Einleitung
Das Congress Center Hamburg (CCH) stellt seit seiner Eröffnung im Jahr 1973 einen bedeutenden Veranstaltungsort in der Hansestadt dar. Nach Jahrzehnten des Betriebs unterzog sich das Gebäude einer umfassenden Revitalisierung, die als eines der größten Bauprojekte Hamburgs galt. Die Sanierung sollte das denkmalgeschützte Ensemble für die Zukunft rüsten und gleichzeitig die Nachhaltigkeit verbessern. Doch das Projekt entwickelte sich zu einem millionenschweren Drama mit unvorhergesehenen Kosten und erheblichen Verzögerungen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe des CCH-Renovierungsprojekts, die architektonischen Besonderheiten, die Herausforderungen während der Bauarbeiten und die aktuellen Perspektiven des revitalisierten Kongresszentrums.
Geschichte und Bedeutung des CCH
Das Congress Center Hamburg wurde am 14. April 1973 eröffnet und galt bei seiner Fertigstellung als größtes und modernstes Kongresszentrum Europas. Der terrassenförmig angelegte Betonbau mit angeschlossenem Hotelhochhaus wurde zwischen dem Dammtorbahnhof und dem Park "Planten un Blomen" errichtet und entwickelte sich schnell zu einem bedeutenden Standort für nationale und internationale Veranstaltungen.
Im Jahr 2007 erlebte das CCH seine erste Erweiterung durch den Bau einer Ausstellungshalle und zusätzlicher Konferenzsäle. Ein weiteres wichtiges Datum war 2017, als das Gebäude vollständig denkmalgerecht saniert, modernisiert und erweitert wurde. Die Revitalisierung wurde von der Arbeitsgemeinschaft agn Leusmann/Tim Hupe Architekten durchgeführt und sollte das Gebäude für die zukünftigen Anforderungen rüsten.
Das Revitalisierungsprojekt: Vision und Konzept
Die Revitalisierung des CCH verfolgte das Ziel, das denkmalgeschützte Ensemble an die veränderten Bedürfnisse von Veranstaltern und Besuchern anzupassen, gleichzeitig die Energieeffizienz zu verbessern und die bauliche Substanz zu erhalten. Das Projekt wurde 2014 im internationalen Wettbewerb als nachhaltigste Lösung ausgezeichnet und versprach im Vergleich zu einem Ersatzneubau eine Einsparung von 50 Prozent der CO2-Emissionen.
Architekt Tim Hupe entwickelte ein umfassendes Konzept, das den Bestand respektvoll behandelte und durch gezielte Erweiterungen ergänzte. Ein zentraler Aspekt war die Integration des Gebäudes in die umgebende Parklandschaft. Die neue Fassade mit ihrer starken Horizontalität thematisiert den Blick auf den Baumbestand der umgebenden Parklandschaft von Planten un Blomen, während sie gleichzeitig Bezug auf die vertikalen Lisenen des benachbarten Hotelhochhauses nimmt und mit diesem ein Ensemble bildet.
Architektonische Besonderheiten und Nachhaltigkeit
Die architektonische Gestaltung des revitalisierten CCH zeichnet sich durch mehrere besondere Merkmale aus:
Die neue Fassade
Die horizontalen Brise Soleil-Lamellen mit einer Tiefe von über 2 Metern überspannen die großen Raumvolumina der Eingangshalle und der Foyers. Diese Elemente erfüllen mehrere Funktionen: Sie lenken bei aller Transparenz das Tageslicht blendfrei ins Innere und schaffen eine angenehme Lichtstimmung. Gleichzeitig fungieren sie als Sonnenschutz und ermöglichen ein intelligentes Klimakonzept.
Klimakonzept und Energieeffizienz
Das innovative Klimakonzept des CCH integriert die neue Fassade mit auskragenden Deckenplatten als Sonnenschutz sowie die intelligente Steuerung der Fassadenöffnungen. Diese Maßnahmen ermöglichen den Verzicht auf eine energieintensive Klimatisierung. Die gekonnte Anpassung an die veränderten Bedürfnisse in Verbindung mit einer energetischen Sanierung und dem respektvollen Umgang mit dem Bestand hat einen flexiblen und zeitgemäßen Veranstaltungsort entstehen lassen.
Belüftung und Lichtkonzept
Ein weiteres Highlight des revitalisierten CCH ist das Belvedere – ein lichtdurchfluteter Raum, der nicht nur ästhetisch beeindruckt, sondern auch für natürliche Belüftung sorgt. Die Halle kann dank dieser intelligenten natürlichen Belüftung weitestgehend auf technische Unterstützung verzichten. Ein besonderer Blickfang ist der zentrale Kronleuchter, der von den Architekten entworfen und von der Firma Sattler Lighting gefertigt wurde.
Die dreiteilige Struktur und Funktionalität
Nach der Revitalisierung gliedert sich der Gebäudekomplex räumlich und organisatorisch in drei Bereiche: "Ost, Mitte und West". Diese Bereiche sind über getrennte Zu- und Abgänge für die Teilnehmer erreichbar, was einen parallel stattfindenden Veranstaltungsbetrieb ermöglicht. Der Veranstaltungs-, Tagungs- und Kongressbetrieb sieht eine Vielzahl verschiedener, gleichzeitig und voneinander unabhängig stattfindender Veranstaltungen vor, deren Umfang nur durch den Platzbedarf der Veranstaltungen selbst eingeschränkt wird.
Der Ostteil
Der Ostteil wurde als einziger Komplex neu erbaut und umfasst auf vier Etagen Breakout Rooms, Foyers und einen neuen Saal. Dieser Teil bietet moderne und flexible Veranstaltungsflächen, die den aktuellen Anforderungen entsprechen.
Der Mittel- und Westbau
Mittel- und Westbau wurden denkmalgerecht saniert und erweitert, um die historische Bausubstanz zu erhalten und gleichzeitig die Funktionalität zu verbessern. Diese Teile des Gebäudes verbinden die historische Entwicklung des CCH mit den modernen Anforderungen an einen Kongressort.
Barrierefreiheit und Zugänge
Ein wesentlicher Aspekt der Revitalisierung war die Schaffung barrierefreier Zugänge. Der weiterhin als Ausstellungs- und Veranstaltungsfläche genutzte Vorplatz des CCH wurde als barrierefreier Zugang vom Dammtorbahnhof gestaltet und als Entree zu den anliegenden Parks städtebaulich aufgewertet. Mit dem Rückbau des Vorfahrtbauwerks und der parallel zur Bahntrasse über die Tiergartenstraße verlaufenden Zuwegung entstand ein neuer Platz für Grünflächen und eine Verbindung zwischen dem Bahnhofsvorplatz, dem Botanischen Garten und dem Park "Planten un Blomen".
Kostenexplosion und Kritik
Das Revitalisierungsprojekt des CCH entwickelte sich zu einem der teuersten Bauprojekte Hamburgs mit erheblichen Kostensteigerungen. Ursprünglich war für die Sanierung des Gebäudes ein Budget von rund 194 Millionen Euro eingeplant. Doch im Zuge der Bauarbeiten ergaben sich immer wieder unerwartete Kosten, die zu erheblichen Mehrforderungen führten.
Bekannte Mehrkosten
Die Bürgerschaft genehmigte bereits zusätzliche 36 Millionen Euro für das Projekt. Norbert Hackbusch, finanz- und haushaltspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE in der Hamburgischen Bürgerschaft, kritisierte diese Entwicklung scharf: "Und auf einmal werden 50.000 Kubikmeter Asbestschrott, jede Menge Rost hinter der Glasfassade und Streusalzschäden in der Tiefgarage ,entdeckt' – schwer vorstellbar, dass diese riesigen Schäden den beteiligten Unternehmen und Gutachtern erst so plötzlich aufgefallen sein sollen."
Hackbusch vermutet, dass die Projektbeteiligten das Ausmaß der tatsächlichen Schäden und damit der Zusatzkosten zurückgehalten haben: "Ich vermute eher, dass die Projektbeteiligten – wie so häufig – das Ausmaß der tatsächlichen Schäden und damit der Zusatzkosten zurückhalten wollten. Bei dieser Salamitaktik ist zu befürchten, dass die nun bekannt gewordenen Mehrkosten von 36 Millionen Euro auch nicht ausreichen werden."
Weitere Kostensteigerungen
Aufgrund von coronabedingten Verzögerungen sollen Angaben des Hamburger Senats zufolge noch einmal 6,2 Millionen Euro Kostenaufwand hinzukommen. Damit belaufen sich die Gesamtkosten auf über 236 Millionen Euro, was einer Steigerung von über 20 Prozent gegenüber dem ursprünglichen Plan entspricht.
Kritik der Rechnungsprüfung
Die Kritik am Projekt beschränkt sich nicht nur auf die Kostensteigerungen, sondern auch auf die Transparenz des Projekts. Der Landesrechnungshof Hamburg kritisierte in seinem Bericht "überhöhte und nicht transparente Kosten" und warf den Projektverantwortlichen vor, nicht ausreichend über die tatsächlichen Kosten und Risiken aufzuklären. Der Senatsanspruch des "kostenstabilen Bauens" steht damit in starkem Widerspruch zur Entwicklung des Projekts.
Bauverzögerungen und Zeitplan
Neben den Kostenproblemen litt das CCH-Renovierungsprojekt auch unter erheblichen Bauverzögerungen. Bereits seit Ende 2016 ist das Congress Center Hamburg für die Grundsanierung geschlossen. Die eigentliche Wiedereröffnung war für den Sommer 2019 angesehen, doch bis heute ist der großzügige Gebäudekomplex eine Baustelle.
Der ursprüngliche Zeitplan
Der ursprüngliche Plan sah vor, dass die Sanierung des CCH etwa drei Jahre dauern und 2019 abgeschlossen werden würde. Dieser Zeitplan basierte auf einer Standardplanung für ein Gebäude dieser Größe und Komplexität.
Die Verzögerungen in der Praxis
Die Realität sah jedoch anders aus. Die Bauarbeiten erwiesen sich als weitaus komplexer als ursprünglich angenommen. Dies lag nicht nur an den unerwarteten baulichen Problemen wie Asbestschrott und Korrosionsschäden, sondern auch an den Herausforderungen, ein denkmalgeschütztes Gebäude zu modernisieren, ohne seinen Charakter zu verlieren.
Auswirkungen der COVID-19-Pandemie
Die COVID-19-Pandemie führte zu weiteren Verzögerungen. Lieferengpässe, Quarantänemaßnahmen und eingeschränkte Baustellenbetriebe bremsten die Fortschritte des Projekts zusätzlich. Der Senat rechnet damit, dass die pandemiebedingten Verzögerungen zu den bereits bekannten Kostensteigerungen führen werden.
Aktueller Stand
Obwohl die Übergabe des "Bauteil West" erst im Oktober 2021 erfolgen sollte, rechnet der Senat bereits ab dem 22. September 2021 mit der ersten Veranstaltung in dem sanierten Center. Diese enge zeitliche Abfolge zwischen Fertigstellung und Inbetriebnahme zeigt den Druck, unter dem das Projekt steht, und die Notwendigkeit, die langen Schließzeiten des CCH so schnell wie möglich beenden zu müssen.
Fazit
Die Revitalisierung des Congress Center Hamburg ist ein exemplarisches Beispiel für die Herausforderungen, die bei der Sanierung großer und denkmalgeschützter Gebäudekomplexe entstehen können. Einerseits gelang es den Architekten und Planern, ein visionäres Konzept zu entwickeln, das das historische Ensemble mit modernen Anforderungen an Nachhaltigkeit, Funktionalität und Ästhetik verbindet. Andererseits offenbart das Projekt die erheblichen Risiken und Unsicherheiten, die bei solchen Großprojekten auftreten können.
Die Kostensteigerungen von über 40 Millionen Euro und die jahrelangen Verzögerungen stellen eine erhebliche Belastung für den Haushalt der Freien und Hansestadt Hamburg dar und werfen Fragen nach der Planungssicherheit und Transparenz solcher Projekte auf. Gleichzeitig ist das revitalisierte CCH ein wichtiger Schritt für Hamburgs Position im internationalen Kongressgeschäft und wird nach seiner Fertigstellung als modernster Veranstaltungsort Europas gelten.
Die Erfahrung mit dem CCH-Renovierungsprojekt zeigt, dass bei denkmalgeschützten Großbauten besondere Sorgfalt bei der Planung und Kostenschätzung erforderlich ist. Die Balance zwischen Erhalt des kulturellen Erbes und Modernisierung für die Zukunft stellt eine anspruchsvolle Aufgabe dar, die nur durch transparente Planung und realistische Risikoeinschätzung gemeistert werden kann.