Einleitung
Das Paracelsus-Bad in Berlin-Reinickendorf steht seit Jahren im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit – nicht wegen seiner Bedeutung für den Bezirk, sondern wegen der sich immer weiter verzögernden und verteuernnden Sanierungsarbeiten. Ursprünglich als zweijähriges Projekt geplant, hat sich die Bauzeit auf mindestens acht Jahre verlängert, und die Kosten haben sich um mehr als das Vierfache erhöht. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe des aufwendigen Sanierungsvorhabens, die vielfältigen Herausforderungen und die Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft.
Historischer Hintergrund und Bedeutung
Das Paracelsus-Bad zählt zu den historisch bedeutenden Sportstätten Berlins. Es wurde im Jahr 1960 als erster Hallenbad-Neubau in der Hauptstadt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnet und steht daher unter Denkmalschutz. Über sechzig Jahre lang diente das Bad als zentrale Anlage für den Schwimmunterricht und die Freizeitgestaltung im Bezirk Reinickendorf.
Als eines von nur zwei öffentlichen Hallenbädern im Bezirk spielte das Paracelsus-Bad eine entscheidende Rolle für die lokale Infrastruktur. Die letzte umfassende Renovierung der Anlage erfolgte in den 1980er Jahren, wobei teilweise auch Umbauarbeiten durchgeführt wurden. Über die Jahrzehnte hinweg etablierte sich das Bad als unverzichtbare Einrichtung für Schulen, Sportvereine und Anwohner.
Das Sanierungsprojekt: Ursprüngliche Pläne und Umfang
Bereits im Jahr 2018 begannen erste vorbereitende Maßnahmen für die Sanierung des denkmalgeschützten Bads. Im Sommer 2019 wurde das Paracelsus-Bad dann für eine umfassende Sanierung geschlossen. Ursprünglich war geplant, die Anlage innerhalb von zwei Jahren – also bis 2021 – für rund acht Millionen Euro zu modernisieren und anschließend wieder in Betrieb zu nehmen.
Das Sanierungsvorhaben war von Anfang an ambitioniert. Da das Bad unter Denkmalschutz steht, mussten alle Arbeiten in enger Abstimmung mit den Denkmalschutzbehörden durchgeführt werden. Der Plan sah vor, das Gebäude zu entkernen und sämtliche Bereiche zu erneuern, mit Ausnahme der bereits aus Edelstahl bestehenden Becken. Konkret umfassten die Arbeiten:
- Instandsetzung der Fassade
- Sanierung des Foyers und des Treppenhauses
- Erneuerung der Fenster, einschließlich aufwendiger Restaurierung der historischen Fenster
- Renovation der Umkleiden und des Sanitärbereichs
- Komplette Erneuerung der gesamten Technik
Herausforderungen und Verzögerungen: Von 2021 zu 2027
Die ursprünglich für 2021 geplante Fertigstellung erwies sich als unrealistisch. Seitdem wurde der Eröffnungstermin bereits mehrmals nach hinten verschoben: zunächst auf 2024, dann auf 2025, später auf 2026 und schließlich auf das zweite Quartal 2027. Damit wird die Sanierung mindestens acht Jahre gedauert haben – viermal so lange wie ursprünglich geplant.
Mehrere Faktoren haben zu diesen erheblichen Verzögerungen beigetragen. Die Berliner Bäder-Betriebe erklären, dass während der Arbeiten unerwartet starke Schäden an der Gebäudesubstanz entdeckt wurden, insbesondere an der Stahlkonstruktion und der Fassade. Diese Funde führten zu erheblichen Mehrkosten und Nachbesserungsarbeiten.
Hinzu kamen zusätzliche Auflagen bei Brand- und Denkmalschutz, die umfangreiche Anpassungen am Bauvorhaben erforderten. Die Coronapandemie wirkte sich ebenfalls negativ auf die Bauabläufe aus, da sie die Geschwindigkeit der Sanierung unvorhersehbar beeinträchtigte.
Auch baurechtliche Vorgaben und behördliche Einbindungen sorgten für Verzögerungen im Bauprozess. Die enge Zusammenarbeit mit den Denkmalschutzbehörden, obwohl notwendig, führte zu zusätzlichen Planungs- und Umsetzungsschritten.
Kostenentwicklung: Von 8 zu 36 Millionen Euro
Parallel zur Verlängerung der Bauzeit stiegen auch die Kosten für die Sanierung erheblich an. Während ursprünglich von rund acht Millionen Euro ausgegangen wurde, belaufen sich die aktuellen Kosten laut den Berliner Bäder-Betrieben auf etwa 36 Millionen Euro. Das bedeutet eine Verdreifachung des ursprünglichen Budgets.
Die Kostensteigerungen sind auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Die unerwartet starken Schäden an der Bausubstanz erforderten teure Reparaturarbeiten. Die Restaurierung der historischen Fenster erwies sich als besonders kostspielig. Auch die steigenden Materialkosten auf dem Baumarkt trugen zur Verteuerung bei.
Die Berliner Bäder-Betriebe geben an, dass das aktuelle Budget von 36 Millionen Euro "auskömmlich" sei, um das Projekt fertigzustellen. Obwohl dies die vierte Korrektur der Kostenprognose darstellt, betonen die Betreiber, dass nun realistische Planungen vorlägen.
Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft
Die lange Schließzeit des Paracelsus-Bads hat erhebliche Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft, insbesondere auf Schulen und Sportvereine. Der Bezirk Reinickendorf sieht das Hallenbad als "unverzichtbaren" Ort für den Schwimmunterricht und die Freizeitnutzung.
Seit der Schließung des Paracelsus-Bads müssen Schüler und Vereine auf alternative Einrichtungen ausweichen. Die meisten Schulen nutzen nun das Hallenbad im Märkischen Viertel oder das Kombibad in Mitte. Seit dem Schuljahr 2024/25 fahren sogar sechs Grundschulen zur Seestraße nach Mitte, was längere Anfahrtswege erfordert.
Um diese Situation zu bewältigen, bietet das Bezirksamt Reinickendorf Schwimmbusse an, da die längeren Wege zusätzliche Organisation erfordern. Die Umstellung stellt für viele Schulen und Eltern eine erhebliche Belastung dar, da nicht nur die Anfahrtszeiten länger sind, sondern auch die Kapazitäten der alternativen Bädern oft begrenzt sind.
Für den Bezirk Reinickendorf ist die Wiedereröffnung des Paracelsus-Bads von großer Bedeutung, da sie die ohnehin angespannte Situation bei den Schwimmmöglichkeiten weiter verschärft hat. Die hohe Nichtschwimmerquote im Bezirk unterstreicht den Bedarf an angemessenen Schwimmfacilities.
Zukunftspläne: Das geplante Außenbecken
Neben der Sanierung des Hallenbads wird für den Standort ergänzend auch ein Außenbecken in Planung sein. Ein solches Vorhaben könnte nicht nur den Freizeitwert der Anlage steigern, sondern auch helfen, die hohe Nichtschwimmerquote in Reinickendorf zu senken.
Die Pläne sehen ein 25-Meter-Becken neben der ehemaligen Sommerterrasse vor. Allerdings handelt es sich dabei eher um ein flaches Kinderbecken mit geringer Tiefe. Kritiker wie der FDP-Politiker David Jahn bezeichnen das Vorhaben daher als "Planschbecken", das nicht für den Schwimmunterricht geeignet sei. Er kritisiert, dass Berliner Innensenatorin den Bau eines Außenplanschbeckens am Paracelsus-Bad ankündige, welches aber nicht für den Schwimmunterricht geeignet sei.
Eine Machbarkeitsstudie bestätigte zwar Anfang des Jahres die technische Umsetzbarkeit des Außenbeckens, verwies jedoch auch auf den zusätzlichen Investitionsbedarf. Eine endgültige Entscheidung über das Vorhaben steht noch aus.
Kontext: Schwimmen lernen als Standortfrage
Die Situation des Paracelsus-Bads steht exemplarisch für den Zustand vieler Hallenbäder in Berlin. Wie eine Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt, musste bundesweit ein Drittel der Kommunen Sportstätten aufgrund baulicher Mängel schließen. Auch in Berlin sind zahlreiche Hallenbäder außer Betrieb – teils seit Jahren.
Die angespannte Situation bei den Schwimmfacilities in Berlin ist besonders problematisch, da Schwimmen als eine der wichtigsten Lebensrettungsfähigkeiten gilt. Die lange Schließzeit des Paracelsus-Bads hat die ohnehin schwierige Lage für den Bezirk Reinickendorf weiter verschärft.
Die Stadträtin des Bezirks betont in einer Pressemitteilung die Bedeutung der Wiedereröffnung für den Stadtteil und verweist auf die enge Zusammenarbeit mit den Bauherren, um gesetzeskonform und pragmatisch Lösungen zu finden.
Fazit
Die Sanierung des Paracelsus-Bads in Berlin-Reinickendorf ist ein Beispiel für die Herausforderungen, die bei der Sanierung denkmalgeschützter Bauten im öffentlichen Sektor entstehen können. Was ursprünglich als zweijähriges Sanierungsprojekt mit Kosten von acht Millionen Euro geplant war, hat sich zu einem achtjährigen Marathon mit Kosten von 36 Millionen Euro entwickelt.
Die Verzögerungen und Kostensteigerungen sind auf eine Kombination von Faktoren zurückzuführen: unerwartete Bauschäden, strenge Auflagen des Denkmalschutzes, steigende Materialkosten und die Auswirkungen der Coronapandemie. Die Auswirkungen auf die lokale Gemeinschaft sind erheblich, besonders für Schulen und Vereine, die auf das Bad für Schwimmunterricht angewiesen waren.
Die geplante Eröffnung im zweiten Quartal 2027 markiert einen hoffnungsvollen Ausblick, doch die lange Schließzeit hat gezeigt, wie wichtig eine realistische Planung und eine vorausschauende Schadensanalyse bei Sanierungsprojekten ist. Die Erfahrungen aus dem Paracelsus-Bad-Projekt können wertvolle Lehren für zukünftige Bauprojekte im öffentlichen Sektor liefern.