Einleitung
Das Pergamonmuseum auf der Berliner Museumsinsel steht derzeit im Mittelpunkt einer der anspruchsvollsten Sanierungsprojekte im Bereich der Denkmalpflege und Museumstechnik. Herzstück des Museums, der Pergamon-Altar aus dem 2. Jahrhundert vor Christus, wird nach jahrzehntelanger Arbeit im Frühjahr 2027 wieder für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Die Sanierung des gesamten Museumskomplexes stellt eine besondere Herausforderung dar, da es sich nicht um ein normales Gebäude handelt, sondern um ein Museum, in dem die ausgestellten Kunstwerke selbst tragende Strukturen des Bauwerks sind. Dieser Artikel beleuchtet die technischen Aspekte der Sanierung, die besonderen Herausforderungen bei der Restaurierung historischer Architekturteile und die innovativen Lösungen, die bei diesem Projekt entwickelt wurden.
Der Sanierungsbedarf: Ein Gebäude in prekarem Zustand
Das Pergamonmuseum, das 1999 von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestuft wurde, befindet sich laut Stiftung Preußischer Kulturbesitz in einem "sehr schlechten Bauzustand, der Auswirkungen auf die Standsicherheit des Gebäudes und auf die Sicherheit der Exponate hat". Die starke Durchfeuchtung des Bauwerks verstärke den akuten Sanierungsbedarf, wobei viele Schäden bereits im Krieg entstanden sind. Die Instandsetzungen in den Folgejahren seien "völlig unzureichend" gewesen, und die technischen Anlagen des Gebäudes seien ebenfalls veraltet.
Die Komplexität des Sanierungsprojekts wird durch die Tatsache erhöht, dass die Hauptattraktionen des Museums – wie der Pergamon-Altar, die Prozessionsstraße von Babylon und das Ischtar-Tor – in das Gebäude integrierte Großarchitekturen sind. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, beschrieb die Herausforderage: "Die Hauptausstellungsstücke, die Hauptattraktionen, sind eingebaute Großarchitekturen. Wenn man die herausbaut, sind sie zerstört. Da muss man unheimlich vorsichtig sein."
Während der Sanierungsarbeiten wird der unverrückbare, weil tonnenschwere Teil der Kunstwerke mit Sensoren ausgestattet und vor Erschütterungen und Feuchtigkeit geschützt. Diese Schutzmaßnahmen sind entscheidend, um die Integrität der antiken Bauwerke während der umfangreichen Bauarbeiten zu gewährleisten.
Zeitplan der Sanierung: Von der Teilöffnung 2027 zur Vollendung 2037
Der Zeitplan für die Sanierung des Pergamonmuseums umfasst mehrere Phasen. Die ursprüngliche Annahme, dass die Arbeiten bis 2037 andauern würden, wurde durch aktualisierte Informationen korrigiert. Im Frühjahr 2027 sollen weite Teile des Museums wiedereröffnet werden, darunter der Altarsaal mit dem berühmten Pergamon-Altar, der Saal der Hellenistischen Architektur sowie der Nordflügel des Museums für Islamische Kunst.
Die vollständige Neueröffnung des gesamten Museums ist für das Jahr 2037 geplant. Dieser Zeitplan spiegelt die Komplexität und den Umfang der Sanierungsarbeiten wider, die nicht nur die Restaurierung der ausgestellten Objekte, sondern auch die grundlegende Instandsetzung des gesamten Gebäudekomplexes umfassen.
Die Entscheidung, das Museum während der Sanierungsarbeiten komplett zu schließen, wurde getroffen, um Zeit und Geld zu sparen. Ursprünglich war geplant, während der Arbeiten Teile des Museums zugänglich zu lassen, doch diese Pläne wurden geändert. Die Verantwortlichen argumentieren, dass bei einem so hochkomplexen Projekt wie der Sanierung des Pergamonmuseums eine Komplettschließung die effizientere Lösung darstellt.
Restaurierung des Pergamon-Altars: Technische Herausforderungen und Lösungen
Die Restaurierung des Pergamon-Altars stellt eine der größten Herausforderungen des Sanierungsprojekts dar. Der Altar, der aus dem 2. Jahrhundert vor Christus stammt und zur Residenz der Könige von Pergamon in der Westtürkei gehörte, ist ein Meisterwerk hellenistischer Baukunst. Die Restaurierungsarbeiten im Altarsaal wurden bereits größtenteils abgeschlossen und umfassten eine gründliche Reinigung der weltberühmten Friese sowie die Entfernung mehrerer Schichten Farbe von rekonstruierten Architekturteilen.
Ein wesentlicher Aspekt der Restaurierung ist die Einführung eines neuen Beleuchtungssystems. Bislang konnte es an trüben Wintertagen recht düster im Altarsaal sein. Zukünftig wird der historische Tageslichtsaal erstmals durch Kunstlicht unterstützt. Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung, erklärt: "So strahlt der Altar künftig gleichmäßig in hellem, gewissermaßen griechischen Licht. Dadurch werden die Konturen der Figurenfriese deutlich erkennbar sein."
Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Installation einer Klimaanlage in allen Räumen des Museums. Diese Maßnahme ist entscheidend, um die empfindlichen antiken Exponate vor den Auswirkungen von Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen zu schützen. Die Klimatisierung stellt besondere technische Anforderungen, da sie einerseits die optimale Aufbewahrungsbedingungen für die Kunstwerke gewährleisten muss, andererseits aber auch die Besucherkomfort berücksichtigen soll.
Um den Pergamon-Altar bereits 2027 besuchen zu können, während die Arbeiten in anderen Flügeln des Museums noch andauern, muss ein neuer Zugang geschaffen werden. Dieser wird die Besucher von der Spreeseite her durch die Kolonnaden an der Alten Nationalgalerie vorbei und unter dem Pergamon-Altar hindurch in den Mittelflügel führen.
Erweiterung des Museums: Der vierte Flügel und neue Verbindungsbauten
Ein wesentlicher Bestandteil des Sanierungsprojekts ist die Erweiterung des Museums um einen vierten Flügel. Dieser soll einen durchgehenden Rundgang durch die antiken Architekturobjekte ermöglichen und die Ausstellungsfläche erheblich vergrößern. Der Nordflügel mit dem Museum für Islamische Kunst wird nach der Sanierung auf doppelter Fläche so großzügig sein wie nie zuvor.
Zusätzlich zu den Erweiterungsarbeiten entstehen neue Verbindungsbauten zum Bode-Museum, zum Neuen Museum und zur James-Simon-Galerie. Diese Neubauten werden nicht nur die Zugänglichkeit der verschiedenen Museen auf der Museumsinsel verbessern, sondern auch neue museumspädagogische Möglichkeiten eröffnen.
Die Außenanlagen werden ebenfalls neugestaltet, und der Pergamonsteg über den Kupfergraben soll als Neubau mit Treppenanlage und barrierefreien Aufzügen errichtet werden. Diese Maßnahmen werden die Besucherführung auf der Museumsinsel erheblich verbessern und den Zugang zu den verschiedenen Museen erleichtern.
Umweltfreundliche Sanierung: Energieeffizienz und Nachhaltigkeit
Ein besonderes Augenmerk des Sanierungsprojekts liegt auf der Verbesserung der Umweltbilanz des Museums. Laut Angaben der Projektverantwortlichen werden Photovoltaik-Module auf dem Glasdach des Südflügels und dem Dach des neuen Flügels installiert. Diese Maßnahme wird dazu beitragen, den Energiebedarf des Museums zu senken und erneuerbare Energien zu nutzen.
Die Sanierung erfüllt die Energieeffizienzvorgaben des Bundes, wobei für Bestandsgebäude der Standard EGB 55 und für den Neubau der Wert EGB 40 erreicht wird. Diese Standards legen hohe Anforderungen an die Energieeffizienz von Gebäuden fest und gehen über die gesetzlichen Mindestanforderungen deutlich hinaus.
Die Umsetzung dieser Umweltstandards bei einem historischen Gebäude wie dem Pergamonmuseum stellt eine besondere Herausforderung dar, da die energiesparenden Maßnahmen mit den Anforderungen an den Denkmalschutz in Einklang gebracht werden müssen. Die Projektverantwortlichen haben jedoch innovative Lösungen entwickelt, die sowohl die historische Substanz des Gebäudes als auch die modernen Anforderungen an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz berücksichtigen.
Restaurierung weiterer bedeutender Exponate
Neben dem Pergamon-Altar werden auch andere bedeutende Exponate des Museums restauriert. So wurde beispielsweise die Statue der Athena bereits fertiggestellt und ist damit bereit für die Teilwiedereröffnung 2027. Mehrere Skulpturen aus der Antikensammlung werden derzeit verpackt, um auf die Museumsinsel zurückzukehren.
Ein weiteres wichtiges Objekt ist die frühislamische Mschatta-Fassade, die dem Pergamonmuseum nach der Sanierung Besucherinnen und Besucher bringen soll. Die über fünf Meter hohe Fassade, die ursprünglich zum sogenannten Mschatta-Palast im heutigen Jordanien gehörte, wird derzeit Stück für Stück restauriert und wiederaufgebaut. Die Fläche vor dem Pergamon-Altar wird derzeit als Zwischenlager für die Fassadenelemente der Mschatta-Fassade genutzt.
Die Restaurierung dieser Objekte erfordert höchste Fachkompetenz und sorgfältige Handhabung, da es sich um fragile historische Artefakte handelt, die oft aus sensiblen Materialien bestehen und besondere Aufbewahrungsbedingungen erfordern.
Technische Innovationen im Museumsbau
Die Sanierung des Pergamonmuseums geht über die einfache Instandsetzung hinaus und umfasst zahlreiche technische Innovationen, die den Standard für zukünftige Museumsprojekte setzen könnten. Ein wesentlicher Aspekt ist die Entwicklung neuer Technologien zur Überwachung und Schutz der ausgestellten Objekte während der Bauarbeiten.
Der unverrückbare, weil tonnenschwere Teil der Kunstwerke wird mit Sensoren ausgestattet und vor Erschütterungen und Feuchtigkeit geschützt. Diese Überwachungssysteme ermöglichen es, die Auswirkungen der Bauarbeiten auf die empfindlichen Exponate in Echtzeit zu beobachten und bei Bedarf sofort gegenzusteuern.
Ein weiterer Innovationsschub betrifft die Klimatisierung und Beleuchtungssysteme des Museums. Die neuen Systeme sind nicht nur energieeffizienter, sondern ermöglichen auch eine präzisere Steuerung der Klimaparameter und der Lichtverhältnisse in den Ausstellungsräumen. Dies ist besonders wichtig bei einem Museum wie dem Pergamonmuseum, das große, empfindliche Architekturteile ausstellt, die auf konstante Klimabedingungen angewiesen sind.
Die neuen Verbindungsbauten und der vierte Flügel werden nach modernsten Standards errichtet und dabei die besonderen Anforderungen an die Ausstellung von Großobjekten berücksichtigen. Die Planung dieser Bereiche hat bereits im Jahr 2000 mit einem Architekturwettbewerb begonnen, der sicherstellen sollte, dass die Erweiterungen harmonisch in das bestehende Ensemble der Museumsinsel integriert werden.
Fazit
Die Sanierung des Pergamonmuseums stellt eines der anspruchsvollsten Projekte im Bereich der Denkmalpflege und Museumstechnik dar. Die Herausforderungen sind vielfältig: Sie reichen von der Sicherung der Statik eines historischen Gebäudes in schlechtem Zustand über die Restaurierung extrem großer und schwerer Architekturteile bis zur Integration moderner Technologien in ein denkmalgeschütztes Ensemble.
Das Projekt zeigt, dass Sanierung bei hochkomplexen Kulturdenkmalen mehr bedeutet als die bloße Instandsetzung von Bausubstanz. Es erfordert ein tiefes Verständnis für die historischen Objekte, innovative technische Lösungen und die Fähigkeit, moderne Anforderungen an Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit und Besuchererlebnis mit den Prinzipien des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen.
Die Teilwiedereröffnung des Museums im Frühjahr 2027 mit dem Pergamon-Altar und anderen bedeutenden Exponaten wird einen ersten Meilenstein dieses langfristigen Projekts markieren. Die vollständige Fertigstellung des gesamten Komplexes bis 2037 wird dann das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit sein, die Berlin als Kulturmetropole und die Museumsinsel als Weltkulturerbe weiter aufwertet.
Quellen
- Von wegen 2037 – im Frühjahr 2027 werden weite Teile des Pergamonmuseums wiedereröffnet
- Pergamonmuseum: Neuer vierter Flügel soll einen vollständigen Rundgang durch das Museum ermöglichen
- Pergamonmuseum: Altar wird im Frühjahr 2027 wieder zugänglich sein
- Pergamonmuseum schließt von heute bis 2027 seine Pforten
- Berliner Museumsinsel: Bauarbeiten im Pergamonmuseum schreiten voran
- Pergamonmuseum: Erste Skulpturen kommen wieder