Einleitung
Die Kulturfabrik Kampnagel in Hamburg steht vor einer der größten baulichen Veränderungen in ihrer Geschichte. Das französische Architekturbüro Lacaton & Vassal, Preisträger des renommierten Pritzker-Architekturpreises, plant eine umfassende denkmalgerechte Sanierung und Erweiterung des ehemaligen Eisenwerks aus dem 19. Jahrhundert. Mit einem Budget von 168 Millionen Euro, finanziert zu großen Teilen durch die Stadt Hamburg und den Bund, soll der Standort um bis zu 50 Prozent vergrößert werden. Das Projekt, das ab 2026 realisiert werden soll, ist ein Paradebeispiel für nachhaltige Stadtentwicklung und den sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz. Diese Analyse beleuchtet die Planung, die Philosophie hinter dem Projekt und die Bedeutung für die Hamburger Kulturlandschaft.
Lacaton & Vassal: Preisträger des Pritzker-Preises
Das Pariser Architektenduo Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal gilt als eine der einflussreichsten Stimmen der zeitgenössischen Architekturwelt. Im Jahr 2021 wurden sie mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, der weltweit höchsten Auszeichnung im Bereich der Architektur. Ihre Arbeit zeichnet sich durch einen besonderen Fokus auf nachhaltige Umnutzung und Umgestaltung unter sorgfältiger Wahrung bestehender Gebäudestrukturen aus.
Lacaton & Vassal sind gleichermaßen bekannt für sozialen Wohnungsbau und Museumsbauten wie das Palais de Tokyo in Paris. Ihr Ansatz basiert auf der Überzeugung, dass bestehende Bausubstanz nicht abgerissen, sondern innovativ weiterentwickelt werden sollte. Diese Philosophie prägt auch ihre Arbeit am Kampnagel-Projekt.
Jean-Philippe Vassal erläutert diesen Ansatz in seiner Vorlesungsreihe "Never demolish, always add, transform or reuse" ("Niemals abreißen, immer hinzufügen, transformieren oder wiederverwenden"). In diesem Kontext betont er die Notwendigkeit, Bauen und Sanieren mit baulich konzeptionellem Weiterentwickeln zu verbinden. Diese Haltung macht sie zu idealen Partnern für die Sanierung des historischen Industriestandorts Kampnagel, bei dem es gerade darum geht, die industrielle Seele des Ortes zu bewahren und gleichzeitig zeitgemäße Anforderungen an ein Kulturzentrum der Zukunft zu erfüllen.
Das Projekt: Geschichte und Konzeption
Die Geschichte Kampnagels reicht bis in die Mitte des 19. Jahrhundert zurück, als das Gelände als Eisenwerk gegründet wurde. Über die Zeit entwickelte sich der Standort zu einem bedeutenden Unternehmen für Hafenkräne im Hamburger Stadtteil Winterhude. Seit 1982 wird die ehemalige Maschinenfabrik als Theater und Kulturzentrum genutzt und hat sich zu einer der größten Kulturinstitutionen Hamburgs entwickelt.
Heute gilt Kampnagel international als renommiertes Zentrum für zeitgenössische Kunst unterschiedlicher Sparten, das sich der Avantgarde verschrieben hat. Pro Spielzeit erreicht das Haus bis zu 200.000 Besucherinnen und Besucher. Für die Zukunft will die Institution ihre Position als internationales Produktionszentrum weiter ausbauen und stärken.
Die anstehende Modernisierung ist für Kampnagel nach Aussage von Intendantin Amelie Deuflhard und kaufmännischen Geschäftsführer Jonas Zipf "so viel mehr als ein reines Bauvorhaben – es ist für Kampnagel eine nicht nur konsequente und spannende, sondern fundamental wichtige Weiterentwicklung". Um "weiterhin künstlerisch das extrem hohe Niveau halten zu können, um internationale Vernetzungen in der Welt der Avantgarde zu stärken, Nachwuchs zu fördern und Bestehendes zu formen", muss sich dieser Ort verändern.
Das Projekt befindet sich derzeit in der letzten Planungsphase. In den vergangenen zwei Jahren haben Lacaton & Vassal das Projekt durch regelmäßige Besuche und Treffen mit den Nutzern von Kampnagel weiterentwickelt. Ziel war es, "den Ort, seinen Charakter, aber auch die Bedürfnisse, Erwartungen und Ambitionen von Kampnagel für die Zukunft besser zu verstehen", so Jean-Philippe Vassal.
Finanzierung und Zeitplan
Das ambitionierte Bauvorhaben wird mit 168 Millionen Euro veranschlagt. Die Finanzierung erfolgt hauptsächlich durch die Stadt Hamburg, die 108 Millionen Euro beisteuert. Der Bund unterstützt das Projekt mit 60 Millionen Euro. Diese erhebliche finanzielle Untermauerung unterstreicht die nationale Bedeutung des Kulturzentrums.
Die Bauarbeiten sind für den Beginn im Jahr 2026 geplant. Eine Besonderheit des Projekts ist, dass die Sanierung und Erweiterung "im laufenden Betrieb" erfolgen soll.这意味着,即使在施工期间,Kampnagel的文化活动仍将部分继续,这无疑增加了项目的复杂性,但也体现了文化机构在社会中的核心地位。
Die Projektleitung und -steuerung liegt bei der städtischen Sprinkenhof GmbH. Die Behörde für Kultur und Medien, Kampnagel, Lacaton & Vassal sowie die Sprinkenhof GmbH arbeiten bei der Umsetzung des Projekts eng zusammen.
Baumaßnahmen und Erweiterung
Das Projekt sieht die Schaffung von rund 7.000 Quadratmetern neuen Flächen vor. Diese sollen Raum für Proben, Workshops, Lagerfläche sowie eine Dachterrasse bieten. Die Erweiterung der Nutzfläche wird bis zu 50 Prozent betragen, was eine erhebliche Steigerung der Kapazitäten des Kulturzentrums bedeutet.
Die Maßnahmen umfassen sowohl eine denkmalgerechte Sanierung der bestehenden Bausubstanz als auch zwei Neubauten. Ein zentrales Anliegen ist es, "den industriellen Charme dieses besonderen Ortes zu erhalten und ihn gleichzeitig zu erweitern", wie Kultursenator Carsten Brosda (SPD) betont.
Die Planung von Lacaton & Vassal berücksichtigt auch neue Formen von Öffentlichkeit, des Performativen und der Interaktion in Bühnenbauten der Gegenwart. Das Projekt wird daher nicht nur physische Erweiterungen bringen, sondern auch neue Möglichkeiten für die künstlerische Nutzung des Ortes schaffen.
Philosophie: Denkmalschutz und innovative Umnutzung
Die Zusammenarbeit mit Lacaton & Vassal entspringt bewusst der Philosophie dieser Architekten. "Was uns hierbei jedoch besonders am Herzen liegt, ist die Seele der alten Fabrik, den ganz eigenen Charme und Reiz der Industrievergangenheit, nicht zu verlieren", erklären Deuflhard und Zipf. "Deshalb könnten wir kaum glücklicher sein über die Zusammenarbeit mit Lacaton & Vassal – Architekt*innen, die innovative Entfaltung von Bestand, statt Abriss und Neubau, zum Fundament ihres Schaffens gemacht haben und genau dafür vielfach ausgezeichnet wurden."
Dieser Ansatz des "nie abreißen, immer hinzufügen, transformieren oder wiederverwenden" steht im Einklang mit modernen Konzepten der nachhaltigen Stadtentwicklung. Durch die Beibehaltung der historischen Bausubstanz wird nicht nur der industrielle Charakter des Ortes bewahrt, sondern auch Ressourcen geschont, die für einen komplette Neubau erforderlich wären.
Die Philosophie von Lacaton & Vassal sieht vor, Bestandsbauten nicht als Hindernis, sondern als Chance für zukunftsweisende Architektur zu begreifen. Anstatt überflüssig gewordene Bauten abzureißen, schlagen sie Erweiterungen und Umbauten vor, die den vorhandenen Charakter respektieren und gleichzeitig neue Funktionen ermöglichen. Diese Haltung macht sie zu idealen Partnern für die Sanierung des historischen Industriestandorts Kampnagel.
Bedeutung für Hamburgs Kulturlandschaft
Das Projekt hat weitreichende Bedeutung für Hamburgs Kulturlandschaft. Kultursenator Carsten Brosda betont: "In den nächsten Jahren schaffen wir mit der umfassenden Modernisierung baulich die Voraussetzungen dafür, dass Kampnagel sich weiterentwickeln und auch in Zukunft ein Zentrum für Avantgarde-Kunst sein kann."
Durch die Erweiterung und Modernisierung wird Kampnagel in der Lage sein, seine Rolle als internationales Produktionszentrum weiter auszubauen. Die neuen Flächen ermöglichen erweiterte Probenmöglichkeiten, mehr Platz für Workshops und Kooperationen sowie verbesserte technische Einrichtungen. Dies wird nicht nur die künstlerische Arbeit am Haus selbst fördern, sondern auch die Vernetzung mit internationalen Partnern stärken.
Darüber hinaus dient das Projekt als Vorbild für den Umgang mit historischer Bausubstanz in städtischen Entwicklungskonzepten. Es zeigt, wie sensibel und innovativ industrielle Kulturerbe erhalten und für zukünftige Zwecke nutzbar gemacht werden kann. Für die Stadt Hamburg stellt das Projekt eine Investition in die Zukunft der Kultur dar, die gleichzeitig die Bewahrung historisch gewachsener Orte priorisiert.
Fazit
Die Sanierung und Erweiterung von Kampnagel durch Lacaton & Vassal stellt ein herausragendes Beispiel für zeitgemäße Architektur und nachhaltige Stadtentwicklung dar. Das Projekt zeigt, wie historische Bausubstanz nicht als Hindernis, sondern als Chance für zukunftsweisende Lösungen begriffen werden kann. Mit einem Budget von 168 Millionen Euro und einer Flächenerweiterung von bis zu 50 Prozent entsteht eines der ambitioniertesten Kulturprojekte Deutschlands.
Die Philosophie von Lacaton & Vassal, "nie abreißen, immer hinzufügen, transformieren oder wiederverwenden", findet in diesem Projekt ihre konsequente Umsetzung. Durch die Bewahrung des industriellen Charmes des Ortes und die gleichzeitige Schaffung zeitgemäßer Räume für zeitgenössische Kunst entsteht ein Ort, der Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.
Für Hamburg ist das Projekt eine wichtige Investition in die kulturelle Infrastruktur und die internationale Strahlkraft der Stadt. Für die Architekturwelt bietet es ein inspirierendes Beispiel für den Umgang mit Bestandsbauten und die Integration neuer Funktionen in historische Strukturen. Die Eröffnung des sanierten und erweiterten Kampnagel im Jahr 2026 wird ein Meilenstein in der Entwicklung des Hamburger Kulturlebens sein.