Einleitung
Hamburg startet eine umfassende Modernisierung seiner S-Bahn-Infrastruktur, mit einem besonderen Fokus auf den stark frequentierten Korridor zwischen dem Hauptbahnhof und Harburg/Neugraben. Dieser Streckenabschnitt ist mit über 140.000 Fahrgästen täglich der am meisten genutzte Teil des gesamten Hamburger S-Bahn-Netzes und zählt zu den am stärksten beanspruchten S-Bahn-Strecken Deutschlands. Gemeinsam mit der Stadt Hamburg investiert die Deutsche Bahn (DB) bis Ende 2029 rund 425 Millionen Euro in die Ertüchtigung der S-Bahn-Korridore Harburg/Neugraben und Bergedorf. Diese Maßnahmen sollen nicht nur die Zuverlässigkeit und Stabilität des S-Bahn-Verkehrs verbessern, sondern auch die Kapazitäten um bis zu 40 Prozent erhöhen. Neben der Modernisierung der Technik sind auch bauliche Veränderungen am ZOB Harburg geplant, die für Bus- und S-Bahn-Nutzer erhebliche Veränderungen mit sich bringen werden.
Projektüberblick und Zeitplan
Die Modernisierung der S-Bahn-Strecken im Hamburger Süden wurde offiziell im September 2024 gestartet und wird voraussichtlich bis Ende 2029 andauern. Das Projekt gliedert sich in zwei Hauptkorridore: Harburg/Neugraben und Bergedorf. Die Bauarbeiten konzentrieren sich auf die Erneuerung der Strom-, Weichen- und Signaltechnik sowie den Bau neuer Infrastruktureinrichtungen.
Für das erste Halbjahr 2024 war die konkrete Aufnahme der Bauarbeiten mit dem Bau erster Gleichrichterwerke geplant. Die Inbetriebnahme aller Maßnahmen ist für voraussichtlich Ende 2029 angestrebt. Dies bedeutet, dass die Fahrgäste in den kommenden Jahren mit diversen Bau- und Umleitungsmaßnahmen rechnen müssen, die jedoch langfristig zu einer deutlich verbesserten Anbindung des Hamburger Südens führen werden.
Parallel zur S-Bahn-Modernisierung finden auch bauliche Veränderungen am ZOB Harburg statt. Der Abriss des bestehenden ZOB begann am 3. Juni und soll die Grundlage für einen Neubau schaffen, der im Sommer 2026 fertiggestellt sein soll. Diese Bauarbeiten werden für Bus- und S-Bahn-Nutzer eine rund zwei Jahre dauernde Umstellungsphase mit sich bringen, in der der ZOB Harburg nicht mehr angefahren werden kann.
Technische Modernisierungen
Die technische Modernisierung der S-Bahn-Strecken konzentriert sich auf drei Kernbereiche: die Stromversorgung, die Weichentechnik und die Signaltechnik. Diese Erneuerungen sind notwendig, um die Leistungsfähigkeit der Strecken zu erhöhen und zukünftiges Wachstum im Personenverkehr zu ermöglichen.
Stromversorgung und Gleichrichterwerke
Ein zentraler Bestandteil der Modernisierung ist der Bau von acht neuen Gleichrichterwerken. Diese Anlagen sind entscheidend, um die notwendige Energie für den Betrieb längerer Züge in engerem Takt bereitzustellen. Die Gleichrichterwerke ermöglichen eine Versorgung der Strecke mit bis zu 30 Prozent mehr Ökostrom, was nicht nur die Umweltfreundlichkeit des Nahverkehrs erhöht, sondern auch die Grundlage für eine engere Taktung der Züge schafft.
Die Gleichrichterwerke wandeln den Wechselstrom aus dem Bahnstromnetz in Gleichstrom um, der für den Betrieb der S-Bahn-Züge benötigt wird. Durch die Erhöhung der installierten Leistung können künftig mehr Züge gleichzeitig auf der Strecke verkehren, ohne dass es zu Engpässen in der Energieversorgung kommt.
Weichen- und Signaltechnik
Die Erneuerung der Weichen- und Signaltechnik ist ein weiterer wichtiger Baustein der Modernisierung. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, die Flexibilität des gesamten S-Bahn-Systems zu erhöhen und den Betrieb zuverlässiger und resilienter zu gestalten.
Insbesondere die alte Signaltechnik war in der Vergangenheit häufig Ursache für Störungen im S-Bahn-Verkehr, besonders auf der Linie S5 zwischen Stade und Harburg. Durch die Modernisierung dieser Systeme soll die Anzahl der Störungen deutlich reduziert werden, was zu einer höheren Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit des gesamten Netzes führt.
Elektronisches Stellwerk Harburg
Ein Projekthighlight ist der Bau eines neuen elektronischen Stellwerks (ESTW) in Harburg. Diese moderne Steuerungstechnik ermöglicht eine präzisere und flexiblere Steuerung des Zugverkehrs im gesamten Korridor. Das ESTW wird die bisherigen mechanischen und elektromechanischen Stellwerke ersetzen und die Grundlage für die Umsetzung des neuen Liniennetzes ab Dezember 2023 legen.
Kay Uwe Arnecke, Vorsitzender der Geschäftsführung S-Bahn Hamburg, betont: "Wir erneuern auf beiden Strecken die Strom-, Weichen- und Signaltechnik und rüsten den Korridor Harburg/Neugraben mit einem Elektronischen Stellwerk (ESTW) aus. Durch die Modernisierung stabilisieren wir das gesamte S-Bahn-System und machen es flexibler. Dadurch wird der S-Bahn-Verkehr zuverlässiger und resilienter."
Neue Infrastruktur und Bahnhöfe
Neben der technischen Modernisierung sind auch bauliche Veränderungen an den Bahnhöfen und Haltestellen geplant, um die Kapazitäten zu erhöhen und den Service für die Fahrgäste zu verbessern.
ZOB Harburg: Abriss und Neubau
Der Zentral Omnibusbahnhof (ZOB) Harburg befindet sich derzeit im Abriss, um Platz für einen Neubau zu schaffen, der im Sommer 2026 fertiggestellt werden soll. Diese Maßnahme bringt jedoch erhebliche Veränderungen für die Fahrgäste mit sich. Während der rund zwei Jahre dauernden Bauzeit können Busse den ZOB nicht mehr anfahren und werden stattdessen über die S-Bahn-Haltestelle Harburg Rathaus umgeleitet.
Diese Umleitung stellt eine enorme Mehrbelastung für die S-Bahn-Haltestelle dar. Laut Hochbahn nutzen täglich 40.000 Menschen den ZOB Harburg. In Spitzenzeiten halten bis zu 150 Busse am ZOB. Um den zusätzlichen Verkehr aufzufangen, müssen im Bereich des S-Bahnhofs Harburg-Rathaus zusätzliche Ankunfts- und Abfahrtsbereiche für die bestehenden und neuen Buslinien eingerichtet werden. Die Hochbahn kündigt ein "sehr umfangreiches Wegeleitungssystem" an, um die Fahrgäste durch die Umleitungsphase zu leiten.
Auch Nutzer des metronom-Verkehrs sind von den Bauarbeiten betroffen. Da der Bahnhof Harburg während der Bauzeit weiterhin bedient wird, müssen Fahrgäste zu den extra eingerichteten Bushaltestellen in der Moorstraße und am Großmoordamm laufen, um den metronom zu erreichen.
Der Autoverkehr ist zunächst nicht von den Bauarbeiten betroffen. Im Laufe der zweijährigen Bauzeit wird es jedoch zu Behinderungen kommen, wenn mit dem Bau eines zusätzlichen, breiten Bussteigs in der Hannoverschen Straße begonnen wird. An diesem Bussteig sollen nach der Fertigstellung des ZOB die Buslinien 14, 141, 241, 143, 443, 543 und 146 halten.
Ausbau der Bahnhofsinfrastruktur
Neben dem ZOB Harburg werden auch weitere Maßnahmen zur Erhöhung der Kapazität der Bahnhofsinfrastruktur umgesetzt. Insbesondere im Bereich der S-Bahn-Haltestellen Harburg und Harburg Rathaus werden zusätzliche Gleise und Bahnsteige geschaffen, um den erhöhten Verkehrsaufkommen gerecht zu werden.
Vorteile für die Fahrgäste
Die Modernisierung der S-Bahn-Infrastruktur bringt zahlreiche Vorteile für die Fahrgäste mit sich, die sowohl die Frequenz des Verkehrs als auch die Qualität der Dienstleistungen verbessern.
Erhöhte Frequenz und Kapazität
Nach Abschluss der Arbeiten soll zwischen dem Hamburger Hauptbahnhof und Harburg/Neugraben ein dichterer Takt angeboten werden. Künftig sollen bis zu drei Züge je zehn Minuten und Richtung verkehren, im Vergleich zum aktuellen überlagernden 5-Minuten-Takt der Linien S3 und S31 (künftig im neuen Netz S5). Diese Erhöhung der Frequenz ermöglicht eine deutlich höhere Kapazität der Strecke.
Statt der aktuellen 15.000 Fahrgäste pro Stunde und Richtung sollen künftig 21.000 Fahrgäste pro Stunde und Richtung die S-Bahn über die Elbe nutzen können. Diese Erhöhung der Transportkapazität ist entscheidend, um dem wachsenden Fahrgastaufkommen gerecht zu werden.
Neue Linie S6
Ein weiterer wichtiger Vorteil für die Fahrgäste ist die Einführung der neuen Linie S6. Diese Linie soll die bestehenden Linien S3 und S5 zwischen Neugraben, Harburg und dem Hauptbahnhof unterstützen. Nach Abschluss der Arbeiten werden zwischen Harburg und der Hamburger Innenstadt bis zu drei Züge in zehn Minuten verkehren, was die Anbindung des südlichen Stadtteils erheblich verbessert.
Mehr Sitzplätze und Zuverlässigkeit
Durch die Einführung von Langzügen auf der Linie S2 nach Bergedorf, die Platz für bis zu 1.500 Fahrgäste pro Zug bieten, sowie durch die Erhöhung der Frequenz auf dem Harburger Korridor, verbessert sich auch die Verfügbarkeit von Sitzplätzen für die Fahrgäste.
Darüber hinaus verspricht die Deutsche Bahn eine höhere Zuverlässigkeit des S-Bahn-Verkehrs. In der Vergangenheit sorgten defekte Stellwerke immer wieder für Störungen im S-Bahn-Verkehr der Linie S5 zwischen Stade und Harburg. Durch die Modernisierung der Technik und den Bau des neuen elektronischen Stellwerks in Harburg soll die Anzahl der Störungen deutlich reduziert werden.
Finanzielle Aspekte
Das Modernisierungsprojekt der S-Bahn-Korridore Harburg/Neugraben und Bergedorf stellt eine erhebliche finanzielle Investition dar. Der finanzielle Gesamtumfang aller Maßnahmen wird voraussichtlich rund 425 Millionen Euro betragen. Diese Summe wird von der Deutschen Bahn und der Stadt Hamburg gemeinsam getragen.
Ingrid Felipe, Vorstand Infrastrukturplanung und -projekte DB InfraGO, betonte bei der Pressekonferenz: "Ich übereigne nicht, wenn ich sage: Gemeinsam bauen wir Hamburgs S-Bahn-Netz der Zukunft. Bis Ende 2029 erhöhen wir unsere Kapazitäten auf den beiden Korridoren Harburg und Bergedorf um bis zu 40 Prozent und können Fahrgästen ein noch besseres Angebot bieten."
Die Wirtschaftlichkeit des Projektes ist bereits nachgewiesen. Mit einem ermittelten Nutzen-Kosten-Quotienten von 3,32 weist der Korridorausbau eine überdurchschnittlich hohe Wirtschaftlichkeit auf. Damit ist der gesamtwirtschaftliche Nutzen dreimal höher als die eingesetzten Investitionsmittel und es ist die dahingehende Voraussetzung der Förderfähigkeit durch den Bund gegeben – in Höhe von bis zu 75 Prozent der förderfähigen Kosten.
Die DB beabsichtigt, einen entsprechenden Antrag auf Förderung nach dem Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG) beim Bund zu stellen. Dr. Anjes Tjarks, Hamburger Senator für Verkehr und Mobilitätswende, betonte: "Das ist gut investiertes Geld für die Menschen in Harburg und Bergedorf."
Auswirkungen auf die lokale Immobilienwirtschaft
Die Modernisierung der S-Bahn-Infrastruktur, insbesondere die Erhöhung der Frequenz und die Einführung neuer Linien, hat auch Auswirkungen auf die lokale Immobilienwirtschaft. Eine verbesserte Anbindung an das öffentliche Verkehrssystem ist ein wichtiger Faktor für die Wertentwicklung von Immobilien.
Erhöhte Attraktivität der Anbindung
Die verbesserte Anbindung des Hamburger Südens, insbesondere des Bezirks Harburg, durch die S-Bahn wird die Attraktivität dieser Wohn- und Geschäftslage erhöhen. Die Erhöhung der Transportkapazität von 15.000 auf 21.000 Fahrgäste pro Stunde undrichtung ermöglicht die Entwicklung neuer Wohn- und Gewerbegebiete entlang der Strecke, ohne dass die Infrastruktur an ihre Grenzen stößt.
Wertsteigerung von Immobilien
Immobilien in gut angeschlossenen Lagen erzielen in der Regel höhere Miet- und Kaufpreise. Die Modernisierung der S-Bahn-Strecke wird daher wahrscheinlich zu einer Wertsteigerung von Immobilien in Harburg und den umliegenden Gebieten führen. Besonders die Nähe zu den modernisierten Bahnhöfen und den neuen Haltestellen wird als Vorteil wahrgenommen.
Entwicklungspotenzial für neue Projekte
Die erhöhte Kapazität des S-Bahn-Netzes eröffnet auch neue Entwicklungspotenziale für Bauprojekte. Die verbesserte Anbindung macht es möglich, auch weiter entfernte Gebiete für Wohn- und Gewerbenutzungen zu erschließen, was die Entwicklung neuer Quartiere fördern kann.
Fazit
Die Modernisierung des S-Bahn-Korridors Harburg/Neugraben stellt eine der größten Investitionen in die Infrastruktur Hamburgs dar. Mit einem Investitionsvolumen von rund 425 Millionen Euro und einem Zeitraum bis Ende 2029 werden die technischen Anlagen der Strecke grundlegend erneuert und die Kapazitäten deutlich erhöht.
Die wichtigsten Maßnahmen umfassen den Bau von acht neuen Gleichrichterwerken für eine verbesserte Energieversorgung, die Erneuerung der Weichen- und Signaltechnik sowie den Bau eines neuen elektronischen Stellwerks in Harburg. Parallel dazu findet auch der Abriss und Neubau des ZOB Harburg statt, der für Bus- und S-Bahn-Nutzer eine rund zwei Jahre dauernde Umstellungsphase mit sich bringt.
Für die Fahrgäste bedeutet die Modernisierung eine deutliche Verbesserung des Angebots: Ein dichterer Takt mit bis zu drei Zügen je zehn Minuten, die Einführung der neuen Linie S6 und eine höhere Zuverlässigkeit des Netzes. Die Kapazität der Strecke wird von 15.000 auf 21.000 Fahrgäste pro Stunde und Richtung erhöht, was dem wachsenden Fahrgastaufkommen gerecht wird.
Die Wirtschaftlichkeit des Projektes ist bereits nachgewiesen, und die DB plant eine Förderung durch den Bund in Höhe von bis zu 75 Prozent der förderfähigen Kosten. Für die Menschen in Harburg und Bergedorf bedeutet dies eine signifikante Verbesserung der Anbindung an die Hamburger Innenstadt und eine Steigerung der Lebensqualität.
Auch für die lokale Immobilienwirtschaft bietet die Modernisierung Chancen: Die verbesserte Anbindung erhöht die Attraktivität der Wohn- und Geschäftslagen und kann zu Wertsteigerungen von Immobilien führen. Gleichzeitig eröffnet die erhöhte Kapazität des S-Bahn-Netzes neue Entwicklungspotenziale für Bauprojekte im Hamburger Süden.