Einleitung
Die Transformation ehemaliger Industriestandorte zu modernen Kultur- und Erlebniszentren stellt eine der größten Herausforderungen im Bereich der Stadtentwicklung und Bauwesen dar. Ein herausragendes Beispiel für einen solchen erfolgreichen Strukturwandel ist das Alte HüttenAreal (AHA) in Neunkirchen (Saar). Dieses ehemalige Eisenwerk, das über fast vier Jahrhunderte die Stadt prägte, wurde nach seiner Stilllegung 1982 in ein einzigartiges Areal mit Industriekultur, Einkaufsmöglichkeiten und kulturellen Veranstaltungsorten umgewandelt. Dieser Artikel untersucht die Umwandlung des Neunkircher Hüttenareals, die erhaltenen Baudenkmäler und die Neuentwicklungen, die aus einer Industriebrache einen Publikumsmagnet für Jung und Alt geschaffen haben.
Historischer Hintergrund: Vom Gründungsjahr 1593 bis zur Stilllegung 1982
Die Geschichte des Neunkircher Eisenwerks reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück, als Graf Albrecht von Ottweiler im Jahr 1593 die erste kleine Eisenhütte an der Blies gründete. Über fast vier Jahrhunderte hinweg wurde in Neunkirchen Eisenverhüttung betrieben, wobei sich diese erste kleine Anlage im Laufe der Jahrhunderte zu einer gigantischen Industrieanlage entwickelte. Die Hütte erlebte und überlebte nicht nur den Dreißigjährigen Krieg, sondern auch beide Weltkriege und einige Eigentümerwechsel. Mehrfach lag das Werk in Trümmern und erstand ebenso oft wie der Phönix aus der Asche.
Nach dem verheerenden Fliegerangriff der Alliierten am 30. November 1944, der das Werk fast vollständig zerstörte, dauerte es beinahe sechs Jahre, bis eine Wiederinbetriebnahme erfolgen konnte. In den 1950er- bis weit in die 1970er-Jahre wurde das Werk erweitert und modernisiert und zog Massen von Arbeitern aus aller Welt in die Stadt. Die Zeit der Hochblüte des Eisenwerks war geprägt von lebendigem Treiben zwischen dem Werkstor und dem Neunkircher Bahnhof, wobei die Bürgersteige und Straßen zwischen dem Hüttengelände und dem Hauptbahnhof den ganzen Tag über voller Menschen waren.
Die Ära des Eisenwerks endete am 29. Juli 1982 mit dem allerletzten Hochofenabstich. Mit der Stilllegung des Werkes entstand eine Industriebrache von etwa 40 bis 100 Hektar, die einer neuen Nutzung zugeführt werden musste.
Das Renovierungsprojekt: Zeitlicher Ablauf und Umfang
Die Umwandlung des ehemaligen Hüttengeländes begann etwa zwei Jahre nach der Stilllegung, ab dem Jahr 1984. In den Folgejahren wurden etliche Gebäude abgerissen, um Platz für die Neugestaltung zu schaffen. Insgesamt handelte es sich um fast 100 Hektar Industriebrache, die revitalisiert und rekultiviert wurden.
Die Planung und Umsetzung des Projekts erfolgte in mehreren Phasen:
Vorbereitende Maßnahmen (1984-1992): Abbruch nicht erhaltenswerter Gebäude und erste Sanierungsmaßnahmen an denkmalwerten Bauwerken.
Erste Ausbauphase (1993): Einweihung des ersten Teils des Hüttenparks.
Zweite Ausbauphase (1995): Fertigstellung des gesamten Hüttenparks.
Weiterer Ausbau (1989, 2000er-Jahre): Eröffnung des Saarpark-Centers und Umwandlung weiterer Gebäude wie der Neuen Gebläsehalle und der Stummschen Reithalle.
Aktuelle Entwicklung (ab 2020): Umbau des westlichen Teils des Parks, um einen Verbrauchermarkt aufzunehmen, während gleichzeitig die alten Maschinenteile nach Sanierung neu errichtet werden.
Das Projekt zielte darauf ab, eine Symbiose aus Erhaltung interessanter Industrierelikte und Schaffung eines citynahen Erlebnisbereiches zu schaffen. Die Herausforderung bestand darin, die industrielle Geschichte der Region sichtbar zu erhalten, während gleichzeitig neue Funktionen und Nutzungen für die moderne Stadt geschaffen wurden.
Erhaltene Industriemonumente
Ein zentraler Aspekt der Renovierung war die bewusste Erhaltung und Restaurierung bedeutender Bauwerke und technischer Anlagen, die die Geschichte des Eisenwerks dokumentieren. Diese Denkmäler bilden heute das Rückgrat des Alten HüttenAreal und geben Besuchern Einblicke in die industrielle Vergangenheit Neunkirchens.
Hochöfen II und VI
Die Hochöfen II und VI blieben nach der Stilllegung des Werkes erhalten und prägen auch heute noch das Bild der Stadt. Diese monumentalen Bauwerke sind nicht nur technische Meisterleistungen ihrer Zeit, sondern auch mächtige Symbole der Industriekultur der Region. Sie bilden die Kulisse für das Saarpark-Center und sind nachts durch eine spezielle Beleuchtung besonders eindrucksvoll in Szene gesetzt.
Altes Gebläsehaus (Baujahr 1903)
Das alte Gebläsehaus wurde nachhaltig restauriert und in die Neugestaltung des Areals integriert. Dieses Gebäude zeugt von der hochentwickelten Technologie, die im Neunkircher Eisenwerk im Einsatz war, und dient heute als Veranstaltungsort und Teil des kulturellen Angebots im Hüttenareal.
Stummsche Reithalle (1858/1859)
Die Stummsche Reithalle wurde ebenfalls nachhaltig restauriert und zur Kleinkunstbühne umfunktioniert. Diese historische Halle ist ein architektonisches Juwel und bietet das ganze Jahr über regelmäßig Raum für kulturelle Veranstaltungen. Die Umwandlung einer ehemaligen Reithalle in einen kulturellen Veranstaltungsort zeigt exemplarisch, wie historische Bauten neue Funktionen erhalten können, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Wasserturm
Der denkmalgeschützte Wasserturm wurde umgebaut und zu einem neuen Kommunikationszentrum umgestaltet. Diese architektonisch einmalige Umwandlung in Deutschland beherbergt heute ein Kino, während sich um den Turm herum zahlreiche Kneipen, Restaurants und Bars angesiedelt haben. Der Turm verkörpert damit den gelungenen Übergang von einer rein industriellen Nutzung zu einem modernen kulturellen und sozialen Treffpunkt.
Stummdenkmal
Das 1902 errichtete Stummdenkmal zeigt Carl Ferdinand von Stumm-Halberg (1836-1901), den bedeutenden Unternehmer. Das überlebensgroße Bronzestandbild zeigt Stumm mit Symbolen der Montanindustrie (Luppenzange und Kokille) und wurde vom Berliner Bildhauer Fritz Schaper geschaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wies das Denkmal eine kleine Kriegsverletzung durch einen Granatsplitter am Oberschenkel auf, die Ende des 20. Jahrhunderts "geheilt" wurde. In den letzten Jahrzehnten wurde das Denkmal durch verschiedene Umbaumaßnahmen der Stadt mehrfach umplatziert und befindet sich heute in der Stummstraße am Stummplatz.
Hüttenschule
Die Hüttenschule wurde 1851 auf Initiative der Stummschwester Henriette Freifrau von Strantz errichtet. Die Schule nannte sich "weibliche Industrieschule zu Neunkirchen" und zielte darauf ab, den Töchtern der im Hüttenwerk Beschäftigten eine hauswirtschaftliche Ausbildung zu ermöglichen. Die Schule kostete das Hüttenwerk jährlich 100.000 Franken. Während des Ersten Weltkriegs (1914-1918) wurde das Gebäude als Militärlazarett genutzt, bevor es später das Hütttenarchiv beherbergte. Das Gebäude ist heute Teil des historischen Ensembles und zeugt von den sozialstrukturellen Einrichtungen, die zur Arbeiterschaft des Eisenwerks gehörten.
Neuentwicklungen und funktionale Neudefinition
Neben der Erhaltung historischer Bauwerke wurde das Alte Hüttenareal durch zahlreiche Neuentwicklungen ergänzt, die eine funktionale Neudefinition des ehemaligen Industriestandorts ermöglichten.
Saarpark-Center
Vor der Kulisse der Hochöfen entstand das Saarpark-Center als neues Zentrum der Stadt. Die 1989 eingeweierte "Shopping-Mall" galt seinerzeit als die modernste in der Bundesrepublik Deutschland. Über 120 Fachgeschäfte bieten heute ein breites Konsumangebot und haben das Einkaufsverhalten der Bevölkerung nachhaltig verändert. Die Ansiedlung des Saarpark-Centers führte jedoch auch zu Veränderungen im Stadtbild – viele kleine Läden entlang der Hüttenbergstraße und in Richtung des Hauptbahnhofs verschwanden, was von der Bevölkerung zunächst kritisch gesehen wurde.
Neue Gebläsehalle
Die Neue Gebläsehalle verfügt über eine Theater- und Veranstaltungshalle mit 1.000 Sitzplätzen für große Events wie Konzerte und Musicalaufführungen. Die Umwandlung der ehemaligen Industriehalle in einen modernen Veranstaltungsort stellt eine besondere technische Herausforderung dar, da die akustischen und technischen Anforderungen an moderne Veranstaltungsräume mit der historischen Bausubstanz in Einklang gebracht werden mussten. Die Halle hat sich zu einem wichtigen kulturellen Zentrum in der Region entwickelt.
Hüttenpark
Der Hüttenpark ist ein zentraler Bestandteil der Neunkircher Tourismusattraktion "Altes HüttenAreal". Auf dem 40 Hektar großen Areal mit einer 150-jährigen Geschichte können Besucher auf zwei verschiedenen Routen – dem Gruben- und dem Hüttenweg – die Geschichte des Neunkircher Eisenwerks erkunden. Beide Wege führen über zahlreiche Grünflächen vorbei ausgestellten Maschinenteilen und Gebäuden der Anlage. Bis Mitte 2020 waren im westlichen, von der Stadt aus hinteren Teil des Parks alte Maschinenteile aus der Hüttenzeit ausgestellt, die mit Informationstafeln versehen waren. Dieser Teil des Geländes wird derzeit umgebaut und wird ab 2021 einen Verbrauchermarkt beherbergen, wobei die alten Maschinenteile nach Sanierung neu errichtet werden.
Kulturelle und künstlerische Nutzung
Nachdem der letzte Hochofen im Jahr 1982 ausgeblasen wurde, hat man das Areal kontinuierlich in einen Freizeit- und Kulturtreff umgewandelt. Die zur Kleinkunstbühne umfunktionierte "Stummsche Reithalle" und die ehemalige Gebläsehalle bieten kulturelle Unterhaltung von Kabarett und Kleinkunst über internationalen Spitzenjazz bis hin zu Rockkonzerten. Diese kulturelle Nutzung hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Bevölkerung sich mit den neuen Gegebenheiten der modernen Zeit arrangiert und das ehemalige Industriegelände als Teil der städtischen Identität akzeptiert hat.
Umwelt- und Wasserwirtschaft
Ein besonderes Augenmerk wurde bei der Renovierung des Areals auf die ökologische Aufwertung gelegt. Ein zentrales Element war die Wiederaufdeckung des Heinitzbachs, der lange Zeit komplett unterirdisch verrort war. Heute fließt der Bach offen bis zur Brücke zwischen dem Parkdeck des SaarPark-Centers und der Neuen Gebläsehalle, von wo er dann unterirdisch verrort bis in die Blies fließt.
Die Freilegung des Baches hat nicht nur ökologische Vorteile für das Stadtklima und die Biodiversität, sondern auch eine städtebauliche Aufwertung des Areals zur Folge. Die Kombination aus technischen Denkmälern und natürlichen Elementen schafft eine einzigartige Atmosphäre, die Industriekultur mit Natur verbindet.
Kulturelle und touristische Bedeutung
Durch die gelungene Symbiose aus Erhaltung interessanter Industrierelikte und Schaffung eines citynahen Erlebnisbereiches hat sich das "Alte HüttenAreal" zu einem Publikumsmagnet für Jung und Alt in der Region entwickelt. Die Effektbeleuchtung des Areals abends bildet ein weithin sichtbares Highlight und verleiht dem Gelände eine besondere Atmosphäre.
Jede Station auf dem Neunkircher Hüttenweg, der durch das Areal führt, ist mit Informationstafeln ausgestattet, die Besuchern die Geschichte der einzelnen Bauwerke und Anlagen erklären. Einmal im Monat werden geleitete Führungen angeboten, die einen tieferen Einblick in die Geschichte und die architektonischen Besonderheiten des Areals ermöglichen.
Die Umwandlung des ehemaligen Hüttengeländes hat nicht nur die touristische Attraktivität der Stadt erhöht, sondern auch das kulturelle Leben bereichert. Die Veranstaltungsorte wie die Neue Gebläsehalle und die Stummsche Reithalle haben sich zu etablierten Bühnen für nationale und internationale Künstler entwickelt, die auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind.
Fazit
Die Renovierung und Neugestaltung des Neunkircher Hüttenareals stellt ein herausragendes Beispiel für einen erfolgreichen Strukturwandel von einem stillgelegten Industriegelände zu einem modernen Kultur- und Erlebniszentrum dar. Die Bewahrung historischer Baudenkmäler wie der Hochöfen, des Gebläshauses und der Stummschen Reithalle bei gleichzeitiger Schaffung neuer Nutzungen wie des Saarpark-Centers, der Neuen Gebläsehalle und des Kinos im Wasserturm zeigt, dass eine Symbiose aus Denkmalschutz und moderner Stadtentwicklung möglich ist.
Das Projekt zeigt auch, dass solche Umwandlungen nicht nur architektonische und städtebauliche Herausforderungen darstellen, sondern auch soziale Prozesse auslösen. Die anfängliche Skepsis der Bevölkerung gegenüber dem neuen Nutzungskonzept wich mit der Zeit der Akzeptanz und schließlich der Identifikation mit dem revitalisierten Areal. Die kulturelle Nutzung der historischen Hallen trug entscheidend zu diesem Wandel bei.
Die Wiederaufdeckung des Heinitzbachs und die Schaffung von Grünflächen unterstreichen das Bemühen, ökologische Aspekte in die Umwandlung einzubeziehen und eine nachhaltige Entwicklung des Areals zu gewährleisten.
Das Alte HüttenAreal in Neunkirchen ist damit nicht nur ein touristischer Anziehungspunkt, sondern auch ein lebendiges Beispiel für den Umgang mit industrieller Geschichte und Identität im Wandel der Zeit. Es zeigt, dass ehemalige Industriestandorte durch sorgfältige Planung und Umgestaltung zu wertvollen Orten für die Gegenwart und Zukunft werden können, die die Geschichte einer Region bewahren und gleichzeitig neue Impulse für die Stadtentwicklung geben.