen ursprünglichen Zustand so gut wie möglich wiederherzustellen, ohne späteren Eingriffen vorzubeugen.
Finanzierung und Beteiligte
Die Finanzierung der aufwendigen Restaurierungsmaßnahme stellte eine große Herausforderung dar. Da die katholische Kirchengemeinde eine solche Maßnahme nicht allein finanzieren kann, war die Restaurierung ein Gemeinschaftsprojekt des Bistums Limburg mit dem Land Hessen und dem Bund.
Ein entscheidender Akteur war der Kirchenbauverein Kiedrich e. V., der 2009 gegründet wurde und über eine lange Zeit hinweg erfolgreich Spenden sammelte, damit die Pfarrgemeinde ihren Anteil an der Finanzierung erbringen konnte. Dieser Verein hat eifrig Spenden gesammelt, damit die Pfarrgemeinde den Eigenanteil aufbringen konnte, und so die Restaurierung des Innenraums der Basilika gesichert.
Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) unterstützte das Projekt ebenfalls dank zahlreicher Spenden sowie der Lotterie GlücksSpirale. Die DSD leistete damit ihren Beitrag zur Planungssicherheit für die Bauherren, ihre Architekten und hochqualifizierten Handwerksbetriebe, um diese wichtigen Arbeitsplätze erhalten zu helfen. Die Kiedricher Kirche gehört seit 2012 zu den über 220 Projekten, die die private Denkmalschutzstiftung dank Spenden, den Erträgen ihrer Treuhandstiftungen sowie der Mittel der GlücksSpirale, der Rentenlotterie von Lotto, allein in Hessen fördern konnte.
Erneut wurde die Kirche St. Valentinus und Dionysius in Kiedrich bei den anstehenden Restaurierungsarbeiten von der DSD unterstützt. Für die Restaurierung und Instandsetzung des Innenraums der der Kirche gegenüberstehenden Totenkapelle St. Michael stellte die DSD 100.000 Euro zur Verfügung, nachdem sie die Kapelle bereits vor zwei Jahren gefördert hatte.
Herausforderungen bei der Restaurierung
Die Restaurierung eines so bedeutenden historischen Bauwerks wie der Basilica minor in Kiedrich stellte zahlreiche Herausforderungen an alle Beteiligten. Eines der Hauptprobleme war die Sicherung des Innenraums und des Inventars mit rund 220.000 Euro, die bereits in einer frühen Phase des Projekts bewältigt werden musste.
Die mittelalterliche Bausubstanz erforderte spezielle Behandlungsmethoden, die modernste Erkenntnisse der Denkmalpflege mit traditionellem Handwerk verbanden. Besonders bei der Restaurierung der Decken und der farbigen Glasfenster mussten Experten die ursprünglichen Techniken rekonstruieren und materialgerecht anwenden.
Eine besondere Herausforderung stellte die Restaurierung der Orgel dar. Als eine der ältesten spielbaren Orgeln der Welt erforderte sie eine besonders behutsame Behandlung, um ihren historischen Klang zu erhalten und gleichzeitig die Funktionstüchtigkeit für die kirchenmusikalische Praxis sicherzustellen.
Die Koordination der verschiedenen Gewerke – vom Steinmetz über den Malerrestaurator bis zum Orgelspezialisten – erforderte eine exzellente Planung und Abstimmung. Das Landesamt für Denkmalpflege Hessen begleitete die Arbeiten eng, um die historische Substanz zu bewahren und die denkmalpflegerischen Ziele zu erreichen.
Die Totenkapelle St. Michael
Neben der Hauptkirche wurde auch die Totenkapelle St. Michael umfassend saniert. Die der Kirche gegenüberstehende Kapelle erhielt durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz eine Förderung von 100.000 Euro für ihre Restaurierung und Instandsetzung. Die DSD hatte die Kapelle bereits vor zwei Jahren gefördert, was eine kontinuierliche Sicherung dieses wichtigen Teils des kirchlichen Ensembles ermöglichte.
Die Totenkapelle ist ein integraler Bestandteil des Gesamtensembles und wurde im Rahmen der Sanierungsarbeiten an der Michaelskapelle und dem Umfeld der Kirche einschließlich der Umfassungsmauer ab Oktober 2014 berücksichtigt. Die Arbeiten an der Kapelle zeigen, dass der Denkmalschutz in Kiedrich ganzheitlich gedacht wird und nicht nur die Hauptkirche, sondern auch die sie umgebenden Bauten einbezieht.
Bedeutung des Projekts für die Region
Die Restaurierung der Basilica minor St. Valentinus in Kiedrich hat weitreichende Bedeutung für die Region und über deren Grenzen hinaus. Zum einen handelt es sich um den Erhalt eines bedeutenden Kulturdenkmals, das nicht nur architektonisch, sondern auch künstlerisch und musikalisch von unschätzbarem Wert ist.
Zum anderen stärkt das Projekt die lokale Wirtschaft. Die hochqualifizierten Handwerksbetriebe, die an der Restaurierung beteiligt waren, konnten ihre Arbeitsplätze sichern und ihr Fachw weiterentwickeln. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hob hervor, dass ihre Unterstützung dazu beitrug, wichtige Arbeitsplätze im Handwerk zu erhalten.
Für die Gemeinde Kiedrich stellt die restaurierte Kirche einen kulturellen und spirituellen Mittelpunkt dar. Die Kirche ist nicht nur Gotteshaus, sondern auch ein wichtiger kultureller Treffpunkt und Touristenmagnet. Der päpstliche Ehrentitel Basilica minor unterstreicht die überregionale Bedeutung des Bauwerks.
Die Wiedereröffnung der Kirche im November 2014 nach Abschluss der ersten Bauabschnitte war ein wichtiges Ereignis für die Gemeinde und die Region. Seitdem können Besucher wieder die Schönheit des spätgotischen Innenraums und die Kunstschätze der Kirche bewundern.
Fazit
Die umfassende Restaurierung der Basilica minor St. Valentinus und Dionysius in Kiedrich stellt ein herausragendes Beispiel für gelungene Denkmalpflege dar. Das von 2012 bis 2018 andauernde Projekt hat nicht nur die bauliche Substanz des bedeutenden mittelalterlichen Bauwerks gesichert, sondern auch seine reiche Ausstattung für zukünftige Generationen bewahrt.
Die enge Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde, dem Bistum Limburg, dem Land Hessen, dem Bund, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Kirchenbauverein Kiedrich e. V. zeigt, dass der Erhalt unseres kulturellen Erbes nur gelingen kann, wenn verschiedene Akteure gemeinsam an einem Strang ziehen. Die Bereitschaft der Bevölkerung, durch Spenden und ehrenamtliches Engagement beizutragen, war dabei ein entscheidender Faktor für den Erfolg des Projekts.
Die Basilica minor in Kiedrich ist heute wieder das "Schatzkästlein", das die Einheimischen nennen – ein Juwel der spätgotischen Architektur und Kunst, das sowohl für die Gläubigen als auch für Kulturinteressierte eine Bereicherung darstellt. Die einzigartige Verbindung von Architektur, bildender Kunst und Musik, die in dieser Kirche erlebbar ist, macht sie zu einem unschätzbaren Zeugnis unserer kulturellen Identität.
Das Projekt in Kiedrich zeigt, dass die Restaurierung historischer Bauwerke keine bloße Vergangenheitspflege ist, sondern eine Investition in unsere Zukunft und in die Qualität unseres Lebensraums. Es ist ein Vorbild für zukünftige Restaurierungsprojekte und ein Zeichen dafür, dass der Denkmalschutz in Deutschland eine lebendige und wichtige Aufgabe ist.
Quellen
- Denkmal des Monats: Basilica minor St. Valentinus und Dionysius in Kiedrich
- Sanierung und Restaurierung denkmalgeschützter Objekte - Überblick
- St. Valentinus in Kiedrich - Monumente Online
- Totenkapelle St. Michael in Kiedrich wird erneut von der DSD gefördert
- St. Valentinus (Kiedrich) - Wikipedia
- Kiedrich Kirche St. Valentinus - Kirchenausstattung - Conservation Pool