Die Sanierung des österreichischen Parlamentsgebäudes: Historische Bewahrung und moderne Technik im Einklang

Einleitung

Das österreichische Parlamentsgebäude am Dr.-Karl-Renner-Ring im ersten Wiener Bezirk stellt einen bedeutenden historischen und politischen Ort dar. Nach rund 130 Jahren im Dauerbetrieb wurde das Gebäude zwischen 2017 und 2022 umfassend saniert. Diese Generalrenovierung zielte darauf ab, das historische Original zu erhalten und gleichzeitig moderne technische Anforderungen zu erfüllen. Das Projekt mit einem Gesamtkostenrahmen von 517,5 Millionen Euro (Stand April 2024) stellt eine der größten Sanierungsmaßnahmen in der jüngeren österreichischen Baugeschichte dar. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte der Sanierung, die Herausforderungen bei der Umsetzung sowie die Veränderungen im Gebäude nach Abschluss der Arbeiten.

Geschichte und Bauwerk

Das Parlamentsgebäude wurde im Jahr 1883 eröffnet und ist ein Werk des Architekten Theophil Hansen. Es repräsentiert den Baustil des Historismus bzw. der neoklassizistischen Architektur und steht als bedeutendes Kulturdenkmal unter Denkmalschutz. Die beeindruckenden Abmessungen des Gebäudes umfassen eine Grundstücksfläche von 20.142 m², was in etwa der Fläche von drei Fußballfeldern entspricht. Die Gebäudegrundfläche beträgt 13.687 m², bei einer Länge von 151,68 m (inkl. Rampe) und einer Breite von 132,72 m. Die maximale Höhe des Gebäudes erreicht 33 m.

Das Gebäude beherbergt den Nationalrat mit 183 Abgeordneten und den Bundesrat als zweite parlamentarische Kammer. Im vorderen Bereich des Nationalratssitzungssaals befindet sich die Regierungsbank mit dem Bundeskanzler, den Ministerinnen und Ministern sowie den Staatssekretärinnen und Staatssekretären. Ebenso finden im historischen Bundesversammlungssaal wichtige Veranstaltungen wie Fest- und Gedenksitzungen sowie die Angelobung des Bundespräsidenten statt.

Eine besondere Bedeutung kommt der Parlamentsbibliothek zu, die die größte politische Fachbibliothek Österreichs darstellt. Das Gebäude selbst ist auch durch seine symbolträchtige Ausstattung bekannt, wie die Göttin der Weisheit Pallas Athene, deren Statue am berühmten Brunnen vor dem Haupteingang an der Wiener Ringstraße steht und den Volksvertretern als Leitbild für ihre Entscheidungen dienen soll.

Das Renovierungsprojekt

Planungsphase und Beschlussfassung

Die umfassende Sanierung des Parlamentsgebäudes wurde im Jänner 2014 von der Präsidialkonferenz des Nationalrates einstimmig beschlossen. Die Planung wurde dem Generalplanerteam Jabornegg & Pálffy und Axis übertragen. Die Vorbereitungsphase dauerte rund drei Jahre, bevor das Parlament im Jahr 2017 in die Ersatzquartiere bei der Hofburg umziehen konnte.

Auslagerung und Bauarbeiten

Während der Hauptphase der Sanierung von 2017 bis 2022 tagten sowohl der Nationalrat als auch der Bundesrat in der Wiener Hofburg. In dieser Zeit fanden zwei Nationalratswahlen (2017 und 2019) statt, bei denen die konstituierenden Sitzungen der Abgeordneten im umbaubedingten Ausweichquartier stattfinden mussten. Die Bauarbeiten umfassten eine umfassende Sanierung, einen Umbau und eine Modernisierung des gesamten Gebäudes vom Keller bis zum Dach.

Rückübersiedlung und Wiedereröffnung

Im Jahr 2022 endeten die Umbauarbeiten, und die Rückübersiedlung aus dem Ausweichquartier begann. Die offizielle Wiedereröffnung des "neuen" Hohen Hauses fand am 12. Jänner 2023 mit einem Festakt statt. Am 14. und 15. Jänner folgten zwei Tage der offenen Türen. Am 26. Jänner 2023 wurde im erneuerten Bundesversammlungssaal die Angelobung des wiedergewählten Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen durchgeführt. Erst Anfang 2023 kehrte das politische Leben wieder vollständig in das historische Parlamentsgebäude zurück.

Technische Aspekte und Modernisierung

Neue Technologien und Anpassungen

Das renovierte Parlamentsgebäude wurde mit Rücksicht auf das historische Original wiederaufgebaut und gleichzeitig den modernen technischen Anforderungen angepasst. Eine der sichtbarsten Neuerungen ist die neue Glaskuppel über dem Nationalratssitzungssaal. Die Glaspaneele dieser Kuppel sind elektrochrom, ihre Lichtdurchlässigkeit kann also gesteuert werden. Bei der Akustik in diesem Bereich musste jedoch noch nachgebessert werden.

Ein wesentliches technisches Merkmal des Gebäudes ist das Notstromaggregat, das sicherstellt, dass National- und Bundesrat auch in Krisens tagen können. Die Barrierefreiheit und der Brandschutz wurden im Zuge der nachhaltigen Sanierung gesetzeskonform umgesetzt.

Energieeffizienz

Die energetische Sanierung führte zu einer signifikanten Reduktion des Heizenergiebedarfs um 61 Prozent pro Quadratmeter und Jahr. Interessanterweise ist der Endenergiebedarf für das Gebäude nahezu identisch zum Zustand vor der Sanierung. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich durch die Zunahme der genutzten Fläche von ursprünglich 36.802 m² auf nun 42.993 m² nach der Sanierung.

Materialänderungen

Bei der Sanierung wurden auch Materialänderungen vorgenommen. Das ursprüngliche grüne Kupferdach wurde durch ein Aluminiumdach ersetzt. Zusätzlich wurden begrünte Flächen und vier Terrassen an den Ecken des Daches geschaffen. Diese Maßnahmen dienen nicht nur der Ästhetik, sondern auch der Verbesserung der energetischen Bilanz des Gebäudes.

Kostenanalyse

Gesamtkosten und Budgetentwicklung

Das Gesamtprojekt der Parlamentsrenovierung kostete voraussichtlich 517,5 Millionen Euro, wie der Rechnungshof in seiner Prüfung feststellte (Datenstand April 2024). Damit überstiegen die tatsächlichen Kosten die ursprüngliche Schätzung aus November 2015 um 19 Prozent, was einer Mehrbelastung von rund 83,1 Millionen Euro entspricht. Zusätzlich entstanden weitere Kosten von 18 Millionen Euro für Projekte und Maßnahmen rund um die Gebäudesanierung sowie 3,1 Millionen Euro für die Vorbereitung des Projekts.

Kostensteigerungsursachen

Der Rechnungshof identifizierte mehrere Gründe für die Kostenüberschreitungen. Eine wesentliche Ursache war die fehlende umfassende Schad- und Störstofferkennung in der Planungsphase. Auch die Vergabeverfahren gestalteten sich problematisch, da zunächst Angebote der Bieter die Kostenobergrenze deutlich überschritten, was zur Widerrufung der Ausschreibungen führte. Die Fassadensanierung wurde zudem nachträglich beauftragt, was zusätzliche Kosten und Verzögerungen mit sich brachte.

Mietkostensteigerungen

Ein weiterer Kostenfaktor ist die Zunahme der vermieteten Flächen um 19.448 m², was zu zusätzlichen jährlichen Mietkosten von 3,34 Millionen Euro führte. Gleichzeitig steht jedoch rund 100 m² weniger Bürofläche zur Verfügung als vor der Sanierung.

Veränderungen der Gebäudenutzung

Besucherzentrum und Öffentlichkeitsarbeit

Ein Highlight der Sanierung ist das neu geschaffene Besucherzentrum "Demokratikum – Erlebnis Parlament". Dieses entstand aus einem leer stehenden Ziegelgewölbe direkt unter der Säulenhalle und gilt als Höhepunkt für Besucher bei den Parlamentsbesichtigungen. Die Besucherzahlen werden sich nach der Sanierung voraussichtlich vervünffachen: Vor der Sanierung zählte das Parlament jährlich im Durchschnitt 100.000 Besucher, für das Jahr 2023 werden jedoch 500.000 Besucher erwartet.

Neue Räumlichkeiten und Infrastruktur

Im Dachbereich wurden Multifunktionsräume geschaffen, die als zusätzliche Arbeits- und Veranstaltungsräume dienen. An den Ecken des Daches wurden vier Terrassen angelegt, die neue Aufenthaltsmöglichkeiten bieten. Die Gastronomiefläche wurde auf 800 m² erweitert und befindet sich vor allem im neu ausgebauten Dachgeschoss, wo sowohl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als auch Gäste bewirtet werden.

Der Haupteingang befindet sich nach wie vor hinter dem Pallas-Athene-Brunnen mit der berühmten gleichnamigen Statue an der Wiener Ringstraße. Im Jahr 2005 war bereits ein neuer Zentraleingang mit Besucherzentrum eröffnet worden, der neben einer Informationstheke auch ein kleines Café sowie einen Souvenir- und Buchshop umfasste. Von diesem Eingang starten die Parlamentsführungen, und es wurde auch ein eigenes ORF-TV-Studio neu gebaut.

Herausforderungen und Verzögerungen

Zeitliche Verzögerungen

Die Sanierung des Parlamentsgebäudes nahm deutlich mehr Zeit in Anspruch als ursprünglich geplant. Der Rechnungshof berichtet, dass das Projekt bereits vor der COVID-19-Pandemie um 16,6 Monate verzögert war. Die Pandemie selbst verursachte weitere rund sieben Monate Verzögerung. Insgesamt benötigte die Fertigstellung 26,5 Monate länger als in einem Vorentwurf geplant war.

Organisatorische Herausforderungen

Die Organisation des Großprojekte erwies sich als komplex. Die Parlamentsdirektion und die Bundesimmobiliengesellschaft m.b.H. mussten während der Bauzeit die parlamentarischen Abläufe in den Ausweichquartieren gewährleisten, was zusätzliche Anforderungen an das Projektmanagement stellte. Der Rechnungshof prüfte von Oktober 2022 bis April 2023 die Abwicklung des Projekts mit den Schwerpunkten Organisation, Termin-, Kosten- und Budgetentwicklung, Vergaben und Nachhaltigkeit.

Fazit

Die Sanierung des österreichischen Parlamentsgebäudes stellt eine bemerkenswerte Balance zwischen historischer Bewahrung und notwendiger Modernisierung dar. Das Projekt zeigt die Herausforderungen von Großsanierungen denkmalgeschützter Bauten auf, insbesondere was die Kostenkontrolle, Termintreue und die Einhaltung moderner technischer Standards betrifft.

Die positiven Aspekte der Sanierung liegen in der deutlichen Verbesserung der Energieeffizienz beim Heizen, der Schaffung barrierefreier Zugänge, der Erweiterung der Flächen für die Öffentlichkeit sowie der Modernisierung der technischen Infrastruktur. Die neuen Räumlichkeiten wie das Besucherzentrum "Demokratikum", die Multifunktionsräume im Dachbereich und die Terrassen verbessern nicht nur die Funktionalität des Gebäudes, sondern auch dessen Attraktivität für Bürgerinnen und Bürger.

Die Kritikpunkte betreffen vor allem die Kostenüberschreitungen und die erheblichen Verzögerungen bei der Fertigstellung. Diese verdeutlichen die Notwendigkeit besserer Planungsprozesse und umfassenderer Voruntersuchungen bei derartigen Großprojekten.

Das renovierte Parlamentsgebäude stellt nun eine gelungene Symbiose aus historischer Architektur und moderner Technik dar und wird als Arbeitsplatz für altbekannte und neue politische Gesichter der 28. Gesetzgebungsperiode dienen. Die Erwartungen, dass die Zahl der jährlichen Besucher von 100.000 auf 500.000 ansteigt, zeigen den Erfolg der Bemühungen, das Parlament der Öffentlichkeit zugänglicher und attraktiver zu machen.

Quellen

  1. Kleine Zeitung - Parlament
  2. Rechnungshof - Sanierung des Parlamentsgebäudes
  3. ORF Wien - Parlamentssanierung

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