Einleitung
Die Sanierung des Marineschulschiffs "Gorch Fock" entwickelte sich zu einem der größten Bauprojektekandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Was als eine geplante Instandsetzung für rund 9,6 Millionen Euro beginnen sollte, endete mit Kosten von 135 Millionen Euro und dem Konkurs der verantwortlichen Werft. Dieser Fall bietet wertvolle Einblicke in Missmanagement, Korruption und die Risiken von Bauprojekten im öffentlichen Sektor. Die Ereignisse rund um die Gorch Fock sind nicht nur eine interessante Fallstudie, sondern auch eine wichtige Lehre für alle Beteiligten im Baubereich – von Bauherren über Handwerker bis zu Projektmanagern.
Das Ausgangsprojekt und Zeitplan
Die Deutsche Marine beauftragte die Elsflether Werft im Jahr 2016 mit der Instandsetzung des Marineschulschiffs "Gorch Fock". Der Dreimaster sollte innerhalb von rund vier Monaten ertüchtigt werden. Das Schiff war ein wichtiges Ausbildungsschiff für Marinekadetten, und die Arbeiten sollten ursprünglich zügig vorangehen.
Die Arbeiten an der "Gorch Fock" begannen im Januar 2016. Ursprünglich war eine kurze Dauer von nur vier Monaten geplant. Doch schnell zeigten sich erste Verzögerungen. Die Marine hatte die Werft mit der Instandsetzung mehrerer Schiffe und Boote beauftragt, wobei die "Gorch Fock" eines der Hauptprojekte war.
Die Bedeutung des Schiffs für die Marine wurde von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen unterstrichen, als sie im Juni 2019 erklärte: "Heute ist ein ganz wichtiger Tag für die Marine und natürlich für unser Schulsegelschiff 'Gorch Fock'."
Kostenexplosion und Budgetprobleme
Die ursprünglich veranschlagten Kosten für die Sanierung beliefen sich auf 9,6 Millionen Euro. Doch diese Summe schnellte in die Höhe. Die Ermittler stellten später fest, dass die Kosten von den ursprünglichen 9,6 Millionen Euro auf 135 Millionen Euro stiegen. Das damals von Ursula von der Leyen (CDU) geführte Bundesverteidigungsministerium räumte erhebliche Fehler ein.
Die Gründe für diese Kostenexplosion waren vielfältig. Laut einer Studie des Beschaffungsamts lägen die Kosten eines tatsächlichen Neubaus bei rund 170 Millionen Euro. Die Tauglichkeit dieser Studie wurde jedoch im Nachhinein in Frage gestellt. Ein späterer Prüfbericht belegte zudem, dass schon damals im Ministerium ein Abbruch der Sanierung thematisiert und die Werft als "bereits jetzt überfordert" bezeichnet wurde. Informationen, die laut Aussage Verteidigungsministerin von der Leyen vorenthalten worden sein sollen.
Verteidigungsministerin von der Leyen verglich die Situation mit einem alten, sanierungsbedürftigen Haus: "Mit der Gorch Fock ist es wie mit einem alten, sanierungsbedürftigen Haus: Wir wollten erst Weniges reparieren, dann haben wir hinter die Planken geguckt, und dann stellt man fest, dass sie grundsaniert werden muss. Bis auf den Kiel muss fast alles ersetzt werden."
Tatsächlich wurde am Ende von einem faktischen Neubau gesprochen – 95 Prozent des Schiffs sollte erneuert werden. Diese Umstellung von einer Instandsetzung zu einem fast vollständigen Neubau trug maßgeblich zur Kostenexplosion bei.
Die Insolvenz der Elsflether Werft
Die Probleme bei der Sanierung der "Gorch Fock" führten im Februar 2019 zur Insolvenz der Elsflether Werft AG. Die Insolvenz war das Ergebnis von Unregelmäßigkeiten und Missmanagement rund um das Sanierungsprojekt.
Offenlich sollen in der Vergangenheit Millionen an externe Firmen geflossen sein. Doch hohe Summen, die die Bundeswehr für die Reparatur des Schiffes bereits bezahlt hatte, wurden anscheinend nicht an die Auftragnehmer weitergeleitet. Dies führte zu einem Zahlungstopp seitens des Verteidigungsministeriums.
Ende Januar 2019 war der Vorstand der Elsflether Werft entlassen worden, nachdem die Staatsanwaltschaft wegen Verdachts auf Untreue ermittelt hatte. Im Februar folgte dann die Insolvenzmeldung.
Die Insolvenz hatte weitreichende Folgen. Der 60. Geburtstag des Schiffs wurde nicht wie geplant groß gefeiert. Übergangsweise musste die Marine auf das rumänische Großsegler "Mircea" ausweichen, ein fast baugleiches Schwesterschiff der Gorch Fock, um die Ausbildung der angehenden Offiziere aufrechtzuerhalten.
Korruptionsskandal und rechtliche Konsequenzen
Die Unregelmäßigkeiten führten zu umfangreichen Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Osnabrück. Ende 2018 begann die Ermittlung wegen möglicher Vorteilsnahme und Bestechlichkeit gegen einen Marine-Mitarbeiter. Es wurde eine Sonderkommission "Wasser" eingerichtet, die mit 15 Ermittlern das Beziehungsgeflecht zwischen der Werft, Subunternehmern in der Region und der Marine durchleuchtete.
Die Ermittler werteten mehr als 14 Terabyte Daten und 1450 Aktenordner aus. Bei der Staatsanwaltschaft Osnabrück waren bis zu vier Staatsanwälte und eine Wirtschaftsreferentin zeitgleich mit dem Verfahren befasst.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Ex-Managern der Elsflether Werft vor, über Jahre insgesamt 19,5 Millionen Euro aus der Firma gezogen und an andere Unternehmen weitergeleitet zu haben. Weitere 7,2 Millionen Euro sollen durch Aufträge für die Bundesmarine gemacht worden sein. Insbesondere sollen die Manager Subunternehmern 15 Prozent Preisnachlass abgepresst haben, diese Rabatte aber nicht an die Marine weitergegeben zu haben.
Einem Bericht der Staatsanwaltschaft zufolge wurden im Namen der Werft systematisch fehlerhafte Abrechnungen für die Leistungen der Subunternehmer an das Marinearsenal in Wilhelmshaven erstellt und weitergegeben. Dabei habe die Werft von den Subunternehmern Preisnachlässe von rund 15 Prozent in Form von Gutschriften eingefordert – diese seien aber nicht an das Marinearsenal weitergegeben worden. Laut Anklage beziffert sich der Gesamtschaden auf rund 7,2 Millionen Euro - davon entfallen lediglich 250.000 Euro auf die "Gorch Fock".
Einem der angeklagten Ex-Manager, einem ehemaligen Kostenprüfer (67) des Marinearsenals in Wilhelmshaven, wird vorgeworfen, von den Chefs der Elsflether Werft mit zwei Darlehen über je 400.000 Euro "geschmiert" worden zu sein. Dieser Mitarbeiter hatte sich 2018 selbst angezeigt.
Der Betrugs- und Korruptionsprozess startete im April und sollte den Skandal um die Reparaturkosten für die "Gorch Fock" sowie zehn weitere Instandsetzungsprojekte aufklären. In dem Verfahren ging es unter anderem um Korruption, Betrug, Untreue und Bestechlichkeit.
Ursprünglich standen sechs Angeklagte vor Gericht: zwei Ex-Vorstände, eine Prokuristin, ein Kostenprüfer des Marinearsenals, ein Ex-Chef eines früheren Subunternehmens und eine frühere Angestellte dieser Firma. Ein Verfahren gegen einen weiteren Mann trennte das Gericht noch vor Prozessbeginn ab, weil er krank ist. Am Ende standen nur noch ein Ex-Vorstand und die ehemalige Prokuristin vor Gericht.
Im Falle einer Verurteilung drohen den beiden Ex-Managern bis zu zehn Jahre Haft.
Übernahme durch die Lürssen-Werft und Fertigstellung
Nach der Insolvenz der Elsflether Werft musste die Sanierung der "Gorch Fock" neu vergeben werden. Im Oktober 2019 wurde bekannt, dass das Bremerhavener Segelschulschiff "Alexander von Humboldt II" übergangsweise Ersatz für die "Gorch Fock" der Marine sein soll. Die Bundeswehr wollte an Bord des Schiffes insgesamt rund 200 Kadetten ausbilden.
Am 28. Oktober 2019 gab die Bremer Lürssen-Werft bekannt, die insolvente Elsflether Werft gekauft zu haben. Der Kaufpreis soll bei 3,57 Millionen Euro liegen. Laut IG-Metall sollen alle 130 Beschäftigten übernommen werden. Der Verkauf wurde jedoch erst nach Zustimmung des Gläubigerausschusses sowie der Deutschen Marine als öffentlicher Auftraggeber der Sanierung wirksam.
Am 30. Oktober 2019 stimmten sowohl der Gläubigerausschuss als auch das Bundesverteidigungsministerium dem Verkauf zu. Der Rumpf des Segelschulschiffs "Gorch Fock" wurde daraufhin über die Weser zu einem Gelände der Bremer Lürssen-Werft in Berne geschleppt.
Die ursprünglich für Herbst 2020 geplante Fertigstellung wurde später auf Ende 2020 verschoben. Ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums nannte als genaues Datum den 22. Dezember 2020. Das Training der Marinekadetten auf dem Segelschulschiff sollte 2021 wieder aufgenommen werden.
Die Bremer Lürssen-Werft stellte die "Gorch Fock" letztlich fertig, nachdem die Arbeiten an dem Schiff mehr als fünfeinhalb Jahre gedauert hatten – deutlich länger als die ursprünglich geplanten vier Monate.
Lehren für Bauprojekte
Der Fall der Gorch Fock Sanierung bietet wichtige Lehren für alle am Baubereich Beteiligten:
Transparenz und Kommunikation: Die mangelnde Transparenz zwischen der Werft, dem Auftraggeber und den Subunternehmern trug maßgeblich zu den Problemen bei. Klare Kommunikationsstrukturen und regelmäßige Berichte sind essenziell.
Vertragskontrolle: Das Verteidigungsministerium hat die Verträge und Abrechnungen nicht ausreichend kontrolliert. Unabhängige Prüfungen hätten die Kostenexplosion möglicherweise früher aufgedeckt.
Subunternehmermanagement: Die Abhängigkeit von Subunternehmern ohne ausreichende Kontrolle führte zu überhöhten Kosten. Ein transparentes Management von Subunternehmen ist essenziell.
Planungssicherheit: Die ursprüngliche Planung war unrealistisch und berücksichtigte den tatsächlichen Zustand des Schiffs nicht ausreichend. Eine realistische Einschätzung des Arbeitsaufwands ist entscheidend.
Risikomanagement: Die Risiken des Projekts wurden nicht adäquat bewertet. Ein umfassendes Risikomanagement hätte möglicherweise die finanziellen und zeitlichen Probleme verhindert.
Korruptionsprävention: Der Fall zeigt, wie wichtig strenge Kontrollen und klare Richtlinien zur Vermeidung von Korruption sind, insbesondere bei öffentlichen Aufträgen.
Fazit
Die Sanierung der "Gorch Fock" entwickelte sich zu einem der größten Bauprojektekandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Was als eine geplante Instandsetzung für rund 9,6 Millionen Euro beginnen sollte, endete mit Kosten von 135 Millionen Euro und dem Konkurs der verantwortlichen Elsflether Werft.
Die Dauer der Arbeiten verlängerte sich von den geplanten vier Monaten auf über fünfeinhalb Jahre. Die Insolvenz der Werft führte zu erheblichen Verzögerungen und letztlich zur Übernahme durch die Lürssen-Werft.
Der Fall zeigt, wie wichtig eine sorgfältige Planung, transparente Kommunikation und strenge Kontrolle von Bauprojekten sind. Besonders im öffentlichen Sektor, wo Steuergelder eingesetzt werden, sind diese Aspekte von entscheidender Bedeutung. Der Korruptionsskandal rund um die Elsflether Werft unterstreicht zudem die Notwendigkeit wirksamer Mechanismen zur Vermeidung von Bestechlichkeit und Vorteilnahme.
Die Gorch Fock Sanierung dient als Warnsignal für alle Beteiligten im Baubereich. Sie zeigt, wie schnell ein Projekt aus dem Ruder laufen kann und welche schwerwiegenden Folgen das haben kann – finanziell, zeitlich und rechtlich.