Einleitung
Die Huntebrücken in Niedersachsen stehen vor grundlegenden Erneuerungen, die für die regionale Infrastruktur von entscheidender Bedeutung sind. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Brückenprojekte: die Autobahnbrücke der A29 bei Oldenburg und die Eisenbahnbrücke bei Elsfleth. Beide Bauwerke sind über 40 Jahre alt und entsprechen nicht mehr den Anforderungen an modernen Verkehr, Sicherheit und Kapazität. Während das Neubauvorhaben in Oldenburg auf eine sechsjährige Bauzeit bis 2029 ausgelegt ist, soll die Eisenbahnbrücke in Elsfleth bereits Ende 2027 oder Anfang 2028 fertiggestellt werden. Die Projekte werfen jedoch auch Fragen auf bezüglich der Finanzierung, der Planungshistorie und der Notwendigkeit frühzeitiger Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur.
Die Autobahnbrücke bei Oldenburg
Aktueller Zustand und Notwendigkeit der Erneuerung
Die Autobahnbrücke der A29 bei Oldenburg wurde 1978 errichtet und ist 441 Meter lang. Läßt den Quellen zufolge kann diese Brücke die für die Zukunft prognostizierten Verkehrsbelastungen nicht mehr aufnehmen. Sie wird daher vollständig zurückgebaut und anschließend neu errichtet. Das Projekt ist Teil einer umfassenden Grunderneuerung der Autobahn A29, die einen rund drei Kilometer langen Abschnitt je Fahrtrichtung umfasst. In diesem Bereich befinden sich zwei Bauwerke: die Huntebrücke sowie die Unterführung der Landesstraße 886 (Bauwerk Oldenburg-Hafen), die ebenfalls erneuert wird.
Die Unterführung der Landesstraße 886 wurde bereits 1976 errichtet und ist ebenfalls nicht mehr dem aktuellen technischen Stand entsprechend. Für diese baulichen Maßnahmen ist eine Gesamtbauzeit von circa sechs Jahren vorgesehen, was bedeutet, dass das Projekt voraussichtlich im Jahr 2029 abgeschlossen sein wird.
Technische Spezifikationen des Neubaus
Die neuen Maße der Huntebrücke in Oldenburg werden sich laut den Planungen nicht grundlegend ändern. Die neue Brücke wird ebenfalls 441 Meter lang, 31 Meter breit und knapp 30 Meter hoch sein. Die größte sichtbare Veränderung betrifft jedoch die Brückenpfeiler: Statt der aktuell 36 Einzelpfeiler wird es zukünftig nur noch 14 Pfeiler geben. Dabei werden jeweils zwei Pfeiler zu einer V-Form zusammengefasst. Diese Veränderung soll die Stabilität und das Erscheinungsbild des Bauwerks verbessern.
Der Geh- und Radweg, der sich auf der westlichen – der Stadt zugewandten – Seite unterhalb der Fahrbahn befindet, wird an gleicher Stelle wieder errichtet. Dies stellt die Fortführung der bisherigen Fuß- und Radverkehrsverbindung sicher.
Die Eisenbahnbrücke bei Elsfleth
Unfallhistorie und aktuelle Situation
Die Eisenbahnbrücke über die Hunte bei Elsfleth hat in den letzten Monaten zwei schwere Unfälle erlebt. Im Februar 2024 prallte ein Binnenschiff gegen die Brücke, und am 23. Juli 2024 ereignete sich ein weiterer Vorfall, als ein Tankschiff gegen das Bauwerk prallte. Bei beiden Havarien wurden die Eisenbahnbrücke und die Oberleitungen so stark beschädigt, dass der Zugverkehr vorübergehend eingestellt werden musste.
Aktuell wird eine provisorische Brücke genutzt, die jedoch erhebliche Einschränkungen mit sich bringt. Da sich diese Behelfsbrücke nicht öffnen lässt, können nur flache Binnenschiffe unter ihr hindurchfahren. Für höhere Schiffe oder Seeschiffe reicht die Höhe nicht aus. Dies stellt ein erhebliches Problem für die Häfen links der Weser dar, die auf diese Anbindung angewiesen sind.
Planungen für den Neubau
Der Neubau der Eisenbahnbrücke bei Elsfleth soll schneller als bisher angenommen beginnen. Ziel ist eine Inbetriebnahme der Brücke bereits Ende 2027 oder Anfang 2028. Um Zeit und Ressourcen zu sparen, soll in Elsfleth eine Art Duplikat der momentan im Bau befindlichen Friesenbrücke über die Ems bei Weener entstehen. Ein entsprechender Antrag dazu soll laut Quelle 3 noch im Herbst beim Eisenbahn-Bundesamt eingereicht werden.
Für den Neubau kommen grundsätzlich drei Varianten in Betracht:
- Ein 1:1-Ersatz der alten Brücke mit entsprechend geringen Durchfahrmaßen für die Schiffe
- Eine größere Klappbrücke (Doppelscherzer), die bessere Maße für die Wasserstraße hätte
- Eine Kopie der Friesenbrücke ("Friesenbrücke 2.0"), die ebenfalls durch bessere Maße für die Wasserstraße zu mehr Sicherheit führen würde und am schnellsten umsetzbar wäre
Technische Verbesserungen des Neubaus
Die neue Brücke soll nach Angaben der Deutschen Bahn 1,93 Meter höher sein als das alte Bauwerk. Dadurch müsse sie seltener für Schiffe geöffnet werden. Außerdem soll die Fahrrinne auf mindestens 42 Meter verbreitert werden, was die Schifffahrt erheblich erleichtert.
Die geplante Bahntrasse soll leicht versetzt zur aktuellen provisorischen Brücke verlaufen. Dadurch könne der Bahnverkehr parallel zu den Arbeiten an der neuen Brücke weiterlaufen, was die Beeinträchtigungen für den Fahrgastverkehr minimieren soll.
Finanzierung des Projekts
Die Finanzierung des Ersatzneubaus der Eisenbahnbrücke bei Elsfleth ist bereits weitgehend geklärt. Die Landtagsabgeordneten Karin Logemann (SPD) und Björn Thümler (CDU) berichten, dass das Land den Restanteil von zehn Prozent für die Finanzierung mit einer weiteren Förderung in Höhe von 75 Prozent beziehungsweise 460.000 Euro aus originären Landesmitteln abgedeckt hat.
Darüber hinaus ist auch die Frage der Finanzierung des Radwegs über die neue Brücke geklärt: Seitens des Landes werden Mittel aus dem Sonderprogramm "Stadt und Land" für die Kommunen bereitgestellt. Damit werden 90 Prozent der Kosten gesichert. Eine weitere Förderung aus dem Wirtschaftsfonds soll dafür sorgen, dass der kommunale Anteil sehr gering bleibt, was in der Region positiv aufgenommen wird.
Kritik an der bisherigen Infrastrukturpolitik
Verspätete Investitionsentscheidungen
Konkret hätte die Deutsche Bahn schon vor gut zehn Jahren mit den Vorbereitungen für einen Neubau der Eisenbahnbrücke bei Elsfleth beginnen müssen, als die altersbedingte Störanfälligkeit der Brücke zunahm. Dies wurde jedoch bewusst unterlassen, weil offenbar die ständigen Reparaturen betriebswirtschaftlich billiger waren und niemand das nötige Geld aufbringen wollte. Gleichzeitig war allen Verantwortlichen seit langer Zeit bekannt, dass das Verkehrsaufkommen über die Brücke durch Taktverdichtungen im Personenverkehr und zusätzliche Güterzüge unter anderem zum Jade-Weser-Port stark zunehmen würde.
Vernachlässigte Streckeninfrastruktur
Nicht nur die Brücke wurde laut Kritikern vernachlässigt: Auf dem Abschnitt Oldenburg – Hude wurden in den vergangenen Jahren sogar Weichen ausgebaut, was die Kapazität und Flexibilität der Strecke reduzierte. Gleichzeitig ist dieser störanfälligste Abschnitt der Verbindung Wilhelmshaven – Oldenburg – Bremen der einzige, der immer noch nicht für Gleiswechselbetrieb ausgelegt ist. Das bedeutet, die Züge können nicht beide Gleise flexibel in beide Richtungen befahren. Damit hätten wenigstens die Zugausfälle weitgehend vermieden werden können.
Auswirkungen auf den regionalen Verkehr
Die Oldenburger Industrie- und Handelskammer (IHK) kritisiert, dass derzeit keine Fernverkehrszüge nach Oldenburg fahren. "Das ist für die Tourismusregion eine Katastrophe", sagte IHK-Verkehrsexperte Felix Jahn. "Das muss der letzte Warnschuss sein." Die IHK fordert seit Jahren, dass die 70 Jahre alte Huntebrücke neu gebaut wird. Bislang ist das von der Deutschen Bahn und DB InfraGO nicht geplant, weil andere Baustellen, wie beispielsweise die Friesenbrücke in Weener (Landkreis Leer) oder die Huntebrücke in Elsfleth (Landkreis Wesermarsch) Priorität hätten.
Der Fahrgastverband ProBahn kritisiert ebenfalls, dass deutlich weniger Züge zwischen Oldenburg und Bremen fahren. Schon jetzt sind laut Sprecher Malte Diehl die verbleibenden Züge überfüllt. Bei Großveranstaltungen, wie den Weihnachtsmärkten in Oldenburg und Bremen, könnten die Züge dann so voll werden, dass sie geräumt werden müssen, sagte er dem NDR Niedersachsen.
Planungs- und Finanzierungsprozesse
Wirtschaftlichkeitsprüfung und Ausschreibungsverfahren
Die Beteiligten waren sich einig, dass ein Ersatzneubau der Huntebrücke ergebnisoffen durch eine Wirtschaftlichkeitsprüfung abgesichert werden muss, um unabhängig von der weiteren Haushaltsaufstellung beim Bund die Finanzierung zu sichern. Dieser Aufgabe stellt sich noch in diesem Jahr eine "Arbeitsgruppe Wirtschaftlichkeitsprüfung". Parallel müssen bereits jetzt die Ausschreibungsverfahren für die variantenneutralen bauvorbereitenden Maßnahmen angegangen werden, damit die Planungen beginnen und die Arbeiten vor Ort schnell gestartet werden können, wenn der Bund die Mittel für die Deutsche Bahn freigibt.
Die Deutsche Bahn hat zudem in der vergangenen Woche die Genehmigungsunterlage beim Eisenbahn-Bundesamt eingereicht, um das Vorhaben "Ersatzneubau Eisenbahnüberführung Elsfleth über die Hunte" ins Planfeststellungsverfahren zu bringen.
Politische Koordination
Seit der ersten Havarie hat Wirtschafts- und Verkehrsminister Olaf Lies regelmäßig zu einer Runde mit den Vertretern von Bund, Land, Kommunen und der Bahn eingeladen. Ziel ist ein abgestimmter Weg, der jeweils zu zügigen Lösungen geführt hat, und dies soll auch für den Neubau gelten. Die politische Koordination wird als entscheidend angesehen, um die verschiedenen Interessen und Zuständigkeiten zu bündeln und die Umsetzung der Projekte voranzutreiben.
Fazit
Die Neubauvorhaben der beiden Huntebrücken in Niedersachsen sind dringend erforderliche Maßnahmen zur Sicherung der Verkehrsinfrastruktur in der Region. Während die Autobahnbrücke in Oldenburg auf eine längere Bauzeit bis 2029 ausgelegt ist, soll die Eisenbahnbrücke in Elsfleth bereits Ende 2027 oder Anfang 2028 fertiggestellt werden. Beide Projekte stellen erhebliche technische Herausforderungen dar und erfordern umfangreiche Planungs- und Finanzierungsanstrengungen.
Die Kritik an der bisherigen Infrastrukturpolitik ist jedoch berechtigt: Die verspäteten Investitionsentscheidungen und die Vernachlässigung der Streckeninfrastruktur haben zu erheblichen Beeinträchtigungen im Personen- und Güterverkehr geführt. Die Auswirkungen auf die regionale Wirtschaft und die Lebensqualität der Anwohner sind bereits jetzt spürbar und werden sich ohne zeitnahe Umsetzung der Neubauprojekte weiter verschärfen.
Die nun eingeleiteten Maßnahmen zur Finanzierung und Planung sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt jedoch abzuwarten, ob die ambitionierten Zeitpläte eingehalten werden können und ob die neuen Bauwerke tatsächlich die notwendige Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur bringen, die die Region dringend benötigt.