Einleitung
Nach einer umfassenden Sanierung öffnete das schwedische Nationalmuseum in Stockholm im Oktober seine Türen für Besucher. Das Museum, eines der größten Kunst- und Designmuseen Schwedens, beherbergt eine beeindruckende Sammlung von rund 16.000 Gemälden und Skulpturen sowie etwa 30.000 Objekten des Kunsthandwerks und einer Grafiksammlung von Weltrang. Die fünfjährige, laut einigen Quellen sechsjährige Renovierung kostete 115 Millionen Euro und verwandelte das historische Gebäude in eines der modernsten Museen der Welt. Unter der Leitung der Architekten Gert Wingårdh und Erik Wikerstål wurde das prachtvolle Bauwerk, das 1866 nach Plänen des Berliner Architekten Friedrich August Stüler eröffnet wurde, sorgfältig renoviert und modernisiert, ohne seinen historischen Charakter zu verlieren.
Historischer Hintergrund
Das Nationalmuseum in Stockholm ist nicht nur ein architektonisches Juwel, sondern auch ein Zeugnis schwedischer Kunstgeschichte. Die Geschichte der Sammlungen reicht ins 16. Jahrhundert zurück, als König Gustav Vasa auf Schloss Gripsholm den Grundstein zu einer königlichen Kunstsammlung legte. Durch Ankäufe, Schenkungen und Kriegsbeute wuchs die Sammlung rasch an, doch viele der italienischen Kunstwerke nahm die abgedankte Königin Kristina 1654 mit nach Rom. Ein weiterer Rückschlag ereignete sich 1697, als ein Schlossbrand auf Tre Kronor Teile der Sammlung zerstörte.
In den 1740er Jahren kaufte der schwedische Botschafter in Paris, Carl Gustaf Tessin, zahlreiche hochrangige französische Werke für die königliche Sammlung. Nach dem Tod von Gustav III. im Jahr 1792 wurde zu seinem Gedenken das Nationalmuseum gestiftet, wodurch die Sammlungen in den Besitz der Allgemeinheit übergingen. Das heutige Gebäude entwarf der deutsche Architekt August Stüler, und die Eröffnung fand 1866 statt.
Das repräsentative Bauwerk gilt als eines der besterhaltenen Museumsgebäude des 19. Jahrhunderts in Europa. Doch im Laufe der Zeit hatten sich zahlreiche Veränderungen ergeben: Ganze Bereiche wurden für Büros und Archive genutzt, die ursprünglichen Grundrisse verändert und die farbigen Wanddekors abgedeckt. Vor diesem Hintergrund stand die nun durchgeführte Sanierung vor der Herausforderung, die ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes wiederherzustellen und gleichzeitig die Anforderungen eines modernen Museums zu erfüllen.
Die Herausforderung der Sanierung
Die Sanierung des Nationalmuseums stellte die beteiligten Architekten und Ingenieure vor eine besondere Herausforderung: Wie konnte man ein historisches Baudenkmal mit den Anforderungen eines modernen Museums in Einklang bringen? Wie der Architekt Gert Wingårdh selbst feststellte, hatte das Haus bereits viele Sanierungen erlebt, die jedoch nur Kompromisse waren. Diese Kompromisse, entstanden aus gestiegenen baulichen Anforderungen der jeweiligen Zeit, waren zu einer Collage aus alt und neu geworden.
Für Wingårdh, der bereits 2012 den Zuschlag für die Sanierung erhielt, war es an der Zeit, das Nationalmuseum ganzheitlich zu betrachten. Der Gesamtcharakter des Museums sollte erhalten bleiben und womöglich gerettet werden. Dies erforderte vor allem Feingefühl und einen kreativen Umgang mit dem vorhandenen Raum. Besonders schwierig gestaltete sich die Balance zwischen Denkmalschutzauflagen und notwendigen Modernisierungen. Unter strengen Denkmalschutzauflagen und im respektvollen Umgang mit dem Bestand galt es, das Haus wieder stärker zur Umgebung zu öffnen und gleichzeitig die technischen Anforderungen eines modernen Museums zu erfüllen.
Architektonische Maßnahmen
Die Sanierung des Nationalmuseums wurde von den Architekturbüros Wingårdh Architects (Göteborg, Stockholm, Malmö) und Wikerstål Architects geleitet. Die Projektleitung oblag Erik Wikerstål und Josefin Larsson, während Stefano Mangili und Lars Kockum (Wingårdh) gemeinsam mit Maria von Porat (Wikerstål) als Projektabtitekten fungierten. Die Projektingenieure waren Andreas Stålberg und Stefan Nilsson.
Ein überraschender, aber äußerst erfolgreicher Ansatz der Architekten war die Anhebung des Bodens des großen Atriums um 1,75 Meter. Diese Maßnahme schuf darunter Platz für die Technik und sorgte zudem für einen ebenen Boden zur Kirche. Der Boden dieses sogenannten Kirchenraums, der aufgrund seiner Gewölbe so genannt wird, wurde um 44 Zentimeter abgesenkt – in diesem Fall ein Rückbau, da er 1961 um 89 Zentimeter erhöht worden war. Diese Begradigungen waren notwendig, um die Nutzungskonzepte zeitgemäß zu gestalten.
Unauffällig wurde die neue Klimatisierung in den Räumen integriert: Die speziell angefertigten Luftauslässe sind als Rosetten in den Gewölbedecken getarnt. Während die Technik den Blicken verborgen bleibt, setzt ein neues Element im südlichen Atrium einen Akzent: der Aufzugsturm als freistehendes Objekt, bekleidet mit patiniertem Messing. Sein flechtartiges Muster wirkt wie ein großformatiges Gewebe und orientiert sich ästhetisch am Maschinenraum im Außenbereich des Museums. Laut Wingårdh hätte diese Lösung sicher auch Stüler gefallen.
Beide Innenhöfe sind nun von Glasdächern überspannt, deren flache Wölbung die Silhouette des Gebäudes nicht verändert. Die Dachkonstruktion setzt sich aus kleinen Pyramiden zusammen und sorgt mit der facettierten Oberfläche für eine gute Akustik in den Atrien. Der nordwestliche Bereich des Erdgeschosses wurde zu einem einladenden, großzügigen Restaurant-Café umgestaltet, das frei zugänglich ist. Durch die Absenkung des Bodens im Untergeschoss konnten die Toiletten und Garderoben hier platziert werden; das unverputzte Mauerwerk der Gewölbe bildet einen kraftvollen Kontrast zu den polychromen Ausstellungssälen.
Raumkonzept und Besuchererlebnis
Die Sanierung schuf nicht nur architektonische Neuerungen, sondern verbesserte auch das Raumkonzept und das Besuchererlebnis erheblich. Durch die Umbaumaßen standen 2.000 Quadratmeter mehr Fläche für Exponate aus dem Bestand und für neu erworbene Werke sowie für Sonderausstellungen zur Verfügung. Die Kuratoren sortierten die Werke nun chronologisch, was dem Besucher eine thematische und historische Erschließung ermöglicht.
In einem extra Raum für Kinder wird die Kunst auch für den Nachwuchs zum Erlebnis. Der Eingangsbereich ist nun Treffpunkt statt Wartebereich geworden, was das Erdgeschoss zu einem Teil des Stadtlebens macht. Die neutral graue Wandfarbe an den Innenwänden des Nord- und Südatriums sorgt für eine angenehme Ausleuchtung und trägt zu einem modernen, aber dennoch respektvollen Gesamteindruck bei.
Die nun neutral graue Wandfarbe an den Innenwänden des Nord- und Südatriums sorgt für eine angenehme Ausleuchtung. Die alten Fenster wurden durch eine neue Sonnenschutzverglasung ersetzt, die gleichermaßen isoliert und die Exponate schützt. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass sich Besucher wohlfühlen und die Kunst möglichst lang erhalten bleibt.
Lichtkonzept: Historische Vision neu interpretiert
Das Nationalmuseum wurde ursprünglich 1866 von Friedrich August Stüler als Tageslichtmuseum entworfen. Im Rahmen der Renovierung machten sich Wingårdhs Architects und Kardorff Ingenieure (Lichtplanung) daran, diese Potenziale wieder zu wecken. Wie Gabriele von Kardorff, Geschäftsführerin von Kardorff Ingenieure, betont: "Das Besondere an einem Tageslichtmuseum ist nicht nur das Licht. Es gibt auch den Blick auf die historische Umgebung frei, während man sich mit den Schätzen des Landes in einem Raum befindet."
Durch die wiederhergestellten Fenster und die neuen Glasdächer fällt nun natürliches Licht in einige Ausstellungsräume. Je nach Tages- oder Jahreszeit verändert die Lichtstimmung draußen das Empfinden des Besuchers im Museum. Die wichtigste Aufgabe des Kunstlichtes ist es, Objekte immer so auszuleuchten, dass sie Kontur erlangen.
Die einst zugemauerten Fenster des Museums wurden wieder durch Scheiben ersetzt. Diese Maßnahme setzt nicht nur die Werke besser in Szene, sondern gibt auch den Blick auf Schwedens Hauptstadt, die Museumsinsel Skeppsholmen und das gegenüberliegende Schloss frei. Die neuen Fenster wurden mit Sonnenschutzlamellen ergänzt, sodass die komplexen Anforderungen an Sicherheit, Lichtverhältnisse und Wärmeschutz erfüllt werden.
Technische Innovationen
Die technische Modernisierung des Nationalmuseums brachte zahlreiche Innovationen mit sich, die für den Besucher kaum sichtbar, aber für den Erhalt der Kunstwerke von entscheidender Bedeutung sind. Die neue Klimatisierung sorgt für eine angenehme Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit, so dass die Kunst möglichst lang erhalten bleibt und sich Besucher wohlfühlen.
Besonders hervorzuheben ist die Lösung für die Akustik in den Atrien: Die gewölbte Glasdecke hat bisher den Schall direkt in die Mitte des Raumes reflektiert. Das neue Glas ist nun pyramidenförmig angebracht und damit facettierter strukturiert. Das Aufbrechen des Gewölbes reflektiert den Klang an die Wände, wo dieser im Relief des Stucks abgeschwächt wird.
Die Verbesserung der Barrierefreiheit war ein wichtiges Anliegen der Sanierung. Das Angleichen der Fußbodenhöhen erleichtert die Zugänglichkeit des Gebäudes erheblich. So soll das Erdgeschoss Teil des Stadtlebens werden und für alle Besucher zugänglich sein.
Die neue Technik wurde behutsam in das historische Ensemble integriert. Unauffällig wurde die neue Klimatisierung in den Räumen integriert: Die speziell angefertigten Luftauslässe sind als Rosetten in den Gewölbedecken getarnt. Während die Technik den Blicken verborgen ist, setzt ein neues Element im südlichen Atrium einen Akzent: der Aufzugsturm als freistehendes Objekt, bekleidet mit patiniertem Messing, dessen flechtartiges Muster wie ein großformatiges Gewebe wirkt.
Kosten und Zeitplan
Die Sanierung des Nationalmuseums Stockholm war ein ambitioniertes Projekt mit erheblichen finanziellen und zeitlichen Ressourcen. Die Gesamtkosten betrugen 115 Millionen Euro, und die Bauzeit zog sich über fünf bis sechs Jahre. Der Architekt Gert Wingårdh hatte bereits 2012 den Zuschlag für die Sanierung erhalten, doch die Umsetzung erforderte mehr Zeit als zunächst geplant.
Die Herausforderungen waren vielfältig: Einerseits galt es, die historische Bausubstanz zu erhalten und die strengen Auflagen des Denkmalschutzes zu beachten, andererseits mussten moderne technische Standards für ein Museum internationalen Ranges umgesetzt werden. Die Balance zwischen diesen Anforderungen erforderte sorgfältige Planung und Ausführung.
Besonders schwierig gestaltete sich die Koordination der verschiedenen Gewerke und die Einhaltung des Zeitplans, ohne die Qualität der Arbeiten zu beeinträchtigen. Die Architekten und Ingenieure bewiesen hierbei große Kompetenz und konnten das Projekt erfolgreich abschließen.
Fazit
Die Sanierung des Nationalmuseums Stockholm ist vorbildlich gelungen. Sie zeigt, wie man ein historisches Baudenkmal mit den Anforderungen eines modernen Museums in Einklang bringen kann. Die Architekten und Ingenieure unter der Leitung von Gert Wingårdh und Erik Wikerstål haben es verstanden, die ursprünglichen Qualitäten des Gebäudes wieder hervorzuheben und gleichzeitig zeitgemäße Lösungen zu implementieren.
Besonders beeindruckend ist das Lichtkonzept, das die ursprüngliche Vision Stülers wieder aufgreift und modern interpretiert. Die Wiedereröffnung der Fenster und die Installation von Glasdächern ermöglichen nun natürliches Licht in die Ausstellungsräume und geben gleichzeitig den Blick auf die historische Umgebung frei. Gleichzeitig sorgen technische Innovationen wie die versteckte Klimatisierung und die verbesserte Akustik für ein modernes Museumserlebnis.
Die Schaffung zusätzlicher Ausstellungsflächen und die Verbesserung der Barrierefreiheit machen das Museum für ein breites Publikum zugänglich. Die Integration eines frei zugänglichen Restaurant-Cafés im Erdgeschoss trägt dazu bei, das Museum als Teil des Stadtlebens zu etablieren.
Nach über 150 Jahren seit seiner Eröffnung 1866 ist das Nationalmuseum in Stockholm wieder eines der modernsten Museen der Welt. Die Sanierung zeigt, dass Respekt vor der Geschichte und Innovationsbereitschaft keine Gegensätze sein müssen, sondern sich im besten Fall ergänzen können. Das renovierte Nationalmuseum ist ein lebendiges Beispiel für gelungene Denkmalpflege und moderne Museumsarchitektur.