Einleitung
Die Kirchen in Russland bilden nicht nur religiöse Zentren, sondern auch bedeutende architektonische und kulturelle Denkmäler. Nach Jahrzehnten der Vernachlässigung und Zerstörung in der Sowjetzeit erleben diese Bauwerke derzeit eine Renaissance. Die Sanierung und Restaurierung dieser Gotteshäuser ist jedoch mit zahlreichen Herausforderungen verbunden, die von rechtlichen Fragen bis hin zu finanziellen Engpässen reichen. Gleichzeitig zeichnet sich ein Wandel im Kirchenbau ab, der erstmals seit dem Ende der Sowjetzeit auch moderne architektonische Lösungen in Betracht zieht. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Entwicklungen bei der Kirchensanierung in Russland, die beteiligten Akteure sowie die besonderen Herausforderungen, mit denen Restaurierungsprojekte konfrontiert sind.
Historischer Hintergrund: Vernachlässigung und Zerstörung
Die Geschichte der russischen Kirchen ist untrennbar mit der politischen Entwicklung des Landes verbunden. Bis 1917, vor der Oktoberrevolution, waren allein im zentralen Teil Moskaus bis zu 850 Gotteshäuser in Betrieb. Diese bildeten nicht nur religiöse, sondern auch kulturelle und architektonische Zentren des russischen Volkes. Die Bolschewiken bekämpften die Orthodoxie, die das russische Volk ideell vereinigte, und setzten eine systematische Enteignung und Zerstörung der Kirchengebäude in Gang.
In den folgenden 70 Jahren der Sowjetunion wurden Kirchen im ganzen Land entweder komplett zerstört oder zweckentfremdet. Sie dienten als Geschäfte, Planetarien, Kinosäle oder Lager. Dieser Prozess der Enteignung hatte nicht nur religiöse, sondern auch massive kulturelle Verluste zur Folge. Wie der amerikanische Schelmspieler Bill Murray in einem Interview mit der russischen Illustrierten "Ogonjok" beschrieb: "Kriege vernichten Menschen, aber es werden neue geboren. Doch wenn man die Kunst von Völkern vernichtet, dann vernichtet man ihre Seele."
Bis zum Jahr 1991 waren in ganz Moskau nur noch etwa 200 Gotteshäuser erhalten geblieben. Der Verlust an architektonischem und kulturellem Erbe ist immens. Viele der verbliebenen Kirchen sind heute stark verfallen und erfordern dringend Restaurierungsarbeiten, um sie vor dem endgültigen Verfall zu bewahren.
Herausforderungen bei der Kirchensanierung
Die Sanierung von Kirchen in Russland ist eine komplexe Angelegenheit, die mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist. Zunächst muss geklärt werden, wem das Gebäude gehört: dem regionalen Landkreis oder dem Bistum. Diese rechtliche Unsicherheit kann Restaurierungsprojekte lange blockieren.
Nach der Klärung der Eigentumsverhältnisse benötigt man den Segen des Geistlichen und muss sich der Unterstützung des Bistums versichern. Allerdings kann das Bistum beim Wiederaufbau einer Kirche nicht helfen, solange keine Gemeinde gegründet ist. Für eine Gemeindegründung wird jedoch eine Gruppe von mindestens 20 Personen benötigt, was in vielen ländlichen Regionen eine Hürde darstellt.
Besonders problematisch ist, dass weder der Staat noch die russisch-orthodoxe Kirche sich unmittelbar für die Restaurierung der Kirchen zuständig fühlen. Die Gläubigen müssen diese Aufgaben daher weitgehend alleine bewältigen, oft mit Unterstützung privater Initiativen und freiwilliger Helfer.
Ein weiteres Problem ist der Mangel an Fachwissen und spezialisierten Handwerkern, die mit der Restaurierung historischer Kirchenbauten vertraut sind. Viele traditionelle Bautechniken sind in Vergessenheit geraten, und das erforderliche Material ist oft nur schwer erhältlich oder sehr teuer.
Organisationen und Initiativen im Bereich Kirchensanierung
Trotz der Herausforderungen gibt es in Russland zahlreiche Organisationen und Initiativen, die sich der Sanierung und Erhaltung von Kirchen verschrieben haben. Eine davon ist die Wohlfahrtsorganisation "Selskaja Zerkow" (Dorfkirche), die sich darauf spezialisiert hat, Dorfkirchen vor dem Verfall zu retten.
Die Mitglieder von Selskaja Zerkow befreien die Dächer und Mauern von Bäumen, entfernen kaputte Mauersteine und führen Sicherungsarbeiten durch. Die Organisation lebt ausschließlich von Spenden und Zuschüssen. Leder Swetlana Melnikowa, die Leiterin von Selskaja Zerkow, haben in den 20 Jahren ihrer Arbeit vier Kirchen vollständig restaurieren können, bei zwölf Kirchen haben sie umfangreiche Sicherungsarbeiten durchgeführt. Insgesamt haben sie an mehr als 50 Kirchen gearbeitet.
"Manchmal fahren wir durch das Twersker Gebiet und es blutet das Herz beim Anblick der verwahrlosten Kirchen. Wir machen dann auch einfach mal von selbst Halt, obwohl uns niemand darum bittet, und versuchen, die Kirchen von Bäumen und Vegetation zu befreien", beschreibt Melnikowa das Engagement ihrer Organisation. "Oft mähen wir auf eigene Initiative den Bärenklau ab, der das Gebäude kaputt macht. Aber man müsste ihn eigentlich dreimal pro Sommer mähen."
Neben solchen modernen Initiativen gab es in Russland schon immer Menschen, die all ihre Energie in die Bewahrung des kulturellen Erbes der Kirchen steckten – sogar in Zeiten, in denen dieses Engagement Repressalien zur Konsequenz hatte. Ein Beispiel dafür ist der Kunsthistoriker Pjotr Baranowski. Auf dem Höhepunkt der antireligiösen Bewegung rettete er die alten Architektur-Denkmäler, indem er innerhalb ihrer Mauern die Einrichtung eines Museums durchsetzte. Damit war der Erhalt der Gebäude gesichert. So rettete Baranowski mehr als 90 Kirchen. Er gründete das Museum "Kolomenskoje" und das Museum für den Ikonenmaler Andrej Rubljow im Andronikow-Kloster und bewahrte es vor dem Abbruch. Es soll auch Baranowski gewesen sein, der Stalin ein Telegramm über die Unzulässigkeit des Abrisses der Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau geschickt hat. Für sein Engagement wurde Baranowski allerdings verfolgt und verbrachte drei Jahre in Straflagern.
Fallstudien: Sanierungsprojekte in Russland
In ganz Russland finden derzeit zahlreiche Sanierungsprojekte statt, die das Erbe der orthodoxen Kirchen bewahren sollen. Eines dieser Projekte ist die Restaurierung der Woskresensker-Kathedrale im Moskauer Gebiet. Ähnlich wie viele andere Kirchenbauten in Russland war auch diese Kathedrale in der Sowjetzeit stark vernachlässigt worden und erforderte umfangreiche Sanierungsarbeiten.
Ein weiteres Beispiel ist die Restaurierung der Christi-Geburt-Kirche im Dorf Rozhdestweno in der Nähe von Moskau. Auch hier wurden die Arbeiten hauptsächlich durch private Initiativen und Freiwillige ermöglicht, da staatliche oder kirchliche Unterstützung nur in begrenztem Umfang verfügbar war.
Diese Beispiele zeigen, dass die Sanierung von Kirchen in Russland oft ein langwieriger und aufwändiger Prozess ist, der viel Engagement und Durchhaltevermögen erfordert. Gleichzeitig demonstrieren sie den starken Willen vieler Menschen, ihr kulturelles und religiöses Erbe zu bewahren.
Neue Wege im Kirchenbau: Moderne Architektur in Russland
Während die Sanierung historischer Kirchen eine wichtige Rolle spielt, zeichnet sich seit einigen Jahren auch ein Wandel im Neubau von Kirchen ab. Nach der Auflösung der Sowjetunion setzte neben einem Wachstum der Gläubigenzahlen ein regelrechter Bauboom ein. Gestaltete man die 10.000 Neubauten jedoch stets in neo-klassizistischem oder neo-byzantinischem Stil, orientiert man sich nun erstmals wieder an zeitgenössischen architektonischen Lösungen.
Ein bemerkenswertes Beispiel für diesen Wandel ist der Plan für die neue Kirche St. Ignatius von Antiochien im Westen Moskaus. Dieses Projekt sieht ungewöhnliche Materialien wie Beton, Kunststoff und Glasfaser vor. Die Architekten haben sich von der Kirche der Verklärung des Erlösers in Nowgorod aus dem 14. Jahrhundert und dessen schmucklosen, weißen Wänden inspirieren lassen. Die rechten Winkel haben sie dabei in große Bögen und geschwungene Formen übersetzt.
Besonders bemerkenswert ist, dass der Altar in dieser Kirche nur durch eine niedrige Ikonostase vom Hauptraum abgetrennt sein wird und die Gläubigen somit Einblick in den Altarraum erhalten. Dahinter befindet sich zudem eine wandhohe Glasfront, die den Ausblick auf das Tal erlaubt. Die geplante Kirche soll 500 Gläubige fassen.
Die russisch-orthodoxe Kirche hat dieses Projekt bereits genehmigt. Nun muss jedoch noch ein Gremium für kirchliche Kunst und Architektur über die Realisierung entscheiden. Die Religionswissenschaftlerin Elena Volkova sieht dies skeptisch, "weil viele im konservativen Flügel des Klerus nicht mit dem Projekt einverstanden sind und es als ökumenistisch, pro-westlich, kurzgesagt als Ketzerei ansehen". Ob die erste modern gestaltete Kirche Russlands tatsächlich gebaut werden kann, ist also noch fraglich.
Internationale Unterstützung bei Kirchensanierung
Neben den Initiativen innerhalb Russlands spielt auch internationale Unterstützung bei der Sanierung und Restaurierung von Kirchen eine wichtige Rolle. Ein Beispiel dafür ist die katholische Pfarrei in Tomsk, die von der Hilfsorganisation KIRCHE IN NOT unterstützt wurde.
Die Pfarrei in Tomsk betreibt fünf bis sechs Kinder- und Jugendgruppen sowie zwei Erwachsenengruppen zur Katechese. Zudem gibt es in Tomsk ein katholisches Gymnasium, das zu den beiden katholischen Schulen in ganz Russland zählt. Für die vielen Aktivitäten der Gemeinde geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, war jedoch eine große Herausforderung.
Der Pfarrei wurde ein Gebäude überlassen, das bereits Ende des 19. Jahrhunderts als katholisches Kinderheim gedient hatte. "Für die Bedürfnisse der Gemeinde ist es ideal, aber es musste umgebaut und renoviert werden", heißt es in einem Bericht über das Projekt. KIRCHE IN NOT hat sich mit 10.000 Euro an der Fertigstellung des Innenausbaus beteiligt.
Die Unterstützung aus dem Ausland ist besonders wichtig, da sie es lokalen Gemeinden ermöglicht, Projekte umzusetzen, die mit eigenen Mitteln nicht realisierbar wären. Gleichzeitig stärkt solche internationale Kooperationen den Dialog zwischen verschiedenen Konfessionen und Kulturen.
Fazit
Die Sanierung und Restaurierung von Kirchen in Russland ist eine komplexe Aufgabe, die mit zahlreichen Herausforderungen verbunden ist. Von der Klärung rechtlicher Fragen über die Beschaffung von Finanzmitteln bis hin zum Mangel an spezialisierten Handwerkern – die Hürden sind vielfältig. Gleichzeitig zeigt sich ein starkes Engagement von privaten Initiativen, Freiwilligen und internationalen Organisationen, die sich der Bewahrung dieses wichtigen kulturellen und religiösen Erbes verschrieben haben.
Besonders bemerkenswert ist der Wandel im Kirchenbau, der erstmals seit dem Ende der Sowjetzeit auch moderne architektonische Lösungen in Betracht zieht. Obwohl dieser Trend auf Widerstand im konservativen Flügel des Klerus stößt, könnte er eine neue Ära im russischen Kirchenbau einläuten, die Tradition und Moderne verbindet.
Die Sanierung von Kirchen in Russland ist somit nicht nur eine technische oder finanzielle Herausforderung, sondern auch ein kulturelles und gesellschaftliches Projekt, das das Verhältnis des Landes zu seiner Geschichte und zu seinen Wurzeln reflektiert. Die Bewahrung dieser Gotteshäuser ist von zentraler Bedeutung für das kulturelle Erbe Russlands und für die Identität vieler Menschen, die in diesen Kirchen nicht nur religiösen, sondern auch kulturellen und sozialen Halt finden.