Einleitung
Die Schlehdorfer Pfarrkirche St. Tertulin, ein bedeutendes Baudenkmal im Alpenvorland, hat nach mehrjähriger, umfassender Sanierung ihre Pforten wieder für die Gläubigen und Besucher geöffnet. Der aufwendige Prozess, der über acht Jahre dauerte und etwa 7,5 Millionen Euro kostete, stellte alle Beteiligten vor erhebliche Herausforderungen. Die Kirche, die ursprünglich als Klosterkirche im 18. Jahrhundert erbaut wurde, erstrahlt nach der Sanierung wieder in neuem Glanz und verbindet historische Bausubstanz mit modernen Anforderungen an Nutzung und Sicherheit. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte des Sanierungsprojekts, von den statischen Sicherungsmaßnahmen über die Restaurierung historischer Ausstattung bis hin zur technischen Modernisierung des Innenraums.
Historischer Hintergrund
Die Pfarrkirche St. Tertulin wurde im 18. Jahrhundert im barock-klassizierenden Stil inmitten der Wiesen- und Moorlandschaft des Alpenvorlandes erbaut. Ursprünglich diente das Gebäude als Klosterkirche für die Augustiner-Chorherren, bevor das Kloster im Jahr 1803 säkularisiert wurde. Seit diesem Zeitpunkt ist die Kirche Eigentum des Königreichs Bayern, heute des Freistaats Bayern, der sie der Pfarrei als Pfarrkirche zur Verfügung stellt.
Die Kirche ist Teil des Pfarrverbands Heimgarten – Schlehdorf, Ohlstadt, Großweil, der eine Enklave der Erzdiözese München und Freising bildet, da alle umliegenden Pfarreien zur Diözese Augsburg gehören. Zur Pfarrei St. Tertulin gehören etwa 1.900 Katholikinnen und Katholiken, was die Bedeutung des Gebäudes als geistliches und kulturelles Zentrum der Region unterstreicht.
Die Einordnung des Bauwerks als denkmalgeschütztes Gotteshaus stellte besondere Anforderungen an die Sanierungsarbeiten, da nicht nur die statische Sicherheit und die Funktionalität des Gebäudes wiederhergestellt werden mussten, sondern auch der historische Charakter und die künstlerische Ausstattung erhalten und restauriert werden sollten.
Umfang des Sanierungsprojekts
Das Sanierungsprojekt der Schlehdorfer Pfarrkirche St. Tertulin war außergewöhnlich umfangreich und komplex. Es handelte sich um eine der größten kirchlichen Baumaßnahmen im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshauen in den vergangenen Jahrzehnten. Die Arbeiten begannen bereits Anfang 2013, sodass die Kirche für Besucher und Gläubige über acht lange Jahre nicht zugänglich war.
Das Projekt gliederte sich in mehrere Hauptbereiche:
Äußere Sanierungsarbeiten:
- Türme und Dach ertüchtigen
- Statik des Daches, insbesondere im Bereich des Westwalms, überarbeiten
- Außenfassade sanieren
Innere Sanierungsarbeiten:
- Bekämpfung des Schädlingsbefalls im Holz
- Restaurierung von historischer Ausstattung
- Restaurierung von wertvollem liturgischem Gerät
- Erneuerung der elektrotechnischen Ausstattung
- Installation einer neu konzipierten Beleuchtung und Bankheizung
- Verlegung der Natursteinplatten im Boden
- Wiedereinbau des Gestühls
Technische Anlagen:
- Modernisierung der Beleuchtung mit programmierbaren Lichtszenarien
- Installation einer Bankheizung
- Wiederinbetriebnahme der Orgel
Außenrenovierung und statische Sicherung
Eine der größten Herausforderungen bei der Sanierung stellte die Sicherung der Statik des Daches dar, insbesondere im Bereich des Westwalms. Fachbauleiter Zenger wies darauf hin, dass das Dach auf dünnen und instabilen Wänden ruht, was für einen klassizistischen Bau untypisch ist. Im Rahmen der Sanierung wurden statische Mängel des Walmdachs beseitigt, indem unter anderem die Gewölbekonstruktion über der Empore im Eingangsbereich ertüchtigt wurde.
Die Arbeiten an den Türmen und dem Dach waren die ersten Maßnahmen des Projekts und bildeten die Grundlage für die nachfolgenden Innensanierungen. Nach Abschluss der Dach- und Turmsanierung sowie dem Rückbau des Gerüstes an der Außenfassade präsentierte sich die Kirche von außen schon seit einiger Zeit wieder wie die Klosterkirche, die sie historisch gesehen ist.
Besondere Aufmerksamkeit erforderte auch die stark geschädigte Außentreppe am Kirchenvorplatz, die in den Wochen vor der Wiedereröffnung noch grundlegend überarbeitet werden musste. Dieses Detail zeigt die Komplexität der Sanierungsarbeiten, auch bei scheinbar kleinfälligen Elementen.
Innensanierung und Restaurierung
Nachdem die statischen Sicherungsarbeiten und die Außensanierung abgeschlossen waren, konzentrierten sich die Arbeiten auf den Innenraum der Kirche. Hier galt es, zahlreiche Herausforderungen zu bewältigen:
Die Raumschale mit Ausnahme des Sockels konnte noch vor dem Winter fertiggestellt werden. Alle Großformatgemälde waren nach der Restaurierung in den Werkstätten wieder eingebaut und zunächst geschützt. Die Wiedereinbau dieser Kunstwerke stellte besondere Anforderungen an die Restauratoren und Handwerker, da die Gemälde nicht nur technisch einwandfrei montiert werden mussten, sondern auch in ihrer Wirkung den Gesamteindruck des Kirchenraums bereichern sollten.
Für die Innensanierung mussten die elektrischen Anlagen der Kirche völlig neu konzipiert werden. Dazu gehörte die Installation einer modernen Beleuchtungsanlage, die verschiedene Lichtszenarien entsprechend der unterschiedlichen Nutzungen der Kirche ermöglicht. Gleichzeitig wurde eine Bankheizung installiert, um den Komfort der Gottesdienstbesucher zu erhöhen.
Besondere Herausforderungen ergaben sich bei der Verlegung der Natursteinplatten im Boden. Diese Arbeiten erforderte Präzision und Fingerspitzengefühl, um die historische Optik des Bodenbelags zu erhalten, gleichzeitig aber eine ebene und stabile Oberfläche zu schaffen, die den modernen Anforderungen genügt.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der Innensanierung war der Wiedereinbau des Gestühls. Hier galt es, die historischen Bänke zu restaurieren und an die neue Raumbeleuchtung und die Heizungsanlage anzupassen.
Restaurierung historischer Ausstattung
Ein zentraler Bestandteil des Sanierungsprojekts war die Restaurierung der historischen Ausstattung und des liturgischen Geräts. Die Kirche verfügt über zahlreiche wertvolle Kunstwerke und Ausstattungsstücke, die sorgfältig konserviert und restauriert werden mussten.
Die Restaurierung der Großformatgemälde erforderte besondere Fachkompetenz und wurde in spezialisierten Werkstätten durchgeführt. Nach Abschluss der Arbeiten wurden die Gemälde wieder an ihren ursprünglichen Positionen in der Kirche eingebaut. Diese Arbeiten waren zeitintensiv und erforderten präzise Planung, um die Gemälde während der Bauphase sicher zu lagern und später fachgerecht zu montieren.
Parallel zu diesen Arbeiten wurden auch andere Teile der liturgischen Ausstattung restauriert und wieder eingebaut. Dazu zählten Altäre, Skulpturen und andere Kunstobjekte, die zur künstlerischen Gesamtwirkung der Kirche beitragen.
Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Wiederinbetriebnahme der Orgel gelegt. Das Instrument, das wahrscheinlich ebenfalls unter den Feuchtigkeitsschäden und dem Schädlingsbefall gelitten hatte, wurde fachgerecht restauriert und gestimmt, um seinen klanglichen Beitrag zum Kirchenraum wieder voll entfalten zu können.
Technische Herausforderungen und Lösungen
Die Sanierung der Schlehdorfer Pfarrkirche stellte die beteiligten Fachleute vor zahlreiche technische Herausforderungen. Eines der größten Probleme war der Schädlingsbefall im Holz des Dachstuhls und der Holzteile im Kircheninneren. Dieser musste fachgerecht bekämpft werden, ohne die historische Bausubstanz weiter zu schädigen.
Eine weitere Herausforderung war die Modernisierung der technischen Anlagen unter Wahrung des historischen Charakters der Kirche. Die neue Beleuchtungsanlage wurde so konzipiert, dass sie verschiedene Lichtszenarien ermöglicht, die je nach Nutzung der Kirche (Gottesdienst, Konzerte, Besichtigungen) angepasst werden können. Dies erforderte eine komplexe Verkabelung und Steuerungstechnik, die unauffällig in das historische Umfeld integriert werden musste.
Die Installation der Bankheizung stellte ebenfalls besondere Anforderungen an die Planer und Handwerker, da das Wärmesystem in die historischen Bänke integriert werden musste, ohne deren Äußeres zu verändern.
Besondere Sorgfalt erforderte auch die Sanierung der Außenfassade. Hier galt es, historische Putztechniken und Farbanstriche zu erhalten, gleichzeitig aber eine wasserabweisende und langlebige Oberfläche zu schaffen, die zukünftige Schäden verhindert.
Kosten und Finanzierung
Die Sanierung der Schlehdorfer Pfarrkirche St. Tertulin war mit erheblichen Kosten verbunden. Ursprünglich wurden die Kosten auf etwa sechs Millionen Euro geschätzt, im Laufe der Arbeiten erwies sich diese Summe jedoch als zu niedrig. Letztendlich werden die Sanierungsarbeiten voraussichtlich rund 7,5 Millionen Euro kosten, wie Hochbauexperte Aumann aus Weilheim berichtete. "Wir sind guter Dinge, dass wir mit dem Geld auskommen", meint er, auch wenn "wir nochmal einen deutlichen Nachschlag gebraucht" hätten.
Die Finanzierung des Projekts erfolgte durch mehrere Quellen. Der Freistaat Bayern als Eigentümer der Kirche trug einen Teil der Kosten. Die Erzdiözese München und Freising bezuschusste die Sanierungskosten mit einer Million Euro. Weitere Mittel kamen aus öffentlichen Förderprogrammen und Spenden der Gläubigen und Gemeindemitglieder.
Landtagsabgeordneter Bachhuber bezeichnete die Kostensteigerung als "eine der angenehmeren Kostensteigerungen", was auf die hohe Qualität der ausgeführten Arbeiten und die besondere Bedeutung des Projekts für die Region hinweisen könnte.
Wiedereröffnung und Zukunftsperspektiven
Nach über achtjähriger Sanierungsphase und mehrjähriger Schließung wurde die Schlehdorfer Pfarrkirche St. Tertulin am 31. Oktober 2021 feierlich wiedereröffnet. An diesem Datum feierte der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, einen Festgottesdienst in der umfangreich renovierten ehemaligen Klosterkirche. Die Wiedereröffnung wurde mit mehreren Veranstaltungen begangen, darunter einer feierlichen Vesper, Kirchenführungen, einer musikalischen Andacht und zwei Veranstaltungen im Rahmen eines Musikfestivals.
Die Kirche ist seitdem für Besucher zugänglich und kann in den Monaten Mai bis Oktober von 8:30 bis 18:00 Uhr und November bis April von 8:30 bis 16:00 Uhr besichtigt werden. Spezielle Kirchenführungen werden derzeit noch nicht angeboten, jedoch finden von Juli bis Oktober jeden Monat einmal Rundgänge zur Klostergeschichte statt.
Die Kirche dient nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als kulturelles Zentrum der Region. Im September finden im Rahmen des "Schlehdorfer Orgelherbsts" an jedem Sonntag um 16:00 Uhr Orgelkonzerte in der Kirche statt. Der neugegründete Verein KlangKunstKultur Schlehdorf e.V. veranstaltet weitere Konzerte, die teilweise in der Pfarrkirche stattfinden.
Fazit
Die Sanierung der Schlehdorfer Pfarrkirche St. Tertulin ist ein Beispiel für die erfolgreiche Bewahrung eines bedeutenden historischen Bauwerks unter Berücksichtigung moderner Anforderungen. Das Projekt zeigt, wie aufwendig und komplex die Sanierung von denkmalgeschützten Kirchengebäuden sein kann, insbesondere wenn statische Sicherungsarbeiten, Schädlingsbekämpfung und Restaurierung historischer Ausstattung kombiniert werden müssen.
Die enge Zusammenarbeit zwischen dem Bauamt Weilheim, der Erzdiözese München und Freising, dem Freistaat Bayern und der Pfarrei hat es ermöglicht, das Projekt trotz der Herausforderungen erfolgreich abzuschließen. Die Wiedereröffnung der Kirche hat nicht nur einen geistlichen, sondern auch einen kulturellen und touristischen Mehrwert für die Region geschaffen.
Die Sanierung zeigt auch die Bedeutung von ausreichender Finanzierung und flexibler Planung bei solchen Großprojekten. Die Kostensteigerung von ursprünglich geschätzten sechs Millionen auf letztendlich 7,5 Millionen Euro verdeutlicht, dass bei Sanierungen von historischen Bauten oft mit unerwarteten Herausforderungen gerechnet werden muss.
Die Zukunft der Kirche als Ort des Gottesdienstes, der Kultur und des geistlichen Lebens ist durch die umfassende Sanierung gesichert. Die Pfarrkirche St. Tertulin wird auch weiterhin ein "Schmuckstück" der Schlehdorfer Kulturlandschaft sein und Besuchern aus der Region und darüber hinaus die Chance bieten, die Schönheit des barock-klassizistischen Kirchenbaus zu erleben.