Einleitung
Das Pellerhaus am Egidienplatz in Nürnberg stellt ein einzigartiges Beispiel für die komplexen Herausforderungen dar, die sich bei der Sanierung von Kriegsruinen mit gemischter historischer und nachkriegszeitlicher Bausubstanz ergeben. Das Bauwerk, das ursprünglich als eines der prächtigsten Nürnberger Bürgerhäuser der Renaissance errichtet wurde, durchlebte eine wechselvolle Geschichte, die seine Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, den problematischen Wiederaufbau in den 1950er Jahren und jüngst die kontrovers diskutierte Rekonstruktion seines Renaissance-Innenhofs umfasst. Aktuell steht das Gebäude vor einer umfassenden Generalsanierung, die unterschiedliche architektonische Epochen verbinden und gleichzeitig eine innovative Nutzung als kulturelles Zentrum ermöglichen soll.
Historische Bedeutung und Zerstörung
Das Pellerhaus wurde zwischen 1602 und 1605 im Auftrag von Martin Peller als prächtigstes Nürnberg Bürgerhaus errichtet. Der Baumeister Jakob Wolff der Ältere schuf ein Renaissance-Bauwerk mit reicher Giebelfassade und einem beeindruckenden Innenhof. Das Ensemble bestand aus dem Vorderhaus, einem Hof mit zwei Galerien, einer Hinterhausfassade sowie Arkaden, die Vorderhaus und Rückgebäude verbanden. Diese einzigartige Kombination aus repräsentativer Wohn- und Geschäftsnutzung machte das Pellerhaus zu einem bedeutenden Beispiel der europäischen Baukultur.
Im Zweiten Weltkrieg wurde Nürnberg, ehemalige Reichsstadt, besonders hart unter den zahlreichen kriegszerstörten deutschen Altstadtensembles getroffen. Zu den schmerzlichsten Verlusten zählte das kunsthistorisch bedeutende Pellerhaus am Egidienplatz. Am 3. Oktober 1944 wurde der des Pellerhauses durch einen Bombenangriff schwer beschädigt, am 2. Januar 1945 brannte das Haus aus und stürzte am nächsten Tag vollständig ein. Damit ging eines der architektonischen Juwelen Nürnbergs verloren, das über drei Jahrhunderte die Stadtgeschichte geprägt hatte.
Nachkriegsrekonstruktion und Kontroversen
In der unmittelbaren Nachkriegszeit wurde das Pellerhaus als eines der ersten Projekte in Nürnberg wiederaufgebaut. Auf dem rekonstruierten Erdgeschoss des Vorderhauses entstand ein Neubau der Architekten Fritz und Walter Mayer. Bei diesem Wiederaufbau wurden manche zerstörte Elemente in alter Form rekonstruiert, leider aber auch vieles Erhaltene abgebrochen. Diese Entscheidung sollte später für kontroverse Debatten sorgen.
Die nach dem Krieg noch existente Bausubstanz wurde in den Neubau von 1957 integriert. Um diese integrierten Reste zu bewahren, stellten Denkmalpfleger den Nachkriegsbau später unter Denkmalschutz. Und gerade diese Maßnahme scheint nun zum Stolperstein zu werden, wenn es um die beabsichtigte Rekonstruktion des Pellerhauses geht.
Die kontrovers geführte Debatte um den Wiederaufbau erreichte 2005 einen Höhepunkt, als der Steinmetz Harald Pollmann dem Oberbürgermeister Maly zum 400-jährigen Jubiläum des Pellerhauses ein Maßwerk des Hofes schenkte. Dieses Geschenk löste eine intensive Diskussion aus, die in den einstimmigen Stadtratsbeschluss von 2006 mündete. Danach wurde den Altstadtfreunden die Rekonstruktion des Hofes gestattet, wenn sie das ambitionierte Vorhaben ausschließlich durch Spenden und ohne Beteiligung der Kommune schaffen würden.
Rekonstruktion des Renaissance-Innenhofs
Die Rekonstruktion des Renaissance-Innenhofs wurde zu einem der größten bürgerschaftlichen Projekte in der neueren Nürnberger Geschichte. Tausende Spenderinnen und Spender trugen dazu bei, dass dieses Meisterwerk der europäischen Baukultur aus den Ruinen emporgewachsen ist. Allen voran stand die Familie Diehl mit einer großzügigen Spende von 1,5 Millionen Euro. Auf der Stiftertafel stehen 340 Namen, wobei nur Beträge von 5.000 Euro und mehr verzeichnet sind. Insgesamt flossen über 5 Millionen Euro in den Wiederaufbau des prächtigsten Nürnberger Bürgerhofs – ein beispielloses Projekt bürgerschaftlichen Engagements!
Die aufwändigen Sandsteinarbeiten wurden 2018 abgeschlossen. Seitdem ist der Hof ein Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen und gilt als einer der schönsten Open Air-Veranstaltungsorte in Nürnberg. Im westlichen Seitentrakt sind die Räume in der alten Form zurückgekehrt, die jedoch noch ausgebaut werden müssen.
Aktuelle Sanierungspläne
Im Mai 2019 hat Nürnbergs Stadtrat parallel zum inhaltlich-konzeptionellen Prozess das Büro Rechenauer Bloß Architekten (München/Nürnberg) mit der Entwurfsplanung für die Sanierung des Pellerhauses als Grundlage für die Kostenermittlung beauftragt. Mit diesen gründlichen Voruntersuchungen liegen nun wichtige Voraussetzungen für eine werkgerechte, zugleich aber auch am künftigen Nutzungskonzept orientierte Generalsanierung des Nachkriegsbauwerkes von Fritz und Walter Mayer vor.
Die Sanierungspläne sehen vor, dass die Architektur der 1950er Jahre, originale Renaissance-Bausubstanz sowie Rekonstruktionsarchitektur in das künftige Nutzungskonzept integriert werden. Ein alle sechs Stockwerke des Gebäudes erschließender Anbau mit Fluchttreppenhaus und Fahrstuhl wird die Nutzung aller Bereiche des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes ermöglichen.
Mit dem Umbau des Pellerhauses soll der lebendigen, sich ständig verändernden Struktur der Stadt Rechnung getragen, zugleich aber der gesamten, an dem Gebäude und dem davorliegenden Platz ablesbaren Stadtgeschichte eine besondere Verantwortung entgegengebracht werden.
Zukunftsvision: Das Haus des Spiels
Die zukünftige Nutzung des Pellerhauses wird eine einzigartige Kombination aus Bewahrung und Innovation darstellen. Bis 2025 soll mit der Generalsanierung des einstigen Bibliotheks- und Archivgebäudes ein Ort entstehen, der die neue Nutzung im Spannungsfeld zwischen maximaler Tradition und maximaler Innovation befördert, indem er ganzheitlich, ob im digitalen oder analogen Spiel, Menschen zusammenbringt.
Die berufliche Auseinandersetzung mit Brettspielen, Computerspielen und weiteren Spielformen sowie das gemeinsame Arbeiten, Forschen und Lernen findet in engem Austausch zwischen dem zukünftigen Projektteam und der im Haus arbeitenden Spiel- und Kreativwirtschaft statt. In den darüberliegenden Archiv- und Depotgeschossen für Spielzeugmuseum und das Deutsche Spielearchiv wird das Kulturgut Spiel gesammelt und bewahrt.
Über den Dächern der Stadt, im sechsten Obergeschoss des Pellerhauses, entsteht ein hochwertiger Eventraum für bis zu 200 Personen. Mit einer multifunktionalen Einrichtung und angrenzenden Andienungsflächen im fünften Obergeschoss ist er für Tagungen, Feiern und Netzwerktreffen, aber auch Spielveranstaltungen von Brettspielturnier bis VR-Installation bestens geeignet.
Ein solch groß gedachtes und bislang einmaliges "Projekt Haus des Spielens" trägt wesentlich dazu bei, den Markenkern Nürnbergs als Stadt des Spiels zukunftsorientiert weiterzuentwickeln, ihn im Stadtraum niederschwellig sichtbar und erlebbar zu machen und ihn nachhaltig in der Stadtgesellschaft zu verankern.
Die Initiative ProPellerhaus
Die seit Jahren fortwährende Kritik am heutigen Mayer'schen Pellerhaus und die lautstarke Forderung in Teilen der Öffentlichkeit, das vermeintlich "schönere" alte Pellerhaus detailgetreu zu rekonstruieren, hat zur Gründung der Initiative ProPellerhaus geführt. Die Initiative wurde am 25.02.2019 gegründet und versteht ihr Engagement als einen notwendigen Beitrag zur Baukultur in Nürnberg.
Ihr gehören an: Mitglieder von Architekten- und Ingenieur-Verbänden, Bauinitiativen, Vereinen, der Fachbereich Architektur der TH Nürnberg sowie Denkmalschützer und viele interessierte Bürger. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, die Wertschätzung für den Wiederaufbau in Nürnberg zu fördern.
Die Forderungen nach Abbruch des Mayer'schen Pellerhauses und Rekonstruktion des Vorgängergebäudes zeigen, wie gering in Nürnberg die Wertschätzung guter Architektur aus den 50er und 60er Jahren ist. Zu wenig Beachtung finden außerdem die herausragenden stadtplanerischen Leistungen dieser Zeit. Vergessen sind die inhaltlichen Diskussionen auf politischer Ebene.
Fazit
Die Sanierung des Pellerhauses in Nürnberg ist mehr als ein reines Bauprojekt – sie spiegelt die komplexe Auseinandersetzung mit Stadtgeschichte, Denkmalschutz und zeitgenössischer Architektur wider. Das Projekt stellt einen Balanceakt zwischen der Bewahrung originaler Renaissance-Substanz, dem Erhalten der nachkriegszeitlichen Architektur und der Integration neuer Funktionen dar.
Die Rekonstruktion des Renaissance-Innenhofs durch bürgerschaftliches Engagement hat bereits gezeigt, dass Nürnberg in der Lage ist, bedeutende kulturhistorische Projekte zu realisieren. Die aktuelle Generalsanierung, die bis 2025 abgeschlossen sein soll, wird diese Tradition fortsetzen, indem sie ein kulturelles Zentrum schafft, das sowohl die historische Bedeutung des Ortes würdigt als auch innovative Nutzungskonzepte ermöglicht.
Das zukünftige "Haus des Spiels" mit seiner Kombination aus Museum, Archiv und Veranstaltungsflächen hat das Potenzial, zu einem neuen Wahrzeichen Nürnbergs zu werden, das die Tradition der Stadt als Spielzeugstadt aufgreift und gleichzeitig eine Plattform für gesellschaftlichen Austausch und kreative Begegnung bietet. Gleichzeitig leistet die Initiative ProPellerhaus einen wichtigen Beitrag zur Wertschätzung der Baukultur der Nachkriegszeit und zeigt auf, dass auch jüngere Architekturdenkmäler einen unschätzbaren Wert für die Stadtentwicklung besitzen.