Einleitung
Die katholische Pfarrkirche St. Georg in St. Georgen im Schwarzwald stellt nicht nur ein wichtiges religiöses Zentrum dar, sondern auch ein architektonisches Wahrzeichen der Region. Besonders der 38,50 Meter hohe Kirchturm prägt gemeinsam mit dem Turm der Lorenzkirche die Silhouette der Bergstadt. Nach einer jahrelangen und komplexen Sanierungsmaßnahme, die als regelrechte Odyssee bezeichnet werden kann, ist der Turm nun fertiggestellt. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, Herausforderungen und den erfolgreichen Abschluss des aufwendigen Projekts, das weit über die reine Bausanierung hinausgeht und auch rechtliche Auseinandersetzungen umfasste.
Historischer Hintergrund der Kirche St. Georg
Die römisch-katholische Pfarrkirche St. Georg ist das geistliche Zentrum der gleichnamigen Pfarrei, deren Gebiet deckungsgleich mit dem der Stadt St. Georgen im Schwarzwald ist. Neben der Kernstadt umfasst die Pfarrei auch die Teilorte Brigach, Langenschiltach, Oberkirnach, Peterzell und Stockburg. Seit 2008 gehört die Gemeinde zur Seelsorgeeinheit St. Georgen-Tennenbronn im Dekanat Schwarzwald-Baar der Erzdiözese Freiburg, wobei der Heilige Georg als Kirchenpatron verehrt wird.
Die Geschichte der katholischen Gemeinde in St. Georgen ist eng mit der allgemeinen Entwicklung der Stadt verbunden. Nach dem Westfälischen Frieden von 1648, der den Ort endgültig dem Haus Württemberg zusprach, entwickelte sich St. Georgen zu einer rein evangelischen Gemeinde. Im Jahr 1812 lebten in St. Georgen 914 und im gesamten Kirchspiel 1825 Personen evangelischen Glaubens. Die zunehmende Industrialisierung und der damit verbundene Zuzug von Auswärtigen führte jedoch zu einem Wiederanstieg der katholischen Bevölkerung. Im Jahr 1843 lag die Zahl der Katholiken bei 43, die zunächst den beschwerlichen Weg zum Gottesdienst nach Nußbach auf sich nehmen mussten.
Erst im Jahr 1880 wurde für die insgesamt 263 Katholiken aus St. Georgen, Brigach, Peterzell und Stockburg ein Saal im Gasthaus "Bären" angemietet, wo im April desselben Jahres der erste Gottesdienst abgehalten wurde. Dies markiert den Anfang der katholischen Gemeinde in St. Georgen, die sich seitdem kontinuierlich entwickelte und schließlich den Bau der heutigen Kirche erforderlich machte.
Der Kirchturm als architektonisches Wahrzeichen
Der Kirchturm der katholischen Kirche St. Georg, der 1961 erbaut und 1962 geweiht wurde, hat sich zu einem prägenden Wahrzeichen der Stadt St. Georgen entwickelt. Mit einer Höhe von 38,50 Metern überragt er die umliegenden Gebäude und beeinflusst maßgeblich die Silhouette der Bergstadt. Besonders markant ist die optische Wirkung zusammen mit dem Turm der Lorenzkirche, die sich beim Blick aus Richtung Peterzell scheinbar zusammenschieben. Gemeinsam bilden diese beiden Türme die prägenden Punkte des Stadtbildes.
Die katholische Kirchengemeinde betont den Erhalt des Turms nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern auch aufgrund seiner symbolischen Bedeutung. Er stellt ein wichtiges Symbol des christlichen Glaubens dar, und der Klang der Glocken, die aus ihm ertönen, darf nicht verstummen. Diese besondere Bedeutung machte die Sanierung des Turms zu einer prioritären Aufgabe für die Gemeinde.
Ausgangspunkt der Sanierungsarbeiten: Der Vorfall von 2008
Die Sanierung des Kirchturms ist auf einen dramatischen Vorfall aus dem Jahr 2008 zurückzuführen, der den langen und komplexen Prozess einleitete. Damals stürzten Teile der Westfassade des Turms samt Ziffernblatt und Zeiger der Turmuhr auf den Kirchenvorplatz. Wie durch ein Wunder wurde bei diesem Vorfall niemand verletzt, da sich zum damaligen Zeitpunkt keine Menschen auf dem Kirchenvorplatz aufhielten.
Dieser Vorfall erzwang sofortige Maßnahmen zur Sicherung des Turms. Die Fassade wurde zunächst notdürftig saniert, um weitere Schäden zu verhindern. Jedoch zeigte sich schon bald, dass diese erste Sanierung mangelhaft war. Die Qualität der Arbeiten entsprach nicht den Anforderungen, und es traten erneut Probleme auf. Die ausführende Baufirma weigerte sich, für die entstandenen Schäden aufzukommen, was die Kirchengemeinde in eine schwierige Situation brachte.
Die rechtliche Auseinandersetzung
Die Weigerung der ursprünglichen Baufirma, die fehlerhafte Sanierung zu beheben und für die entstandenen Schäden aufzukommen, führte zu einer langen und zermürbenden rechtlichen Auseinandersetzung. Die katholische Kirchengemeinde beschloss 2015, die Firma zu verklagen, um ihre Ansprüche durchzusetzen.
Dieser Rechtsstreit, der sieben Jahre dauerte, stellte die Gemeinde auf eine harte Geduldsprobe. Während dieser Zeit konnte der Turm nicht endgültig saniert werden, und die rechtliche Unsicherheit belastete die finanzielle Planung der Gemeinde. Erst im Jahr 2022 erhielt die Kirchengemeinde vor Gericht Recht und konnte ihre Ansprüche durchsetzen. Dieser erfolgreiche Abschluss des Rechtsstreits war ein entscheidender Wendepunkt, der es ermöglichte, die Sanierungsarbeiten intensiv voranzutreiben.
Die zweijährige Sanierungsphase
Nach dem erfolgreichen Abschluss des Rechtsstreits begann die eigentliche Sanierungsphase des Kirchturms. Diese dauerte insgesamt zwei Jahre und erforderte erhebliche Planungs- und Koordinationsleistungen. In diesen Tagen wird das Gerüst am Turm der katholischen Kirche St. Georg abgebaut, was das sichtbare Ende der umfangreichen Arbeiten markiert.
Die Sanierung umfasste nicht nur die Behebung der Schäden an der Westfassade, sondern eine umfassende Erneuerung des gesamten Turmaußenschlusses. Dies erforderte präzise handwerkliche Arbeit und die Verwendung hochwertiger Materialien, um die Langlebigkeit und Ästhetik des Turms zu gewährleisten. Die Arbeiten wurden von Fachfirmen durchgeführt, die auf die Sanierung historischer und denkmalgeschützter Bauten spezialisiert sind.
Die Glocken des Turms
Ein besonderes Augenmerk bei der Sanierung galt den vier Glocken des Turms, die nicht nur für das akustische Erscheinungsbild der Kirche, sondern auch für die religöse Praxis von zentraler Bedeutung sind. Jede Glocke hat ihren eigenen Namen, Schlagton, Durchmesser, Gewicht und Inschrift:
Christkönigsglocke (cis1, 1428 mm, 1980 kg) Inschrift: "Jesus Christus, König der Könige, kommt, lasset uns ihn anbeten"
Marienglocke (e1, 1229 mm, 1245 kg) Inschrift: "Maria breit' den Mantel aus, mach Schirm und Schild für uns daraus, laß' uns darunter sicher stehn, bis alle Stürm' vorübergehn"
Georgsglocke (fis1, 1085 mm, 850 kg) Inschrift: "Heiliger Georg, bitte für uns, führe uns, streite für uns, schütze uns. Gestiftet von der Stadt St. Georgen im Schwarzwald"
Schutzengelglocke (gis1, 1029 mm, 733 kg) Inschrift: "Heiliger Schutzengel mein, laß' mich dir empfohlen sein"
Diese Glocken mussten während der Sanierungsarbeiten besonders geschützt werden, da sie nicht nur wertvolle historische Objekte, sondern auch funktionale Bestandteile des Kirchenlebens sind. Ihr Klang prägt das akustische Profil der Stadt und ist für die Gläubigen von großer Bedeutung.
Anerkennung für die neue Fassade
Die Qualität der Sanierungsarbeiten, insbesondere der neuen Fassade des Kirchturms, wurde durch die Verleihung des Deutschen Metallbaupreises 2025 in der Kategorie "Metallgestaltung" an die B&J Fattler Kunstschmiede aus Schönwald gewürdigt. Diese Auszeichnung unterstreicht den hohen handwerklichen und gestalterischen Anspruch des Projekts und stellt eine besondere Ehre für die ausführende Firma dar.
Der Deutsche Metallbaupreis ist einer der renommiertesten Preise im Bereich Metallbau in Deutschland und wird für herausragende Leistungen in der Architektur und im Handwerk vergeben. Die Auszeichnung der Fassade des Kirchturms St. Georg zeigt, dass das Projekt nicht nur funktionalen Anforderungen, sondern auch hohen ästhetischen Maßstäben genügt hat.
Weitere Sanierungsprojekte
Die Sanierung des Kirchturms ist jedoch nur ein Teil der notwendigen Erhaltungsarbeiten an der Kirche. Gleich zwei große Sanierungsaufgaben stehen bei der katholischen Seelsorgeeinheit St. Georgen-Tennenbronn in den Startlöchern: die nun abgeschlossene Sanierung des Kirchturms und die bevorstehende Reparatur des Bodens in der Kirche.
Für diese Maßnahmen müssen Gottesdienste einige Wochen an andere Orte verlegt werden. Die Gemeinde hat frühzeitig über die bevorstehenden Projekte informiert und die Gläubigen um Verständnis gebeten. Pfarrgemeinderatsvorsitzender Thomas Eisele verkündete bei einer Informationsveranstaltung nach dem Gottesdienst in der Unterkirche mit großer Freude: "Wir sind jetzt an einem Punkt, wo es endlich losgehen wird."
Die Finanzierung der Sanierungsprojekte erfolgt durch mehrere Quellen, darbeit auch Spenden der Gemeinde. Die Kirchengemeinde hat ein Konzept entwickelt, um die notwendigen Mittel aufzubringen, ohne die Gläubigen mit übermäßigen finanziellen Belastungen zu konfrontieren.
Herausforderungen der Sanierung
Die Sanierung des Kirchturms St. Georgen stellte die Beteiligten vor zahlreiche Herausforderungen, die über die rein technischen Aspekte hinausgingen. Einerseits mussten komplexe bauliche Probleme gelöst werden, andererseits galt es, die Belange der Kirchengemeinde zu berücksichtigen.
Besonders schwierig war die langwierige Phase des Rechtsstreits, die nicht nur finanzielle Ressourcen band, sondern auch die emotionale Belastung der Gemeinde erhöhte. Während dieser Zeit konnte der Turm nicht endgültig saniert werden, und die Unsicherheit über den weiteren Verlauf des Projekts belastete alle Beteiligten.
Auch die Organisation der eigentlichen Sanierungsarbeiten erforderte präzise Planung. Es musste sichergestellt werden, dass die Gottesdienste während der Bauzeit weiterhin stattfinden konnten und dass die Glocken zu den liturgischen Zeiten läuten konnten. Dies erforderte eine enge Zusammenarbeit zwischen der Kirchengemeinde, den ausführenden Firmen und den beteiligten Behörden.
Fazit
Die Sanierung des Kirchturms der katholischen Kirche St. Georg in St. Georgen im Schwarzwald ist ein beeindruckendes Beispiel für die Notwendigkeit des Erhalts kultureller und religiöser Bauten. Das Projekt, das nach einem dramatischen Vorfall im Jahr 2008 begann, sich über einen siebenjährigen Rechtsstreit hinzog und schließlich in einer zweijährigen Sanierungsphase realisiert wurde, zeigt die Widerstandsfähigkeit und Beharrlichkeit der Kirchengemeinde.
Die Verleihung des Deutschen Metallbaupreises an die ausführende Firma unterstreicht die hohe Qualität der Arbeiten und stellt eine besondere Anerkennung dar. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, wie wichtig es ist, bei Sanierungsprojekten nicht nur technische, sondern auch rechtliche Aspekte sorgfältig zu berücksichtigen.
Der nun abgeschlossene Turmbau stellt jedoch nur einen Teil der notwendigen Sanierungsarbeiten dar. Die bevorstehende Instandsetzung des Kirchenbodens zeigt, dass der Erhalt historischer Bauten ein kontinuierlicher Prozess ist, der langfristige Planung und finanzielle Ressourcen erfordert. Die Kirchengemeinde St. Georgen hat mit der erfolgreichen Sanierung des Turms jedoch bewiesen, dass sie diese Herausforderungen meistern kann und sich für den Erhalt ihres kulturellen Erbes einsetzt.