Einleitung
Die Sixtinische Kapelle im Vatikan zählt zu den bedeutendsten Bauwerken der Renaissance und beherbergt einige der berühmtesten Kunstschätze der Welt. Besonders ihre Deckenfresken von Michelangelo Buonarroti gelten als Meisterwerke der Kunstgeschichte. Doch hinter dem heutigen Glanz der Kapelle verbirgt sich eine komplexe Geschichte von statischen Problemen, mehrhundertjährigen Veränderungen und aufwändigen Restaurierungen. Dieser Artikel beleuchtet die Entwicklung der Sixtinischen Kapelle von ihrer Entstehung bis zur umfassenden Restaurierung in den 1980er und 1990er Jahren, die die ursprüngliche Farbigkeit der Fresken wieder zum Vorschein brachte.
Geschichte und Bau der Sixtinischen Kapelle
Die Sixtinische Kapelle, italienisch Cappella Sistina, ist eine der Kapellen des Apostolischen Palastes in der Vatikanstadt. Ihr Name leitet sich von Papst Sixtus IV. ab, unter dem der Bau zwischen 1475 und 1483 errichtet wurde. Die Kapelle wurde am 15. August 1483 geweiht und steht unter dem Patrozinium der Aufnahme Mariens in den Himmel. Als Ort der Papstwahlen, des Konklaves, hat sie seit jeher eine besondere religiöse und politische Bedeutung.
Die Pläne für die Sixtinische Kapelle stammen vom Architekten Baccio Pontelli. Der Grundriss ist rechteckig mit den Maßen 40,9 Meter Länge, 13,4 Meter Breite und einer Höhe von 20,7 Metern. Die Kapelle ist in den Proportionen des salomonischen Tempels errichtet, wobei ihre Länge etwa der doppelten Höhe und der dreifachen Breite entspricht. Besonders bemerkenswert ist die flache Decke als Stichkappengewölbe, die später von Michelangelo mit ihren weltberühmten Fresken verziert wurde.
Die Vorgängeranlage der Sixtinischen Kapelle, die sogenannte "Cappella Magna", hatte ebenfalls die aus dem Alten Testament bekannten Proportionen des Jerusalemer Tempels sowie einen im Osten gelegenen Eingang, wodurch sich der Altar im Westen befand. Diese Anordnung wurde bei der Neugestaltung beibehalten.
Statische Probleme und die Ursache für die Neudekoration
Die Sixtinische Kapelle war seit Anbeginn des Pontifikats von Papst Julius II. (1503-1513) mit gravierenden statischen Problemen konfrontiert. Diese Schwierigkeiten waren wahrscheinlich auf die im Norden und Süden des Gebäudes durchgeführten Aushubarbeiten für den Neubau des Borgiaturmes und für die Erweiterung von St. Peter zurückzuführen. Die Stabilität des Bauwerks war ernsthaft bedroht.
Im Mai 1504 trat im Gewölbe der Kapelle ein langer Riss auf, was den damaligen Palastarchitekten Bramante zu Handeln veranlasste. Er ließ im Raum über der Kapelle Zugketten anbringen, um die Statik zu verbessern. Die Schäden an den vorhandenen Bildern müssen jedoch derart schwerwiegend gewesen sein, dass Papst Julius II. beschloss, die gesamte malerische Dekoration der Decke erneuern zu lassen.
Am 8. Mai 1508 unterzeichnete Michelangelo den Vertrag, der zunächst die Ausführung von zwölf Aposteln in den Stichkappen und auf der restlichen Fläche ornamentale Motive vorsah. Michelangelo betrachtete dieses Programm jedoch als unzureichend ("cosa povera" - eine arme Sache) und bat den Papst um einen erweiterten Auftrag. Julius II. willigte ein und überließ die Ausarbeitung des Programms vollständig dem Künstler. Wahrscheinlich holte Michelangelo dabei auch den Rat von Theologen des päpstlichen Hofs ein.
So entwarf Michelangelo im Rahmen einer eindrucksvoll gemalten Architektur neun zentrale Geschichten mit Episoden aus der Genesis für die 520 Quadratmeter große Decke, die er von 1508 bis 1512 ausmalte. Die physische Anstrengung dieser Arbeit beschrieb Michelangelo selbst in einem Gedicht:
"Den Bart reck' ich gen Himmel, mit dem Nacken rückwärts gelehnt, und mit Harpyien-Bauch, derweil der Pinsel, immer über'm Aug', Ein schön Mosaiko kleckst auf die Backen."
Die Fresken Michelangelos und ihre frühe Geschichte
Die Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle gelten als bedeutendste Werke Michelangelos und der gesamten Kunstepoche der Renaissance. Auf Wunsch des Künstlers gestaltete er die Decke nicht nur mit den zwölf Aposteln, sondern mit einem umfassenden Programm aus neun zentralen Szenen aus dem Buch der Genesis. Diese Darstellungen umfassen die Erschaffung der Welt, die Erschaffung Adams, die Erschaffung Evas, die Sündenfall, die Opferung Noahs, die Sintflut, die Opferung Isaaks, die Erschaffung der Tiere und die Trennung von Land und Wasser.
Bereits kurz nach Fertigstellung der Fresken begannen jedoch die ersten Probleme. Im Jahr 1547 berichtete Paolo Giovio Giorgio Vasari von immer größeren Rissen im Gemälde. Er erwähnte auch weißliche Flecken, die vom Salzgehalt des Regenwassers herrührten, und teilte mit, dass Teile des Freskos in sehr schlechtem Zustand seien.
Nach Michelanglos Tod begann etwa zwei Jahre später, zwischen 1565 und 1566, der Restaurator Domenico Carnevale mit ersten Reparaturarbeiten an der Sixtinischen Decke. Er schloss Risse und übermalte zerstörte Figuren im Bereich des "Opfer Noahs". Zeitgleich wurden Matteo de Lecce und Hendrick van der Broeck mit der Restaurierung der Fresken an der Eingangswand beauftragt, die durch eine Absenkung des gesamten Gebäudes zerstört worden waren.
Frühe Restaurierungsversuche
Im Laufe der Jahrhunderte wurden zahlreiche Versuche unternommen, die Fresken zu reinigen oder zu "verbessern", die jedoch oft mehr Schaden anrichteten als nützten.
Im Jahr 1625 beauftragte Papst Urban VII. den berühmten Restaurator und Vergolder Lagi damit, die Decke mit Leinentüchern und angefeuchteten Brotstücken zu entstauben. Diese Methode der Reinigung war für die damalige Zeit bereits schonend, konnte jedoch keine dauerhafte Verbesserung des Zustands erreichen.
Die verheerendste Intervention fand jedoch in den Jahren 1710 bis 1712 statt, als Annibale Mazzuoli und zwei Assistenten an der Decke arbeiteten. Sie nutzten Schwämme, die sie in griechischen Wein tauchten, was die zwischenzeitlich blass wirkenden Farben vorübergehend zu beleben schien. Diese Maßnahme gilt heute als die Periode, in der die größten Schäden an Michelangelos Werk angerichtet wurden. Eine dicke Schicht Knochenleim wurde wahllos auf die gesamte Deckenmalerei aufgetragen, deren unregelmäßige Verteilung an vielen Stellen noch heute sichtbar ist.
Im Jahr 1762 versuchte ein Mann namens Pozzi, das Deckenfresko "frischer" aussehen zu lassen. Da die Figuren unter einer Schmutzschicht verblassten, wollte er sie klarer erscheinen lassen. Hierfür nutzte er Stifte, Ölfarben und Tempera, was zu weiteren Veränderungen an der ursprünglichen Malerei führte.
Verstärkungsarbeiten im 20. Jahrhundert
Erst im 20. Jahrhundert wurden Maßnahmen ergriffen, die darauf abzielten, die strukturelle Integrität der Decke zu erhalten, ohne die ursprüngliche Malerei weiter zu verändern. Zwischen 1920 und 1940 erledigte der Michelangelo-Forscher Biagio Biagetti Arbeiten am Gewölbe und ließ es sorgfältig verstärken. Diese konzentrierten sich jedoch auf die architektonische Stabilität und nicht auf die Reinigung oder Restaurierung der Fresken selbst.
Die umfassende Restaurierung 1980-1994
Trotz dieser früheren Maßnahmen befand sich das Deckenfresko im Jahr 1980 in einem furchtbaren Zustand. Staub, Ruß und fettige Partikel durch Kerzen, Öllampen und Luftverschmutzung hatten es enorm verschmutzt. Besonders problematisch war eine im frühen 18. Jahrhundert aufgetragene Leimschicht, die sich bei Wärme ausdehnte und sich bei Kälte wieder zusammenzog. Diese mechanische Belastung konnte die Malschicht Michelangelos ablösen.
Im Jahr 1980 begannen die jüngsten und umfassendsten Restaurierungsarbeiten unter der Leitung von Gianluigi Colalucci, Vorstand des Konservierungslabors des Vatikan. Obwohl eine heftige Debatte über das Für und Wider des Restaurierungsprojektes begann, entschied sich der Vatikan, die neuesten wissenschaftlichen Methoden anzuwenden.
Die Restaurierung der Decke der Sistina und der Stirnwand mit dem Jüngsten Gericht wurde ab 1982 finanziert durch den japanischen Konzern Nippon Television Network (NTV). Als Gegenleistung für die finanzielle Unterstützung erhielt das Unternehmen die Autorenrechte an 170.000 Metern Film (250 Stunden Spieldauer) und an 500 Dias, auf denen die Fresken vor, während und nach der Restaurierung zu sehen sind.
Für die Reinigung verwendeten die Restauratoren destilliertes Wasser und eine verdünnte Ammoniumcarbonat-Lösung. Wie die Fachleute erklärten, konnte diese Methode relativ schnell und einfach den Schmutz entfernen, der sich im Lauf von 500 Jahren angesammelt hatte. Der Vorteil der Freskotechnik war dabei entscheidend: "Da das alles in fresco gemalt ist, also nicht mit Farben, die beim Restaurieren gefährdet sind, sondern die fest mit dem Putz verbunden sind, konnten sie den Schmutz wegnehmen."
Die Restauratoren gingen mit größter Behutsamkeit vor. Immer wieder prüften sie im Labor die abgenommene Schicht. An den wenigen Stellen, wo malerische Ergänzungen notwendig wurden, nahmen sie diese mit wieder abwaschbaren Aquarellfarben vor.
Ergebnisse der Restaurierung
Die Ergebnisse der Restaurierung waren für die Fachwelt und die Öffentlichkeit gleichermaßen überraschend. Unter der Schmutzschicht kamen leuchtende Farben zum Vorschein, die die bisherigen Vorstellungen von Michelangelos Farbpalette völlig revolutionierten. Kunsthistoriker hatten lange geglaubt, dass der Künstler mit sehr gedämpften Farben gemalt habe.
Die Restaurierung beseitigte Rußspuren und verschattete, im Laufe der Jahrhunderte nachgedunkelte Flächen, so dass die ursprüngliche Farbigkeit der Fresken wieder zum Vorschein kam. Wie ein zeitgenössischer Bericht beschrieb: "Plötzlich strahlten die Farben Michelangelos." Die überwältigende Schönheit, nicht nur der Farben, sondern der Figuren als Ganzes, wirkte, "als ob sie gestern gemalt wären."
Allerdings konnte nicht alles vollständig restauriert werden. Die Nacktheit der Heiligen konnte beispielsweise nicht wiederhergestellt werden, da Volterra die entsprechenden Stellen abgeschlagen und auf frischen Putz neu freskiert hatte. Diese Verluste blieben dauerhaft bestehen.
Abschluss der Restaurierung und öffentliche Präsentation
Am 8. April 1994 war die Restaurierung abgeschlossen. Die Sixtinische Kapelle wurde mit einer feierlichen Messe von Papst Johannes Paul II. der Öffentlichkeit wieder übergeben. Die feierliche Eröffnung markierte den Beginn eines neuen Zeitalters für das Kunstwerk, das nun wieder in seinem ursprünglichen Kolorit erstrahlte.
Die Restaurierung war nicht nur eine technische Meisterleistung, sondern auch ein wissenschaftlicher Durchbruch im Verständnis von Michelangelos Werk. Die überraschende Farbigkeit der Fresken führte zu einer Neubewertung der Renaissance-Malerei und ihrer Farbgebung.
Fazit
Die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle zwischen 1980 und 1994 stellt einen der bedeutendsten Erfolge der Kunstrestaurierung des 20. Jahrhunderts dar. Sie ermöglichte es, die ursprüngliche Farbigkeit der Meisterwerke Michelangelos wiederherzustellen und unser Verständnis von Renaissance-Kunst grundlegend zu verändern.
Die Geschichte der Kapelle zeigt jedoch auch, wie wichtig eine fachgerechte Restaurierung ist. Die früheren Versuche, die Fresken zu reinigen oder zu "verbessern", haben oft mehr Schaden angerichtet als nützlich. Die Verwendung von Leim, Wein, Ölfarben und anderen Substanzen im Laufe der Jahrhunderte führte zu irreparablen Veränderungen an Michelangelos Originalwerk.
Die moderne Restaurierungstechnik, die auf wissenschaftlicher Grundlage arbeitet, ermöglichte es, die Fresken zu schonen und gleichzeitig ihre ursprüngliche Schönheit wiederherzustellen. Die Finanzierung durch Nippon Television und die enge Zusammenarbeit zwischen Vatikan und internationalen Fachexperten schufen die Voraussetzungen für diesen Erfolg.
Heute erstrahlt die Deckenmalerei der Sixtinischen Kapelle wieder in ihrem ursprünglichen Kolorit und bleibt geschützt für zukünftige Generationen. Die Restaurierung ist ein Beispiel dafür, wie moderne Technologie und traditionelles Handwerk zusammenwirken können, um die Schätze der Menschheit zu bewahren.