Umbau der Johanneskirche Kornwestheim: Transformation zur multifunktionalen Gemeindezentrum

Einleitung

Die Johanneskirche in Kornwestheim durchläuft eine umfassende Transformation, die sie von einem traditionellen Kirchengebäude zu einem multifunktionalen Gemeindezentrum der Zukunft wandelt. Dieses ambitionierte Projekt, geprägt von Respekt vor der Geschichte des Bestandsbaus und der Freiheit, zeitgemäße Anforderungen umzusetzen, stellt ein bemerkenswertes Beispiel für die erfolgreiche Adaption von Sakralbauten an veränderte Nutzungsanforderungen dar. Der Umbau, der seit 2013 geplant und seit 2015 realisiert wird, zeigt auf, wie kirchliche Gemeinden mit sinkender Mitgliederzahl, geringeren Finanzen und gleichzeitig hohem Sanierungsstadium ihrer Immobilien kreativ und zukunftsorientiert reagieren können.

Historischer Hintergrund und Ausgangslage

Die Johanneskirche in Kornwestheim, erbaut im Jahr 1955 von Prof. Hans Seytter, stellt einen wichtigen historischen und architektonischen Bestand in der Stadtmitte dar. Das Gebäude mit seiner charakteristischen Tuffsteinfassade liegt zentral in Kornwestheim in unmittelbarer Nähe von Rathaus, Marktplatz, Bahnhof und der katholischen Kirche. Diese zentrale Lage verleiht dem Bauwerk eine besondere städtebauliche Bedeutung.

Ursprünglich war die Kirche als Teil eines Gebäudekomplexes konzipiert, der auch ein angebautes Gemeindehaus umfasste. Diese Anordnung bildete einen sogenannten Winkeltypus, bei dem Kirche und Gemeindehaus einen gemeinsamen Raum bildeten. Über die Jahrzehnte zeigte sich jedoch ein zunehmender Sanierungsstau, der eine grundlegende Neukonzeption erforderlich machte.

Auslöser für den Umbau

Mehrere Faktoren zwangen die evangelische Kirchengemeinde Kornwestheim, ihr Immobilienkonzept grundlegend zu überdenken. Der hohe Sanierungsstadium des Gebäudes stand in einem ungünstigen Verhältnis zu den zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen. Gleichzeitig verringerte sich der Raumbedarf der Gemeinde, bedingt durch sinkende Mitgliederzahlen und veränderte Nutzungsanforderungen.

Diese Herausforderungen führten im Jahr 2013 zu der mutigen und weitsichtigen Entscheidung, die bestehende Johanneskirche nicht nur zu sanieren, sondern in ein multifunktionales Gemeindezentrum umzuwandeln. Dieser Ansatz ermöglichte es, die baulichen Substanz zu erhalten und gleichzeitig den veränderten Anforderungen an zeitgemäße kirchliche Gemeindearbeit gerecht zu werden.

Architektonische Konzeption

Das Umbaukonzept, das im Rahmen eines nicht offenen Planungswettbewerbs entwickelt wurde, ging als Siegerentwurf aus der Planung hervor. Die Architekten von Nike Fiedler Architekten PartG mbB legten Wert darauf, den Charakter des Kirchplatzes zu erhalten, der bisher auf allen Seiten durch die Kirche, das Gemeindehaus, eine Hecke und drei Linden an der Weimarstraße sowie das Pfarrhaus gefasst war.

Statt das Gemeindehaus komplett abzubrechen, entschieden sich die Planer für eine subtilere Lösung: Die Außenmauern des Gemeindehauses wurden zwar abgetragen, blieben aber als Einfriedung für einen neuen Kirchgarten erhalten. Vor den Stein- bzw. Ziegelmauern entstand ein geometrisch angelegter Garten mit einem kleinen Brunnen und üppiger Bepflanzung aus Rosen und Stauden. Diese Gestaltung weckt Assoziationen zu einem traditionellen englischen Garten und bildet einen geschützten Ort der Begegnung und des Innehaltens mitten in der Stadt.

Äußere Umgestaltung

Eine der markantesten Veränderungen der äußeren Erscheinung ist die Öffnung des Kirchplatzes hin zur Stadt. Der Platz wird nun von einer breiten Terrasse umrahmt, die das Höhenniveau des Gartens auf der einen Seite und das Zugangspodest auf der anderen Seite aufnimmt. Der öffentliche Charakter des Raumes wird durch bodenhohe Kirchenfenster betont, die ein nach innen und außen transparentes Ambiente schaffen. Diese Fensteröffnungen wurden im Rahmen der Renovierung vergrößert, um mehr Licht und Transparenz zu ermöglichen.

Der Kirchgarden öffnet sich mit drei breiten Durchgängen zum Kirchplatz hin und verbindet so den geschützten Gartenbereich mit dem öffentlichen Raum. Diese Gestaltung trägt wesentlich zur Attraktivität des gesamten Areals bei und macht es zu einem einladenden Ort für die Bürger Kornwestheims.

Innengestaltung und "Haus im Haus"-Konzept

Das Herzstück der Umbaumaßnahmen bildet die innovative Umsetzung eines "Haus im Haus"-Konzepts. Durch die Entkernung des bestehenden Kirchenschiffs konnte ein neues, lebendiges Herz in den vorhandenen Bau implantiert werden. Dieses Konzept ermöglichte die Schaffung zusätzlicher Ebenen für verschiedene Nutzungen, ohne die äußere Hülle des denkmalgeschützten Gebäudes zu verändern.

Im Zuge dieser Umgestaltung wurde die ehemalige Empore mit ihrer charakteristischen Fensterrosette zur "Kinderkirche" umgewandelt. Diese Lösung zeigt, wie historische Bausubstanz in die neue Nutzungskonzeption integriert werden konnte. Der restliche Turmbereich nimmt sämtliche Nebenräume wie Küche, WC-Anlagen, Treppenhaus und den neu eingefügten Aufzug auf.

Räumliche Organisation und Funktionsbereiche

Die neue räumliche Organisation der Johanneskirche ermöglicht eine flexible und vielseitige Nutzung:

  1. Kirchlicher Bereich: Der eigentliche Kirchenraum wurde neu konzipiert und bietet nun Platz für Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen.

  2. Versammlungsräume: Durch das "Haus im Haus"-Konzept konnten zusätzliche Versammlungsräume geschaffen werden, die für Gemeindeveranstaltungen, Gruppenarbeit und andere Aktivitäten genutzt werden können.

  3. Kindergartenbereich: Ein weiterer wichtiger Nutzungsbereich ist der im Rahmen des Umbaus integrierte Kindergarten, der die Kirche zu einem Zentrum für die ganze Familie macht.

  4. Nebenräume: Küche, Sanitäranlagen, Treppenhäuser und der Aufzug sind im Turmbereich konzentriert, wodurch eine klare räumliche Trennung zwischen den Hauptnutzungsbereichen und den Serviceeinrichtungen erreicht wurde.

Materialwahl und Atmosphäre

Bei der Materialwahl legten die Architekten besonderen Wert auf natürliche und hochwertige Materialien. Holz und Naturstein wurden als Hauptmaterialien verwendet, die in Kombination mit dem reichlich eingeführten Tageslicht angenehme Raumatmosphären schaffen. Diese Materialwahl unterstreicht den respektvollen Umgang mit dem Bestandsbau und trägt gleichzeitig zu einer warmen, einladenden Atmosphäre bei.

Die Vergrößerung der Fensteröffnungen ermöglichte nicht nur mehr Transparenz nach außen, sondern auch eine deutlich verbesserte Tageslichtausnutzung im Inneren des Gebäudes. Dies reduziert den Energiebedarf für künstliche Beleuchtung und schafft hell freundliche Räumlichkeiten, die für vielfältige Nutzungen geeignet sind.

Technische Umsetzung und Herausforderungen

Die technische Umsetzung des Umbaus stellte die beteiligten Planer und Handwerker vor erhebliche Herausforderungen. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten:

  • Entkernung des Gebäudes: Die teilweise Demontage der inneren Strukturen erforderte präzise Planung, um die Standsicherheit der Außenhülle zu gewährleisten.

  • Vergrößerung der Fensteröffnungen: Diese Maßnahme erforderte eine besondere statische Auslegung, da größere Öffnungen die Statik des Tragwerks beeinflussen.

  • Entfernung der Empore: Die Demontage der bestehenden Empore ermöglichte die Schaffung neuer Raumhöhen und die Implementierung des "Haus im Haus"-Konzepts.

  • Neubau der Treppenhäuser und des Fahrstuhls: Die Integration moderner barrierefreier Zugänge war ein wichtiges Anliegen des Projekts.

Wie bei vielen Bauprojekten kam es auch bei der Sanierung der Johanneskirche zu Verzögerungen. Nachdem bereits ein erster Fertigstellungstermin Ende 2018 nicht gehalten werden konnte, verschob sich die Einweihung zunächst auf den 20. Oktober. Die Bauarbeiten gestalteten sich komplexer als erwartet, was zu diesen Verzögerungen führte. Die Gemeinde bewahrte dabei Geduld und vertraute auf die Qualität des Endergebnisses.

Kosten und Finanzierung

Das Umbauvorhaben der Johanneskirche Kornwestheim belief sich nach den vorliegenden Informationen auf Gesamtkosten von 0,71 Millionen Euro. Diese Summe deckte alle Maßnahmen von der Planung über die Entkernung des Gebäudes bis zur Fertigstellung der neuen Räumlichkeiten ab. Die Finanzierung erfolgte durch die evangelische Kirchengemeinde Kornwestheim, die dabei auf Unterstützung der Landeskirche und möglicherweise auch öffentlicher Fördermittel zurückgriff.

Zeitlicher Ablauf des Projekts

Der Umbau der Johanneskirche Kornwestheim erstreckte sich über mehrere Jahre:

  • 2013: Entscheidung der Kirchengemeinde für den Umbau
  • 2015: Beginn der Realisierungsphase
  • 2016: Beginn der Planungsphase durch Nike Fiedler Architekten PartG mbB
  • 2017-2018: Hauptbauarbeiten
  • Juli 2020: Geplante Fertigstellung (nach mehrfacher Verschiebung)

Dieser Zeitplan zeigt, dass komplexe Umbauprojekte an denkmalgeschützten Bauten oft längere Zeiträume erfordern als zunächst geplant. Die mehrfachen Verschiebungen der Fertigstellung unterstreichen die besonderen Herausforderungen bei der Kombination von Denkmalschutz und moderner Nutzungsanforderung.

Bedeutung für die Kirchengemeinde und die Stadt

Die umgebaute Johanneskirche stellt für die evangelische Kirchengemeinde Kornwestheim einen bedeutenden Meilenstein in ihrer Entwicklung dar. Sie ist nicht länger nur ein Ort für Gottesdienste, sondern wurde zum Zentrum des Gemeindelebens, das vielfältige Nutzungen ermöglicht und so die Attraktivität für Mitglieder und Besucher erhöht.

Für die Stadt Kornwestheim ist die umgebaute Kirche ein wichtiger städtebaulicher Akzent im Zentrum. Die Öffnung des Kirchplatzes als öffentlicher Raum und die Schaffung eines einladenden Gartens tragen zur Aufwertung des gesamten Areals bei. Die Johanneskirche ist damit nicht nur ein geistliches, sondern auch ein kulturelles und soziales Zentrum geworden.

Fazit

Der Umbau der Johanneskirche in Kornwestheim zeigt eindrucksvoll, wie historische Bauten an die Anforderungen der Zukunft angepasst werden können, ohne ihre Identität zu verlieren. Das Projekt demonstriert einen respektvollen Umgang mit dem Bestand, bei dem die Erhaltung der bauhistorischen Substanz mit der Schaffung zeitgemäßer Nutzungsstrukturen verbunden wird.

Das "Haus im Haus"-Konzept stellt hierbei eine innovative Lösung dar, die es ermöglicht hat, in einem denkmalgeschützten Gebäude zusätzliche Flächen für moderne Nutzungen zu schaffen. Die Verwendung natürlicher Materialien und die Optimierung des Tageslichteinfalls tragen nicht nur zur gestalterischen Qualität bei, sondern auch zur Energieeffizienz des Gebäudes.

Trotz der Herausforderungen bei der Umsetzung und den Verzögerungen bei der Fertigstellung stellt das Projekt einen gelungenen Kompromiss zwischen Denkmalschutz und Funktionalität dar. Die Johanneskirche ist durch den Umbau zu einem lebendigen Herzen der evangelischen Gemeinde Kornwestheim geworden und leistet gleichzeitig einen wichtigen Beitrag zur städtebaulichen Aufwertung des Stadtzentrums.

Das Projekt zeigt, dass kirchliche Bauaufgaben auch in Zeiten sinkender Mitgliederzahlen und finanzieller Engpässe kreative Lösungen ermöglichen, wenn mit Mut und Weitsicht an die Zukunft gedacht wird. Die Johanneskirche Kornwestheim ist damit ein Vorbild für die erfolgreiche Transformation sakraler Bauten in multifunktionale Gemeindezentren.

Quellen

  1. Auer Weber - Umbau Johanneskirche Kornwestheim
  2. Nike Fiedler Architekten - Evang. Johanneskirche Kornwestheim
  3. Evangelische Kirche Kornwestheim - Johanneskirche
  4. Stuttgarter Nachrichten - Umbau der Johanneskirche: Einweihung verschoben
  5. EBH Architekten - Johanneskirche Kornwestheim
  6. Gottlob Rommel - Umbau denkmalgeschütztes Gebäude

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