St. Nikolai Hamburg: Von der zerstörten Kirche zum Mahnmal - Sanierung und Neugestaltung eines historischen Bauwerks

Einleitung

Die ehemalige Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg stellt ein einzigartiges Zeugnis von Geschichte, Architektur und Stadtentwicklung dar. Ursprünglich als das höchste Gebäude der Welt erbaut, wurde das Gotteshaus im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört und später bewusst als Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erhalten. Die jüngste Geschichte des Bauwerks ist geprägt von umfassenden Sanierungsmaßnahmen und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung seiner Funktion als Gedenkort. Dieser Artikel beleuchtet die Renovierungsgeschichte von St. Nikolai, von den ersten Sicherungsmaßnahmen nach dem Krieg über die umfassende Sanierung bis hin zur aktuellen Neugestaltung, die das Mahnmal für zukünftige Generationen zugänglicher und funktionaler machen soll.

Historischer Hintergrund

Die Hauptkirche St. Nikolai am Hopfenmarkt im Zentrum Hamburgs war eine der fünf Hauptkirchen der Stadt und erlangte weltweite Berühmtheit, als ihr Turm im Jahr 1874 mit 147 Metern Höhe zum höchsten Gebäude der Welt avancierte. Diese herausragende architektonische Leistung prägte das Stadtbild Hamburgs über Jahrzehnte hinweg.

Das Schicksal des Bauwerks wendete sich während des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1943 wurde die Kirche bei den verheerenden Luftangriffen auf Hamburg schwer beschädigt. Überraschend überstand die tragende Struktur der bombenzerstörten Nikolaikirche den Krieg weitgehend intakt, und die Bausubstanz befand sich in einem Zustand, der einen Wiederaufbau realistisch erscheinen ließ. Dennoch beschloss der Hamburger Senat das Kirchenschiff abzureissen und begründete dies mit notwendigen Sicherungsmaßnahmen.

Nach Verhandlungen zwischen dem Kirchenrat und dem damaligen Bürgermeister Max Brauer einigte man sich im März 1951 darauf, den Turm und den Chor stehenzulassen. Die Sprengungen und Abtragungen des Kirchenschiffs dauerten fünf Wochen, wobei die Trümmer teilweise zur Uferbefestigung an der Unterelbe genutzt wurden. Ein gemeinsamer Ausschuss von Senat und Landeskirche entwickelte die Idee, in der Ruine ein Mahnmal zu errichten. Langwierige Verhandlungen über dessen Unterhalt konnten erst 1968 abgeschlossen werden, mit dem Ergebnis, dass nur der Turm im Eigentum der Nikoligemeinde verblieb, während die Stadt das ehemalige Kirchenschiffgelände zusammen mit der Verkehrssicherungs- und Unterhaltspflicht übertragen bekam.

Die Sanierung des Mahnmals (2011-2018)

Die Entscheidung, die Ruine als Mahnmal zu erhalten, stellte die Verantwortlichen vor die ständige Herausforderung, das Bauwerk zu erhalten und gleichzeitig seine Funktion als Gedenkort zu gewährleisten. Insbesondere der Turm, als das letzte erhaltene architektonische Element von Weltrang, erforderte ständige Überwachung und Pflege.

Ausgangssituation und Notwendigkeit der Sanierung

Im Sommer 2011 ereignete sich ein bedeutsames Ereignis, das die Dringlichkeit einer umfassenden Sanierung unterstrich: Ein knapp 10 Kilogramm schweres Mauerstück stürzte auf den Fahrradweg vor dem Mahnmal an der Willy-Brandt-Straße. Dieser Vorfall war der unmittelbare Anlass für eine komplette Bestandsaufnahme der Gebäudeteile. Daraufhin wurde der Turm zu großen Teilen eingerüstet, um eine gründliche Untersuchung zu ermöglichen.

Zwei Architekturbüros und ein Bauforscher kartierten im Herbst 2012 die Substanz zu ca. 50 %, dokumentierten und bewerteten sie. Die Arbeitsgemeinschaft Mahnmal St. Nikolai in Hamburg, bestehend aus BRÜGGEMANN – FRIEDRICHSEN – REIMERS (Architekten / Ingenieure / Bauhistoriker), erstellte ein umfassendes Gutachten, das die Ergebnisse der Untersuchung der eingerüsteten Flächen des Turms auf Bauschäden enthielt. Die verbleibenden 50 % wurden 2013 aufgenommen und kartiert. Auftraggeber für die Gutachten war die Freie und Hansestadt Hamburg, Bezirksamt Hamburg-Mitte, Dezernat Wirtschaft, Bauen und Umwelt, Fachamt Management des öffentlichen Raumes.

Planung und Durchführung der Sanierung

Nach der mehrjährigen Bestandsaufnahme folgte die eigentliche Sanierungsphase, die drei Jahre dauerte. Für die Planung und die Bauleitung wurde eine Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Bernhard Brüggemann und dem Architekten Alk Friedrichsen beauftragt: Arge Historisches Bauen – Brüggemann – Friedrichsen. Bernhard Brüggemann brachte als Architept extensive Erfahrung mit ein, da er bereits an sehr vielen Kirchen gearbeitet hatte – in Hamburg unter anderem an den Hauptkirchen St. Katharinen und St. Jacobi.

Die Finanzierung des Projekts erfolgte durch eine bemerkenswerte Partnerschaft: Mehr als 14 Millionen Euro wurden investiert, die je zur Hälfte vom Bund und der Stadt Hamburg finanziert wurden. Diese erhebliche Investition unterstreicht die nationale Bedeutung des Mahnmals und die politische Priorität, die seine Erhaltung genießt.

Abschluss der Sanierung

Mit einem Festakt wurde das ehemals höchste Gebäude der Welt am 25. Januar 2018 wiedereröffnet. Anwesend waren zahlreiche Vertreter aus der Politik, der Verwaltung, der Bauleitung und der Handwerksfirmen, die zum Gelingen des Projekts beigetragen hatten. Bereits am 9. Januar 2018 hatte Frau Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, das fertig sanierte Mahnmal besichtigt und den Turm bestiegen. Über neue nicht öffentlich zugängliche Stahltreppen gelangte sie von der Aussichtsplattform auf 76 Metern Höhe in den oberen Teil des 147 Meter hohen Turms und hatte von dort eine phänomenale Aussicht über die Innenstadt.

Die Sanierung hatte das Ziel, die Ruine als dauerhaftes Mahnmal zu erhalten und gleichzeitig ihren Besuchern einen sicheren Zugang zu ermöglichen. Jährlich besuchen etwa 100.000 Besucher die Ausstellung auf dem Gelände, was die große Bedeutung des Ortes als historisches Erbe und Gedenkstätte unterstreicht.

Die Neuordnung des Mahnmals (seit 2024)

Nach Abschluss der grundlegenden Sanierung 2018 zeigte sich, dass das Mahnmal St. Nikolai weiterhin baulicher Handlungsbedarf aufwies. Angesichts konstruktiver und funktionaler Probleme wurde eine weitere Phase der Entwicklung und Neugestaltung eingeleitet, die seit 2024 unter dem Titel "Neuordnung des Mahnmals St. Nikolai" läuft.

Notwendigkeit der Neugestaltung

Das Mahnmal St. Nikolai am Hopfenmarkt im Stadtzentrum von Hamburg ist zentraler Erinnerungsort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der Jahre 1933–45. Es besteht aus dem im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirchenschiff und Chor der ehemaligen Kirche, einem Museum in Teilbereichen des Kellergewölbes der Kirche sowie dem ehemaligen Kirchturm mit Panoramaaufzug. Betrieben wird das Mahnmal durch den Förderkreis Mahnmal St. Nikolai e.V.

Die Analyse der aktuellen Situation ergab mehrere Handlungsfelder:

  1. Der Zugang zum Museum war bisher schwer zu finden und funktional unzureichend gestaltet.
  2. Das Kirchenplateau benötigte eine funktionale und gestalterische Verbesserung.
  3. Bisher ungenutzte Teile des Gewölbekellers sollten für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
  4. Die Rolle des Mahnmals als Ort der Geschichtsvermittlung und Demokratiebildung sollte gestärkt werden.

Die bauliche Aufwertung des Mahnmals sollte darüber hinaus auch zur Qualifizierung der umgebenden Quartiere beitragen.

Planungswettbewerb und Gewinnerentwurf

Um tragfähige Gestaltungskonzepte zu erhalten, wurde ein offener Architekturwettbewerb durchgeführt. Den offenen Architekturwettbewerb für die Neugestaltung konnte das Hamburger Architekturbüro MIMA Architektur zusammen mit GDLA Landschaftsarchitektur (Heidelberg) für sich entscheiden. Das Bauprojekt zur Umgestaltung des Mahnmals St. Nikolai wird durch Mittel des Bundesprogramms "Nationale Projekte des Städtebaus" gefördert, das Orte der Demokratiebildung mit überregionaler Bedeutung unterstützt.

Darüber hinaus beteiligen sich die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen sowie die Stiftung Mahnmal St. Nikolai e.V. an der Finanzierung. Insgesamt beläuft sich das Budget für das Projekt auf 5,1 Millionen Euro, wobei allein 2 Millionen Euro als Bundesmittel bereitgestellt werden.

Der siegreiche Entwurf überzeugte das Preisgericht "durch seinen sensiblen Umgang mit dem Gedenkort, seine städtebauliche Einbindung und die gestalterische Qualität". Besonderes Augenmerk wurde darauf gelegt, die historische Bedeutung des Ortes zu wahren und gleichzeitig eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen.

Geplante Maßnahmen

Die Neugestaltung des Mahnmals St. Nikolai umfasst mehrere konkrete Maßnahmen:

  1. Neuer Eingangsbereich: Auffälligste Änderung ist der Bau eines mehrstöckigen Pavillons als neuer, oberirdischer Eingang zum Museum. Dieser soll "transparent und sensibel gestaltet" werden, um in der Wahrnehmung dem Turm keine Konkurrenz zu machen.

  2. Museumsshop und Veranstaltungsraum: Im Neubau sollen auch ein Museumsshop sowie ein Raum für besondere Anlässe untergebracht werden.

  3. Aktivierung der Kellergewölbe: Bisher ungenutzte Kellerbereiche sollen für die Bildungsarbeit aktiviert werden. In den Kellergewölben, die den Zweiten Weltkrieg überstanden, wird die Geschichte der einstigen Hauptkirche erzählt, mit dem Schwerpunkt ihrer Zerstörung bei den verheerenden Luftangriffen.

  4. Haus-in-Haus-Module: Im Inneren des Museums sind vier geplante Haus-in-Haus-Module vorgesehen, die neue Ausstellungsmöglichkeiten schaffen sollen.

  5. Verbesserung des Zugangs: Der bisher schwer zu findende Zugang zum unterirdischen Museum soll deutlich verbessert werden.

  6. Funktionalisierung des Kirchenplateaus: Die funktionale und gestalterische Verbesserung des Kirchenplateaus ist ebenfalls Teil der Planung.

Integration in den urbanen Kontext

Die Neugestaltung des Mahnmals steht in Zusammenhang mit einem umfassenderen städtebaulichen Konzept. Bereits 2022 wurde ein sogenannter städtebaulich-freiraumplanerischer Wettbewerb für den angrenzenden Hopfenmarkt durchgeführt. Die Neugestaltung des Mahnmals soll sich nahtlos in diese städtebaulichen Entwicklungen einfügen und einen Beitrag zur Aufwertung des gesamten Quartiers leisten.

Ein heller Pavillon neben dem Nikolai-Turm soll als neuer Eingang ins unterirdische Museum dienen. Diese Maßnahme zielt darauf ab, den Besuchern eine klare und einladende Zugangssituation zu bieten, ohne die Würde und den Charakter des Mahnmals zu beeinträchtigen.

Künftige Nutzung als Bildungs- und Gedenkort

Mit den geplanten Maßnahmen soll die Rolle des Mahnmals als Ort der Geschichtsvermittlung und Demokratiebildung gestärkt werden. Die Neugestaltung zielt darauf ab, das Mahnmal nicht nur als passiven Erinnerungsort, sondern als aktiven Lern- und Erfahrungsort zu positionieren.

Die ungenutzten Kellerbereiche sollen zukünftig für Workshops, Seminare und Veranstaltungen zur Verfügung stehen, wodurch das Angebot des Mahnmals deutlich erweitert wird. Diese Räume bieten die Möglichkeit, historische Themen auf interaktive Weise zu vermitteln und Besucher aller Altersgruppen anzusprechen.

Die bereits bestehende Ausstellung in den Kellergewölben, die sich mit der Zerstörung der Kirche und den Luftangriffen befasst, soll durch die neuen Räumlichkeiten ergänzt und erweitert werden. Insbesondere junge Besucher sollen durch moderne Präsentationsformen angesprochen werden, um die historischen Lehren für die Gegenwart verständlich zu machen.

Sanierung des Altarbilds

Neben den baulichen Maßnahmen an der Ru selbst wird auch das künstlerische Erbe des Ortes gepflegt. So wurde das Altarbild der Hauptkirche St. Nikolai in jüngster Zeit saniert. Gefertigt wurde das Mosaik vor 50 Jahren nach einer Vorlage Oskar Kokoschkas. Die Meinungen zum Kunstwerk sind gespalten, was die Notwendigkeit einer fachgerechten Restaurierung unterstreicht, um dieses zeitgenössische Kunstwerk für zukünftige Generationen zu erhalten.

Fazit

Die Geschichte der ehemaligen Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg ist eine faszinierende Chronik von Glanzzeit, Zerstörung, Bewahrung und Neugestaltung. Vom höchsten Gebäude der Welt zum bewahrt gebliebenen Turm und schließlich zum Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft, hat der Ort eine besondere Bedeutung in der Hamburger Stadtgeschichte und im deutschen Gedenkkultur.

Die umfassende Sanierung, die 2018 abgeschlossen wurde, sicherte die Bausubstanz und machte das Mahnmal für Besucher zugänglich. Mit der aktuellen Neugestaltung, die seit 2024 durchgeführt wird, wird das Bauwerk weiterentwickelt, um seine Funktion als Ort der Geschichtsvermittlung und Demokratiebildung zu stärken. Die geplanten Maßnahmen, von einem neuen Eingangspavillon bis zur Aktivierung bisher ungenutzter Kellerbereiche, zielen darauf ab, das Mahnmal für zukünftige Generationen relevant und nutzbar zu machen.

Die Investitionen von über 19 Millionen Euro in die Sanierung und Neugestaltung unterstreichen die nationale Bedeutung des Ortes und die politische Priorität, die seine Erhaltung und Weiterentwicklung genießt. Das Beispiel St. Nikolai zeigt eindrucksvoll, wie historische Bauwerke nach Kriegszerstörung nicht nur als Ruinen erhalten bleiben, sondern zu aktiven Orten der Erinnerung und des Lernens entwickelt werden können.

Die Neugestaltung bewahrt dabei den sensiblen Umgang mit dem Gedenkcharakter des Ortes, während gleichzeitig zeitgemäße Nutzungskonzepte realisiert werden. So wird das Mahnmal St. Nikolai auch in Zukunft seine Rolle als zentraler Erinnerungsort für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft erfüllen und gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur städtebaulichen und kulturellen Aufwertung des Hamburger Stadtzentrals leisten.

Quellen

  1. plan-h-b.de: St. Nikolai Hamburg saniert
  2. Nationale Städtebauprojekte: Hamburg Neuordnung des Mahnmals St. Nikolai
  3. Mopo: Überraschend, markant: Mahnmal St. Nikolai wird umgestaltet
  4. NDR: Altarbild der Hauptkirche St. Nikolai wird saniert
  5. Wikipedia: Ehemalige Hauptkirche St. Nikolai (Hamburg)
  6. SHZ: Hamburgs offene Wunde: Wie sich die St. Nikolai-Ruine verändert

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