Einleitung
Der sogenannte "Nestbautrieb" erfasst die meisten werdenden Eltern. Vor der Ankunft des Babys wird fleißig gestrichen, tapeziert und eingerichtet, um dem Nachwuchs ein schönes Zuhause zu schaffen. Doch was vielen gut gemeint erscheint, kann für das ungeborene Kind gesundheitliche Risiken bergen. Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass Renovierungsarbeiten während der Schwangerschaft die Entwicklung des Kindes im Mutterleib beeinflussen können und das Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen erhöhen. Dieser Artikel beleuchtet die gesundheitlichen Auswirkungen von Renovierungen während der Schwangerschaft und gibt Empfehlungen für den Fall, dass Arbeiten dennoch durchgeführt werden müssen.
Der Nestbautrieb und seine gesundheitlichen Konsequenzen
Wenn ein Baby unterwegs ist, setzt bei vielen Eltern der natürliche Drang ein, das Zuhause für den Nachwuchs vorzubereiten. Studien zufolge renovieren etwa zwei Drittel der werdenden Eltern während der Schwangerschaft ihre Wohnung, wobei das zukünftige Kinderzimmer besonderes Augenmerk erhält. Hierbei werden Wände gestrichen, neue Tapeten angebracht, Fußböden verlegt und Möbel angeschafft. Dieser "Nestbautrieb" ist ein psychologisches Phänomen, das werdende Eltern auf die bevorstehende Geburt vorbereiten soll.
Doch diese gut gemeinten Vorbereitungen können für das ungeborene Kind problematisch sein. Jede Renovierung ist mit Ausdünstungen aus Anstrichen, Klebstoffen, Teppichen und neuen Möbeln verbunden, was zu einer erhöhten Konzentration von Chemikalien in der Innenraumluft führt. Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben in Langzeitstudien herausgefunden, dass diese erhöhte Chemikalienbelastung während der Schwangerschaft das Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen beim Kind erhöht.
Besonders besorgniserregend ist, dass in 25 bis 30 Prozent der Fälle, in denen Eltern während der Schwangerschaft renovierten, die Werte der 26 flüchtigen organischen Stoffe, die üblicherweise in Wohnungen gefunden und zur Beurteilung der Raumluftqualität herangezogen werden, erheblich überschritten waren. Diese flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) können sich für lange Zeit – etwa ein halbes Jahr – in der Raumluft halten und somit die werdende Mutter und das ungeborene Kind über einen längeren Zeitraum belasten.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Wirkung von Renovierungen auf das Fötus
Leipziger Forscher haben in einer Studie nachgewiesen, dass Renovierungstätigkeiten während der Schwangerschaft die Entwicklung des Kindes im Mutterleib beeinflussen können. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Neugeborene, deren Eltern in der Schwangerschaft renoviert haben, in ihrem Immunsystem funktionelle Veränderungen aufweisen. Diese Veränderungen betreffen insbesondere die T-Lymphozyten, Zellen, die spezielle Botenstoffe produzieren und damit die Reaktion des Immunsystems nach Kontakt mit Erregern oder Allergenen steuern.
Im Nabelschnurblut dieser Kinder wurden verminderte Anteile der sogenannten Th1-Helferzellen gefunden. Diese Zellen sind entscheidend dafür, dass in den Körper eingedrungene Erreger wie Viren effektiv bekämpft werden können. Außerdem verhindern sie die Entstehung allergischer Überreaktionen nach dem Kontakt mit Allergenen wie zum Beispiel Pollen. Die Minderung dieser wichtigen Immunzellen kann zu einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionskrankheiten und Allergien führen.
Der Zusammenhang zwischen Renovierungsaktivitäten kurz vor oder nach der Geburt und auftretenden Allergien im späteren Leben wurde bereits in früheren Studien beobachtet, die vom Umweltforschungszentrum in Leipzig gemeinsam mit Instituten und Kliniken der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig durchgeführt wurden. Diese Studien zeigen, dass die Exposition gegenüber Schadstoffen während der Schwangerschaft langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit des Kindes haben kann.
Spezifische Gesundheitsrisiken für das Kind
Die Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Renovierungen während der Schwangerschaft verschiedene spezifische Gesundheitsrisiken für das Kind mit sich bringen:
Erhöhtes Allergierisiko
Die UFZ-Studien haben ergeben, dass vom Renovieren während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt eine signifikante Gefahr für die Kinder ausgeht, an Allergien zu erkranken. Diese betreffen vor allem die Atemwege und die Haut. Die Wissenschaftler fanden im Nabelschnurnblut der Neugeborenen Hinweise dafür, dass sich bereits der längerfristige Aufenthalt von Schwangeren in frisch renovierten oder neu eingerichteten Räumen ungünstig auf die spätere Gesundheit des Kindes auswirkt.
Besonders gefährdet sind Kinder, deren Eltern selbst an Allergien wie Asthma, Heuschnupfen oder Neurodermitis leiden. Diese genetische Prädisposition wird durch die Exposition gegenüber Schadstoffen während der Schwangerschaft weiter erhöht.
Atemwegserkrankungen
Wird in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt eines Kindes renoviert, kann das in den ersten Lebensmonaten zu Reizungen der Atemwege bis hin zu Atemwegserkrankungen führen. Das Immunsystem der Kinder wird bereits im Mutterleib durch Renovierungsaktivitäten so beeinflusst, dass sie anfälliger für Infektionskrankheiten und Atemwegserkrankungen sind.
Säuglingsekzem bei Frühgeborenen
Das Streichen der Wände in der Schwangerschaft kann insbesondere die Gesundheit von Frühgeborenen beeinträchtigen. Die UFZ-Forscher stellten hier eine zunehmende Häufigkeit des Säuglingsekzems fest. Dass ausgerechnet Säuglinge das höchste Risiko aufweisen, durch Umweltbelastungen Allergien zu entwickeln, hängt vermutlich mit dem zur Geburt noch nicht voll ausgebildeten Immunsystem zusammen. Ein bestimmter Typ weißer Blutzellen, die sogenannten Th1-Zellen, ist bei Säuglingen nicht oder nur in geringer Zahl vorhanden, wenn sie ausdünstenden Chemikalien ausgesetzt waren. Gerade diese Zellen sind jedoch entscheidend für einen Schutz vor allergischen Entzündungsreaktionen.
Fehlbildungsrisiko durch Lösungsmittel
Insbesondere Lösungsmittel in Farben und Lacken können negative Auswirkungen auf das ungeborene Kind haben. Studien haben ergeben, dass Mütter, die beruflich häufiger Lösungsmitteln ausgesetzt sind, mit größerer Wahrscheinlichkeit Kinder mit Neuralrohrdefekten, Herzfehlern oder anderen Missbildungen zur Welt bringen. Obwohl diese Studien sich primär auf berufliche Exposition beziehen, ist das Einatmen von Lösungsmitteldämpfen bei Renovierungsarbeiten während der Schwangerschaft ebenfalls problematisch.
Empfohlene Vorsichtsmaßnahmen
Obwohl Renovierungen während der Schwangerschaft aus gesundheitlichen Gründen nicht empfohlen werden, gibt es Situationen, in denen sich Arbeiten nicht vermeiden lassen. In solchen Fällen sollten folgende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden:
Verzicht auf bestimmte Renovierungsarbeiten
Besonders gefährdet sind Tätigkeiten, bei denen neue Fußböden verlegt werden. Die Wissenschaftler raten daher davon ab, in Wohnungen von Schwangeren Laminat, Teppichboden oder Fußbodenbelag neu zu verlegen. Wenn sich das nicht vermeiden lässt, sollte die Arbeit so lange wie möglich nach der Geburt erfolgen.
Verwendung unbedenklicher Materialien
Falls Renovierungsarbeiten nicht verschoben werden können, sollten ausschließlich biologisch unbedenkliche Materialien verwendet werden. Viele Farben, Baustoffe und Materialien enthalten Schadstoffe, deren Dämpfe zu Kopfschmerzen und Übelkeit führen, aber auch Erkrankungen der Atemwege sowie Infektionen und Allergien auslösen können. Bei der Materialauswahl sollte auf zertifizierte Produkte mit geringer Emission geachtet werden.
Schutzmaßnahmen bei Durchführung
Können Renovierungsarbeiten nicht vermieden werden, sollten Maßnahmen ergriffen werden, um schädliche Inhalte und giftige Chemikalien zu minimieren. Dazu gehören der Hautkontakt und das Einatmen von Schadstoffen – hier können Atemmasken hilfreich sein. Zudem ist es wichtig, in frisch renovierten Zimmern nicht zu schlafen, um die Exposition zu reduzieren.
Ausgiebiges Lüften
Gutes Lüften ist bei Renovierungsarbeiten essenziell, um die Konzentration von Schadstoffen in der Raumluft zu reduzieren. Fenster sollten regelmäßig und für längere Zeitrüme geöffnet werden, um einen effektiven Luftaustausch zu gewährleisten. Dies ist besonders wichtig in den ersten Tagen nach Abschluss der Arbeiten, wenn die Emissionen von Materialien am höchsten sind.
Zeitverschiebung von Renovierungen
Die UFZ-Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Renovierungen nach der Geburt des Kindes viel geringere Auswirkungen auf Atemwegsprobleme hatten als während der Schwangerschaft. Daher wird empfohlen, die Renovierung der Wohnung oder den Umzug in eine frisch renovierte Wohnung bis etwa ein Jahr nach der Geburt des Kindes zu verschieben.
Umgang mit neuen Möbeln
Wenn neue Kindermöbel gekauft werden, sollten diese mindestens acht Wochen vor der Geburt angeschafft und in einem anderen, gut gelüfteten Raum ausdünsten gelassen werden. So können die meisten flüchtigen organischen Verbindungen entweichen, bevor das Kind das Zimmer bezieht.
Praktische Alternativen zur Renovierung in der Schwangerschaft
Da Renovierungen während der Schwangerschaft aus gesundheitlichen Gründen problematisch sind, gibt es mehrere praktische Alternativen, um dem Baby dennoch ein schönes Zuhause zu bereiten:
Verschiebung der Renovierung
Die sicherste Option ist die vollständige Verschiebung aller Renovierungsarbeiten bis nach der Geburt des Kindes. Idealerweise sollten die Arbeiten erst durchgeführt werden, wenn das Baby etwa ein Jahr alt ist. Zu diesem Zeitpunkt ist das Immunsystem des Kindes bereits besser entwickelt und weniger anfällig für negative Auswirkungen von Schadstoffen.
Fertige Renovierungen vor dem Einzug
Familien, die in eine frisch renovierte Wohnung ziehen müssen oder möchten, sollten dies idealerweise vor Beginn der Schwangerschaft planen. Alternativ kann die Renovierung durchgeführt werden, während das Baby bereits älter ist und nicht mehr im selben Raum wie die werdende Mutter schläft.
Gestaltung ohne größere Eingriffe
Anstelle umfangreicher Renovierungen können auch kleinere Veränderungen vorgenommen werden, die mit weniger Schadstoffemissionen verbunden sind. Dazu gehören das Anbringen von Tapeten statt Streichen, die Verwendung von natürlichen Materialien oder das Umstellen der vorhandenen Möbel, um ein frisches Erscheinungsbild zu erzielen.
Gemeinschaftliche Unterstützung
In manchen Fällen können Freunde oder Verwandte bei der Renovierung helfen, sodass die werdende Mutter den belastenden Bereich meiden kann. Dies reduziert ihre Exposition gegenüber Schadstoffen erheblich.
Das Babyzimmer in den ersten Monaten
Viele Eltern sind der Meinung, dass ihr Baby von Anfang an ein eigenes, perfekt gestaltetes Zimmer benötigt. Studien und Erfahrungen zeigen jedoch, dass Neugeborene in den ersten Lebensmonaten am besten in der Nähe ihrer Eltern sind – sowohl tagsüber als auch nachts. Dies erleichtert die Betreuung und stärkt die Bindung zwischen Eltern und Kind.
Daher ist es nicht erforderlich, das Kinderzimmer sofort nach der Geburt fertigzustellen. Die Einrichtung kann schrittweise erfolgen, wobei auf die Verwendung unbedenklicher Materialien geachtet werden sollte. In den ersten Monaten kann das Baby in einem Stubenwagen oder Beistellbett im Elternschlafzimmer untergebracht werden, bis die Einrichtung des Kinderzimmers abgeschlossen ist und die Raumluft sich nach eventuellen Renovierungen wieder normalisiert hat.
Fazit
Renovierungsarbeiten während der Schwangerschaft stellen ein potenzielles Gesundheitsrisiko für das ungeborene Kind dar. Wissenschaftliche Studien des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ) haben nachgewiesen, dass die Exposition gegenüber Schadstoffen aus Farben, Lacken, Klebstoffen und anderen Baumaterialien das Immunsystem des Kindes beeinflussen kann und das Risiko für Allergien und Atemwegserkrankungen erhöht.
Besonders betroffen sind Kinder, deren Eltern selbst an Allergien leiden, sowie Frühgeborene, bei denen ein erhöhtes Risiko für Säuglingsekzem besteht. Die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Renovierungen sollten während der Schwangerschaft vermieden und idealerweise bis etwa ein Jahr nach der Geburt verschoben werden.
Falls sich Renovierungen nicht vermeiden lassen, sollten ausschließlich biologisch unbedenkliche Materialien verwendet, ausreichend gelüftet und die werdende Mutter so wenig wie möglich mit den Schadstoffen in Kontakt gebracht werden. Neue Möbel sollten frühzeitig angeschafft und gut ausgelüftet werden.
Letztendlich ist die Gesundheit des ungeborenen Kindes wichtiger als das Streben nach dem perfekten Kinderzimmer. Mit den richtigen Informationen und Vorsichtsmaßnahmen können werdende Eltern sicherstellen, dass ihr Baby in einer gesunden und sicheren Umgebung aufwächst.