Restaurierung der Weltorgel: Das 500 Jahre alte Juwel in St. Johannis Lüneburg erhält eine neue Zukunft

Einleitung

Die Große Orgel der St. Johanniskirche in Lüneburg zählt zu den bedeutendsten historischen Großorgeln Europas. Ein Instrument mit reicher Geschichte, das über fast fünf Jahrhunderte hinweg die Entwicklung des Orgelbaus widerspiegelt und auf dem berühmte Komponisten wie der junge Johann Sebastian Bach ihre Finger setzten. Im September beginnt die aufwendige Restaurierung dieses kulturhistorischen Juwels, eine der bedeutendsten denkmalpflegerischen Maßnahmen in der deutschen Orgellandschaft. Mit Kosten von rund 2,2 Millionen Euro und einer geplanten Restaurierungsdauer von über zwei Jahren wird das Instrument für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein, um 2027 in neuer Pracht wiedererweckt zu werden.

Geschichte und Entwicklung der Orgel

Die Ursprünge der Hauptorgel in St. Johannis gehen auf die Zeit der Renaissance zurück. Zwischen 1551 und 1553 schuf der Brabanter Orgelbauer Hendrik Niehoff aus den Niederlanden das Kerninstrument, das schnell überregionale Bedeutung erlangte. Niehoff, einer der renommiertesten Orgelbauer seiner Zeit, schuf ein Instrument, dessen Klangfarben bis heute als besondere Kostbarkeit gelten.

Ein prägender Entwicklungsschritt folgte wenige Jahrzehnte später, nachdem der junge Johann Sebastian Bach das Instrument kennenlernte. Bach kam 1700 für zwei Jahre als Schüler ans Michaeliskloster nach Lüneburg. In St. Johannis wurde er von Georg Böhm unterrichtet, einem der damals wichtigsten Organisten im norddeutschen Raum. Bachs Aufenthalt in Lüneburg und seine Bekanntschaft mit der Orgel in St. Johannis prägten später sein kompositorisches Schaffen entscheidend.

Zwischen 1712 und 1715 führte der Orgelbauer Matthias Dropa, ein Schüler des berühmten norddeutschen Barockorgelbauers Arp Schnitger, einen massiven Umbau durch. Dieser Umbau verlieh dem Instrument nicht nur sein kunstvoll gestaltetes Äußeres mit den mächtigen Pedaltürmen, die ihm bis heute sein charakteristisches Gesicht geben, sondern passte es auch einer "zeitgemäßen" barocken Klangstruktur an. Besonders bemerkenswert ist, dass bei diesem Umbau die renaissancezeitlichen Klangfarben Niehoffs nicht getilgt, sondern bewahrt wurden. Die Pedaltürme, die dem Instrument seine markante Optik verleihen, stellten dabei zugleich eine statische Herausforderung dar, da sie die gesamte Konstruktion erheblich belasten.

Durch weitere Erweiterungen und Umbauten im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Instrument zu einem Gesamtkunstwerk, an dem der jeweilige Zeitgeist von nahezu fünf Jahrhunderten Orgelbautradition ablesbar ist. Jede Epache des Orgelbaus hinterließ ihre Spuren im Instrument, wodurch es zu einer einzigartigen Klang- und Optik-Kombination wurde.

Technische Merkmale und Spezifikationen

Die Große Orgel in St. Johannis beeindruckt nicht nur durch ihre historische Bedeutung, sondern auch durch ihre beeindruckende technische Ausstattung. Das heutige Instrument verfügt über drei Manuale und 51 Register auf 83 Pfeifenreihen. Eine Besonderheit ist das 32-Fuß-Register, dessen tiefste Pfeife fast zehn Meter lang ist und einen so tiefen Klang erzeugt, dass er beim Zuhören ein Kribbeln im Bauch verursacht.

Die Traktur des Instruments ist rein mechanisch ausgeführt, sowohl für die Tonerzeugung als auch für die Registersteuerung. Diese mechanische Bauweise, bei der die Bewegung der Tasten direkt auf die Ventile der Pfeifen übertragen wird, ermöglicht eine direkte und präzise Spielweise, die von Organisten besonders geschätzt wird.

Neben der historischen Hauptorgel befindet sich in der St. Johanniskirche seit 2010 eine zweimanualige Chororgel der Schweizer Firma Kuhn aus Männedorf mit 23 Registern. Diese Orgel wurde klanglich als Ergänzung zur Renaissance-Barock-Orgel konzipiert und folgt einer klassisch-französischen sowie romantisch-symphonischen Tradition. Sie wird vor allem für Oratorien, Chorwerke und symphonische Orgelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts eingesetzt und wird während der Restaurierung der Hauptorgel die musikalische Versorgung der Kirche übernehmen.

Der Prospekt der Chororgel wurde vom Lüneburger Architekten Carl-Peter von Mansberg gestaltet und präsentiert sich als kubusförmige moderne Ergänzung zum historischen Kirchengebäude. Die Disposition umfasst 23 Register auf zwei Manualen und Pedal mit Normalkoppeln (II/I, I/P, II/P), Suboktavkoppeln (II/I) und Superoktavkoppeln (II/P). Darüber hinaus verfügt das Instrument über eine 14× 1000-fache Setzeranlage, die dem Organisten das Speichern von Registrierungen ermöglicht.

Als drittes Orgelinstrument steht eine kleine, fahrbare Truhenorgel des Michael Braun aus dem Jahr 2013 zur Verfügung. Diese Continuo-Orgel mit den Registern Gedackt 8′ und Flöte 4′ dient der Begleitung von Ensembles und Chören und hat eine variable Stimmtonhöhe von 415, 440 oder 465 Hz.

Das Restaurierungsprojekt: Ziele, Zeitplan und Kosten

Die geplante Restaurierung der fast 500 Jahre alten Orgel stellt eine der bedeutendsten denkmalpflegerischen Maßnahmen in der deutschen Orgellandschaft dar. Das Projekt wird finanziell von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der Sparkassenstiftung Lüneburg getragen und auf rund 2,2 Millionen Euro veranschlagt.

Die Hauptziele der Restaurierungsmaßnahme sind vielfältig: Einerseits soll der Zustand aus dem Beginn des 18. Jahrhunderts, der durch spätere Umbauten verwässert wurde, wieder stärker in den Vordergrund gerückt werden. Andererseits sollen heute als unsachgemäß erachtete Veränderungen aus dem 20. Jahrhundert zurückgebaut werden. Das bedeutet, dass die Orgel in einem Zustand restauriert wird, der die Renaissance-Elemente Niehoffs mit den barocken Ergänzungen Dropas in Einklang bringt, ohne spätere, nicht historisch korrekte Modifikationen.

Die Restaurierungsarbeiten beginnen im September und sollen über zwei Jahre dauern. In dieser Zeit wird die Orgel nicht erklingen können, was für die Kirche und ihre Gemeinde eine besondere Herausforderung darstellt. Das letzte große Orgelkonzert vor Beginn der Restaurierung fand während des Orgel-Sommers statt. Für das Jahr 2027 ist die Fertigstellung und Wiedereinweihung des restaurierten Instruments geplant.

Schon vor Beginn der Arbeiten bot die Kirche im Rahmen des Tags des offenen Denkmals 2023 eine Orgelführung an, die Besuchern die Möglichkeit gab, das Instrument aus der Nähe kennenzulernen, bevor es für längere Zeit nicht mehr zugänglich sein wird.

Herausforderungen bei der Restaurierung

Die Restaurierung eines so historischen und komplexen Instruments wie der Lüneburger Orgel stellt besondere Herausforderungen an die beteiligten Experten und Handwerker. Eine der größten Herausforderungen ist die statische Sicherung der Pedaltürme, die bei ihrer Erweiterung durch Dropa im 18. Jahrhundert hinzugefügt wurden und dem Instrument zwar sein charakteristisches Aussehen verliehen, aber auch eine erhebliche statische Belastung darstellen.

Ein weiteres Problem ist die Erhaltung der originalen Renaissance-Elemente aus dem 16. Jahrhundert neben den späteren barocken Ergänzungen. Die Restauratoren müssen sensibel vorgehen, um beide Epochen des Orgelbaus zu bewahren, ohne dass eine Epoche die andere dominiert. Insbesondere die renaissancezeitlichen Klangfarben Niehoffs sollen erhalten bleiben, während die barocke Klangstruktur Dropas ebenfalls respektiert wird.

Die Rückbau unsachgemäßer Veränderungen aus dem 20. Jahrhundert erfordert ebenfalls sorgfältige Arbeit. Hier müssen moderne Materialien und Techniken entfernt werden, ohne das historische Substanz des Instruments zu beschädigen. Gleichzeitig muss die Orgel für die musikalischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts funktionsfähig bleiben.

Die Wiederherstellung der ursprünglichen Klangfarben und Mechaniken ist eine besondere Herausforderung, da viele der ursprünglichen Pfeifen und Teile über die Jahrhunderte verändert oder ersetzt wurden. Die Experten müssen historische Aufzeichnungen und vergleichbare Instrumente analysieren, um die ursprüngliche Konzeption des Instruments so authentisch wie möglich wiederherzustellen.

Musikalische Alternativen während der Restaurierung

Während der mehr als zweijährigen Restaurierungszeit der Hauptorgel wird die musikalische Gestaltung in der St. Johanniskirche eine besondere Herausforderung darstellen. Die Kirche verfügt jedoch über zwei weitere Orgeln, die die Zeit überbrücken können.

Die Chororgel der Firma Kuhn aus dem Jahr 2010 wird als Hauptinstrument während der Restaurierungszeit dienen. Diese Orgel wurde speziell als Ergänzung zur historischen Hauptorgel konzipiert und ermöglicht die Darstellung eines breiten Repertoires von klassisch-französischer bis romantisch-symphonischer Musik. Ihre Disposition und Klangfarben sind ideal für die meisten liturgischen Anlässe und Konzerte in der Kirche.

Für kleinere Ensembles und Chorwerke steht die mobile Truhenorgel von Michael Braun aus dem Jahr 2013 zur Verfügung. Dieses Continuo-Instrument mit seinen beiden Registern Gedackt 8′ und Flöte 4′ ist perfekt für die Begleitung von Vokalwerken und historischen Aufführungspraktiken.

Die Organisten der St. Johanniskirche, darunter Kirchenmusikdirektor Ulf Wellner, müssen sich nun auf diese Alternativen einstellen und ihr Repertoire entsprechend anpassen. Die Chororgel bietet zwar andere klangliche Möglichkeiten als die historische Hauptorgel, ermöglicht aber dennoch eine vielfältige und qualitativ hochwertige musikalische Gestaltung der Gottesdienste und Konzerte.

Die Bedeutung des Projekts für den Denkmalschutz

Die Restaurierung der St. Johannis-Orgel geht weit über die lokale Bedeutung hinaus und stellt einen Meilenstein im Bereich des Orgeldenkmalschutzes in Deutschland dar. Als eine der bedeutendsten denkmalpflegerischen Maßnahmen in der deutschen Orgellandschaft wird das Projekt von Fachkreisen mit großem Interesse verfolgt.

Die Niedersächsische Sparkassenstiftung und die Sparkassenstiftung Lüneburg als Hauptförderer leisten mit ihrer finanziellen Unterstützung einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des kulturellen Erbes. Die Höhe der Förderung von rund 2,2 Millionen Euro unterstreicht die herausragende Bedeutung des Projekts.

Besonders bemerkenswert ist der Ansatz der Restaurierung, der nicht nur auf die Wiederherstellung eines bestimmten historischen Zustands abzielt, sondern vielmehr die Entwicklungsgeschichte des Instruments über mehrere Jahrhunderte respektiert. Die Renaissance-Elemente werden ebenso bewahrt wie die barocken Ergänzungen, während spätere, unsachgemäße Veränderungen rückgängig gemacht werden. Dieser differenzierte Ansatz der Denkmalpflege, der die Entwicklungsgeschichte eines Werks berücksichtigt, gilt heute als vorbildlich.

Darüber hinaus dient das Projekt als Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Kirche, Denkmalschutzbehörden, Fachexperten und Förderern. Nur durch diese Kooperation kann ein so komplexes und kostspieliges Projekt realisiert werden.

Für die Stadt Lüneburg ist die Restaurierung der Orgel ein wichtiger Beitrag zur Stärkung des kulturellen Angebots und zur touristischen Attraktivität. Die Orgel als Teil des kulturellen Erbes der Stadt zieht nicht nur Gläubige und Musikinteressierte an, sondern auch Fachleute aus dem In- und Ausland, die das Instrument studieren und erleben möchten.

Fazit

Die Große Orgel der St. Johanniskirche in Lüneburg ist ein einzigartiges Zeugnis der europäischen Orgelbaukunst über fast fünf Jahrhunderte. Von ihren Anfängen in der Renaissance durch Hendrik Niehoff über die barocke Erweiterung durch Matthias Dropa bis hin zu den aktuellen Restaurierungsplänen spiegelt das Instrument die gesamte Entwicklung des Orgelbaus wider. Die Tatsache, dass der junge Johann Sebastian Bach auf diesem Instrument spielte, verleiht ihm zusätzliche historische und kulturelle Bedeutung.

Die geplante Restaurierung, die im September beginnt und voraussichtlich 2027 abgeschlossen sein wird, ist eine der bedeutendsten Maßnahmen im deutschen Orgeldenkmalschutz. Mit Kosten von rund 2,2 Millionen Euro wird das Instrument in einen Zustand versetzt, der sowohl die Renaissance-Elemente als auch die barocken Ergänzungen authentisch bewahrt, während spätere, unsachgemäße Veränderungen rückgängig gemacht werden.

Während der mehr als zweijährigen Restaurierungszeit werden die Chororgel von 2010 und die mobile Truhenorgel die musikalische Versorgung der Kirche sicherstellen. Für die Stadt Lüneburg und die Kirchengemeinde stellt das Projekt eine große Herausforderung, aber auch eine Chance dar, das kulturelle Erbe zu bewahren und für zukünftige Generationen zugänglich zu machen.

Die Restaurierung der St. Johannis-Orgel ist somit mehr als nur eine technische Sanierung – sie ist die Bewahrung eines bedeutenden Teiles der europäischen Musikgeschichte und ein Zeichen für den Wert, den unsere Gesellschaft ihrem kulturellen Erbe einräumt.

Quellen

  1. NSKS - Große Orgel in der St. Johanniskirche zu Lüneburg
  2. Evangelisch.de - Orgel der St. Johanniskirche Lüneburg rettet seine weltberühmte Orgel
  3. NDR - Lüneburger Orgel wird für mehr als zwei Millionen Euro restauriert
  4. Landeszeitung - St. Johannis Lüneburg: Großes Konzert vor dem Ausbau und Restaurierung der Orgel
  5. Wikipedia - Orgeln von St. Johannis (Lüneburg)

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