Sanierung der Kapelle Mariatal: Von der romanischen Klosterkirche zum barocken Kleinod

Einleitung

Die Kapelle St. Maria und Nikolaus im kleinen Weiler Mariatal bei Weißenau ist ein historisches Kleinod mit über 800 Jahren Geschichte. Ursprünglich als Frauenkloster des Prämonstratenser-Ordens im 12. Jahrhundert gegründet, entwickelte sich das Gotteshaus über die Jahrhunderte von einer einfachen romanischen Kirche zu einem prunkvollen Barockbau. Die jüngste, umfassende Sanierung zwischen 2017 und 2021 verhalf dem Bauwerk, das in die Jahre gekommen war, wieder zu altem Glanz. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung der Kapelle, ihre architektonischen Besonderheiten und die jüngste aufwendige Sanierungsmaßnahme, bei der nicht nur bauliche Mängel behoben, sondern auch die historische Substanz des Gebäudes gesichert wurde.

Historische Entwicklung

Die Geschichte der Kapelle Mariatal reicht bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück. Um 1156, wenige Jahre nach der Stiftung des Prämonstratenserstifts Weißenau im Jahr 1145, gelangte das nahegelegene Gut Maisental in den Besitz des Klosters. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Gut 1172 als "Maisuntale" (Maisental), was "Tal der Meisen" bedeutet und auf die auffällige Anzahl dieser Vögel in der Region hindeutet. Eine alternative, jedoch weniger wahrscheinliche Deutung sieht eine Anknüpfung an das althochdeutsche Wort Maiß (= "Waldstück, das zur Abholzung bestimmt ist").

Im 13. und 14. Jahrhundert erschien in Schriften auch der Name "Maidental", abgeleitet vom Wort "Maid" für "Nonne". In dieser Zeit befand sich in Maisental ein Frauenkloster des Prämonstratenser-Ordens, das an den Männerkonvent des Klosters Weißenau angeschlossen war. Die Prämonstratenserinnen, die dort lebten, beklagten sich darüber, für die Stiftsherren in Weißenau die Wäsche besorgen zu müssen. Aus diesem Grund stiftete Welf VI. die Kirche St. Christina dem Kloster Weißenau, aus dessen Abgaben die Frauen ihren Lebensunterhalt bestreiten und sich nicht mehr durch niedere Arbeit beschmutzen mussten.

Eine entscheidende Wende in der Geschichte des Ortes geschah im Jahr 1632, als der Weißenauer Abt Johann Christoph I. Härtlin die Erneuerung des vernachlässigten Kirchleins verfügte und die Umbenennung von Maisental in Mariental anordnete. Die Blütezeit der Kapelle begann jedoch erst mit der Wallfahrt zur "Maria Tallensis". Abt Anton I. Unold (1697-1765, Reichsabt OPraem 1724-1765) ließ einen neuen Hochaltar errichten und schuf hier einen Ehrenplatz für das Gnadenbild der "Maria Tallensis". Das Hochaltarbild hatte er 1728 in Stuhlweißenburg (heute: Székesfehérvár, Ungarn) erworben und nach Weißenau gebracht, um einen Marienwallfahrtsort zu schaffen. Zeitgleich mit der Aufstellung des Bildes wurde der Weiler von Mariental in Mariatal umbenannt, was seit 1728 der offizielle Ortsname ist.

Das Gnadenbild ist eine Kopie einer Marienstatue aus Marianka (Ungarn), die aus Lindenholz gefertigt und in prächtige Gewänder gekleidet ist. Die Verehrung dieses Bildes steht in Zusammenhang mit einer wundersamen Quelle, in der sich um 1330 ein Marienbild gefunden haben soll, das Augenleiden heilt. Marianka war eines der drei großen Marienheiligtümer in der Donaumonarchie, neben Mariazell und Czenstochau.

Architektonische Merkmale

Die heutige Kapelle Mariatal präsentiert sich äußerlich im barocken Stil, ihr Kern ist jedoch wesentlich älter. Das Kirchenschiff ist von romanischem Ursprung, was an einem freigelegten Fenster im Inneren bei der Orgelempore unschwer zu erkennen ist. Im 18. Jahrhundert wurde die romanische Kirche innen und außen qualitvoll barockisiert, was ihr das heutige Erscheinungsbild verlieh.

Die künstlerische Gestaltung der umgestalteten Kirche übernahmen bedeutende Künstler der Zeit. Die Deckengemälde gestaltete Johann Gabriel Roth im Jahr 1727. Der Maler hatte von 1721 bis 1724 im Dienste der Grafen von Waldburg-Wolfegg gestanden und war wohl von diesen weiterempfohlen worden. Nach Abschluss seiner Arbeiten für die Grafen von Waldburg-Wolfegg wurde Roth vom Weißenauer Abt Anton I. Unold, der selbst aus Wolfegg stammte, verpflichtet. Der Abt beauftragte Roth mit verschiedenen Malerarbeiten in der Pfarrkirche St. Peter und Paul, in der Kapelle Mariatal und in der Oberzeller Pfarrkirche zur Schmerzhaften Muttergottes.

Die Gestaltung der Wandgemälde wurde hingegen dem deutsch-schweizerischen Maler Jacob Carl Stauder (1694-1756) übertragen. Er schuf 1738 die insgesamt 10 Wandgemälde in der Kapelle, die zeigen, wie auf die Fürsprache Mariens Heilung und Trost erfahren werden kann. Diese Kunstwerke sind bis heute bedeutende Bestandteile der Innenausstattung der Kapelle.

Die Kapelle befindet sich rund 600 Meter südlich des Münsters zu Weißenau, verbunden durch eine stimmungsvolle Allee. Die Weißenauer nennen sie liebevoll "Kapelle Mariatal", nach dem offiziellen Ortsnamen des kleinen, zu Weißenau gehörenden Weilers, wo das Kirchlein und der Friedhof liegen. Heute dient die Kapelle als Friedhofskapelle und Andachtsort.

Frühere Sanierungen

Die Geschichte der Kapelle Mariatal ist geprägt von wiederkehrenden Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen, die über die Jahrhunderte notwendig wurden, um den baulichen Zustand des Gotteshauses zu erhalten. Die erste dokumentierte Renovierung fand im Jahr 1904 statt, die jedoch nur eine von vielen Maßnahmen im Laufe der Zeit war.

Im Jahr 1930 konzentrierte sich die Sanierung auf den Glockenturm, der offensichtlich bauliche Mängel aufwies. Neun Jahre später, im Jahr 1939, erfolgte die Sanierung der Fassade, um das äußere Erscheinungsbild der Kapelle zu erhalten und zu erneuern. Ein weiterer wichtener Meilenstein in der Modernisierung der Kapelle war der Anschluss an das Stromnetz im Jahr 1948, der die Nutzung des Gebäudes für Gottesdienste und Veranstaltungen deutlich erleichterte.

In den Jahren 1975/76 und 1997/98 fanden weitere Renovierungsarbeiten statt, während denen immer wieder Spuren des alten romanischen Kerns der früheren Klosterkirche Maisental zum Vorschein kamen. Diese Entdeckungen unterstreichen die historische Bedeutung des Baus und verdeutlichen, dass bei jeder Sanierung Rücksicht auf die historische Bausubstanz genommen werden muss.

Im Jahr 1842 überließ der König von Württemberg der Kirchengemeinde Weißenau die Kirche Mariatal, während der Rest des Klosterareals in seinem Besitz blieb. Die Weißenauer sollten das Gotteshaus eigentlich abbrechen, entschieden sich aber für dessen Erhalt und pflegen dieses Kleinod seither mit großem Eifer.

Umfassende Sanierung 2017-2021

Die jüngste und umfassendste Sanierung der Kapelle Mariatal erfolgte in den Jahren 2017 bis 2021. In dieser Zeit wurde das in die Jahre gekommene Gotteshaus auf Initiative der Kirchengemeinde Weißenau mit Hilfe großzügiger privater Spendengelder und Mittel der Kirche für rund 1 Million Euro komplett saniert. Diese umfangreiche Maßnahme war notwendig geworden, da die Kapelle diverse bauliche Mängel aufwies, die nicht nur das Erscheinungsbild, sondern auch die Statik und Sicherheit des Gebäudes beeinträchtigten.

Zu den zentralen Aufgaben der Sanierung gehörte die Restaurierung des durch Fäulnis und Insektenfraß geschädigten Dachstuhls. Das tragende Holzgerüst des Daches war stark angegriffen und musste fachgerecht erneuert werden, um die Stabilität des gesamten Gebäudes langfristig zu sichern. Parallel dazu wurde das durchfeuchtete, von Algen besetzte Mauerwerk fachgerecht getrocknet und versiegelt, um weitere Feuchtigkeitsschäden zu verhindern.

Ein besonders dringliches Problem war die gelöste, abzustürzen drohende Deckenkonstruktion, die umgehend saniert werden musste, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten. Auch die Schiefstellung des Glockenturms, die sich über die Jahre entwickelt hatte, wurde behoben, um den Turm statisch zu stabilisieren und die Funktion der Glocken sicherzustellen.

Die Sanierungsarbeiten waren mit erheblichen Herausforderungen verbunden, da bei jedem Eingriff in die Bausubstanz Rücksicht auf die historische Bedeutung des Gebäudes genommen werden musste. Zahllose Details mussten dokumentiert, bewertet und bei der Sanierung berücksichtigt werden, um den historischen Charakter der Kapelle zu bewahren.

Nach Abschluss der Arbeiten im Jahr 2021 strahlt die Kapelle Mariatal wieder in altem Glanz und legt so Zeugnis ab vom einstigen Schwesternkonvent Maisenthal. Die Sanierung hat nicht nur den baulichen Zustand des Gotteshauses verbessert, sondern auch dazu beigetragen, die kulturelle und historische Bedeutung des Baudenkmals für zukünftige Generationen zu erhalten.

Technische Details und Herausforderungen

Die Sanierung der Kapelle Mariatal stellte die beteiligten Handwerker und Planer vor diverse technische Herausforderungen. Besonders komplex gestaltete sich die Sanierung des Dachstuhls, der durch Fäulnis und Insektenfraß stark geschädigt war. Hier mussten nicht nur die beschädigten Holzteile ersetzt, sondern auch die gesamte Statik des Daches überprüft und bei Bedarf verstärkt werden.

Ein weiteres Problem war das durchfeuchtete Mauerwerk, das bereits von Algen bewachsen war. Hier kam es darauf an, die Feuchtigkeit fachgerecht aus dem Mauerwerk zu extrahieren, ohne dabei die historischen Baustoffe zu beschädigen. Dafür wurden spezielle Trocknungsmethoden eingesetzt, die über einen längeren Zeitraum angewendet werden mussten, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen.

Besonders knifflig war die Sanierung der Deckenkonstruktion, die sich gelöst hatte und einzustürzen drohte. Hier mussten die Handwerker äußerst vorsichtig vorgehen, um die historischen Deckenmalereien von Johann Gabriel Roth aus dem Jahr 1727 nicht zu beschädigen. Gleichzeitig musste die Statik des Gewölbes sichergestellt werden, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten.

Die Schiefstellung des Glockenturms war eine weitere technische Herausforderung. Hier mussten Ingenieure und Statiker prüfen, wie der Turm wieder gerade gerichtet werden konnte, ohne die umliegende Bausubstanz zu schädigen. Die Lösung bestand darin, den Turm schrittweise zu richten und die Fundamente gleichzeitig zu verstärken.

Neben diesen größeren Herausforderungen gab es zahlreiche kleinere Aufgaben, die bei einer so umfassenden Sanierung zu bewältigen waren. Dazu gehörten unter anderem die Restaurierung der historischen Fenster, die Sanierung des Fußbodens, die Erneuerung der elektrischen Anlagen und die Restaurierung der Kirchenbänke.

Ein besonderes Augenmerk wurde auch auf die beiden Glocken der Kapelle gelegt. Die ältere Glocke "Maria und Nikolaus" wurde 1922 von der Gießerei Gebr. Ulrich in Apolda gegossen und hat den Schlagton as'' -9. Die jüngere Glocke "Avemaria" wurde 1978 von Bachert in Bad Friedrichshall-Kochendorf gegossen und hat den Schlagton c'''-5. Beide Glocken wurden während der Sanierung überprüft und instand gesetzt.

Fazit

Die Kapelle Mariatal ist einzigartiges Zeugnis der Bau- und Kirchengeschichte in der Region Ravensburg. Von ihren Anfängen als romanische Klosterkirche im 12. Jahrhundert über ihre barocke Umgestaltung im 18. Jahrhundert bis zur jüngsten umfassenden Sanierung von 2017 bis 2021 zeigt das Gotteshaus eindrucksvoll, wie historische Bausubstanz über Jahrhunderte bewahrt und gepflegt werden kann. Die jüngste Sanierung hat nicht nur dringende bauliche Mängele behoben, sondern auch dazu beigetragen, die kulturelle Bedeutung des Baudenkmals für zukünftige Generationen zu sichern. Die Kapelle Mariatal ist heute nicht nur ein wichtiger religiöser Ort, sondern auch ein geschätztes architektonisches Juwel, das für Besucher und Einheimische gleichermaßen von Bedeutung ist.

Quellen

  1. Kirchengemeinde Weißenau - Kapelle Mariatal
  2. HolidayCheck - Kapelle Mariatal komplett saniert
  3. Kloster Weißenau - Kapelle Mariatal

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