Modernes Lichtkonzept in historischer Umgebung: Die Renovierung der Alzeyer Nikolaikirche

Einleitung

Die spätgotische Nikolaikirche in Alzey prägt als ehemalige Stiftskirche St. Nikolai das Zentrum der rheinhessischen Kreisstadt am Obermarkt. Mit einer Baugeschichte, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und mehrfache Umbauten und Zerstörungen überdauert hat, stellt die Kirche ein bedeutendes historisches Bauwerk dar. Der jüngste Abschnitt ihrer wechselvollen Geschichte ist die umfassende Innenrenovierung, die zwischen 2018 und 2020 durchgeführt wurde. Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei die Umsetzung eines modernen Licht- und Raumkonzepts, das die gotische Architektur in neuem Licht erscheinen lässt und gleichzeitig energiesparende LED-Technologie nutzt. Dieser Artikel beleuchtet die historische Entwicklung des Bauwerks, die jüngste Sanierungsmaßnahme und insbesondere die innovative Lichtgestaltung, die die Nikolaikirche für die Gegenwart neu interpretiert.

Historische Entwicklung der Nikolaikirche

Die Ursprünge der Nikolaikirche gehen auf das 14. Jahrhundert zurück. Die erste Erwähnung einer sicher älteren St.-Nikolaus-Kapelle stammt aus dem Jahr 1350. Diese Kapelle gehörte zum Alzeyer Saalhof, einem königlichen, später kurpfälzischen Krongut am Obermarkt. Um 1420 begann nach der Abtragung dieser Kapelle der Neubau einer dreischiffigen Hallenkirche mit drei Jochen und runden Pfeilern. Die Bauleitung ab 1430 wird dem aus Alzey stammenden Baumeister Nikolaus Eseler dem Älteren und seinem Umfeld zugeschrieben.

Nach Einweihung des Langhauses wurde die Nikolaikirche 1432 an Stelle der St.-Georgs-Kirche zur Pfarrkirche erhoben. 1450 erfolgte die Vollendung des Neubaus des spätgotischen Chores mit Einwölbung. An den neun Altären der Kirche lasen zeitweilig bis zu 20 Geistliche die Messe. 1499 wurde der Bau des Turmes durch Aufbau von zwei neuen Geschossen und eines Turmhelms auf die vorhandene Turmvorhalle der alten Kirche abgeschlossen. Am Turm sind bis heute die Wappen der Bauherren des Burggrafen Erkinger von Rothenstein und des Schultheißen Anthis von Heppenheim zu sehen.

Der Ausbau der Kirche resultierte aus dem Plan der Pfalzgrafen in Alzey im frühen 15. Jahrhundert, ein Stift zu errichten. Im Jahr 1479 genehmigte Papst Sixtus IV. die Gründung. Dem Stift wurden die Güter des aufgehobenen Zisterzienserklosters Himmelsgarten übertragen. Das Stift bestand aus einem Dekan, acht Kanonikern und neun Vikaren. Es wurde von Pfalzgraf Friedrich III. 1563 im Zuge der Reformation aufgehoben.

Die Nikolaikirche erleichte in ihrer Geschichte schwere Zerstörungen. 1689 erlitt sie starke Beschädigungen nach dem Stadtbrand im Eroberungskrieg von Ludwig XIV.: Dachstuhl und Gewölbe waren eingestürzt, die westlichen Außenmauern beschädigt. 1715 und später wurde die Kirche teilweise wiederhergestellt, indem die Bedachung und der Abschluss der Ostteile der Kirche durch eine neue Giebelwand hergestellt wurden. Der Turm wurde mit einer barocken Zwiebelhaube bedacht. Der Westteil des Langhauses blieb Ruine, wurde profaniert und diente im 18. Jahrhundert zeitweise als Feldlazarett und Bäckerei.

Umbauten und Restaurierungen im 19. und 20. Jahrhundert

Von 1844 bis 1848 fanden Umbau- und Wiederherstellungsarbeiten an der Nikolaikirche unter dem hessischen Oberbaudirektor Georg Moller statt, der unter anderem auch das Wiesbadener Stadtschloss errichtete. Das Langhaus wurde in fünf Joche gegliedert, es wurden Holzgewölbe eingebaut und eine kleine Vorhalle auf der Nordseite errichtet. Diese Maßnahme prägt das Wesentliche des heutigen Erscheinungsbilds des Kirchenraums.

1905 wurde ein neuer spitzer Turmhelm aufgesetzt. Von 1934 bis 1937 fanden umfassende Wiederherstellungsarbeiten unter der Leitung von Stadtbaumeister Morneweg statt. So wurden die Pfeiler des Mittelschiffs erneuert, ein Netzgewölbe im Chor und im Langhaus eine flache Holzdecke eingebaut.

Die gröbsten Schäden, die im Zweiten Weltkrieg an der Kirche entstanden, wurden 1949 beseitigt. Eine gründliche Erneuerung der Kirche unter Leitung von Prof. Romero fand dann von 1963 bis 1965 statt. Gleichzeitig wurde ein neuer Eingang durch den Turmraum gebaut. 1997 wurde die Rudolf von Beckerath-Orgel eingeweiht, die bis heute klangliches Highlight in der Kirche darstellt.

Die jüngste Sanierung 2018-2020

Die jüngste Sanierung der Nikolaikirche Alzey erfolgte in den Jahren 2018 bis 2020 und konzentrierte sich insbesondere auf die Neugestaltung des Kirchenraums. Auftraggeber war die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Darmstadt. Als Architekten waren Daniel Macholz und Stephan Kummer von Architektur und Denkmalpflege aus Darmstadt für das Projekt verantwortlich.

Die erste Musterachse für die jüngst abgeschlossenen Renovierung des Kirchenraums wurde bereits im Sommer 2017 angelegt. Den Auftrag für diese erste Phase sowie auch für die spätere Ausführung der Malerarbeiten ab Juni 2019 erhielten die Maler- und Denkmalpflegewerkstätten Norbert Theis aus Pfaffen-Schwabenheim.

Besonderes Augenmerk wurde bei der jüngsten Sanierung auf die Umsetzung eines modernen Licht- und Raumkonzepts gelegt, das die Helligkeit und Weite des gotischen Raumes betonen sollte. Gleichzeitig wurde die Umrüstung auf energiesparende LED-Leuchtmittel in der Kirche gefördert, was sowohl ökologische als auch ästhetische Ziele verfolgte.

Das innovative Lichtkonzept

Im Zuge der Innenrenovierung wurde ein Wettbewerb unter sechs Lichtplanern ausgelobt, um ein zu dem klaren, hellen Raum passendes Lichtkonzept zu entwickeln. Das Büro Cybulska + Partners aus Frankfurt ging aus diesem Wettbewerb als Sieger hervor, weil es ein Konzept vorstellte, das den gotischen Entwurf unterstützt und noch unterstreicht, das die gleichmäßige Ausleuchtung des Kirchenraumes erreicht, ohne dabei die Leuchten selbst in den Vordergrund treten zu lassen.

Herbert Cybulska, der Lichtgestalter und Beleuchtungsmeister, beschrieb den Ansatz seines Konzepts mit den Worten: "Licht ist Dein Kleid (Psalm 104 1.2). Der gotische Kirchenraum ist ein Ort des himmlischen Lichts. Vom ursprünglichen Schmuck und der Ausstattung des Innenraumes ist nach den politischen Wirren der letzten Jahrhunderte nicht viel erhalten."

Die wichtigsten Elemente des Lichtkonzepts sind:

  • Die neuen Lichtquellen sind weitgehend unsichtbar in die Architektur integriert
  • Die Lichtfarben nehmen die Architektur auf und sind Varianten in Weiß
  • Zentrale Architekturelemente des Raumes, wie Fenster und Säulen, werden durch Licht nachgezeichnet

Cybulska bezog sich in seiner Philosophie auf den Theatermacher Peter Brook, der in den 1970er Jahren den "leeren Raum" beschrieb, im Kopf des Zuschauers eigene Bilder ermöglicht. Die Kargheit der Nikolaikirche wird zur Fülle, weil die sorgfältige Neugestaltung der Innenraumes die Möglichkeit dafür schafft, den Raum neu zu füllen. Das Licht ist dabei ein entscheidendes Hilfsmittel.

"Die gotische Baukunst trifft einem leeren Raum auf die lichttechnischen Möglichkeit des 21. Jahrhunderts. Baukunst, Darstellende Kunst und Künstlerisch inspirierte Lichtgestaltung treffen in Alzey aufeinander", so Cybulska in seiner Beschreibung des Projekts.

Veränderungen im Kircheninneren

Bei der jüngsten Sanierung wurden auch bedeutende Veränderungen an der Ausstattung vorgenommen. Die Prinzipalien, also die liturgischen Ausstattungsgegenstände wie Altar, Taufstein, Kanzel und Ambo, wurden vom bayerischen Bildhauer Ulrich Hochmann neu geschaffen. Diese neuen Elemente prägen nun das Erscheinungsbild des Kirchenraums maßgeblich mit.

Eine umstrittene Maßnahme war die Entfernung von 16 mittelalterlichen Grabdenkmälern aus dem Innenraum. Darunter befanden sich auch Denkmäler von Alzeyer Burggrafen und Äbtissinnen des Klosters Weidas. Das bedeutendste Grabdenkmal, das des Truchsessen Gerhard aus dem Jahr 1335/39 aus der Familie der Volker von Alzey mit dem Fidelwappen, wurde aus dem Kirchenraum entfernt und befindet sich seitdem im Museum der Stadt Alzey.

Diese Entscheidung, die historischen Grabdenkmäler aus dem Kirchenraum zu entfernen, folgte dem Konzept eines möglichst leeren und von späteren Ergänzungen befreiten Raums, der durch das Lichtkonzept und die neuen Prinzipalien geprägt wird.

Das Verständnis von Raum und Licht

Die jüngste Renovierung der Nikolaikirche in Alzey steht im Zeichen eines neuen Umgangs mit historischen Kirchenräumen. Anstatt den Raum mit einer Vielzahl von Objekten und Ausstattungsstücken zu füllen, wurde bewusst eine Reduktion vorgenommen, die den gotischen Raum selbst wieder in den Mittelpunkt stellt.

Die philosophische Grundlage dieses Ansatzes findet sich in der Auseinandersetzung mit dem "leeren Raum" nach Peter Brook. Diese Theorie besagt, dass ein leerer Raum dem Betrachter die Möglichkeit gibt, eigene Bilder und Vorstellungen in ihn zu projizieren. Im Fall der Nikolaikirche bedeutet dies, dass der durch die Entfernung späterer Einbauten und Ausstattungen "leergefegte" Raum dem Besucher die Möglichkeit gibt, den gotischen Bau in seiner ursprünglichen Wirkung zu erleben.

Das Lichtkonzept von Cybulska + Partners unterstützt diesen Ansatz, indem es die Architekturelemente hervorhebt und betont. Durch die gezielte Ausleuchtung von Säulen, Fenstern und Gewölbe wird der Raum dreidimensional erfahrbar, ohne dass künstliche Elemente die historische Bausubstük überlagern.

Energieeffizienz und Denkmalschutz

Ein weiteres wichtiges Aspekt der jüngsten Renovierung war die Umrüstung auf energiesparende LED-Leuchtmittel. Diese Maßnahme wurde speziell gefördert, da sie sowohl ökologische Ziele verfolgt als auch den Anforderungen des Denkmalschutzes gerecht werden kann.

LED-Technologie ermöglicht eine präzise Steuerung des Lichts, was für die Umsetzung des komplexen Lichtkonzepts unerlässlich war. Gleichzeitig verbrauchen die modernen Leuchtmittel deutlich weniger Energie als herkömmliche Beleuchtungssysteme, was die Betriebskosten der Kirche langfristig senkt.

Die Herausforderung bestand darin, ein energiesparendes Beleuchtungssystem zu entwickeln, das gleichzeitig den ästhetischen Ansprüchen an die Ausleuchtung eines historischen Kirchenraums genügt. Die Lösung von Cybulska + Partners zeigt, dass diese Verbindung möglich ist und zu beeindruckenden Ergebnissen führen kann.

Rezeption und Bedeutung

Die Renovierung der Nikolaikirche in Alzey, insbesondere die Umsetzung des Lichtkonzepts, wurde in Fachkreisen breit diskutiert. Das Projekt gilt als Beispiel für einen sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz, bei dem moderne Technologien und Konzepte mit den Anforderungen des Denkmalschutzes in Einklang gebracht werden.

Die Gemeinde, die den Mut zu diesem Bauvorhaben hatte, wird von Herbert Cybulska gleichsam als der Zuschauer beschrieben, von dem Peter Brook spricht, während der Raum der Hauptdarsteller wird. Diese Haltung des Respekts vor dem historischen Bau und der Bereitschaft, Neues zu wagen, macht das Projekt in Alzey besonders bemerkenswert.

Die Nikolaikirche zeigt damit einen Weg auf, wie historische Kirchenräume für die Gegenwart relevant gemacht werden können, ohne ihre historische Substanz und Atmosphäre zu verlieren. Die Balance zwischen Bewahrung und Innovation gelingt in Alzey durch einen kligen Einsatz von Licht und Raum, die gotische Architektur in zeitgenössischem Gewand erscheinen lassen.

Fazit

Die jüngste Renovierung der Nikolaikirche in Alzey zwischen 2018 und 2020 stellt mehr als nur eine Sanierungsmaßnahme dar – sie ist eine Neukonzeption des Kirchenraums im Dialog mit der Geschichte. Die bewusste Entscheidung, den Raum von späteren Einbauten zu befreien und stattdessen ein modernes Lichtkonzept umzusetzen, verfolgt das Ziel, die gotische Architektur in ihrer ursprünglichen Wirkung erlebbar zu machen.

Das von Cybulska + Partners entwickelte Konzept, das unsichtbare Lichtquellen in die Architektur integriert und zentrale Elemente durch gezielte Beleuchtung hervorhebt, schafft eine neue Raumerfahrung, die ohne historische Vorbilder auskommt. Gleichzeitig wird die Energieeffizienz durch den Einsatz von LED-Technologie verbessert, was ökologische und ökonomische Vorteile bietet.

Die Neugestaltung der Prinzipalien durch Ulrich Hochmann und die Umsetzung des Gesamtkonzepts zeigen, dass Denkmalschutz und zeitgenössische Gestaltung keine Gegensätze sein müssen. Die Nikolaikirche in Alzey demonstriert vielmehr, wie historische Bauten durch behutsame Eingriffe ihre Bedeutung für die Gegenwart bewahren und erneuern können.

Das Projekt in Alzey bietet damit wertvolle Anregungen für den Umgang mit historischen Kirchenräumen im Allgemeinen und zeigt auf, wie Licht als gestalterisches Mittel eingesetzt werden kann, um Räume zu definieren und Erfahrungen zu ermöglichen, die über die reine Architekturbetrachtung hinausgehen.

Quellen

  1. Caparol - Nikolaikirche in Alzey
  2. Wikipedia - Nikolaikirche (Alzey)
  3. Evangelische Kirchengemeinde Alzey - Nikolaikirche

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