Einleitung
Die Konstablerwache in Frankfurt am Main steht vor einer der größten Umgestaltungen in ihrer jüngeren Geschichte. Gleichzeitig zwei bedeutende Bauprojekte prägen derzeit das Bild dieses zentralen Verkehrsknotenpunkts: die Sanierung des ikonischen Bienenkorbhauses und die umfassende Modernisierung des Justizzentrums. Diese Maßnahmen verändern nicht nur das Erscheinungsbild des Areals, sondern auch die Funktionsweise der Justiz und die kommerzielle Nutzung eines der prominentesten Gebäude Frankfurts. Die Projekte, die sich teilweise überschneiden, repräsentieren eine Investition von mehreren hundert Millionen Euro und werden voraussichtlich bis 2027 andauern. Dieser Artikel beleuchtet die beiden Großprojekte, ihre Auswirkungen auf die städtebauliche Entwicklung und die Herausforderungen bei der Umsetzung im laufenden Betrieb.
Historischer Hintergrund der Konstablerwache
Die Konstablerwache hat eine lange und wechselvolle Geschichte, die ihre heutige Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt und Zentrum des Justizwesens in Frankfurt maßgeblich geprägt hat. Mit dem Aufkommen neuzeitlicher Verkehrsmittel an der Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte sich der Bereich zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt für die Stadt, der sowohl den Automobilverkehr als auch die Straßenbahn bediente. Diese zentrale Lage blieb über die Jahrzehnte erhalten und wurde durch die Umgestaltung zur Fußgängerzone noch verstärkt.
Besonders prägend war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als ein großer Teil der Gebäude an der Zeil bei den Luftangriffen auf Frankfurt am Main zerstört wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Stadtteilen verzichtete man hier auf den Wiederaufbau und ließ einen großen Platz frei, der später die Konstablerwache prägen sollte. Die neu gebaute Kurt-Schumacher-Straße übernahm die Rolle der Fahrgasse als wichtigste Nord-Süd-Verbindung in der östlichen Innenstadt und bildete gleichzeitig die östliche Begrenzung der heutigen Konstablerwache.
Bei der späteren Umgestaltung zur Fußgängerzone wurde das Platzniveau um knapp 80 Zentimeter angehoben. Diese Maßnahme ermöglichte trotz der darunter gelegenen Schnellbahnstation eine zweireihige Bepflanzung mit Platanen, die für eine angenehmere Atmosphäre auf dem Platz sorgt. Das erhöhte Podest ist ringsherum durch vier Stufen erreichbar, während Rollstuhlfahrern der Zugang durch zwei Rampen ermöglicht wird. Diese Kombination aus hoher Frequentierung, guter Verkehrsanbindung und zentraler Lage macht die Konstablerwache zu einem idealen Standort für sowohl Justizinstitutionen als auch für kommerzielle Nutzungen wie das Bienenkorbhaus.
Sanierung des Bienenkorbhauses
Das Bienenkorbhaus an der Konstablerwache gehört zu den ersten Hochhäusern Frankfurts und ist mit seinen 43 Metern Höhe ein markantes Gebäude in der Skyline der Innenstadt. Nach Mitteilung des Eigentümers RFR Holding neigt sich die umfassende Sanierung des so genannten Bienenkorbhauses nun ihrem Ende zu. Das Gebäude, das in den 1950er Jahren errichtet wurde, war seit Oktober 2021 völlig entkernt worden. Bei der Sanierung wurde die Fassade der Obergeschosse weitgehend entfernt und nach Vorgaben des Denkmalamtes neu errichtet, wie es in einer früheren Mitteilung hieß.
Im Innern des zwölfgeschossigen Büro- und Geschäftshauses mit einer Gesamtfläche von etwa 11.500 Quadratmetern wurde das Gebäude von Grund auf modernisiert. Dazu gehören die Installation neuester Klimatechnik sowie eine Optimierung für zeitgemäße Arbeitsprozesse. Derzeit werden nach Angaben von RFR noch Lobby und Eingangsbereich des Gebäudes neu errichtet, in dem es neben den Büroflächen auch sechs Wohnungen gibt. Gleichzeitig hat das Unternehmen bereits erste Mietverträge für die neuen Räume abgeschlossen.
Eine bemerkenswerte Entwicklung ist der Umzug des Mainova-Servicecenters in das sanierte Gebäude. Dieser Schritt unterstreicht die Attraktivität des Standorts auch nach der umfassenden Sanierung. Die Modernisierung des Bienenkorbhauses zeigt exemplarisch, wie historische Gebäude aus der Nachkriegszeit einer zeitgemäßen Nutzung zugeführt werden können, ohne ihren Charakter zu verlieren. Die enge Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt bei der Wiederherstellung der Fassade beweist, dass moderne Anforderungen und Denkmalschutz nicht im Widerspruch stehen müssen.
Großprojekt Justizzentrum Konstablerwache
Parallel zur Sanierung des Bienenkorbhauses findet am selben Standort eines der umfangreichsten Infrastrukturprojekte im hessischen Justizwesen statt: die umfassende bauliche und organisatorische Modernisierung des Justizzentrums Konstablerwache. Dieses Projekt übertrifft in Dimension und Komplexität alle anderen aktuellen Baumaßnahmen im Justizbereich in Hessen und verändert das Gesicht des Gerichtsviertels nachhaltig.
Die Gesamtanlage des Justizzentrums besteht aus einer bemerkenswerten architektonischen Vielfalt. Sie umfasst Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, Bauten aus den 1960er-Jahren sowie solche aus den 1980er-Jahren. Diese historische Schichtung macht eine besonders durchdachte Modernisierungsstrategie erforderlich, die den Charakter der einzelnen Bauten respektiert, gleichzeitig aber moderne Anforderungen an Sicherheit, Effizienz und Nutzerfreundlichkeit erfüllt.
Die Neustrukturierung des Justizzentrums umfasst sowohl zwei Neubauten als auch umfassende Sanierungen bestehender Liegenschaften. Das Projekt wird voraussichtlich mehrere hundert Millionen Euro kosten und stellt eine der größten Investitionen in die Justizinfrastruktur in Deutschland dar. Laut Justizministerium verfolgt das Projekt das Ziel, "den Standort zu sanieren und auszubauen, um auch in Zukunft den Bediensteten und allen Verfahrensbeteiligten einen modernen Gerichtsbetrieb mit guten Arbeitsbedingungen zu gewährleisten."
Im April fand der symbolische Grundsteinlegungsakt statt, bei dem Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Justiz und Verwaltung auf dem Baufeld versammelt waren. In ihren Reden hoben der hessische Finanzminister Michael Boddenberg und Justizminister Roman Poseck die Bedeutung des Projekts für die Zukunftsfähigkeit der Justiz in Hessen hervor. Besonders betonten sie die Verbesserungen für Nutzerfreundlichkeit, Sicherheit und Effizienz am Standort. Während der Zeremonie wurde eine Zeitkapsel mit einer aktuellen Tageszeitung und Münzen gefüllt und anschließend von den Verantwortlichen in den symbolischen Grundstein integriert.
Bauabschnitte und Neubauten
Die Modernisierung des Justizzentrums Konstablerwache ist in mehrere klar definierte Bauabschnitte gegliedert, die eine schrittweise Umsetzung ermöglichen. Der erste Bauabschnitt umfasst den Neubau der Gebäude C an der Konrad-Adenauer-Straße und Z an der Heiligkreuzgasse, die die bisherigen Gebäude an diesen Standorten ersetzen. Diese Neubauten markieren den Anfang einer umfassenden Erneuerung des gesamten Justizcampus.
Für die Umsetzung dieses ersten Bauabschnitts hat das Land Hessen die HOCHTIEF PPP Solutions GmbH mit einem Großauftrag im mittleren dreistelligen Millionenbereich beauftragt. Das Unternehmen übernimmt im Rahmen eines "Public-Private-Partnership-Modells" nicht nur die Planung und den Abriss der Bestandsgebäude, sondern auch den anschließenden Neubau. Zudem betreibt HOCHTIEF die neuen Gebäude über einen Zeitraum von 30 Jahre, wobei dieser Betrieb die Instandhaltung und Gebäudereinigung umfasst. Die Liegenschaft bleibt dabei im Eigentum des Landes Hessen.
Besonders bemerkenswert ist die Dimension des Neubaus von Gebäude C, das nach Fertigstellung etwa doppelt so groß wie das bisherige Gebäude sein wird. In dem neuen Gebäude entsteht ein Strafrechtsgebäude mit Büroflächen und zwei Sicherheitssitzungssälen im öffentlichen Bereich. Diese modernen Sicherheitssitzungssäle werden die Anforderungen an moderne Strafverfahren erfüllen und eine sichere Umgebung für Verfahren mit hohem Sicherheitsbedarf gewährleisten.
Nach dem Neubau der Gebäude C und Z sollen in den Folgejahren schrittweise die Bestandsgebäude B, A und E saniert und modernisiert werden. Diese schrittweise Vorgehensweise ermöglicht es, den Justizbetrieb während der Bauarbeiten aufrechtzuerhalten und die Auswirkungen auf den laufenden Betrieb so gering wie möglich zu halten.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Die Durchführung eines so umfassenden Modernisierungsprojekts am Justizstandort Konstablerwache stellt erhebliche technische und organisatorische Herausforderungen dar. Thomas Platte, Direktor des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen (LBIH), beschreibt die Komplexität des Projekts: "Die Gesamtanlage besteht aus Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert, aber auch aus Bauten aus den 1960er- und 1980er-Jahren. Zum Projekt gehört auch ein Neubau. Die Umsetzung eines solchen Projekts ist durchaus anspruchsvoll, gerade weil sie im laufenden Betrieb geschieht."
Eine der größten Herausforderungen ist der Bau im laufenden Betrieb. Während der Bauarbeiten müssen die Justizfunktionen aufrechterhalten werden, was eine sorgfältige Planung und Abstimmung erfordert. Unter anderem muss ein großes Stahltragwerk eingebracht werden, zudem wird eine tragende Wand zurückgebaut. Diese Eingriffe in die Bausubstanz erfordern eine besonders präzise Planung und Ausführung, um den Betrieb der Justiz nicht zu beeinträchtigen.
Besondere Herausforderungen ergeben sich auch bei der Restaurierung historischer Bauteile. Bei der Sanierung stimmen sich die Fachleute eng mit der Denkmalpflege ab, um die bauzeitlichen Elemente zu erhalten. Ein Beispiel dafür ist die Restaurierung der bauzeitlichen Stuckdecke, die besondere Anforderungen an die Handwerker stellt und eine enge Abstimmung zwischen allen Beteiligten erfordert.
Die enge Bebauung des Areals und die zentrale Lage in der Frankfurter Innenstadt erschweren zusätzlich die Logistik der Bauarbeiten. Die Lieferung von Baumaterialien und der Abfalltransport müssen so organisiert werden, dass sie die Umgebung und den Verkehr in der Innenstadt nicht übermäßig belasten. Gleichzeitig müssen die Sicherheitsanforderungen für die Justizgebäude auch während der Bauphase gewährleistet bleiben.
Kosten und Finanzierung
Die Modernisierung des größten hessischen Justizstandorts in Frankfurt, des Gerichtsviertels, ist mit erheblichen Kosten verbunden und wird rund zwölf Jahre dauern. Nach Angaben des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen (LBIH) sollen die Gesamtbaukosten für den Neubau als auch die Sanierungen jeweils "im mittleren dreistelligen Millionenbereich" liegen. Diese Kostenschätzung unterstreicht die Dimension des Projekts und seine Bedeutung für die Justizinfrastruktur in Hessen.
Neben den reinen Baukosten fallen auch erhebliche Ausgaben für die nötige Interimsunterbringung der Justizmitarbeiter an. Diese Kosten können nach Informationen des Oberlandesgerichts (OLG) Frankfurt mit rund 84 Millionen Euro beziffert werden. Die Notwendigkeit dieser temporären Unterkünfte ergibt sich aus der schrittweisen Vorgehensweise der Bauarbeiten, bei denen während der Sanierung einzelner Gebäude alternative Räumlichkeiten für die Justizbediensteten bereitgestellt werden müssen.
Die Finanzierung des Großprojekts erfolgt über ein Public-Private-Partnership-Modell (PPP), bei dem private Unternehmen wie HOCHTIEF in die Finanzierung, Planung, Bau und den Betrieb der neuen Gebäude eingebunden werden. Dieses Modell hat den Vorteil, dass die initialen Baukosten nicht vollständig vom Staat getragen werden müssen, sondern über die langfristige Betriebsdauer finanziert werden können. Gleichzeitig trägt der private Partner ein höheres finanzielles Risiko, was in der Regel zu einer effizienteren Projektdurchführung führt.
Die Modernisierung ist in vier Phasen geplant, die jeweils etwa drei Jahre dauern werden. Diese Untergliederung ermöglicht eine bessere Kostenerfassung und -kontrolle während der gesamten Projektdauer. Laut Gundula Fehns-Böer, Sprecherin des Oberlandesgerichts Frankfurt, soll der erste Bauabschnitt mit den Neubauten der Gebäude C und Z beginnen, gefolgt von der schrittweisen Sanierung der Gebäude B, A und E.
Fazit
Die umfangreichen Baumaßnahmen an der Konstablerwache in Frankfurt repräsentieren eine der größten Modernisierungsinitiativen in der Geschichte des hessischen Justizwesens. Gleichzeitig wird das ikonische Bienenkorbhaus für eine neue Nutzungszukunft fit gemacht. Diese beiden Projekte zeigen, wie historisch gewachsene Standorte in die Zukunft geführt werden können, ohne ihren Charakter zu verlieren.
Die Sanierung des Bienenkorbhauses demonstriert, wie Nachkriegsarchitektur mit moderner Technik und zeitgemäßer Nutzung versehen werden kann. Die Integration des Mainova-Servicecenters zeigt die Attraktivität des Standorts auch nach der umfassenden Sanierung. Die enge Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt bei der Wiederherstellung der Fassade beweist, dass moderne Anforderungen und Denkmalschutz nicht im Widerspruch stehen müssen.
Das Justizmodernisierungsprojekt geht jedoch noch weiter: Es schafft eine vollständig neue Infrastruktur für die Justiz in Frankfurt. Die Neubauten C und Z werden moderne Arbeitsbedingungen und eine verbesserte Sicherheit für Gerichtsverfahren gewährleisten. Die schrittweise Vorgehensweise ermöglicht es, den Justizbetrieb während der gesamten Bauphase aufrechtzuerhalten.
Die Herausforderungen des Projekts sind erheblich – technisch, organisatorisch und finanziell. Die Umsetzung im laufenden Betrieb, die Kombination aus historischer Bausubstanz und modernen Neubauten sowie die komplexen Finanzierungsmodelle erfordern ein hohes Maß an Expertise und Koordination. Dennoch zeigt das Projekt, dass solche Großvorhaben erfolgreich umgesetzt werden können.
Die Konstablerwache wird nach Abschluss aller Maßnahmen nicht nur ein modernes Justizzentrum beherbergen, sondern auch ein attraktives Quartier für kommerzielle Nutzungen bieten. Die Kombination aus Justiz, Dienstleistungen und potenziell weiteren Nutzungen könnte zu einem neuen lebendigen Zentrum in Frankfurts Innenstadt führen – eine gelungene Symbiose aus Geschichte und Moderne.
Quellen
- Frankfurter Rundschau: Bienenkorbhaus füllt sich wieder
- Skyline Atlas: Großprojekt Justizzentrum Frankfurt
- Wikipedia: Konstablerwache
- Entwicklungsstadt: Großprojekt in Frankfurt beginnt - Grundsteinlegung für neue Justizgebäude
- LBIH Hessen: Modernisierung des Justizzentrums an der Konstablerwache schreitet voran
- T-Online: Gerichtsviertel wird modernisiert - enorme Kosten