Umbau und Transformation des Temple of the Night Hawk im Phantasialand: Von der Raumstation zur VR-Erlebniswelt

Einleitung

Das Phantasialand in Brühl, eines der bekanntesten Freizeitparks in Nordrhein-Westfalen, hat mit dem Umbau der traditionsreichen Attraktion "Temple of the Night Hawk" zu "Crazy Bats" ein bemerkenswertes Beispiel für die innovative Weiterentwicklung bestehender Parkanlagen geschaffen. Dieser Artikel untersucht die mehrphasige Transformation der Achterbahn, die von ihrer Eröffnung 1988 als "Space Center" über die Umthematisierung 2001 bis hin zur Integration von Virtual-Reality-Technologie im Jahr 2019 reichte. Die Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie bestehende Infrastruktur durch gezielte Eingriffe modernisiert werden kann, um Besuchererlebnisse auf das Niveau der Zeit zu heben, ohne die bauliche Substanz zu ersetzen.

Geschichte des Temple of the Night Hawk

Ursprung als Space Center (1988)

Die Geschichte der Achterbahn beginnt im Jahr 1988, als das Phantasialand die Anlage unter dem Namen "Space Center" eröffnete. Ursprünglich war geplant, die Attraktion "Orion" zu nennen, um eine Verbindung zu einem gleichnamigen Erotikhandel zu vermeiden, entschied man sich jedoch für den Namen "Space Center". Nach 18-monatiger Bauzeit wurde die Achterbahn am 2. April 1988 eröffnet. Interessanterweise konnte die offizielle Eröffnung aufgrund des damaligen Karfreitags erst einen Tag nach Saisonbeginn des Parks stattfinden.

Die ursprüngliche Thematisierung war klar auf Weltraum ausgerichtet. Während der Fahrt passierten die Züge Modelle von Raketen und nachgebildeten Asteroiden. In der dunklen Halle waren tausende Lichtpunkte montiert, die eine Fahrt durch das All simulieren sollten. Die technische Ausstattung umfasste bereits die charakteristischen Elemente, die auch in späteren Phasen der Attraktion erhalten blieben: eine Länge von 1.300 Metern, eine Höhe von 11,7 Metern und eine maximale Geschwindigkeit von 46,5 km/h.

Umthematisierung zum Temple of the Night Hawk (2001)

Mit der Entwicklung des benachbarten Themenbereichs "Wuze Town" im Jahr 2001 wurde eine Anpassung der Thematisierung des Space Centers erforderlich. Die Parkleitung entschied sich für eine komplette Umthematisierung hin zu einem Fantasy/Dschungel-Konzept, das den neuen thematischen Ausrichtung des Parks besser entsprechen sollte. Unter dem neuen Namen "Temple of the Night Hawk" wurde die Achterbahn mit einem neuen Konzept versehen, das den Flug eines Falken durch die Nacht darstellte.

Die Umgestaltung umfasste sowohl den Wartebereich als auch die Station, die mit künstlichen Pflanzen und einem entsprechenden Dschungel-Sound ausgestattet wurden. In der Station liefen der Song "Inner Sanctum/The Nesting Grounds" sowie das Intro des Songs "The End Of Our Island" aus dem Disney-Film "Dinosaurier", während der Fahrt der Titel "The Egg Travels" zu hören war. Diese Umthematisierung erfolgte ohne grundlegende Veränderungen an der physischen Anlage, demonstrierend eine kosteneffiziente Methode zur Modernisierung von Parkattraktionen.

Technische Spezifikationen

Die technischen Daten der Anlage blieben über die Jahrzehnte weitgehend konstant und bildeten die Grundlage für die spätere VR-Integration:

  • Standort: Phantasialand (Brühl, Nordrhein-Westfalen, Deutschland)
  • Typ: Stahlachterbahn, sitzend
  • Modell: Custom MK-900
  • Kategorie: Dunkelachterbahn
  • Antriebsart: Kettenlift
  • Hersteller: Vekoma
  • Designer: Ingenieurbüro Stengel GmbH
  • Länge: 1.300 m
  • Höhe: 11,7 m
  • Maximale Querneigung: bis 50°
  • Maximale Geschwindigkeit: 46,5 km/h
  • Fahrtzeit: 4 min
  • Kapazität: Durch VR maximal 400 Personen pro Stunde
  • Züge: 4 (seit VR max. 3) Züge, 7 Wagen/Zug, 2 Sitzreihen/Wagen, 2 Sitzplätze/Sitzreihe
  • Rückhaltesystem: Individuelle Schoßbügel
  • Sicherheitsbeschränkungen: Ab 1,20 m. Personen von 1,00 m – 1,20 m nur in Begleitung eines Erwachsenen, kein VR erlaubt.
  • Elemente: 3 × Lifthill, Abfahrten, Auffahrten, Kurven
  • Inversionen: Keine

Besonders bemerkenswert ist die Tatsache, dass die Achterbahn mit rund 1.300 Metern Streckenlänge als zweitlängste Indoorachterbahn der Welt gilt. Das Phantasialand selbst bezeichnete die Bahn uneinheitlich teilweise als längste Dunkelachterbahn Europas, als die längste Dunkelachterbahn der Welt oder als längste Indoor-Achterbahn der Welt.

Die Renovation zu Crazy Bats (2019)

Konzept und Motivation

Am 31. März 2019 gab das Phantasialand die Umgestaltung der Achterbahn in eine VR-Attraktion namens "Crazy Bats" bekannt. Diese Entscheidung fiel im Kontext einer allgemeinen Entwicklung im Freizeitparkbereich, bei der bestehende Attraktionen durch digitale Elemente erweitert werden, um Besuchererlebnisse zu intensivieren und die Attraktivität zu erhöhen.

Das Konzept von Crazy Bats dreht sich um drei Fledermäuse, die aus dem Film "Happy Family" stammen. Besucher können diese drei "coolen Helden auf ihrer verrückten Mission" begleiten. Das Phantasialand bewirbt die neue Attraktion als "den längsten VR-Coaster der Welt", mit einer Fahrzeit von rund vier Minuten, die "deutlich vor seinen weltweiten Konkurrenten" liege. Die lange Fahrzeit ermögliche ein besonders intensives und ansprechendes Erlebnis für die ganze Familie, da andere VR-Attraktionen aufgrund kürzerer Fahrdauern nur entsprechend kurze Geschichten erzählen könnten.

Durchführung der Umbauarbeiten

Die eigentlichen Umbauarbeiten begannen mit der Schließung der Anlage am 1. April 2019, dem ersten Tag der neuen Saison. Die Arbeiten umfassten sowohl die Installation der VR-Technologie als auch die Umgestaltung des thematischen Konzepts. Die physische Streckenführung der Vorgängerbahn "Temple of the Night Hawk" blieb dabei unverändert, was eine kosteneffiziente Modernisierung ermöglichte.

Die VR-Erfahrung wurde von Ambient Entertainment produziert, einem spezialisierten Unternehmen für digitale Erlebnisse in Freizeitparks. Die Integration der VR-Technologie erforderte präzise Abstimmung zwischen den physischen Bewegungen der Achterbahn und den visuellen Darstellungen in der virtuellen Realität, um Übelkeit zu vermeiden und ein immersives Erlebnis zu gewährleisten.

Nach etwas über drei Monaten Umbauzeit konnte die Attraktion am 25. Juni 2019 unter dem neuen Namen "Crazy Bats" eröffnet werden. Die Anlage war seit Saisonbeginn 2019 am 1. April wegen des Umbaus geschlossen gewesen.

Technische Integration der VR-Technologie

Die Umwandlung in eine VR-Achterbahn erforderte erhebliche technische Anpassungen, die physische Struktur der Anlage blieb jedoch weitgehend erhalten. Die wichtigsten Änderungen betrafen:

  1. VR-Brillen-System: Installation eines kompatiblen VR-Brillen-Systems, das sicher an den Köpfen der Besucher befestigt werden kann.

  2. Synchronisation: Präzise Abstimmung der virtuellen Umgebungen mit den physischen Bewegungen der Achterbahn, um eine realistische und übelkeitsfreie Erfahrung zu gewährleisten.

  3. Kapazitätsanpassung: Die Anzahl der gleichzeitig eingesetzten Züge wurde von 4 auf 3 reduziert, um die Installation und Wartung der VR-Technologie zu erleichtern und die Sicherheit zu erhöhen.

  4. Sicherheitskonzept: Entwicklung neuer Sicherheitsvorschriften, da Personen zwischen 1,00 m und 1,20 m nun nur noch in Begleitung eines Erwachsenen und ohne VR-Brille fahren dürfen.

  5. Betriebsweise: Anpassung des Betriebszyklus, um das Auf- und Absetzen der VR-Brillen zu ermöglichen.

Die technische Herausforderung bestand darin, die bestehende physische Infrastruktur mit der digitalen Technologie zu verbinden, ohne die charakteristischen Elemente der Achterbahn zu verändern. Die Lösung ermöglichte es, die historische Strecken beizubehalten, während ein völlig neues Besuchererlebnis geschaffen wurde.

Besuchererlebnis und Betrieb

Das Crazy Bats Erlebnis

Die Fahrt mit Crazy Bats bietet Besuchern ein einzigartiges Kombinationserlebnis aus traditionellem Achterbahnfahren und moderner Virtual-Reality-Technologie. Während der etwa vierminütigen Fahrt werden die Besucher in eine virtuelle Welt versetzt, in der sie drei Fledermäuse auf ihrer Mission begleiten. Die physischen Bewegungen der Achterbahn synchronisieren sich mit den visuellen Darstellungen in der VR-Brille, creating eine immersive Erfahrung, die die Grenzen zwischen realer und virtueller Welt verschwimmen lässt.

Die lang Fahrzeit von vier Minuten ermöglicht es im Vergleich zu anderen VR-Attraktionen, eine ausführlichere und detailliertere Geschichte zu erzählen. Das Phantasialand betont, dass diese längere Dauer ein "besonderes Potenzial für den Film" bietet und "viel Raum, sich zu entfalten" lässt.

Betrieb mit und ohne VR

Seit dem Wintertraum 2021/2022 bietet die Anlage eine Besonderheit: die Fahrt ist sowohl mit als auch ohne VR-Brille möglich. Diese Flexibilität erhöht die Attraktivität für unterschiedliche Besucherschichten:

  1. Mit VR-Brille: Besucher erleben die vollständige virtuelle Geschichte mit den drei Fledermäusen.

  2. Ohne VR-Brille: Besucher fahren weiterhin die physische Achterbahn, jedoch ohne die virtuelle Erzählebene. Die Fahrt konzentriert sich dann auf die klassischen Elemente der Achterbahn, wie Geschwindigkeit, Höhe und Kurven.

Diese doppelte Betriebsweise erhöht die Kapazität der Anlage und ermöglicht es Besuchern, die Attraktion nach ihren eigenen Präferenzen zu erleben. Für einige Besucher mag die klassische Variante ohne VR attraktiv sein, während andere das vollständige VR-Erlebnis bevorzugen.

Sicherheits- und Zugangsbestimmungen

Die Einführung der VR-Technologie erforderte auch Anpassungen bei den Sicherheitsbestimmungen:

  • Mindestgröße: Besucher müssen mindestens 1,20 m groß sein, um die VR-Attraktion zu nutzen.
  • Begleitung: Personen zwischen 1,00 m und 1,20 m dürfen nur in Begleitung eines Erwachsenen fahren und haben keinen Zugang zur VR-Funktionalität.
  • Gesundheitsaspekte: Es wird darauf hingewiesen, dass Personen, die an Reisekrankheit leiden oder unter bestimmten gesundheitlichen Bedingungen leiden, die VR-Erfahrung möglicherweise nicht gut vertragen.

Diese Sicherheitsbestimmungen spiegeln die besonderen Anforderungen wider, die durch die Kombination von physischer Achterbahnfahrt und virtueller Realität entstehen.

Fazit

Die Transformation des Temple of the Night Hawk zu Crazy Bats im Phantasialand stellt ein bemerkenswertes Beispiel für die erfolgreiche Modernisierung einer Freizeitparkattraktion dar. Durch den bewussten Erhalt der physischen Infrastruktur und die Integration innovativer VR-Technologie gelang es dem Park, eine traditionsreiche Anlage für die moderne Besuchererwartung fit zu machen.

Das Projekt zeigt, dass Renovierung von Attraktionen nicht zwangsläufig den vollständigen Neubau erfordert. Stattdessen können gezielte Eingriffe, die digitale Technologien mit bestehenden baulichen Strukturen verbinden, kosteneffiziente und nachhaltige Lösungen schaffen. Die langjährige Nutzung der Anlage von 1988 bis heute unter verschiedenen Konzepten demonstriert die Robustheit und Anpassungsfähigkeit der ursprünglichen Planung.

Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Phantasialands, die Attraktion kontinuierlich weiterzuentwickeln – vom Space Center über den Temple of the Night Hawk bis hin zu Crazy Bats. Diese Evolution spiegelt die allgemeine Entwicklung im Freizeitparkbereich wider, bei dem die Grenzen zwischen physischen und digitalen Erlebnissen zunehmend verschwimmen.

Die doppelte Betriebsweise mit und ohne VR seit 2021 zeigt zudem die Flexibilität der Lösung, die es Besuchern ermöglicht, die Attraktion nach ihren individuellen Vorlieben zu erleben. Dies unterstreicht den erfolgreichen Ansatz, technologische Innovationen mit klassischen Freizeitpark-Elementen zu verbinden.

Die Renovation des Temple of the Night Hawk zu Crazy Bats liefert somit wertvolle Erkenntnisse für die Gestaltung zukünftiger Freizeitparkattraktionen und demonstriert, wie bestehende Infrastruktur durch innovative Ansätze neu belebt werden kann.

Quellen

  1. Crazy Bats – Der weltweit beste VR-Coaster - Phantasialand Resort
  2. Phantasialand arbeitet an VR-Achterbahn Crazy Bats
  3. Temple of the Night Hawk
  4. Phantasialand Saison 2025: Umbau und Geheimnis um Chiapas

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